Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit – Indigene Stimmen über die Welt im Wandel, Dahr Jamail & Stan Rushworth
Matthes & Seitz Verlag, Großbeerenstraße 57A, 10965 Berlin, www.matthes-seitz-berlin.de
Erstmal ist es natürlich richtig und wichtig das auch indigene Stimmen gehört werden, danke. Hier werden 20 indigene Menschen aus Nordamerika vorgestellt und interviewt. (u.a. Fawn Sharp (Quinault), Gregg Castro (Salinan/Ohlone), Ilarion Merculieff (Unangan), Raquel Ramirez (Ho-Chunk, Ojibwe, Lenca), Lyla June Johnston (Diné [Navajo]), Kyle Powys Whyte (Potawatomi)). Immer wieder geht es, natürlich, um den Völkermord durch die Kolonialisten und die anhaltende Unterdrückung durch das weiße Amerika. Als Kernthema zieht sich die Klimakatastrophe durch das Buch und wie man den immer häufiger vorkommenden Hitzewellen, Überflutungen und sonstigen klimatischen Extremereignissen begegnet.
Aber auch das es für indigene Gruppen eine generationenüberdauernde Geschichte von Unterdrückung, Pandemie, Hungersnot, Umsiedlung und zerstörerischem Krieg ist. Oder anders gesagt, die indigenen Menschen betrifft das was den anderen noch bevorsteht schon längst. Aber sie sind immer noch da, wegen ihrer starken Resilienz und das kommt ihnen in der jetzigen Situation natürlich zu gute. Als „Naturvolk“ sind sie natürlich mit der Erde ganz anders verbunden als „Stadtmenschen“ und wissen oftmals auch wie man mit der Natur umgeht und erkennen wenn etwas nicht stimmt. Hier wird sehr viel richtiges gesagt, auch wenn vieles davon am Ende nicht neu ist. Aber es ist prima das eben auch mal von indigenen Menschen zu hören. Auf Dauer sind die einzelnen Vorstellungen und Gespräche etwas langatmig, es wird meist sehr viel geredet aber wenig gesagt – oder ich bin als nicht indigener zu doof das was gesagt wird hinreichend zu verstehen. Höhere Kompaktheit wäre in diesem Fall mehr und würde das Lesevergnügen steigern. Menschen sollen ja glauben was sie wollen, aber nur weil indigene etwas glauben, wird es dadurch halt nicht besser. Auch wenn immer wieder drauf bestanden wird das es nicht nur glauben ist, sondern es auch funktioniert (ja, wenn Menschen was glauben kann es funktionieren…). Spiritualität kann ja wirklich sehr hilfreich sein und vielleicht gibt es „da draußen“ eine Macht die alles durchfließt und verbindet, das gilt es aber noch zu erforschen – derweil sollen alle glauben was sie wollen. Dazu kommt das es hier natürlich auch viel um Identität geht, nicht nur die indigene, sondern natürlich auch die entsprechende Stammesidentität, aber zum Glück wissen die meisten mittlerweile, dass wir halt doch alle Menschen sind, die voneinander lernen können. Jetzt hier auf die ganzen Themen die besprochen werden einzugehen spare ich mir, es geht unter anderem um Renaturierung, kontrollierte Brände, etc. und jedes Interview hat ein Kernthema wie: Vertrauen, Respekt, Bewusstsein, Verwandtschaft…. Ich erinnere mich daran das wir in einer sehr frühen Trust-Ausgabe von 1987 einen Artikel über die Situation der Dineh/Navajo Indianer am Big Mountain hatten, das Thema ist natürlich immer noch Präsent. Allerdings fehlt es natürlich an Aufarbeitung, wie überall, da die Leute oftmals nicht wahrhaben wollen was sie oder ihre Vorfahren mit den Einheimischen angerichtet haben. Deshalb ist es sehr wichtig immer weiter darüber zu sprechen und nicht nachzulassen. Allerdings muss ich sagen das mich das Buch aus genannten Gründen nicht wirklich überzeugt, weshalb ich auch keine Empfehlung ausgeben kann. Interessantes und wichtiges Thema, leider viel zu langatmig und in einigen Bereichen unkritisch. Man fühlt sich danach nicht kompetent informiert. Obwohl natürlich folgende Aussage immer richtig ist: „Die Erde wird sich noch lange weiterdrehen, ob mit oder ohne uns liegt in unserer Hand.“ 427 Seiten, Taschenbuch, 24,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3-7518-2100-1
[Trust # 237 April 2026]
