Mai 12th, 2019

30 Jahre Dischord Records in 2010 (# 149, 2011)

Posted in interview by Jan

„You can’t be what you were. So you better start being just what you are.“
2010: 30 Jahre DISCHORD RECORDS!!!
Ein Label-Special-Rückblick nach vorne

Wir haben Gastbeiträge von Dischord Mitarbeitern selber bzw. dem Washington DC Umfeld eingeholt, dazu gibt’s eine kurze Vorstellungen der jeweiligen Autoren/innen. Neben den best of 5 Dischord Platten bzw. Gedanken zum Label der Trust-Leute wurden verschiedene Dischord-Leute, Bands etc. interviewt. Es gibt neben der Einleitung eine Labelgeschichte, eine Diskografie und unveröffentlichte exklusive Fotos von Amy Pickering und Jeff Nelson.

Hier der Inhalt auf einen Blick:

-„I don’t give a damn ‚bout my reputation. You’re living in the past, it’s a new generation“ Einleitungsüberblick von Jan Röhlk
– Interview mit JEFF NELSON von Christian Unsinn
-„A Dischord sound doesn’t exist.“ Interview mit IAN MACKAYE von Jan Röhlk
– „Above all Dischord has thrived because we’ve always stayed true to what we believe is simply common sense, that labels can only amplify the energy and creativity that comes from bands and their supporters.“ Gastbeitrag von ALEC BOURGEOIS (Einleitung Jan Röhlk)
– Flex your head. Eine kurze Label Geschichte von der Gründung 1980 mit den Teen Idles über Fugazi’s Durchbruch Anfang der 90er hin zu dem 30 jährigen Geburtstag 2010 von Jan Röhlk
– „Do what you mean and mean what you do.“ Interview mit JOE LALLY von Oise Ronsberger
– „The Dischord Issue“ Gastbeitrag von ALEC MACKAYE (Einleitung Jan Röhlk)
– „You can’t make a silk purse out of a sow’s ear, but you can make bacon!!” Mmmmm! Bacon!!“ Gastbeitrag von SKIP GROFF (Einleitung Jan Röhlk)
– Best of 5 Dischord-Platten von Dolf Hermannstädter
– Best of 5 Dischord-Platten von Christian Unsinn
– „I remember mixing songs for Minor Threat in the furnace room of my basement…“
Gastbeitrag von DON ZIENTARA (Einleitung Jan Röhlk)
– „The only thing I gave a shit about was D.C.“ Interview mit BRENDAN CANTY von Oise Ronsberger
– Best of 5 Dischord Platten von Schippy
– „Slowdown and repeat – Daniel Higgs und Lungfish” von Schippy
– Best of five Dischord-Platten von Bela
– „For more than 22 years I worked at Dischord which is just about half of my life.“
Gastbeitrag von AMY PICKERING (Einleitung Jan Röhlk)
– Best of 5 Dischord-Songs von Mika Reckinnen
– Interview mit CYNTHIA CONNOLLY von Alva Dittrich
30 Jahre Dischords von Mika Reckinnen
– Best of 5 Dischord-Platten von Helge Schreiber
– Best of five Dischord-Platten von Oise Ronsberger
– „What about the forgotten damn darn hot co-releases of Dischord?” von Helge Schreiber
– „It was my pleasure. It did me good to give some thought to Dischord.“ Interview mit PETER CORTNER von Oise Ronsberger
Best of 5 Dischord-Platten von Jan Röhlk
– Meine fünf liebsten Dischord Platten (ohne spezielle Reihenfolge) von Joachim Gärtner
– Interview mit JASON FARELL von Dietmar Stork
– „I am a waiting room“ von Stone
– Meine Dischord Top 5 von Dietmar Stork
– „After 30 Years, Dischord’s Sparks Still Igniting Possibility” Gastbeitrag von MARK ANDERSEN (Einleitung Jan Röhlk)
– Diskografie

Zur Feier der Trust Ausgabe mit dem Dischord Special gibt es eine Release-Feier in Bremen in einer netten Gaststätte und den ganzen Abend (Trust-)DJs, die Dischord Musik spielen. Achtet auf die Ankündigung in unseren News. Kommt vorbei, wir freuen uns.

Special-Koordination: Michael „Schippy“ Schiplage und Jan Röhlk
Kontakt: dischord.com
Fotos: Amy Pickering, Jeff Nelson

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„I don’t give a damn ‚bout my reputation.
You’re living in the past, it’s a new generation“
Einleitungsüberblick von Jan Röhlk

Nachdem Köln Korrespondent Schippy im Oktober noch mal diese schon im Mai diskutierte Idee eines Specials zu dem 30 jährigen Geburtstag von Dischord Records in 2010 auf den Tisch brachte, koordinierten wir nun dieses doch mehr als würdige Special zum Thema. Anfangs sträubte ich mich etwas gegen die Idee, denn gerade die Washington D.C.- / Dischord- Szene ist so dermaßen gut dokumentiert. Und anders als bei unserem SST Records Special 2008 ist Dischord ja weiterhin aktiv, sei es auch „nur“ seit einiger Zeit durch digitale und Vinyl-Re-Releases. Zumindest tauchen immer wieder aktuelle Interviews mit Ian (auch im Trust mit The Evens) und anderen Protagonisten aus dem Umfeld auf, z.B. Mark Andersen von Positive Force DC in dem Ventil Verlag Buch über „Emo“. Ian ist (für den ein oder anderen schon zu oft) bei diversen DVDs als gerne interviewter Gast dabei. Ok, fast jeder Blog hat irgendwelche rare Konzertmitschnitte von Minor Threat oder Setlisten von Rites of Spring. Manche alte Bands, wie zum Beispiel Government Issue, spielen hier und da noch mal im 9:30 Club in der Stadt (interessanter Konzertbericht über ihren Auftritt Anfang Dezember 2010 in Washington DC unter tinyurl.com/2b8qxs4 bzw. zu finden auf der Seite von dem The Big Takeover Heft aus NYC, ich sage nur eins: Setliste von 38 Songs!!!).

Warum also die ganze Suppe noch mal aufkochen? Weil wir es können! Und: Relevanz Baby, pure Relevanz. Wir berichteten in der Vergangenheit schon über diverse Labels (und ihre Jubiläen), sein es Touch and Go Records, SST, Kill Rock Stars, Discorporate Records oder Noisolution gewesen. Taang! Records war mal in der Überlegung, aber dann doch keine Lust wg. zu doofer Streetpunk-Veröffentlichungen am Ende, aber das frühe Werk mit Hard-ons, Poison Idea, Lemonheads etc… vielleicht macht‘s ja wer anders; ebenso haben Alternative Tentacles Records auch ihr 30 jähriges Jubiläum, überhaupt könnte man auch zu Homestead oder In the Red… Und sowieso jubilierten jüngst Epitaph, Fat Wreck, BYO, Revelation, Lookout, Mystic, X-Claim, Bomp, Frontier, Wishing Well, Verniform, Slap-a-ham, Earache, X-mist, Crpyt, No Idea Records …

Dischord Records ist nicht nur durch den einzigartigen Ansatz, ausschließlich die lokale DC Bandszene zu dokumentieren, etwas besonders. Das Label veröffentliche in den 80er Jahren essentielle US-HC-Klassiker und brachte auch nach dem Boom um Fugazi Anfang der 90er bis hin zur jüngsten Zeit klasse Scheiben heraus, die vielleicht nicht mehr die geradeaus Punk – Musik brachte, aber dennoch von der Einstellung her eindeutig Punk waren. Integer, der Begriff fällt fast immer, wenn es um Dischord geht. Neben dem ganzen Underground-Ding fällt mir dazu hauptsächlich ein, dass es kein anderes Underground-Label gibt (denn wir reden hier über ein Haus, in dem ca. vier Festangestellte arbeiten) bei dem es keinerlei Skandale in Sachen Gerichtsstreits Band vs. Label bekannt sind, weil: es eben keine gibt. Nicht Dead Kennedys / Alternative Tentacles, nicht Butthole Surfers / Touch and Go, Screeching Weasel/Lookout, diverse Bands / SST…

Über die Bedeutung von Dischord für Punkrock und Hardcore müssen wir also nicht groß reden, ich tue es natürlich trotzdem. Das schwierige bei diesem Special war nicht, Material zu finden, sondern eher, sich zu beschränken. Alleine über Minor Threat könnte man leicht zehn Seiten schreiben (ich verspreche Euch aber, wir verschonen Euch hier mit Erkenntnissen zum Thema Straight Edge, dazu sind so viele Bücher erschienen, bei Interesse an diesem Strang der post-Minor Threat Geschichte da weiterlesen). Und über den Klassikerkanon – Flex your head Sampler, Embrace, Egg Hunt, Fugazi, Rites of Spring, Gray Matter, Void, Dag Nasty – wären diverse Trust Sonderhefte kein Problem. Und was ist mit Nation of Ulysses, The Make-Up? Und und und. Schaut euch die Diskografie an.

