September 25th, 2026

Come Out – Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte, Thomas Sparr

Posted in bücher by Dolf

Verlag C.H. Beck Wilhelmstraße 9, 80801 München, www.beck.de

Der Christopher Street Day (CSD) ist wohl mittlerweile allen bekannt, da er in der, noch, freien Welt ja auch jährlich in verschiedenen Städten mit großen Paraden gefeiert wird. Ob auch allen bekannt ist das in der Christopher Street, in New York im Stadtteil Greenwich Village, das „Stonewall Inn“ ist, eine Bar, die bereits Mitte der 60er Jahre, von in erster Linie, queeren Menschen besucht wurde? Dort gab es in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 eine Polizeirazzia und daraus folgten Aufstände und Proteste. Diese Geschichte wird hier detailliert und spannend erzählt.

Aber nicht nur das, denn diese einzige Nacht veränderte nicht nur die USA, sondern nahm auch ihren Weg nach Europa – London, Paris, Berlin, Köln und Hamburg. Auch das wird hier erzählt und immer wieder wird die Perspektive gewechselt. Es gibt Rückblenden ins Dritte Reich und wie mit Homosexuellen dort umgegangen wurde und wie die Überlebenden mit dem Trauma danach weitergelebt haben. Es gibt hier so viele, interessante Geschichten, das ich gar nicht weiß was ich in dieser Besprechung erwähnen soll. Das Buch folgt einer Zeitleiste und ist in vier Hauptkapitel aufgeteilt, nämlich 1969, 1979, 1989 und 2015. Natürlich ist auch der Paragraph 175 Thema, der im selben Jahr, 1969, in Deutschland liberalisiert wurde, während in der DDR Homosexualität bereits straffrei war. Irgendwann entfernen sich die Geschichten dann ein wenig von der Christopher Street und es geht mehr um die verschiedenen Menschen in Deutschland und Europa, SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und andere die auf verschiedenste Weise mit ihrer Homosexualität umgehen. Laut, leise, heimlich, offen – da gibt es keine Regeln. Irgendwie fesselt die Erzählweise des Autors und natürlich die meist interessanten Geschichten. Gay Power, Homolulu, Tuc Tuc, Eldorado, Homosexualität_en, Queer bis hin zum Thielomat. Ich fand das Buch, als heterosexueller Mann, durchweg interessant und lesenswert. Da so viele historisch wichtige Fakten zusammengetragen sind, aber überhaupt nicht trocken wiedergegeben, sondern immer in fesselnde Geschichten gepackt. Was mich dabei fast am meisten fasziniert hat war, das ich lernen durfte das auch in dieser Szene, natürlich, ganz unterschiedliche Sichtweisen bestehen, wie man auftreten soll, wie viel Aufmerksamkeit man bekommen will, welche Namen für was, warum benutzt werden. Denn hier ist man sich sich ja auch nicht einig, ist es jetzt die queere Szene oder dann doch die LGBTQ+ oder all die anderen Splittergruppen, denen man schon gar nicht mehr folgen kann, so schnell geht das heute. Oder anders gesagt, es ist eben auch keine homogene Szene, es gibt von Betroffenen bis Genderfluid eben auch so gut wie alles – weil auch diese Menschen getrieben sind vom Distinktionsbedürfnis. Und das ist mir erst durch das lesen dieses Buches klar geworden, allein deshalb hat es sich schon gelohnt. Die Widersprüchlichkeiten werden auch im Buch vorsichtig angesprochen und nicht verheimlicht, tolle Sache. Für Menschen die sich mit der Thematik auf die ein oder andere Sache beschäftigen eigentlich ein muss, grade vielleicht für junge Menschen, die sich der Geschichte noch nicht so bewusst sind. Aber auch für Cis-Menschen ist das Buch ein totales Go. Allein die letzte Geschichte über Peter Thiel – unglaublich, damit rechnet man auch nicht, das der hier auftaucht. Aber, alles ist möglich. Bleibt zu hoffen das sich das Rad der Geschichte nicht wieder zurückdreht. Denn es gibt natürlich auch Staaten in denen CSD und Homosexualität nach wie vor verboten sind. Kluges und interessantes Buch, lesen. 208 Seiten, Gebunden, 24,00 Euro (dolf)

Isbn 978-3406734403
[Trust #239 August 2026]

Both comments and pings are currently closed. RSS 2.0