Ruinen der Wahrheit – Eine kurze Geschichte unserer Zeit, Rob Wijnberg
Verlag C.H.Beck, Wilhelmstr. 9, 80801 München, www.chbeck.de
Das ist ein stark beginnendes Essay, von diesem niederländischen Journalisten und Autor philosophischer Bücher (Zuerst erschienen 2023 bei „de Correspondent“, eine von Mitgliedern finanzierten Plattform für unabhängigen Journalismus, Originaltitel: „Voor ieder wat waars. Hoe waarheid ons verdeelt en ons weer kan samenbrengen“). Es beginnt mit einer Reise zurück in die Vergangenheit um von dort zu erzählen wie sich die Wahrheit für die meisten Menschen schon immer verändert hat. In der vormodernen Zeit (400 v.u.Z. – 1600 n.u.Z.) war das Ziel der Wahrheit und somit des Lebens, meist die Erlösung.
Denn die meisten Menschen haben ein ziemlich schlechtes, untertäniges Leben gelebt und auf ihre Erlösung durch den Tod gehofft, beziehungsweise eben auf das vermutete Paradies danach. Wenig wurde hinterfragt, die „Wahrheit“ wurde den Menschen von Religion oder Metaphysik gegeben. Auch interessant wird sein die primäre Energiequelle mit anzusehen, die in den verschiedenen Jahrhunderten verwendet wurde. In diesem Fall natürlich die Muskelkraft von Mensch und Tier, sowie Holz und Torf. Die moderne Zeit (1600 – 1950) ist dann ganz im Zeichen des Fortschritts, die Wahrheit wird gesucht mit Hilfe der Wissenschaft. Und oft denken die Menschen sie auch gefunden zu haben, nachdem sie etwas entdeckt haben, was sich nach Wahrheit anfühlt. Nationalstaaten, lokale Märkte und Industrie entsteht. Der optimistische Mensch ist im günstigsten Fall Rechtsträger und strebt nach der Beherrschung der natürlichen Ordnung. Die primäre Energiequelle ist Kohle. Die postmoderne Zeit (ab 1950) ist die Ära wo die Wahrheit befreit und auch kulturell und subjektiv konstruiert wird. Die Welt-Märkte und Kapitalismus setzten sich immer mehr durch und der Mensch will freies Individuum sein, der sich von der fiktiven natürlichen Ordnung loslöst. Energie: Öl und Gas. Dann die postmoderne Konsumzeit (ab 1980) wo es verstärkt um Bedürfnisbefriedigung und Konsum geht, das Individuum stimmt die Wahrheit auf seine eigenen Bedürfnisse ab, ein Wettbewerb der Wahrheiten beginnt und der Mensch bezieht seine Wahrheit von Bildschirmen, Daten und Algorithmen. Alles ist globalisiert und auf Konsum ausgerichtet. Bis hierher ist das eine wirklich interessante Analyse der Geschichte der Wahrheit, aber eben auch „einfach“ weil sie so (oder zumindest so ähnlich) bereits geschehen ist. Dann kommt Kapitel 6 „Die Mediatisierung der Wahrheit“, was eigentlich immer noch ziemlich gut ist, aber auch ein wenig über das Ziel hinausschießt. In der genauen Analyse von einzelnen Interviews zum Beispiel. Gut, ist vielleicht Geschmackssache, das aber immer mehr Kritik und Zynismus im Journalismus verwechselt werden ist eine richtige Beobachtung. Und wie sich Populismus und Nachrichten gegenseitig hochschaukeln ist auch prima erklärt. In den letzten drei Kapiteln geht es dann um die Zukunft. Und die Zukunft, wie sie Wijnberg beschreibt, klingt eigentlich gar nicht so schlecht und es wäre zu wünschen das die Menschheit diesen Weg geht. Wo es nur noch kollektiven Fortschritt gibt, der von allen geteilt wird, die Wahrheit intersubjektiv und ökologisch ist und die Menschen nachhaltig in Harmonie mit der Umwelt leben. Und die primären Energiequellen Sonne, Wind, Wasserkraft und Biomasse sind. Ja, das wäre wirklich schön und es ist auch keine an den Haaren herbeigezogene Utopie, aber ob es wirklich so kommen wird, weiß leider niemand. Und so wie es sich derzeit entwickelt, sieht es leider überhaupt nicht danach aus. Und wenn der Autor sagt, das Menschen in einem natürlichen Gewebe leben und ohne die anderen Menschen nicht können, dann ist das zwar auch richtig. Aber es wird vergessen das Menschen ebenso immer nach dem gleichen Muster funktionieren und oftmals nicht so Bewusstseins und rational gesteuert sind, wie wir denken. Und ob sich das jemals ändern wird? Bisher auf jeden Fall nicht und vielleicht ist dieser Gedankengang des Autors ja aufschlussreich: „Was Liebe für Individuen ist, ist die Wahrheit für Kollektive – eine Kraft, die eine Welt eröffnet, Differenzen überbrückt (oder vertieft) und Menschen verbindet (oder spaltet).“ Leider scheinen wir in der Klammerzeit zu leben. Die Geschichte der Wahrheit ist super zu lesen, bis sie dann irgendwie kippt, interessant bleibt, und auch gutes will. Wird natürlich nichts bringen, deshalb war ich vom Schluss auch etwas abgetörnt, aber viele Lesende wird er auch optimistisch stimmen. Somit nur eine halbe, volle Empfehlung und das ist (meine) Wahrheit. 206 Seiten, Gebunden, 24,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3406831058
[Trust # 234 Oktober 2025]