Verdammt, Artifical Peace laufen seit Wochen hier wieder zum ersten Mal seit gut 15 Jahren auf Dauerrotation… völlig unterschätzt, dabei ist ihr Einfluss auf D.R.I. oder Siege doch immens gewesen und wer würde schon behaupten, dass DRI oder Siege nicht ihrerseits Millionen von Bands beeinflussten? Aber diese kleine kurzlebige DC Band war eben ein Jahr vorher da. Wer was vom „Dischord Sound“ redet, der möge doch die 17 Songs von Artifical Peace und die „End Hits“ von Fugazi mal gegeneinander hören und dann noch mal nachdenken. Goverment Issue sind ja quasi die Entwicklung von Dischord in Miniaturform (genauso wie Black Flag / SST Records): vom kurzen, sau geilen, präzisen, aber auch da schon teilweise höchst melodischen Brechern der Anfangszeit hin zu immer ausgefeilteren Dingern (ok, nicht mehr auf Dischord selber) wie der Song „Strange Wine“ und die Platte „You“, das absolute, keine Wünsche offen lassende Spätwerk voller echter Emotionen, eine schöne Rockgitarre, aber nie lahm, sondern äußerst erregend.

Wie es sich für ein Pionier-Label wie SST, Touch and Go und eben Dischord gehört, wurden hier Platten veröffentlicht, die direkt ganze Punk-Genres begründet haben, selbstverständlich wurden diese dann bis zur Unkenntlichkeit weiterentwickelt, so dass die Urväter von den (Dischord) Bands oft nur völlig erstaunt Jahrzehnte später mit Verwunderung sagen können, dass das alles so ja überhaupt nicht gewollt oder gedacht war.

Denkt man hier direkt an den „GRADEN RAND“ von Minor Threat und der „Weiterentwicklung“ Richtung Vegan SE, Erdkrise, Hardline, muss natürlich auch der Einfluss von Rites of Spring als die angeblichen Erfinder von „emo“ fallen. Rites of Spring Sänger/Gitarrist Guy Picciotto (der später mit Fugazi sich selber ein Denkmal setzte, ihr kennt das Video von einem Fugazi-Konzert, wo er an einem Basketballkorb hängt? Nix da mit Fugazi, die lahmen Hippies, das ist spannender als Poison Idea es 1982 oder Negative Approach 1981 je hätten sein können) kann dazu nur den Kopf schütteln (Quelle: markprindle.com, ähnlich hat Guy das auch in Büssers Emo-Buch gesagt, zusammen mit Mark Andersen): „I’ve never recognized „emo“ as a genre of music. I always thought it was the most retarded term ever. I know there is this generic commonplace that every band that gets labeled with that term hates it. They feel scandalized by it. But honestly, I just thought that all the bands I played in were punk rock bands. The reason I think it’s so stupid is that – what, like the Bad Brains weren’t emotional? What – they were robots or something? It just doesn’t make any sense to me.“.

Und das war ja längst nicht alles. Fire Party gilt als die Blaupause für spätere Riot grrl Bands. Fugazi ja angeblich „die“ postpunk/postrock-ÜBER-Band schlechthin, überhaupt der „Dischord Sound“ als verkopfter Post-Punk. Ich weiß nicht. Was auf jeden Fall feststeht: Dischord waren zwar nicht die einzigen, die in den 80er Jahren HC-Punk durch melancholische, etwas langsamere Plattenveröffentlichungen total revolutionierten, lange bevor es Alternative Rock / Grunge etc gab und zu College Rock und Indie-Musik mutierte. Die Labels SST (Leaving Trains, Dinosaur jr, Hüsker Dü), Taang! (Lemonheads, Moving Targets) und Dischord (Gray Matter, Rites of Spring, Dag Nasty) – ihre Bands hätten alle auch auf jedem der drei Labels erschienen sein können, es hätte gepasst -, also, diese drei Labels (mit noch wenigen anderen wie Homestead) waren die Pioniere dafür, dass genau diese Form von Hardcore eine der wichtigsten Epochen in der Punkgeschichte geworden ist. Allein dafür ist Dischord nur zu danken. Das sie heute, 2010 (bei der Niederschrift des ganzen im verschneiten Frankfurt Anfang Dezember) bzw. 2011, wenn ihr es hoffentlich schön draußen im Biergarten lest, immer noch da sind, immer noch aktiv sind… das ist wirklich absolut großartig, fantastisch.

Gründe genug für dieses 30 Jahre Dischord-Special. Der Aufbau ist schön divers, die Label-Geschichte, die Gastbeiträge der Washington DC- bzw. Dischord-Szene bzw. dem Umfeld, die Amy Pickering und Jeff Nelson Fotos, die Diskografie, die best of fünf Dischord Platten der Trusties (aus dem SST Special geklaute Vorgabe, dass die am Special beteiligten Trust-Leute ihre fünf Lieblingsscheiben nennen müssten/könnten) und die Interviews, alles in sich verwoben, so bleibt es hoffentlich spannend, aber nicht chaotisch zu lesen. Der letzte Beitrag stammt vom „Dance of Days”-Buchautor Mark Andersen, seine Sätze zum Ende hin habe ich extra im englischen Original gelassen. Wenn ihr nicht spätestens da Gänsehaut bekommt, dann seid ihr entweder cool oder cold. Danke, Mark, für diese wunderschönen und wichtigen Gedanken. Wie es bei den Dischord-Platten immer so auf dem Backcover stand, möchte ich hier meinem Koordinationspartner Schippy, allen Trusties, allen Beteiligten danken und natürlich Dischord für seine Existenz: Thanks.

(Jan Röhlk)

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Interview mit Jeff Nelson

Jeff Nelson ist im Vergleich zu Ian sicherlich der ruhigere und medial weniger präsente der beiden Dischord-Gründer und -Inhaber. Und mag Jeff auf den ersten – und vielleicht sogar zweiten – Blick mitunter kauzig wirken, sind die vielen, untereinander mitunter widersprüchlich anmutenden, Facetten seiner Person nicht minder interessant. Der mittlerweile in Toledo (Ohio, USA) lebende ehemalige Schlagzeugers von Teen Idles, Minor Threat, Skewbald/Grand Union, Egg Hunt sowie Three (3) und Inhaber von Adult Swim Records nahm sich kurz vor Weihnachten 2010 Zeit, über sein Leben, seine Vorstellungen und seine Pläne zu plaudern.

Du bist vor einigen Jahren aus DC nach Toledo gezogen. Wie kam es dazu?
JEFF NELSON: Ich bin dorthin vor sieben Jahren gezogen, da ich mich nach Veränderung in meinem Leben sehnte. Die ersten 15 Jahre meines Lebens habe ich in Übersee verbracht, da mein Vater im auswärtigen Dienst und den Vereinten Nationen tätig war. Deswegen sind wir auch alle zwei Jahre umgezogen. Das ist wohl auch der Grund dafür gewesen, weshalb ich in meinem Leben seit jeher nach Stabilität suchte. Meine Familie kam 1976 nach DC zurück und blieb zunächst in der Gegend. Später verzog meine Familie dann wieder in andere Teile des Landes, ich jedoch blieb wegen Dischord, meinen Bands und Freunden. Irgendwann verspürte ich jedoch in mir den Wunsch, ein schönes, großes Haus zu besitzen. Aufgrund meiner Vorliebe für viktorianische Architektur spielte ich irgendwann jedoch mit dem Gedanken, mein Glück vielleicht auch in anderen, günstigeren Städten zu suchen. Weil ich mich außerdem für Jeeps aus den Jahren 1963 bis 1991 begeistere, besuchte ich 2002 in Toledo die Jeep-Fabrik.

