Unverdiente Ungleichheit – Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann, Martyna Linartas
Rowohlt Verlag, Kirchenallee 19, 20099 Hamburg, www.rowohlt.de
Eigentlich sagt der erste Satz auf dem Klappentext der Rückseite schon alles: „Deutschland hat ein extremes Problem: Zwei Familien besitzen mehr als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung.“ Das ist zwar in keinem anderen westlichen Land so extrem, aber das gibt es in ähnlicher Form über den ganzen Globus verteilt. Und um eines gleich vorwegzunehmen, es geht hier nicht um das Erben generell, von „kleinen“ Vermögen, dem Haus oder ein paar Wohnungen oder auch dem Familienbetrieb ist hier nie die Rede. Es geht immer nur um völlig irrsinnige Vermögen die einfach nur da sind und sich vermehren. Es wäre schön wenn die entsprechend besteuert werden. Noch schöner wäre es allerdings wenn man nicht bei der Wirkung ansetzt, sondern bei der Ursache, den Löhnen und Gehältern.
Es braucht einen Verdienstdeckel, dann können solche Vermögen in Zukunft gar nicht mehr neu entstehen und die heutigen Überverdiener würden vielleicht weniger Arbeiten, gut für sie und die Umwelt. Wie allerdings ein anfangen mit dem Aufhören gelingen kann… ich schweife ab. Das Buch basiert in Teilen auf ihrer Dissertation, es gibt vier Teile, nach dem Vorwort, im ersten (Extreme Ungleichheit ist ein extremes Problem) Teil wird die Problematik vorgestellt und was tatsächlich auf dem Spiel steht. Mit dem zweiten Teil (Eine kurze Geschichte der deutschen Erbschaftsteuer) konnte ich nicht so viel anfangen, weil es eben um das Auf und Ab der Gesetzgebung geht, das ist zwar super recherchiert und auch irgendwie interessant, aber „freiwillig“ hätte ich das nicht gelesen. Viel zugänglicher dann Teil drei (Die Wirtschaftselite über Staat, Steuern und Ungleichheit) der darauf basiert das die Autorin fast zwanzig der größten deutschen Wirtschaftsbosse (genau zwei -bossInnen) interviewt und das Ergebnis hier anonymisiert zusammenfasst. Sehr interessant mal ein paar Einblicke in diese „Blackbox Wirtschaftselite“ zu bekommen. Im letzten Teil (Grunderbe: Die gerechte Wunderwaffe) geht es darum das jeder mit einem Grunderbe, ca. 25.000 Euro, ab der Volljährigkeit ausgestattet wird. Das kannte ich noch nicht und die Idee ist nicht schlecht. Ob das funktioniert, eine ganz andere Frage. Hier ein längeres Zitat aus dem Buch das die Problematik gut beschreibt: „Wieso diskutieren wir ungebrochen über kleinste Millionenbeträge beim Hartz-IV-Betrug, wenn, dem Staat – also uns – durch illegale Geschäfte von Großbanken und Steuerhinterziehungen von Überreichen Milliarden an Euro entgehen? Wieso sprechen wir über Kürzungen beim Bürgergeld und über Feinjustierungen bei der Schuldenbremse – wenn doch gigantische Vermögen, die ungebremst in schier unvorstellbaren Dimensionen immer weiter wachsen, einfach nur gerecht besteuert werden müssten? Warum werden die Finanz- und Wirtschaftspolitik noch immer in neoliberaler Manier gestaltet und Steuern für Reiche und Konzerne klein gehalten, wenn doch Studien zeigen, dass der Wohlstand nicht zu allen durchsickert, sondern sich an der Spitze konzentriert?
Wie kann es sein, dass Menschen, die über gigantische Vermögen verfügen und von passiven Einkommen leben, sehr viel niedrigere Steuern zahlen als diejenigen, die diese Vermögen durch ihre Arbeit aufgebaut haben? Wie kann es sein, dass Erben, deren entscheidendste Komponente für ihr gigantisches Vermögen – ihr Glück, in eine Unternehmerfamilie geboren worden zu sein – weniger zum Gemeinwesen beitragen als hart arbeitende Menschen? Und wieso reden wir über Steuern als Last – wenn doch Steuern uns als Staat, als Gesellschaft, zu Wohlstand brachten, unsere Kinder mit Bildung versorgen, unsere Krankenhäuser für alle gleichermaßen zugänglich halten, unsere Straßen von allen genutzt werden können?
Noch immer führen wir endlose Debatten im Klein-Klein, denken an eine winzige Stellschraube hier, die Schließung von Steuerschlupflöchern dort. Doch so muss es nicht sein. Es ist an uns, größer, gerecht, ganzheitlich zu denken. In diesem Buch habe ich zwei konkrete Konzepte besprochen, die an genau dieser Stelle ansetzen würden: Eine Stärkung der Erbschaftsteuer würde bestehende Ungerechtigkeiten angehen. Privil egien für reiche Erben oder eine lineare Gestaltung der Steuer würden die Erbschaftsteuer in ihrem rückverteilenden Charakter im Kern angreifen. Es ist eine Frage der mathematischen Logik, dass lediglich progressive Steuern gegen den Zinseszins, gegen eine auseinanderklaffende Schere von Vermögen eine Wirkung erzielen.“
Es steht sehr viel gutes und richtiges in diesem Buch, ob es dazu beitragen wird, das Problem zu ändern, wage ich zu bezweifeln, denn es existiert, in der ein oder anderen Form, schon immer und weshalb sich grade jetzt was ändern sollte… vielleicht weil es nicht mehr weiter geht? Ich würde es mir wünschen, derweil kann man auf jeden Fall das Buch lesen und sich fragen, was mit den Leuten nicht stimmt, die Antwort wäre wohl: es sind Menschen. 320 Seiten, Gebunden, 24,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3498007355
[Trust # 238 Juni 2026]
