Die Macht der Musik – Über ihre Kraft, unser Leben glücklicher und unsere Gesellschaft gerechter zu machen, Ullrich Fichtner
DVA/Penguin Random House, Neumarkter Str. 28, 81673 München, www.penguinrandomhouse.de
Soviel gleich vornweg, es geht in diesem Buch nicht um Punk, zwar werden immerhin die Sex Pistols einmal erwähnt und auch das pogen taucht einmal kurz auf, das war es auch schon. Aber das ist auch nicht weiter wichtig, denn der Autor nimmt einem mit auf eine musikalische Reise, wie es am Ende im Epilog heißt: „Unergründlich sind die Wege der Musik. Sie führen von den Mimosen am Seeufer in Montreux in winterliche Vororte der Hansestadt Bremen, von der Backsteinherrlichkeit Amsterdams ins alpine Hochtal von Elmau. Es geht mit ihr nach Manchester, in Duisburgs dunkle Straßen, in Konzertsäle nach Bamberg, in die Pariser Philharmonie, an den Ursprung der Donau sogar.“
Es gibt vier Teile (Musik ist ein – biologisches – Wunder/ Musik ist das Fest des Lebens/ Musik braucht Menschen, die sie machen/ Musik vernetzt Zeiten und Menschen) sowie 15 Unterkapitel. Den ersten Teil fand ich am spannendsten und durch seine tolle Sprache schafft es der Musikliebhaber mit Herz und Seele auch weniger interessante Themen lesenswert zu halten. Grundsätzlich ist Fichtner für eine Musikalisierung der Gesellschaft, weil Musik keine überflüssige Kunstform ist, die man sich gönnen kann, oder auch nicht. Viel mehr ist er überzeugt das Musik zum menschlichen Leben dazugehört und es besser und sogar gesünder macht. Und das ist in den letzten Jahren immer öfter durch wissenschaftliche Studien bewiesen worden – allein die Geschichte der besungenen Frühchen in Frankreich, denen es dadurch besser geht als Babys, die ohne Gesang auskommen müssen, ist faszinierend. Und es ist nur eine von vielen. Ebenso, wie Musik auf uns Menschen wirkt, ist lehrreich: „Unser Gehirn will immer antizipieren, was kommt, es rät beim Musikhören ständig mit, es »weiß« schon Sekundenbruchteile vor einem Beat, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch wirklich kommen wird. Und wenn das gut läuft und die Vorhersagen stimmen, dann stellt sich Befriedigung her, wir werden belohnt, auch mit den körpereigenen, hormonellen Drogen. Und wenn es schlecht läuft, unsere Erwartungen also enttäuscht werden, werden wir bestraft, irritiert, aber das kann viel heißen und nicht nur Frustration. Es meint genauso oft die Ankunft neuer, besonderer Reize, es meint Erweiterung der Wahrnehmungsmöglichkeiten und den Erwerb neuer Möglichkeiten der Befriedigung.“ Es ist aber eben kein medizinisches Biologiebuch das sich nur mit diesen Aspekten beschäftigt. Es geht auch um die sozialen Vorteile, die Musik bewirken kann, beim Psychiater oder im Strafvollzug und Statements wie dieses lassen aufhören: „Welche Kunst, welche Musik, das sind letztlich müßige Fragen. Wer meint, herabblicken zu müssen auf Menschen, die sich an Disney-Melodien erfreuen, dem geht es am Ende wohl weniger um künstlerische Aspekte als um soziokulturelle. Seit etwa zwei Jahrhunderten ist es so, dass Musik als Marker von sozialem Status und Schichtenzugehörigkeit dient und missbraucht wird. Und was sich an der klassischen Kunstmusik zuerst vollzog, dass sie zum Eigentum einer kleinen, wissenden Elite deklariert wurde, fand Nachahmung in allen späteren Kämpfen um Gattungen und musikalische Stammeszugehörigkeiten. Man denke nur an die Snobismen mancher Jazzkenner oder die Besserwisserei, durch die sich Aufsätze über die Popkultur häufig auszeichnen. Dem Geist der Musik widerspricht das.“ Genau das passiert ja in „unserer“ Szene die ganze Zeit. Und auch wichtig, weil ja viele meinen man kann sich Musik und Kultur nur leisten, weil man reich ist, nein, man wird erst durch Musik und Kultur reich: „Darin steckt ein Denkfehler, den der Oldenburger Gesangsforscher Gunter Kreutz gut auf den Punkt gebracht hat: »Wir neigen dazu«, schreibt er in seinem Buch Warum Singen glücklich macht, »die gesundheitliche Bedeutung künstlerischer Beschäftigungen zu unterschätzen, weil wir kulturelle Aktivitäten als Folge von Wohlstand und Gesundheit anstatt als eine ihrer Ursachen begreifen.« Nur eine kulturell lebendige Gesellschaft, heißt das, eine singende, musizierende, malende, spielende kann sich überhaupt als gesund und wohlhabend betrachten.“ Und obwohl es sich oftmals um Musik dreht die mich eigentlich gar nicht interessiert kann das Werk durch seine sprachliche Qualität den Lesenden am Buch halten. Sicher, „Musik löst keine Weltprobleme“, das weiß der Autor auch, aber ihr sollte eine ganz andere Bedeutung zukommen als sie jetzt hat, natürlich auch in der Bildung und Förderung. Es ist sowieso nicht möglich alle Aspekte hier aufzulisten, aber wer Musikfan ist und Bock hat auf ein eigentliches sehr nerdiges Buch, welches aber überhaupt nicht nerdig daherkommt, der ist hier richtig. Ich hatte großes Vergnügen beim Lesen und kann es empfehlen, tolles Buch. 255 Seiten, Gebunden, 24,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3421070487
[Trust # 237 April 2026]