Bei diesem Besuch entdeckte ich dann ein wunderschönes Stadtviertel in der Nähe des Kunstmuseums, das sich „Old West End“ nennt und das größte zusammenhängende Viertel mit Häusern aus der Zeit Edwards des VII. und der viktorianischen Epoche östlich des Mississippis ist: Straßenzug um Straßenzug voller fantastischer Häuser, die zudem alle im Vergleich zu DC noch sehr preisgünstig sind. Toledo ist eine mittelgroße Stadt (300.000 Einwohner – Anm. der Redaktion), die sich aber wie eine Kleinstadt anfühlt. Am Ende kaufte ich dann ein Haus aus dem Jahre 1890. Und auch wenn es sehr schön ist und es mir großen Spaß macht, das Haus zu renovieren, nehmen die Instandhaltungsarbeiten kein Ende und die Heizungsrechnungen sind extrem hoch – und das obgleich ich im Winter Tag und Nacht drei Pullis und lange Unterhosen trage.
Irgendwann war also das Bedürfnis nach Veränderung und dem Wunsch, ein bezahlbares Haus zu besitzen doch größer als ein stabiles soziales Umfeld zu haben. Würdest Du diese Entscheidung heute, also ex post betrachtet, wieder fällen?
Grund meines Umzuges war nicht allein der Wunsch ein Haus zu besitzen – ich hatte ja schon eines in Arlington. Aber das fand ich eben zu klein und architektonisch langweilig. Einige meiner besten Freunde sind damals zudem aus DC nach Nashville gezogen. Und auch wenn es mir schwer fiel aus DC wegzuziehen, hat mich beispielsweise die dortige überzogene politische Korrektheit irgendwann doch auch sehr genervt. Irgendwann juckte es mich eben einfach nach einer Veränderung. Und wäre es vielleicht auch klüger gewesen, in eine Stadt, die wirtschaftlich besser dasteht, zu ziehen, finde ich vieles an Toledo toll. Zudem fand ich hier auch sehr viele Freunde. Ich bin mir sicher, dass ich hier auch wieder viele Freunde finden würde, müsste ich jetzt nochmals hierher ziehen.
Die lokale Zeitung „Toledo Blade“ hatte damals berichtet, dass der Kaufpreis für Dein Haus den alten Rekordpreis im „Old West End“ brach. Das war vor der Finanzkrise…
…gemessen am lokalen Kaufpreisniveau habe ich wohl zu viel bezahlt, aber es war einfach das schönste Haus. Und verglichen mit dem Preisniveau von DC war es zudem wiederum sehr günstig. Leider haben hier seit der Krise alle Häuser im Viertel die Hälfte ihres Wertes verloren – auch meines. Stünde ich nochmals vor der Wahl, würde ich wohl ein kleineres viktorianisches Haus mit einem Schuppen oder einer Garage kaufen, wo ich basteln und handwerken könnte.
Inwiefern bist Du denn nach Deinem Umzug nach Toledo, was nahezu 800 km von DC entfernt liegt, noch Teil von Dischords Tagesgeschäft?
Ich bin trotz meines Umzuges noch immer Mitinhaber von Dischord und es hat sich in den letzten paar Jahren herauskristallisiert, welche Dinge ich von hier aus machen kann und welche man vor Ort in DC machen muss. Ich mache noch immer Grafikdesign für Dischord, gestalte etwa die Dischord-Anzeigen, und kümmere mich um Buchhaltungs- und Steuerthemen. Die Musikindustrie hat sich in der Zeit, seit ich aus DC weggezogen bin, geradezu dramatisch verändert und unzählige Labels, Plattenläden und -vertriebe haben aufgegeben oder mussten aufgeben. Und durch den Vertrieb digitaler Musik wurden an die Industrie neue Anforderungen gestellt. Ian hat diesbezüglich seine Hausaufgaben jedoch bestens gemacht, seit ich in DC weggezogen bin.
Was für andere Projekte gibt es denn derzeit sonst noch in Deinem Leben?
Hier in Toledo mache ich Grafikdesign und plane derzeit mit einem Freund zusammen zu arbeiten, der Einladungen für Hochzeiten und Bar Mitzwas auf alten Buchdruckmaschinen aus den 20ern und 30ern druckt. Außerdem engagiere ich mich in einigen Denkmalschutzkampagnen, unter anderem im Kampf um die Erhaltung der ältesten High School der Stadt, der „Scott High School“, die 1912 erbaut wurde, was natürlich im Vergleich mit Gebäuden bei Euch in Europa nicht sehr alt ist. Ich habe dafür den Arbeitskreis „Save our Scott“ gegründet, dafür ein Logo und viele große Protestplakate entworfen und diesem Engagement fast sechs Monate nonstop gewidmet. Der Erfolg der Aktion ist der, dass die Schule jetzt für US$ 41 Mio. renoviert wird, was Ende 2011 abgeschlossen sein soll.
Erzähl doch etwas über den genaueren Hintergrund der Aktion und der Schule.
Einige Jahre vor meinem Umzug nach Toledo wurde vom Staat Ohio ein schreckliches Programm verabschiedet, das leider auch vom Wähler bestätigt wurde. Danach sollte der Bau neuer Schulen staatlich gefördert und subventioniert werden, was fast allen der alten und schönen Schulgebäude zum Verhängnis wurde. Das ganze Programm war auf Neubauten ausgerichtet, da die Baulobby hier sehr stark ist. Anscheinend interessiert sich das Land Ohio und die Stadt Toledo nicht für seine eigene Geschichte. Jedenfalls war Teil des Deals, dass drei der schönsten alten Schulen erhalten und renoviert werden sollten – eine davon ist die Scott High School. Ich wohne nahe an der Schule und jeder im Viertel ging davon aus, dass die Scott High School irgendwann demnächst renoviert werden würde, als aber dann plötzlich und für alle überraschend verlautbart wurde, dass dafür nunmehr doch kein Geld mehr vorhanden sei und innerhalb von nur drei Monaten US$ 14 Mio. aus Spenden zusammen kommen müssten, um das Projekt überhaupt noch umzusetzen.

Das hat uns einen ganz schönen Schock versetzt und wütend gemacht. Und ich konnte dabei nicht nur tatenlos zusehen. Mir wurde klar, dass wenn die Schule nicht mit hauptsächlich staatlichen Geldern renoviert werden würde, die Scott nie renoviert und dann irgendwann geschlossen werden würde. Und dann wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis in das Gebäude eingebrochen, das dort noch Vorhandene gestohlen und das Schulgebäude dann als Konsequenz abgerissen werden würde. Und mir und ein paar wenigen anderen war eben schnell klar, dass dies der Lauf der Dinge sein würde, wenn wir uns nicht aktiv einbringen würden. Und so schlossen wir uns zusammen, kämpften energisch und haben das Gebäude gerettet.
Vor einigen Jahren las ich darüber, dass Du an einem Buch über eine Brücke in DC arbeitest.
Die Brücke in DC, die ich heiß und innig liebe, heißt „Dumbarton Bridge“ und wird auch die „Q Street Bridge“ oder „Buffalo Bridge“ genannt. Sie wurde 1915 gebaut und überquert den Rock Creek Park, der Washington teilt. Von unten sieht die Brücke aus wie ein römisches Aquädukt und man sieht von dort aus 56 Indianerköpfe aus Sandstein – und von oben sieht man vier große, bronzene Büffel, die die Brückenzugänge bewachen. Die Brücke wurde von dem berühmten Architekten Glenn Brown und dessen Sohn gezeichnet, die Büffel wurden von dem berühmten Bildhauer Alexander Phimister Proctor geschaffen und die Indianerköpfe sind einem Abdruck des Kopfes des Häuptlings „Kicking Bear“, der Anführer des „Sioux Ghost Dance“ (einer Glaubensrichtung innerhalb der Sioux – Anm. der Redaktion), die später unter anderem Auslöser für das Wounded-Knee-Massaker sein sollte. Näher werden wir in DC wohl nicht an ein römisches Aquädukt rankommen, die Brücke hat Indianer sowie Büffel und ist eine der wenigen Brücken im Lande, die einer Kurve folgt. Es ist eine wunderschöne kleine Brücke und seit 24 Jahren arbeite ich an dem Buch darüber. Ich bin sicherlich weltweit der Nummer-1-Experte über die Brücke. Das Buch soll zum 100. Jahrestag des Brückenbaus, an dem ich ein Fest ausrichten werde, fertig werden.
Ich habe einige Zeitungsartikel über Deine Anti-Kriegskampagnen gelesen und andererseits weiß ich, dass Du Kriegsuniformen sammelst. Natürlich kann man gegen Krieg und gleichzeitig von Kriegsuniformen fasziniert sein, allerdings ist das kein Faible, der auf der Hand liegt.
Ja, schon irgendwie seltsam: ich bin Pazifist und verabscheue das Pentagon und die Militär- und Rüstungsindustrie, vor der Eisenhower die Amerikaner gewarnt hat, gleichzeitig glorifiziere ich manche Konflikte der Vergangenheit. Und einerseits stehen in meinem Vorgarten Protestplakate gegen den Irakkrieg, und ich werde wohl auch welche gegen den Afghanistankrieg hinzufügen, andererseits faszinieren mich Uniformen und Ausrüstungen. Ich hasse Gewehre, aber ich bin fasziniert von so manchen Waffen, die die Menschen erfunden haben. Als Kind liebte ich Indianer, später Römer, die Ritter und dann die deutschen Truppen im 2. Weltkrieg.

Damals habe ich Modellpanzer und ähnliches gebaut und wollte sogar irgendwann alle Flugzeugmodelle der Luftwaffe nachbauen, aber dann habe in der 10. Klasse, ca. 1978, entdeckt, dass es Läden gibt, wo man die Originalhelme, -schuhe und -uniformen kaufen konnte. Danach war ich Feuer und Flamme und habe das Interesse an der Modellbauerei verloren. Militäruniformen sind für mich das Nonplusultra männlicher Couture und die Deutschen hatten einfach die besten Uniformen aller Zeiten. Ich bin sehr froh darüber, dass die Uniformen der Amerikaner so furchtbar hässlich sind, denn sonst würden sicherlich mehr junge Männer zum Militär gehen. Früher habe ich Dinge aus Zeiten des 3. Reiches gesammelt, aber man kann diese nicht auf- bzw. ausstellen oder anderen zeigen, ohne als Nazi verdächtigt zu werden. Deswegen bin ich auf Sammelstücke aus dem 1.Weltkrieg umgestiegen und bin nunmehr besessen von deutschen Uniformen aus der Kaiserzeit, vor allem den preußischen Uniformen.

