Die CLANS aus al-Rashidiya – Arabische Familien und ihre kriminellen Netzwerke, Mahmoud Jaraba
C.H. Beck, Wilhelmstraße 9, 80801 München, www.beck.de
Eigentlich ist die Geschichte von al-Rashidiya in der türkischen Provinz Mardin, nahe der Grenze zu Syrien und zum Irak, die wichtigste Information dieses Buches. Denn dort werden schon seit ca. 400 (andere sagen 200) Jahren Familien hin vertrieben die in ihren Heimatdörfern nicht mehr tragbar waren, weil sie Unruhe stifteten, Konflikte auslösten und sich nicht anpassten. Deshalb wurden ganze Familien als Strafe dorthin verbannt und natürlich auch um die lokalen Gemeinschaften zu entlasten – und Blutvergießen zu verhindern. Es gibt noch viele andere Geschichten die in jedem Fall beweisen das es unterschiedliche kollektive Erinnerungen gibt, von beduinischen, islamischen oder auch osmanischen Wurzeln ist die Rede.
Im Detail kann man das im Buch sehr viel genauer nachlesen. Und nun ratet mal wo die bekanntesten Großfamilien (al-Zain, Remmo, Miri…), die seit den achtziger Jahren, vor allem nach NRW, Berlin und Bremen ausgewandert sind herkommen. Genau. Das erklärt natürlich einiges, aber nicht alles. Den Rest erklärt Jaraba in diesem Buch und zwar aus einer eher ungewohnten „von innen heraus“ Pespektive und die ist ihm sehr gut gelungen. Zum einen hat er sich das Vertrauen von einigen Mitgliedern der Großfamilien, die alle anonymisiert sind, erarbeitet. Zum anderen analysiert er sehr gut wie es zu den Problemen kommen konnte und warum sie sich so hartnäckig halten. Weshalb es den, auch hier geborenen, Familienmitgliedern oftmals so schwer fällt sich von den kriminellen Strukturen, oder auch einfach dem Familiensystem, zu lösen. Das der Begriff „Clankriminalität“ eigentlich irreführend ist, was auch stimmt, weil man immer gleich einen bestimmten Personenkreis im Kopf hat, obwohl es die gleiche Muster auch bei Menschen aus anderen Ländern gibt und natürlich auch in jedem Land zwischen den Klassen. Im Prinzip geht es um das Hauptproblem, die Menschen, alle wollen immer was besonderes sein, als Ethnie, Religionsgemeinschaft, Familie, Clan oder was auch immer, Grenzen sich untereinander und zu den anderen ab und sehen sich in einer Opferrolle als Minderheit. Das ist natürlich sehr verallgemeinert und vereinfacht ausgedrückt. Wer mehr darüber erfahren will, wird hier sehr gut informiert. Jaraba stellt auch drei sehr unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Familien vor: einen jungen Mann der tief in die organisierte Kriminalität eingebunden ist, eine junge Frau und deren Rolle, sowie eines Vaters der sich bewußt für die Legalität entschieden hat und das auch an seine Kinder weitergibt. Was mir hier ein wenig überbetont ist, auch wenn es natürlich im Einzelfall richtig sein kann, das es immer die Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung ist, die dafür sorgt das sich die Menschen nicht integrieren, hier jetzt über die Defizite der deutschen Integrationspolitik zu sprechen ist fehl am Platz. Es liegt halt schon auch an den Betroffenen und wenn es hier eine Verweigerungshaltung gibt, mit Fadenscheinigen familiären „Ausreden“, dann ist es eben ein Problem. Auch wichtig zu sagen das die Großfamilien keine homogenen Systeme sind, auch innerhalb gibt es die unterschiedlichsten Meinungen und Strömungen, auf das alles hier einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Wer sich für das Thema interessiert bekommt hier ein kluges Buch, welches, soweit möglich, sehr detailiert beschreibt wo das Problem liegt und wie es entstehen konnte. Lösen lässt es sich nur in Teilbereichen, auch wenn sich natürlich auch bei Familiensystemen einiges ändert. Was hier auch angesprochen wird. Interessant, kurzweilig und erhellend. Allein schon wegen der Anfangs erwähnten Info zu dem Dorf. 208 Seiten, Paperback, 20,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3406843112
[Trust # 238 Juni 2026]
