November 27th, 2025

Mythen der Geografie – Acht Irrtümer über die Welt, in der wir leben, Paul Richardson

Posted in bücher by Dolf

Piper Verlag, Damaschkestraße 4, 10711 Berlin, www.piper.de

Eigentlich gibt es hier nur einen einzigen „Geografischen Irrtum“ und das ist der im ersten Kapitel beschriebene Irrtum dem wir Menschen aufgesessen sind das es unterschiedliche Kontinente gibt. Denn bei genauer Betrachtung und das macht der Autor hier, gibt es nämlich gar keine wirklich voneinander getrennten Kontinente. Sondern das wurde, wie so vieles andere auch, nur von uns Menschen erdacht. Und wenn man das mal verstanden hat, nachdem man das ganze Leben von der Idee der verschiedenen Kontinente begleitet wurde, dann ist das auch sehr eindeutig. Aber zuerst kann das einen ganz schönen MindFuck auslösen und somit ist das erste Kapitel mit Sicherheit das welches einen wirklichen geographischen Mythos entlarvt.

Wie viele Kontinente gibt es eigentlich? Wo genau endet denn jetzt Europa? Oder wo beginnt Asien? Es gibt eben keine klaren Trennlinien zwischen den Kontinenten. Allein für diese Erkenntnis hat sich das lesen schon gelohnt. Und hier soll auch noch dran erinnert werden, das die Mercator-Weltkarte, die wir alle seit 450 Jahren „eingebrannt“ haben, die Größe der verschiedenen Landmassen völlig verzerrt darstellt. Vereinfacht gesagt: alles was nah am Äquator liegt (Afrika), viel kleiner und was weiter weg liegt (Europa), viel größer. Laut der Webseite „Correcttheworldmap“ könnte man „in Wirklichkeit die gesamte USA, China, Indien, Japan und große Teile Europas in Afrika unterbringen und hätte immer noch Platz übrig“. Zurück zum Buch: Natürlich sind auch die anderen sieben Kapitel sehr lesenswert und vor allem auch sehr wahr. Es sind halt weniger geographische Mythen als eher politische oder soziale die sich in unser Leben eingeschlichen haben und von vielen überhaupt nicht mehr hinterfragt werden. So erklärt Richardson warum Grenzen ein Mythos sind und weshalb auch die höchsten Mauern nicht funktionieren können. Und das alle Nationen oder Länder, auch nur erdacht sind und keine wirkliche historische Vergangenheit für die Nationen existiert. Mit dem Kapitel „Der Mythos der Souveränität“ konnte ich nicht so viel anfangen, dafür sind alle anderen Kapitel sehr zu empfehlen. Das Brutto Inlands Produkt (BIP) misst nur das wirtschaftliche Wachstum und nicht wie es den Menschen geht. Gut das ist jetzt nicht neu und er weist zurecht darauf hin das Glück und Gesundheit nicht unbedingt etwas mit Wachstum und Wohlstand zu tun haben. Interessant das im einzigen Land der Welt, wo das Bruttonationalglück (BNG) gemessen wird, eher immer noch sehr viel Armut herrscht. Außerdem wird das Volk der Lhotshampa ausgegrenzt, wie andere Minderheiten in anderen Ländern auch. Ein Kapitel widmet sich dem russischen Expansionismus der eher ein Revanchismus ist, hier ein kurzer Auszug: „Er versucht, die Existenz einer ukrainischen Nation von der Kiewer Rus- oder Altrussland, wie Putin sie nennt – bis in die Zeit der Sowjetunion zu widerlegen, und bedient sich dazu derselben Erfindungen, Auslassungen und selektiven Erinnerungen, mit denen er seine imaginäre Geografie der russischen Nation konstruiert. Dieses Narrativ folgt jedoch einer verkehrten Logik, wie Sergey Radchenko, Professor für Geschichte an der Johns Hopkins Universität, bemerkt: » Anhand derselben Beweise und Dokumente könnte man auch feststellen, dass die Entwicklung der Ukraine zum Staat im 9. Jahrhundert einsetzte … Wenn die Ukraine ein falsches Land ist [wie Putin behauptet], dann ist Russland das auch.«
Diese in der Gegenwart konstruierte nationale Vergangenheit und der Anspruch auf ethnisch russisches (russkii) Gebiet in der Ukraine in Putins Abhandlung zeigen, dass es illusorisch ist, den Ursprung einer Nation bis in uralte Zeiten zurückzuverfolgen. Je weiter man historisch zurückgeht, umso schwieriger wird es, das Wesen einer solchen »Urnation« zu fassen. Und genau aus diesem Grund müssen moderne Nationen in der Gegenwart auch ständig neu erfunden, erdacht, zelebriert, gelesen und gelernt werden. Dass wir nicht schon immer im Namen der Nation gelebt haben, hilft zu erklären, weshalb Nationalisten wie Putin so viel Energie darauf verwenden, diese unangenehme Wahrheit abzustreiten oder gar zu verschleiern.
Auf der Zeitskala der Menschheitsgeschichte ist die Nation eine relativ neue und von den Mächtigen der Welt sehr leicht zu beeinflussende Idee – egal ob es sich um aus dem Ausland importierte Monarchen, ehemalige Staatssicherheitsbeamte oder Reality-TV-Stars handelt. Diese Eliten haben die Macht der Nation, die unser Bedürfnis nach Sicherheit und Identität
anspricht, erkannt und begriffen, wie sie sie nutzen können, um Menschen zu mobilisieren.“ Weiter geht es mit China und was es mit der Neuen Seidenstraße auf sich hat. Und warum das Scheitern von Afrika auch ein Mythos ist, wird nochmal klar, wenn man hinter die kolonialen Kulissen guckt. Das Fazit am Ende ob es einen Neuanfang geben kann und wie dieser aussehen könnte… unwahrscheinlich. Trotzdem, das Buch ist gutes Hirnfutter, was man schon des öfteren zu sich genommen hat, aber schmeckt halt immer wieder. Diesmal von einem Professor für Humangeografie aus Birmingham. 320 Seiten, Gebunden, 22,00 Euro (dolf)

Isbn 978-3492073271

[Trust # 234 Oktober 2025]

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