Ich mag außerdem vor allem Kavallerieuniformen, etwa die der Uhlanen, der Husaren und der französische Leibgarde, und die Uniformen der Schutztruppe der deutschen Kolonialtruppen in Afrika und Ostasien. Ich habe eine kleine Sammlung von Kinder-Schaufensterpuppen, die kleine Abbilder der Uniformen ihrer Väter tragen. Ich kann es mir nämlich gar nicht leisten, ernsthaft zu sammeln, denn das Zeug ist teilweise unfassbar teuer. Fast so wie das Sammeln von Autos. Ich habe auch ein paar Jeeps, aber ich kann es mir leider nicht leisten, sie fahrbereit und in gutem Zustand zu erhalten. Das Sammeln von Autos überlasse ich deswegen den Ärzten und Anwälten, die es sich leisten können, die Autos auch fahrbereit zu erhalten. Außerdem habe ich noch eine große Sammlung von Kaugummis aus aller Welt.
Über die letzten Monate und Jahre hast Du einen Teil Deiner Plattensammlung auf eBay veräußert. Wie schafft es ein Sammler wie Du, sich von solchen Sammelgegenständen zu trennen?
Nachdem ich Erfahrung im ersteigern und kaufen von Sammelobjekten auf eBay gemacht habe, nämlich mit Jeeps und Uniformen, habe ich auch damit begonnen, zu versteigern und zu verkaufen. Ich gebe aber nur Dinge her, die ich nicht mehr will oder doppelt oder mehrfach besitze. Für manche der alten Platten, die ich für nahezu 30 Jahre sorgsam aufbewahrt habe, habe ich sehr, sehr gute Preise erhalten. Es schmeichelt mir, wie sehr Dischord und Minor Threat noch geschätzt werden, und welches Interesse daran offensichtlich noch besteht.
Und manch einer gibt für eine dieser Platten sein Monatsgehalt aus. Ist das für Dich nicht irgendwie auch komisch?
Nicht wirklich. Die Leute sammeln halt verschiedene Sachen und wenn es nur wenige Exemplare eines Sammelobjekts gibt, sind manche eben gewillt mehr zu zahlen, um das Sammelobjekt besitzen zu können. Ich sammle ja selbst genügend Dinge, für die ich unvernünftige Geldsummen zu zahlen bereit bin. Und das Vermächtnis von Minor Threat ist eben weiter gewachsen. Was heute eine Art „Religion“ ist, also straight edge, beruht auf zwei unserer Songs, deswegen ist es wahrscheinlich nachvollziehbarer, dass deren Anhänger gewillt sind, viel Geld zu bezahlen, um in den Besitz der Originale dieser „heiligen Schriften“ zu kommen, hahaha. Es ist also eher schmeichelnd und verblüffend, aber für meinen Geschmack nicht komisch. Auch wenn wir damals nicht daran gedacht haben, mit unserer Musik Geld zu verdienen, muss ich zugeben, dass die Summen, die für unsere Platten in Auktionen geboten wurden, für mich eine Art Bestätigung sind.
1989 hast Du ja dann Adult Swim Records gegründet. Wie kam es dazu und inwiefern ist das Label noch aktiv?
Ich habe Adult Swim gegründet, um darauf Musik herauszugeben, die mir gefiel, die Ian aber nicht auf Dischord haben wollte. Es handelte sich dabei meist um Projektbands mit einem anderen Sound, der nicht sehr punkig ist, und Bands, die aus anderen Städten kamen. Dischord dokumentiert ja nur die DC-Szene, mit Ausahme von Lungfish, die aus Baltimore stammen. Ich glaube, die Bands auf Adult Swim bilden meinen musikalischen Geschmack und dessen Veränderung im Lauf der Jahre ab. Derzeit ist das Label nicht wirklich aktiv. Ich habe halt erkennen müssen, dass ich nicht die ausreichenden Mittel habe, um Bands angemessen zu promoten. Und die Kombination von unbekannten Bands auf einem unbekannten Label ist eben unter diesen Voraussetzungen nicht wirklich gut. Ich habe zuletzt die „Fast Piece of Furniture“-Platte als Split-Release mit Dischord und DC Jam Records, das von einem Freund aus Missouri betrieben wird, herausgegeben.
Ist denn Fast Piece of Furniture, also Deine aktuellste Band, noch aktiv? Und wir kam es eigentlich dazu, dass Du wieder zu spielen begonnen hast?
Als ich nach Toledo zog, hatte ich mein Drumkit seit 12 Jahren nicht mehr angefasst. Die zweite Person, die ich hier kennengelernt habe, Tony, wurde schließlich mein bester Freund und ich mochte Tonys Art Gitarre zu spielen und zu singen so sehr, dass ich wieder zu spielen anfing. Wir haben dann eben mit Fast Piece of Furniture angefangen. Unsere CD kam 2007 raus und eine Deluxe-LP-Version schließlich 2010. Weil Tony aber nach Kalifornien gezogen ist, kommen wir derzeit nicht wirklich zum Proben. Keine Ahnung, was mit der Band künftig passieren wird.
Wird es Dischord in 30 Jahren noch geben oder werden MP3s das Label killen?
Wird es Dischord in 30 Jahren noch geben? Wow, das ist hart vorherzusagen. Ian und ich wären dann beide fast 80 Jahre alt. MP3s werden sicherlich weitere Veränderungen in der Musikindustrie nach sich ziehen. Da digitale Files einzelner Songs in der Regel von einem Album und Songsammlungen losgelöst sind und zudem mit nur einem Mausklick von zuhause oder jedem anderen Ort der Welt gekauft werden können, ist vieles von dem, was ein Label klassischer Weise angeboten hat, irrelevant geworden. Vor allem als Grafikdesigner glaube ich aber, dass eine gute „Verpackung“ der Musik mit Fotos, Artwork und Texten für wahre Fans der jeweiligen Band immer interessant bleiben wird. Vielleicht zeigt die Zukunft ja, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege, aber ich denke eben auch, dass die Menschen gerne ein Produkt in ihren Händen halten und wahre Fans zudem das Gefühl haben werden, dass die digitale Dateien ihrer Lieblingsbands auf ihrem Rechner ihnen nicht genug sind. Aber das wird die Zeit wohl zeigen.
Danke für das Interview.

(Interview: Christian Unsinn)

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„A Dischord sound doesn’t exist.“
Interview mit IAN MACKAYE

Ein Interview zum 30 jährigen Geburtstag von Dischord Records mit Ian als Labelinhaber neben Jeff Nelson hat natürlich eine totale Berechtigung. Da denkt man sich „Ganz toll, mein erstes Telefon-Interview überhaupt und dann direkt mit Ian“. Nach zwei Testinterviews mit Peter bzw. Dolf einen Tag vorher (das Interview kommt auch noch irgendwann mal, ha) wurde ich am Abend des Geschehens zunehmend nervöser. Die Fragen standen seit einigen Wochen, Ian macht eben keine E-Mail Interviews, weil „It feels like Homework and fuck homework“… Nun, man ruft dann um 19:15 Uhr Ortszeit Frankfurt nach einem mehr als bescheidenen Arbeitstag in Washington DC (dort ist es dann 13:15 pm) an, Ian Mc Kaye ist an der Strippe und begrüßt einen dann (auf Deutsch) mit „Haben sie gut geschlafen, mein Freund?“. Ich meinte, ich hätte acht Fragen und das ganze wäre nach ca. zehn Minuten vorbei, er lachte und meinte, da hätte ich aber noch nie mit ihm gesprochen. Im Gegensatz zu Jello Biafra, dem man einfach ein Diktiergerät hinstellen und nach einer Stunde wieder kommen kann, hat Ian aber einfach substanzielles zu erzählen, straight (ja nee klar oder? Man verzeihe mir den Witz…) to the point und erfrischend idealistisch. Das es schwer ist, ihm ganz neue Fragen zu stellen, geschenkt, ich denke bei aller Bescheidenheit dennoch, dass ihr vielleicht die ein oder andere Info nicht wusstet, zum Beispiel die Sache mit „Stepping Stone“, Slayer und so.

