Mai 28th, 2024

Nicht ohne meine Eltern – Wie gesunde Ablösung all unsere Beziehungen verbessert* (*auch die zu unseren Eltern), Sandra Konrad

Posted in bücher by Dolf

Piper, Damaschkestraße 4, 10711 Berlin, www.piper.de

Ich hatte mir etwas anderes von Teilen dieses Buchs erwartet, das lag aber an meiner Fehleinschätzung, nicht am Inhalt. Ganz im Gegenteil, der ist wirklich super spannend. Im Kern geht es darum das alle Menschen nicht nur von familiären und gesellschaftlichen Einflüssen geprägt werden, sondern das auch emotionale Lasten unserer Vorfahren uns begleiten. Aber, durch eine gesunde Ablösung von den Eltern kann man sich von bestimmten elterlichen Einflüssen befreien. Man kann also anscheinend nicht nur genetisch gute und schlechte Körpereigenschaften beziehungsweise Krankheiten mitbekommen, sondern auch Emotionen und Verhaltensweisen. Wenn dem so ist – und es scheint wirklich so zu sein – dann ist natürlich jedes vermeintlich „selbstbestimmte“ Handel eben genau das nicht.

Zumindest nicht zu 100%. Und das geht natürlich nicht nur „uns Kindern“ so, sondern auch den Eltern, denn auch die waren mal Kinder und haben vielleicht unter Eltern gelitten und geben das unbewusst an ihre Kinder weiter. Aber, und das ist die gute Nachricht, man kann diesen Teufelskreis durchbrechen. Indem man reflektiert und sich bewusst macht warum welches emotionale Verhalten wann das rationale, logische aus dem Weg räumt. Die Autorin spricht hier vom „inneren Kind“, das in bestimmten Situationen die Führung übernimmt und reife Erwachsene plötzlich sich eben nicht mehr so verhalten. Hier ein Auszug aus dem Buch: „Wir erkennen, worunter sie in ihrem Leben gelitten haben und warum sie uns keine besseren Eltern sein konnten. Denn auch sie haben Erfahrungen gemacht, die sie geprägt und schlimmstenfalls geschädigt haben. Auch sie waren einst Kinder, die von den Eltern überfordert oder vernachlässigt wurden, die zu wenig bekamen oder zu viel geben mussten. Vielleicht haben sie den Schrecken eines Krieges oder eine Flucht miterlebt oder waren Naturkatastrophen ausgesetzt, vielleicht wurden sie Opfer von Gewalt….“
Das Werk umfasst sechs Kapitel, nach der Einleitung „Die größte Aufgabe unseres Lebens“ lauten die Überschriften: „Was ist gesunde Ablösung, und wie geht das?“, „Elterliche Erwartungen und Verpflichtungen hinterfragen: Was bin ich meinen Eltern wirklich schuldig?“, „Künstliche Erwartungen an Eltern hinterfragen: Was sind meine Eltern mir noch schuldig?. „Erwachsen auf die Eltern blicken“, „Inneren Frieden finden“, „Und wenn ich noch gute Eltern brauche? Sich selbst eine gute Mutter und ein guter Vater sein“ sowie ein Epilog: „Wie gesunde Ablösung all unsere Beziehungen verbessert – auch die zu unseren Eltern“. Die Autorin ist praktizierende Psychologin und bringt viele Fallbeispiele aus ihrem Praxisalltag im Buch unter, was die Unterschiedlichen Themen nochmal anschaulicher macht. Überhaupt ist alles sehr verständlich geschrieben und gut zu lesen.
Es wird auch klar, das viele Menschen die heillosen Verstrickungen mit ihren Eltern nicht ohne Hilfe ablösen können, gleichzeitig wird betont das die Ablösung kein Bruch mit den Eltern sein soll. Hier ein etwas längerer Text aus dem Buch der sehr aussagekräftig ist: „Laut den Schamanen der Anden kommen Menschen mit zwei Büchern auf die Welt: einem goldenen und einem silbernen Buch. Das silberne Buch ist bereits vollgeschrieben, das goldene Buch besteht aus leeren Seiten. Wir verbringen zunächst eine Weile damit, unser Leben nach dem bereits geschriebenen silbernen Buch auszurichten. Aber im Leben eines jeden Menschen kommt irgendwann die Zeit, in der wir das silberne Buch zur Seite legen und anfangen müssen, das goldene Buch zu füllen. Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Den bekannten Erbe-Umwelt-Prägungen wird ein weiteres Element hinzugefügt, nämlich unsere eigene Entscheidungsfähigkeit. Denn während wir durchaus das Produkt unserer Familie sind und ihr genetisches. und emotionales Erbe in uns tragen sowie durch familiäre Aufträge und verinnerlichte Glaubenssätze geprägt sind, so sind wir gleichzeitig seit unserer Geburt mit unserer Ablösung und unserer Ich-Werdung beschäftigt. Ablösung bedeutet, das Vorgegebene zu erkennen, zu hinterfragen und sich von den Teilen zu lösen, die nicht zu uns passen oder die uns nicht guttun. Ablösung bedeutet, den eigenen Weg zu finden, anstatt dem Weg der Eltern blind zu folgen. Ablösung bedeutet, das silberne Buch zu schließen und anzufangen, die Seiten des goldenen Buches zu füllen.“
Ein tolles Buch um mal über sein eigenes Verhältnis zu den Eltern (oder zu seinen Kindern) nachzudenken und gegebenenfalls die Beziehungen durch Veränderungen zu verbessern.
Gleichzeitig führt das auch wieder vor Augen wie viel von unserem Verhalten eben geprägt ist – schon krass. Gutes Buch, spannendes Thema. Sollte eigentlich wirklich alle interessieren, weil wir alle Kinder waren und eben zum Teil noch sind. 345 Seiten, Gebunden, 24,00 Euro (dolf)

Isbn 978-3492071949

[Trust # 225 April 2024]

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