Der Score – Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen, C. Thi Nguyen
Verlag C.H. Beck Wilhelmstraße 9, 80801 München, www.beck.de
Wir leben in einer total durch quantifizierten Welt die von Scores bestimmt wird, was zählt ist nicht mehr der Inhalt sondern die Zahlen, der Auflage, der Likes oder Bestsellerlisten und Charts aller Art. Ja selbst die Gesundheit wird durch Gewicht oder Fitnesstracker in Zahlen gepackt und die Kunst zählt nur wenn sie wertvoll ist, natürlich schon lange und das wird ja auch schon lange kritisiert – zurecht. Hier sind an erster Stelle wohl die Menschen zu nennen, die immer mehr Geld verdienen obwohl sie bereits schon so viel haben das sie es sowieso nicht mehr ausgeben können – die sind Opfer der Scores und Gefangene der Metrik. Denn was wirklich zählt ist ja nicht die Menge der Produkte und ihre Verkaufszahlen, sondern das Produkt oder eben der Inhalt und die Kunst.
Oder einfach nur ein tolles Spiel. Oder noch allgemeiner die Befriedigung welche im Weg liegen kann und bei vielen Menschen völlig aus dem Fokus gerutscht ist. Warum ist das so – das erklärt der Philosophie Professor der Universität Utah sehr genau in diesem Buch. Außerdem rät er noch allen Menschen mehr zu spielen (das ist sein eigentliches Fachgebiet, die Spielphilosophie), weil Spiele zwar meist auch von Regeln und Scores bestimmt werden, aber da geht man rein und dann wieder raus. Das ist bei den alltäglichen Scores eben nicht der Fall. Denn Punktesysteme sind ja nicht generell böse, es kommt eben drauf an wer sie macht und für was sie gemacht sind und wie die Menschen auf sie reinfallen, weil sie eben attraktiv gemacht sind. Durch die ausführliche und verständliche Leitung durch alles Facetten des Themas ist auf jeden Fall ein Perspektivenwechsel möglich, auch wenn dies nicht durch einfache Lösungen möglich ist. Denn die Standardisierung hat eine eigene Autorität, die meist von Staaten, Konzernen oder Medien ausgeht – diese gilt es zu verstehen, hinterfragen und sich im klaren darüber sein das ein Mensch nicht alles verstehen kann. Das Buch hat auch mal Längen, grade wenn Nguyen einzelne Spiele beschreibt oder wenn er erklärt wie er seine Lust am Klettern entdeckt und auslebt – andere mögen so was als Auflockerung sehr gern lesen, ist wohl Geschmackssache. Hier wären so viele tolle Textstellen die man zitieren könnte, ich begnüge mich mit dieser hier: “Wie das Geld kann auch die soziale Ressource der Verständlichkeit auf sich selbst aufbauen, sich anhäufen und wachsen. Auch die Sprache unterliegt der brutalen Logik des Zinseszinses.
Stellen wir uns vor, es gibt zwei Menschen. Nennen wir sie den «Kompromissbereiten» und den «Gefangenen». Der Kompromiss- bereite hat seine eigenen subtilen Werte, weiß aber, dass er in dieser ultra-öffentlichen, vereinfachten Sprache der Metrik sprechen muss, um etwas zu erreichen. Er verwendet Metriken in der Öffentlichkeit, um verstanden zu werden, hält seine wahren Werte aber von diesen fein säuberlich getrennt.
Der Gefangene hingegen verfügt über keine solche Brandmauer. Er hat jegliche private Überlegung eliminiert und denkt für sich selbst nur in der ultra-öffentlichen Sprache der Rechtfertigung. Es geht ihm nur um den Erfolg im Sinne dieser Sprache. Seine Werte sind vollständig übernommen worden – sie bestehen nur noch aus denen der Metriken.
Der Gefangene wird daher wahrscheinlich effizienter sein, wenn es darum geht, erfolgreich im Sinne der Metriken zu sein. Schließlich gibt es keinen Widerstand im System, also nichts, was ihn von der totalen Optimierung ablenkt. Es ist einfach, ein klares Ziel zu erreichen, wenn das alles ist, wofür man sich engagiert. Es ist viel schwieriger, ein Ziel zu treffen, wenn man gleichzeitig versucht, es gegen eine ganze Reihe von anderen Anliegen abzuwägen.
Wenn diese Annahme zutrifft – dass der Gefangene in Bezug auf die Metriken eher erfolgreich ist als der Kompromissbereite -, dann werden wir das folgende erschreckende Ergebnis erhalten: Denjenigen, die bereit sind, alles zu vergessen, was nicht in Metriken gemessen wird, und die sich selbst stattdessen ganz auf das hin optimieren, was Metriken verlangen, wird systematisch eine größere soziale Macht zur Verfügung stehen. Sie werden keine Energie auf Ablenkungen wie Schönheit, Gemeinschaft oder die Freude an reinen, spielerischen Prozessen – oder auf sonst etwas anderes – verschwenden. Denn sie werden ihre tiefsten Werte so umgestaltet haben, dass sie der öffentlichen Vorstellung von Erfolg entsprechen.
Wenn das stimmt, haben wir es hier mit einer wirklich gefährlichen Rückkopplungsschleife zu tun, nämlich mit einem langfristigen, allumfassenden gesellschaftlichen Wertekollaps. Denn die Menschen, die bereit waren, Erfolg ausschließlich an diesen vereinfachten, metrifizierten Begriffen festzumachen, werden beginnen, diejenigen zu überflügeln, die dazu nicht bereit waren. Sie werden also immer mehr soziale Macht und mehr Ressourcen anhäufen. Und sie werden in der Lage sein, diese Macht zu verstärken, indem sie diese Ressourcen dafür aufwenden, noch mehr Kontrolle über die Sprache zu erlangen und noch mehr soziale Macht an den Erfolg in diesen verengten Begriffen zu binden.” Das klingt nicht gut, jeder sollte sich überlegen welches “Spiel” er spielt auch wenn die meisten sowieso das Spiel der anderen spielen. Ich fand das Buch super zu lesen, im Kern nichts neues, aber in dieser Ausführlichkeit nochmal erhellend weil es eben von einem Wissenschaftler, der aber auch nur Mensch ist, präsentiert wird und nicht von einer Punkband. Ob es am Ende mehr bewirken wird steht wieder auf einem anderen Blatt und da ja Scores nicht nur böse sind, gucken wir mal schnell wo das Buch im Verkaufsranking bei dem größten Onlinehändler in Deutschland steht: Bestseller-Rang: 307.002, Tipps fürs Studium: 1.532 und Motivation und Erfolg: 5.719. Dann hoffen wir mal das diese Rezension ihren kleinen Teil für ein Verbesserung dazu beiträgt. Zu wünschen wäre es dem Autor und vor allem der Gesellschaft. 377 Seiten, Gebunden, 28,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3406844140
[Trust # 239 August 2026]