Hi Ian, Dischord ist 30 Jahre alt geworden, herzlichen Glückwunsch. Nach der großartigen Box zu eurem zwanzigsten Geburtstag, gibt es Pläne, auch dieses Jubiläum durch was Spezielles zu feiern?
Nein. Ich feiere keine Geburtstage, ich mache meine Arbeit. Ich gehe auch auf keine Geburtstagsparty oder so was. Im Dezember 2010 werden wir genau 30 Jahre alt, das feiert man am besten dadurch, dass man dafür sorgt, dass es noch ein oder zwei oder drei Jahre weitergeht. In Bezug auf das Boxset gab es dafür zwei Absichten, die wir damit verfolgten. Zuerst mal wollten wir damit eine Aussagen treffen und einen Punkt machen: Zu Beginn von Dischord sagten uns die Leute in den USA, dass wir bald tot sein würden, dass wir zu idealistisch sind, es nie klappen wird, so wie wir – so kann man nicht ein Label betreiben…
So nach dem Motto „Ihr seid nicht professionell genug“?
Genau, ihr seid halt zu idealistisch und so weiter. Es hieß, das könntet ihr vielleicht jetzt schaffen, aber irgendwann müsst ihr Anwälte beschäftigen, irgendwann wird es ernst. Das hörten wir immer wieder. 2000 sind wir 20 Jahre alt geworden, wir haben Mitarbeiter, wir zahlen sie, wir zahlen Royalties an unsere Bands, keine verklagte uns. Das Boxset sollte die Frage aufwerfen „Are we fucking real yet? Can we work yet?“ Wird es möglich sein, etwas mit Punk zu machen, was nicht nur ein Witz oder nur temporär ist? Nach 20 Jahren stellten wir fest: Ja, so was ist möglich, es zu versuchen ein Label auf eine andere Art zu machen. Das war eine politische Sache für mich, diese Frage zu stellen, ob wir ein echtes Label sind. Die zweite Absicht war zu unterstreichen, wer wir als Label sind. Und das sind unsere Bands. Es gibt keine Band ohne einen Song…
Stimmt.
Ja, und du kannst kein Label machen ohne Bands.
Das Label kann das nur verstärken, was die Bands machen oder von ihnen kommt?
Wir wollten die Bands ehren, die sich uns mit ihrer Musik anvertraut haben, denn genau das ist es: Sie haben uns vertraut und uns ihre Musik gegeben. All die Jahre. Das Boxset hat von jeder Band einen Song, in dem Booklet geht es zwar ein bisschen um das Label, aber im Großteil um die einzelnen Bands. Die Leute sagen immer, es gibt den Dischord-Sound. Ich glaube, sie verstehen das falsch. Das ist Bullshit. Ein Dischord-Sound existiert nicht. Dischord war schon am Anfang experimenteller, als viele Leute denken. Ok, das ist meine Meinung dazu. Mit dem Boxset versuchten wir, darüber aufzuklären. Ansonsten gibt es keine Geburtstagsfeier. Und wenn du es bemerkt hast, die Box heißt nicht „20 years anniversary of Dischord Records“, sondern „20 years of Dischord“.
Ein Punkt für dich, klar. Also ist die Box einerseits historisch zu verstehen, und auf anderen Seite an die Zukunft gerichtet, ihr befindet Euch im Jetzt?
Ja, aber auch, um zu zeigen, dass diese Musik noch erhältlich ist und auch wieder entdeckt werden kann. Wenn man sich zum Beispiel eine Band wie Circus Lupus anhört, dann denkt man sich, Scheisse, waren die geil, also, ich fand sie großartig, aber man hörte nie viel über sie. Darauf wollten wir die Aufmerksamkeit richten.
Wie Dischord arbeitet finde ich echt toll, nur viele andere Labels funktionieren ja völlig anders.
Stimmt. Aber wir sind nicht „wie viele andere Labels“.
Ja, was mir bei Euch am meisten auffällt, dass es keine Rip-off-Vorwürfe seitens der Bands gibt. Wenn man sich Punk-Labels anschaut, die zur gleichen Zeit gestartet sind, überall hörst du so etwas. Wie z.B. SST und ihre Bands, Dead Kennedys und Alternative Tentacles, Butthole Surfers und Touch and Go…was ist das Geheimnis von Dischord? Oder hattet ihr einfach Glück? Echt super, aber auch echt selten.
Du meinst, dass sich Bands bei uns nie beschwert haben, so was?
Also, ich kenne keine.
Das stimmt auch, ok, es gab mal eine Person, die sauer auf uns war, aber…
Ich meine, sogar die Crass-Leute verklagen sich jetzt vor Gericht wegen deren Wiederveröffentlichungen.
Hahaha. Dischords Mission ist die Dokumentation der DC-Bands und das sind oft Freunde. Wir haben ja nie Verträge gemacht, es gab keine Anwälte, diesen Aspekt des Geschäftes lehnten wir immer ab. Es geht dort ja immer ums Geld. Und wir haben versucht, es anders zu machen. Am Anfang gab‘s ja auch gar kein Geld zu machen. Und dann: Wir haben immer gezahlt. An alle alten Bands. Immer noch, egal, ob es 28 Jahre her ist. Zweimal im Jahr schreibe ich 150 Schecks an alle Bands, jeden Profit bekommen sie. Ich weiß nicht, warum uns Leute verklagen sollten? Wir zahlen doch. Vielleicht wäre das ganze in anderen Situationen anders bei anderen Labels, zum Beispiel habe ich keine Ahnung, was da bei Crass los ist. Ich kenne die Situation nicht. Ich weiß, dass es vor Jahren dort eine Menge Konfusion gab.
Steve Ignorant spielte vor kurzem hier in Frankfurt und erzählte das mit dem Gericht…
Das ist echt Scheisse. Ich meine, das Dead Kennedys-Ding war eine Enttäuschung, Butthole Surfers eine echt noch größere. Aber ich habe keine Antwort dazu. Warum? Vielleicht… Wenn jemand bei uns wirklich Probleme hat und sagt „Ihr rippt mich ab“, dann würde ich sagen: OK, was willst du? Willst du deine Platte zurück? Hier, nimm sie. Wenn sie denken, dass ich sie abrippe und es ernst meinen: Ja, nehmt eure Platte.
Sehr gut.
Ich werde doch nicht mit ihnen deswegen kämpfen oder so. In anderen Situationen bei anderen Labels ist es vielleicht anders. Ich weiss es nicht. Die Sache ist: es ist doch nur Geschäft oder geht nur um Geld. Die Crass-Sache, ich kann mir kein Gericht der Welt vorstellen, dass das verhandeln würde, also, wenn es da um künstlerische Debatten geht. Es geht doch immer nur um das Geld. Die Butthole Surfers, als sie Touch and Go verklagt haben, das war lächerlich, Corey war immer aufrichtig zu ihnen. Touch and Go war zentral für den Erfolg der Band verantwortlich, denke ich.
Stimmt.
Ich glaube, das war dann so: Sie hatten dann einen Manager und die Beziehung von Band und Label war unverbindlich, der Manager wollte daran teilhaben, deshalb wurde neu verhandelt, es ging um mehr Geld und Einfluss. Die Band war 15 Jahre auf dem Label und Corey war perplex, warum ruft da jetzt ein Anwalts- oder Managertyp an, wenn die Butthole Surfers doch seine Freunde waren? Sie haben nicht gut nachgedacht. Der Typ, der einen Artikel dazu schrieb, schlug sich darin auf die Seite der Band. Nachdem sie denn Prozess gewonnen hatten, stelle er mir die Frage, ob sich die Idee von Touch and Go, ohne Verträge zu arbeiten, als eine nicht gute herausgestellt hätte und ich sagte „Nein, denn stell dir vor, du machst jeden Tag einen Spaziergang durch einen wunderschönen Park, und jeder Tag macht dich glücklich und es macht dir Spaß. Eines Tages springen vier Leute hinter einem Felsen hervor und schlagen dich zusammen und rauben dich aus und klauen dein ganzes Geld… War dann der Spaziergang in dem Park eine schlechte Idee?“
Guter Vergleich.
Das ist ja einfach das, was passiert ist. Du hast jahrelang den Park genossen und plötzlich wurdest du ausgeraubt.
Sag mal, du hast den Dischord-Ansatz, nur DC Bands zu veröffentlichen, schon erwähnt. Fühlst du dich so nicht manchmal auch limitiert? Normalerweise beginnen Labels mit lokalen Bands, dann nehmen sie später Internationale und expandieren geografisch gesehen. Dischord blieb bei seiner DC-Szene, hattest du je das Gefühl, du verpasst ne gute Band?
Häh? Ob ich was verpasst habe?
So nach dem Motto „Mist, die und die würde ich gerne nehmen, aber die wohnen in Los Angeles und wir machen nur DC Bands“?
Ah, verstehe. Ziemlich am Anfang war das bei mir so mit den 7 Seconds. Sie hatten schon ganz früh große Probleme Platten auf ihrem Label rauszubringen, und sie waren eine so großartige Band und Kevin ist ein toller Typ. Und da wünschte ich mir, ich könnte ihre Platten veröffentlichen, weil alles so desorganisiert war. (Anmerkung Jan: Ian war jedoch immerhin Produzent einer 7 Seconds Platte). Ansonsten hatte ich nie das Gefühl. Klar gibt es großartige Bands, mit denen ich gerne was gemacht hätte… Aber es gibt auch großartige Menschen, mit denen ich gerne mehr machen würde. Das ist Fluch und Segen vom technischen Zeitalter, es gibt Flugzeuge, aber wir brauchen sie nicht, damit wir beide jetzt diese Unterhaltung führen. Ich liebe Dolf. Würde ich Dolf gerne öfters sehen? Natürlich! Wir hätten uns nie getroffen, wenn ich nicht rübergeflogen wäre. Aber ich kann ihn nicht öfters sehen, als wie es eben jetzt geht, weil ich in Washington lebe und er in Bremen.
Haha, ja…
Deshalb, ja, klar, es gibt gute Bands da draußen, aber wenn sie nicht hier leben…
Sie müssten umziehen.
Jaaaa, aber so funktioniert das ja nicht.
Schon klar, kleiner Witz. Die Bad Brains hatten einen riesigen Einfluss auf die frühe DC Szene, mich wundert, warum sie nie auf Dischord waren, sie kamen ja aus der Stadt?
Sie zogen nach New York.
Häh?
Sie zogen nach New York.
Ach so, ja klar, aber sie kamen ja aus Washington?
Aber sie zogen 1980 weg. Und sie waren älter als wir. Sie nahmen uns auch nicht so ernst. Ok, wir waren Freunde, aber sie wollten schon auf ein echtes Label. Capitol Records oder so und nicht zu Dischord. Sie wollten groß werden und wir waren nur Kinder. Lustig aber, ich telefonierte vor kurzem mit ihrem Bassisten, Darryl, und er meinte „Immer wenn es um DC geht, heißt es immer Minor Threat hier, Fugazi da, Mensch Junge, sag doch mal, warum erwähnt keiner die Bad Brains?“ und ich sagte „Ja, weil ihr 1980 nach New York gezogen seid.“
Ok.
Ja fuck, aber er dann so „Warum habt ihr keine Platte von uns raus gebracht?“ und ich so „Alter, ich bitte dich. Ihr hättet doch nie auf Dischord sein wollen, wir waren doch kleine Kartoffeln.“
Das war Darryl Jenifer oder ?
Ja genau. Ich meine, die Bad Brains, noch mal, sie sind eine Band, die ich liebe und natürlich hätte ich es sau geil gefunden, eine Platte von ihnen zu machen. Aber ihre Geschäfte waren immer schon so eine Sache und ich wollte nie mit ihrer Business-Seite etwas zu tun haben, verstehst du? Das ist so eine Eigenschaft von mir. Wenn du Geld machen willst, dann bin ich nicht der richtige Gesprächspartner. Das ist mir echt so was von scheißegal und interessiert mich überhaupt nicht. Sie wollten von der Band leben und dazu ein Konzept machen. Das ist nicht mein Konzept. Die Leute sagen immer, ich lebe von der Musik. Das ist nicht wahr. Ich lebe von meiner Arbeit. Zurzeit mache ich keine Musik, ich arbeite. Ich arbeite die ganze Zeit. Ich buchte Touren von Evens, buchte Touren von Fugazi und Minor Threat, ich arbeite beim Label, ich arbeite die ganze Zeit und deshalb kann ich die Musik auf eine andere Art machen, verstehst du? Ich kann Musik machen, wo ich will, wie ich will, wann ich will und aus Gründen, die ich will. Ich lebe nicht von meiner Musik. Ich lebe von meiner Arbeit. Und diese ermöglicht es mir, meine Musik so zu machen, wie ich es will.
Guter Punkt, war mir vorher nicht ganz so klar.
Ja und wenn eine Band zu mir kommt und sagt „Wir brauchen mehr Geld“, dann sage ich, ihr müsst dahin gehen, wo mehr Geld ist.
Haha.
Haha. Ziemlich offensichtlich oder?
Ja.
Wenn du mehr Geld willst, dann musst du dahin gehen, wo es mehr Geld gibt. Aber wir können dir nicht weiterhelfen.
Yeah.
Oder die Band sagt, ihr müsst mehr traditionellen Promotion-Kram machen. Aber wir machen keinen traditionellen Promotion-Kram. Deshalb müssen sie dahin gehen, wo traditioneller Promotion-Kram gemacht wird! In den 90er wollten die Leute Videos machen. Und ich sagte „Macht es doch“, aber ich werde kein Video machen und dafür bezahlen.
Die guten alten Marketing Tools…
Ja, das ist Werbung. Wenn du das machen willst, super, aber wir machen es nicht. Mach es selber. Scheiss drauf. Geh zu einem Laden, wo so was gemacht wird, bei uns wird es nicht gemacht. Die Sache ist: Vielleicht bin ich apologetisch, wir sind Dischord und machen das auf unsere Art und Weise. Vielleicht bin ich da egozentrisch, altmodisch oder idealistisch: es ist mir total scheißegal. Ich will, dass es echt ist! Ich will nicht das machen, was die Industrie macht. Normalerweise werden da Jobs gemacht, die man eigentlich nicht machen sollte. Du bist mit dem Konzept „Band macht eine Tour, um die Platte zu supporten“ vertraut? Da entsteht der Eindruck, dass die Platte der Punkt ist. Aber das soll nur Einkommen generieren und Platten sind ja nur tote Waren. Platten sollten Touren supporten. Leute sollen die Songs kennen, Leute sollen sehen, wie die Musik sich anfühlt, vielleicht könnte man ein Konzert zusammen machen und so. Das ist einfach eine andere Denkweise. Das ist meine.
Gut, aber ungewöhnlich.
Ja, aber das ist echt wieder mein Punkt: Ich sag doch nicht, dass jemand wie ich sein soll. Ich sag nur, wenn jemand auf Dischord sein will, dass es so abläuft.
Dischord, guter Punkt. Warum ist die Szene so gut dokumentiert, die ganzen Fotobücher, wussten die Leute ganz früh schon, das hier was besonders passiert? Oder einfach wieder Glück? Die DC-Szene ist ja echt besser dokumentiert als die viel größere Los Angeles Szene?
Meinst du, größer als die L.A. Szene? Nun ja, kann sein. Wir wussten nicht, dass es wichtig war, aber wir wussten, dass es wichtig für uns war. Es war ja nicht so, dass wir das dokumentieren, damit Jan mich 2010 anruft…
Verstehe, ha.
Wir dachten, es ist für uns sehr wichtig. Die Platte der Teen Idles kam damals raus, als die Band sich schon aufgelöst hatte. Wir wollten sie aber machen, als Dokument für uns. Der Grund, warum die Leute damals Fotos usw. machten, ok, wir haben hier vielleicht eine starke Arbeitsethik, aber auch … Es war uns wichtig, die Leute lebten für das Ganze, wir haben für uns selber eine neue Familie erschaffen. Also, du als Musiksoziologe, der sich auskennt, kannst du eine populäre Metal-, Rock- oder so Band aus DC in den letzten 10 Jahren nennen?
Äh, ich jetzt oder was?
Ja.
In den letzten 10 Jahren?
Yeah.
Äh, ich würde sagen, Magrudergrind.
Wer?
Magrudergrind. Eine Grindcore-Band aus DC, ich habe sie letztes Jahr fürs Trust interviewt.
Wie hieß die noch mal?
Magrudergrind, Scheiße, ich kann den Namen echt schwer aussprechen, besonders auf Englisch. Ganz junge Leute, die halt Grind machen.
Ah okay, also, mein Punkt war, okay, du kennst jetzt eine Band aus DC der letzten zehn Jahre oder aus den 90er wie Fugazi…
Ich hörte von ihnen.
Genau, du kennst dann noch Bands aus den 80er, Minor Threat, vielleicht noch Bad Brains. Aber es gibt keine Musikszene, die man aus den 70er kennt, ha ha.
Stimmt.
Ja, weil: es gab hier damals einfach nichts.
Wobei, Pentagram…
Jaaa, aber das… Goddammit Dude, das ist ja Metal.
Na ja, Skip Groff erwähnte bei seinem Gast-Beitrag fürs Special, dass er die in den 70er produzierte.
Ja, ich hab das Demo.
Echt?
Ja, es ist unglaublich toll.
Großartige Band, sah sie letztes Jahr in Deutschland, toll.
Ok, sind klasse, ja. Aber sie waren keine Punker oder so, und man würde sie kaum kennen, eigentlich. Das Ding ist ja eher, wir mussten was machen, und etwas starten, es war ja so, dass keiner uns ernst nahm, außer wir uns selber. In Los Angeles, San Francisco und New York, das sind ja Orte, wo die Musikindustrie sitzt, es gibt da Traditionen und so. Eine Band dort ging ins Studio und nahm vielleicht zwei Songs auf. Und dann nahmen sie diese zu einem Label und sie zahlten für ein Album. Oder die Band machte mit ihren zwei Songs die Runde bei verschiedenen Labels. Aber in Washington gab es niemand, bei dem du eine Runde machen konntest! Wenn also eine Band ins Studio ging, dann nahmen sie so viele Songs auf, wie es nur ging. Artifical Peace zum Beispiel, einer unser letzten Releases…
Ja, klasse Band, hab mir die neue Platte heute bestellt.
Die Band habe ich selber 1981 aufgenommen. Drei der insgesamt 17 Songs landeten auf dem „Flex your head„- Sampler, aber es wurden halt 17 Songs gemacht… ein großartiges Demo. Lost and Found Records brachte es mal raus und…
Die hab ich, mit Marginal Man noch drauf.
Genau, aber die hat so ein scheiß Cover, doofe Veröffentlichung, auch sind da keine echten Infos dabei. Wir machen das schöner. Aber noch mal, wenn eine Band ins Studio ging, nahm sie alles auf, was sie hatte. Deshalb waren wir wohl dokumentarisch angelegt. Dokumentation nicht für die Welt, sondern für dich selber, für uns selber.
In einem älteren Interview, leider habe ich peinlicherweise vergessen wo, hast du gesagt, die Leute wären überrascht, was für uncoole Musik du so hörst, das interessiert mich natürlich, meintest du so was wie Abba, Boney M. oder Phil Collins?
Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass ich das gesagt habe, weil „uncool“ nicht zu meinen Wortschatz gehört und ich es nicht benutze.
Das war mehr so gemeint wahrscheinlich, dass es noch mehr als nur Punk gibt?
Ach, das war‘s, ja. Die Leute denken immer, dass ich konstant nur Hardcore höre und das stimmt halt gar nicht. Zum Beispiel, ich höre viel Punkrock, ja, aber auch Beatles, Al Green, ok, jetzt könnte man ’ne Liste mache und das ist irgendwie…
Ich verstehe, was du meinst.
Aber okay, ich höre auch Pentagram. Oder The Obsessed. Kommt auf den Tag an. Du verstehst, was ich meine. Was mich interessiert, die Musik, die ich mag, ist die, wo ich zumindest ansatzweise das Gefühl dabei habe, dass die Leute überhaupt keine andere Wahl hatten, außer genau diese Musik zu machen. Sie MUSSTEN es einfach machen. Punk für mich bedeutet free speech. Ich meine damit, Punk bedeutet neue Ideen, für neue Ideen gibt es anfangs kein Publikum. Punk ist kein Style, kein Look oder Sound, es könnte das sein, aber eben nicht nur. Es ist ein Platz für Leute, die zusammenkommen, um neue Ideen zu hören. Und Leute, die dazu eine Verbindung haben, die können gar nicht anders, die müssen genau ihre Musik machen, aus einem inneren Drang heraus, das hat mir, denke ich, bei Punk immer besonders gefallen.

Sachen wie Bad Brains, die Musik musste aus ihnen heraus kommen, die schauten nicht vorher in einen Katalog und überlegten, was für Musik sie machen könnten, sie mussten das machen, was aus ihnen herauskommt. Später überlegten die Leute, „Oh wir könnten eine Popband, Punkband, eine Metalband oder so sein“ , das wurde wie Kleider von der Stange zu kaufen, derweil du früher die Kleider selber gemacht hast. Nachdem das gesagt ist, Punk wird niemals sterben, er wird nur ganz anderes aussehen, als die Leute es gewohnt sind. Punk war für mich immer, dass Leute zusammenkommen für neue Ideen. Neue Musik. Neue Wege, wie die Menschen sich treffen und eine Art Familie gründen.
Im Film „American Hardcore“ heißt es ja, dass Punk aus einem luftleeren Raum kam, „It came without a warning“, das stimmt ja gar nicht, du hattest ja immer in der Musikgeschichte Punk, nur halt jeweils auf ihre eigene Zeit bezogen, seien es durchgeknallte Blues-Leute, Free Jazzer und so. Die waren Punker in ihrer Zeit. Deshalb, Punk hat seine Wurzeln.
Ich würde sagen, der Punk der Leute, ihr Rock, ihr Pop, das ist alles das Gleiche. Hip Hop ist Punk. Irgendwann wird es zu einem Katalog. Unsere Konversation, was du mit Grind sagtest, ich verstehe, was du sagst, wir haben eine Art verbale Interaktion, dazu braucht man Wörter. Beim Marketing ist es etwas schwieriger. Grind höre ich nicht so, es ist intensiv, ja, aber ich muss das Gefühl haben, dass die Musik aus den Leuten herauskommt, das ist für mich wichtig.
Kommen wir zu was anderem. Einige alte DC-Bands haben das Monkees-Stück „Stepping Stone“ gecovert, ich habe mich immer gefragt, warum gerade die Band bzw. ihr Song so einen Stellenwert in der DC Szene hatte?
Lass mich dir Aufklärung zu teil werden! Es ging nicht um die Monkees, den Song „Stepping Stone“ lernten wir von den Sex Pistols.
Ah, ihr dachtet, ihr covert die Sex Pistols? Geil, über sie hab ich die Stooges kennengelernt, weil ich dachte, „No Fun“ wäre von den Sex Pistols.
Ganz genau, wir dachten, es wäre der geilste Song überhaupt, ich kannte den Monkees-Song gar nicht, es war einfach ein toller Song, außerdem waren die Texte relevant für uns. Es ist ein schöner Sing-a-long. Du hast doch bestimmt mit deinen Freunden eine eigene Sprache, einen Slang und wenn du sie triffst, habt ihr Insider Jokes und so, so verbindest du dich mit ihnen. Wenn wir früher „Stepping Stone“ spielten, das war einfach ein toller Song für alle, zusammenzukommen und so… Und die Monkees, ach, Scheiß auf sie.
Ian, ich habe noch drei Fragen übrig. Soweit erstmal alles okay mit dem Interview?
Ja. Ich glaube nur, wir sind etwas über deiner Zeit?
Macht nix, ich hab eine billige Telefon Flat. Die Frage hast du wahrscheinlich schon oft gehört, aber heute ist es ja echt extrem: Alle alten Bands gibt es wieder, Black Flag (Anmerkung Jan: ich meinte diese kurzlebige 2003 Reuion), Negative Approach, Jerry’s Kids etc. spielten oder spielen wieder. Würdest du je Reunion deiner Band vor Fugazi machen?
Was ist deine Frage jetzt noch mal?
Heute, alle alten Bands gibt es wieder, verschwendest du überhaupt eine Minute daran zu denken, mit Minor Threat eine Reunion zu machen?
Mit Minor Threat???
Äh, ja?
Nein nein, auf gar keinen Fall. Das wird nicht passieren.
Gut zu hören.
Ich weiß nicht, was die Motive der von dir genannten Bands waren, wieder zu spielen. Ich kann nicht für sie sprechen, es ist ihre Sache. Wenn das Geld aus der Gleichung draußen wäre, dann würden sie es wahrscheinlich nicht machen, in bestimmter Hinsicht spielen sie also für Geld. Minor Threat spielten nie ein Konzert wegen des Geldes. Deshalb, warum sollten wir es jetzt, 30 Jahre später, deswegen machen? Es für Geld machen? Das wäre eine besonders bittere Note.
Oder es für eine gute Sache machen, ein Benefiz für Amnesty International?
Ja gut, aber wie viel Geld können wir denn wirklich erzielen für eine gute Sache?
War auch nur ’ne Frage.
Ich weiß es nicht, wenn es uns wirklich um die gute Sache geht, dann würden wir uns doch zusammentun und Geld spenden, eben wegen der guten Sache.
Macht Sinn.
Bestimmte Sachen gehören in bestimmte Zeiten. Ich will Leute ja auch nicht extra draußen halten, so Motto „Ha, du bist zu spät geboren“, aber ich denke, wenn die Leute Minor Threat sehen wollen, dann sollten sie selber eine verfickte Band gründen. Ich habe damals, als ich 20 war und Chuck Berry verehrte, nicht erwartet, dass ich ihn je in meinem Haus sehen werde. So denke ich nicht über Sachen nach. Ich war von Jimi Hendrix inspiriert, von den Beatles und all den ganzen Leuten. Deshalb habe ich eine Band gemacht, das war meine Art. 1983 lösten sich Minor Threat auf, weil wir keine Ahnung hatten, was für Musik wir weitermachen sollten. Wir dachten, es war wichtig für uns, keine Kompromisse zu machen, das war‘s. Nix da mit Metal Versionen von Songs. Das ist ja mit vielen frühen HC Bands so. Sie machten eine unglaublich geile Platte. Und dann konnten sie besser spielen und wollten Rock machen. Wenn die sich wieder zusammen tun, dann geht’s nur um das frühere Material und keiner erwähnt mehr die andere Phase der Band.
Yeah, SS Decontrol kommen einem da in den Sinn…
Man sollte ein Special oder Buch darüber machen, „That weird third record.“
Gute Idee!
Minor Threat war typisch für die Zeit, wir waren Kids, wir wollten kein Geld, wir waren Kids, die über Kids sangen. Ich war damals 18 oder 19 Jahre und ich sang über denn, der ich damals mal war und wie ich damals lebte. Heute bin ich 48. Ich werde bestimmt NICHT Songs drüber singen, wie es mit 18 war. Ich werde darüber singen, wie es ist HEUTE zu leben, über den zu singen, der zum verfickten Mal ich jetzt bin.
Andere Frage, Slayers Version of „Guilty of being white“ verärgerte dich, ja?
Das Slayer Cover? Das Ding war etwas übertrieben dargestellt, ich glaube, Kerry sang am Ende „right“ anstelle von „white“ und dann sagte ein anderer irgendwie „Wie jetzt, die finden das richtig, weiß zu sein?“. Ich sagte in einem Interview, dass es für mich halt so anhörte, dass er am Ende „right“ singt, der Interviewer interviewte später Slayer und erzählte ihnen das ganze dann. Kerry war‘s, glaube ich, keine Ahnung, ich habe sie nie getroffen, also… Kerry sagte dann, dass diese Sache, dass sie denken würden von wegen „Es wäre geil, weiß zu sein“ und so dann: „Das ist total verrückt. Ich bin Mexikaner. Ich denke nicht, das es richtig ist, weiß zu sein!!!“ Warte mal, da ruft mich mein anderer Interviewer an, Scheisse, die wartet schon seit einer halben Stunde… warte mal kurz.
Sind auch echt jetzt gleich durch, wegen Slayer, gab es wenigstens Royalties für Dischord?
Natürlich. Also für Minor Threat, nicht Dischord. Sie sind aufrichtig, es war alles okay.
Ach so, logisch. Letzte Frage, gibt es schon Pläne für Veröffentlichungen 2011?
Wir arbeiten an Sachen. Wir werden sehen. Wenn es etwas interessantes gibt, werden wir es zur Verfügung stellen. Ich muss jetzt aufhören, sorry, sie wartet schon so lange. Ich hoffe, du konntest mit dem Interview irgendwas anfangen.
Vielen Dank, klaro.
Kein Thema, pass auf dich auf. Tschüss!

(Jan Röhlk)

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„Above all Dischord has thrived because we’ve always stayed true to what we believe is simply common sense, that labels can only amplify the energy and creativity that comes from bands and their supporters.“
Gastbeitrag von Alec Bourgeois

Alec ist bei Dischord für die Promo verantwortlich. Er spielte bei den Bands Severin und Capitol City Dusters mit und machte das Superbad Records Label. Mehr unter alecbourgeois.net. (Jan Röhlk)
„Die Ironie bei den ganzen 30 Jahren dabei sein liegt darin, dass diese Zeit den Beweis dafür darstellt, dass wir etwas geschaffen haben, was gleichzeitig stabil, bestandsfähig und andererseits dehnbar und elastisch ist. Diese Zeitspanne ist auch diejenige, seit der uns gesagt wird, dass das, was wir machen, weder praktisch noch professionell ist. Stell dir das mal vor! Der Hauptgrund unseres Gedeihen und Prosperieren liegt in allererste Linie darin begründet, dass wir immer uns selbst treu geblieben sind, in Bezug auf eine Sache, die wir einfach als gesunden Menschenverstand verstehen: das ein Label nur die Energie und Kreativität, die von Bands und ihren Fans kommt, verstärken kann. Diese gemeinsame Sensibilität verführt eher nicht dazu, den Fehler zu machen und ein „Scenemaker“ oder ein „Celebritiy Promoter“ zu werden, diese Zugänge überließen wir immer anderen. Unser Ziel ist die Dokumentation einer sehr speziellen Szene in Washington DC, respektvolle Kuratoren der Musik. Wenn wir mal eine Pause machen, dann erscheinen 30 Jahre wie eine wirklich lange Zeit, aber wir machen kaum eine Pause…“

***

Flex your head. Eine kurze Label-Geschichte von der Gründung 1980 mit den Teen Idles über Fugazi’s Durchbruch Anfang der 90er hin zu dem 30 jährigen Geburtstag 2010

Grundlage für diesen Text ist Ian’s Label-Geschichte, online zu finden unter dischord.com/history. Nachdem sich Ians zweite Band (die erste waren ja die kurzlebigen The Slinkees, die nur ein Konzert spielten), die Teen Idles, im Sommer 1980 aufgelöst hatten, ergab sich die Frage, was man mit der gut gefüllten Bandkasse ($ 600 aus 35 Konzerten) macht. Man entschied sich für die Veröffentlichung einer Platte und nahm den befreundeten Skip Groff (seines Zeichens Plattenladenbesitzer mit dem Namen „Yesterday and Today”) mit ins Boot und im Dezember 1980 erschien Dischord # 1, die EP „Minor Disturbance” der Teen Idles. Meiner Meinung nach wird Skip auch enthusiastisch auf dem „Stepping Stone”-Cover von Minor Threat gegrüßt („Skip, we love you”). Ian MacKaye und Jeff Nelson gründeten Minor Threat, mit Ian nun am Gesang statt am Bass.

Herny Garfield (wir kennen ihn besser als Rollins, das singend stampfende kurzbehoste Tattoo-Tier), ein Roadie der Teen Idles, gründete State of Altert, sensationelle Band („I hate the Kids” anyone?). Hier schon ins Bild kommt John Stabb, der in einer Band spielte, die bald unter dem Namen Government Issue (GI) bekannt wurde. Der Sänger der Teen Idles, Nathan, startete Youth Brigade (die kalifornische Band gleichen Namens stelle Jahrzehnte später in einem Song fest, dass sie eben saufen, ficken und rauchen täten, somit keine DC Band wären… Shawn von Youth Brigade / Los Angeles meinte jedoch in meinen Interview, dass beide Bands sich mehrmals trafen und gute Freunde waren). Ians Bruder Alec hatte schon seine Band the Untouchables am Start (ihren Hit “Nic Fit” coverten Sonic Youth Anfang der 90er auf der “Dirty”). Inspiration für Dischord stellte übrigens Dangerhouse Records aus Los Angeles dar, die zu der Zeit schon eine Serie von Singles einiger Los Angeles Punkbands veröffentlicht hatten, genau das plante man nun zu tun und veröffentlichte die “No Policy” EP von SOA (Rollins zahlte Aufnahmen und Produktion selber) als Dischord # 2. Auch hier gab’s vor einigen Jahren eine Coverversion, dieses Mal von einer Band (Brightside), die direkt die ganzen zehn Songs einspielte. Es folgten Singles von Minor Threat, GI und Youth Brigade.

Im Oktober 1981 zog man in ein Haus in Arlington, Virgina, im Großraum Washingtons, auch bekannt als das Dischord House, als neuer Labelstandort (siehe auch die legendären Büro-Fotos vorne und hinten bei der 20 Jahre Dischord Box mit Ian und Jeff 1980 und in den 2000er). Die Beecher Street- Adresse wurde beibehalten. Im Übrigen ist das nicht die Adresse des Dischord Hauses, das schnell zu einem Treffpunkt von Punks wurde, sondern Ians Elternadresse. Anfang 1982 gab es die erste 12 Inch, der legendäre Flex your head – Sampler, 32 Songs von 11 DC Bands. Zusammen mit dem Boston – und dem Beach Boulevard-Sampler einer der wenigen essentiellen HC-Punk-Sampler aus den USA, die man ohne Frage kennen muss. 1983 gab‘s Platten von Faith, Void, Scream und Marginal Man (in „American HC“ erzählte einer von MM, dass sein Vater Senator des Bundesstaates Hawaii wäre, die soziale Schicht der DC Bands ist hier schon mal klar: von der Straße und so). Und es gab die Veröffentlichung der Out of Step von Minor Threat. Sicher, Slayer haben auf ihrer „Undisputed Attitude“…

Pennywise coverten Minor Threat, NOFX brillierten mit einer barjazz-Version von „Straight Edge“ Probleme traten auf, Ian arbeitete in drei Jobs gleichzeitig, hinzu kam die Band und das Label, der Cash Flow stockte und man war pleite, was mit den zahlungs-unwilligen Vertrieben zu tun hatten. John Loder von den in London sich befindenden Southern Studios kam ins Spiel. Southern war das Label der Crass Platten und die Partnerschaft Southern-Dischord wurde vereinbart. Kurz zu der Geschichte von Southern: 1974 wurde das Aufnahmestudio Southern Studio von John Loder gegründet, ab Anfang der 80er kam das Label Southern Records und der Vertrieb Southern dazu.

Southern Records aus London ist also nicht zu verwechseln mit Southern Lord, dem in Los Angeles gegründeten Doom-Label der Sunn O)) Leute, wobei Southern Lord im Vertrieb von Southern sind. Kann man ja leicht verwechseln, die beiden, sind aber zwei Paar Schuhe. Zurück zum Thema: Die Partnerschaft von Dischord und Southern besteht seit Anfang Januar 2011 nicht mehr in dem Sinne, hier im Text am Ende mehr dazu.

Wir kommen zum legendären Revolution Summer… 1984 wurde die Szene u.a. gewalttätig, es kam 1985 zu einer Art new wave von neuen Bands: Rites of Spring, Lunchmeat (die ihren Namen später zu Soulside änderten), Gray Matter, Kingface, Beefeater, Mission Impossible, Fire Pary und Dag Nasty. Ian hatte auch eine neue Combo am Start, Embrace. Eine polit-Aktivsten Gruppe namens Postive Force DC gründete sich… Ende der 80er gab es wieder Familienzuwachs, Shudder to Think, Three, Jawbox, One Last Wish, Lungfish, Nation of Ulysses, Holy Rollers, Fidelity Jones, Ignition, The High Back Chairs, Severin und Fugazi. Laut Ian war diese Zeit die beschäftigungsintensivste Phase des Labels, die ein outsourcing einiger Bestandteile aus dem Dischord Haus zu Folge hatte. Man gründete eine zweite Firma namens Disch

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