September 3rd, 2013

VINYL-SPECIAL (# 157, 12-2012)

Posted in interview by jörg

„Diese verdammten Jugendlichen! Mit ihren Laptops legen die auf! Ist dafür Syd Barrett gestorben? Haben wir deswegen 1986 in Wackersdorf gekämpft? Vinyl kennt ihr nicht mehr, nee? Kotzen möchte ich in eure 77_Punk_Ordner.doc-Datei! Als ich damals mit dem Bollerwagen und zu Fuss mit 400 Mark in der Tasche über das Nepal-Gebirge kletterte, um das erste Blondie-Album in der Privat-Pressung von Jeffrey Lee Pierce… Was??? Das hast du bequem in 10 Sekunden im Internet für umsonst gefunden? Aber wo bleibt da die Freude an der Jagd, Junge? Wo ist die Wertschätzung für echte Handarbeit anstatt Nullen und Einsen zu kombinieren? Kinder, setzt euch, Vati erzählt jetzt mal, wie das früher war und wie es manchmal noch heute läuft. Es war einmal…“

(Selbstmonolog eines Trust-Schreibers (Name der Redaktion bekannt), der sich so ungefähr auf einer „Wir legen Punk via Laptops auf“-Party Samstagnacht um circa 2:45 Uhr vor einiger Zeit in einer hessischen Grossstadt völlig ohne Einfluss (sic!) von Alkohol zugetragen hat)

TRUST Vinyl

Zur Wichtigkeit des Masterns und Schneidens und Pressens

Ende 2011 gab es ein Planungstreffen der am Special beteiligten Trustler Joachim, Andrea und Jan in einer Frankfurter Kneipe. Nachdem jede/r sechs bis acht Weizen bzw. Apfelweine konsumiert hatte, war der Prozess des Mind-Mapping nebst Diskussion der vorhandenen Ideen, wie das Ganze rund um die Produktion von Schallplatten sinnvoll gegliedert und vor allem reduziert werden kann, nahezu abgeschlossen.

Wir einigten uns darauf, dass wir anhand des Gedankens „Ich habe eine Punkband und will eine Single machen, wie geht das Ganze nun?“ den Prozess der Produktion von Vinyl exemplarisch durchdeklinieren möchten – die Stichwörter sind Mastern, Schneiden, Pressen, hier und da garniert mit weiterreichenden Fragen und dem Versuch einer Durchdringung der schwierigen Begriffe.

Wir drei haben einen recht unterschiedlichen Kenntnisstand zum Thema Schneiden und Pressen von Vinyl, aber es wurde beschlossen, dass sich dieses Special an Laien und Experten richten soll. Zudem wollten wir darauf achten, dass das Ganze in den Trust-Kontext „vielschichtiger Punk-Hardcore-Underground“ passt, was wiederum einen Einfluss auf die Auswahl der Interviewpartner hatte.

Joachim entschied sich für ein Interview mit SST Brüggemann aus Frankfurt, Jan für Interviews mit Flight 13 Duplication aus Karlsruhe, Ameise aus Hamburg und Duophonic aus Augsburg (die Fragen sind manchmal identisch, aber es handelt sich um drei eigenständige Interviews mit unterschiedlichen Schwerpunkten), Andrea kassierte leider die Absage eines grossen Presswerks aus Diepholz (das andere grosse in Röbel/Müritz war zu weit weg) und konnte daher ihr geplantes Photoessay zur Vinyl-Herstellung nicht umsetzen, daher übernahm sie das Redigieren.

Abschliessend der Hinweis, dass die Themen Mastern, Schneiden und Pressen manchmal zu spannend sind, um immer genau in den von uns selbst gesteckten Grenzen zu bleiben. Deshalb sorry, wenn es manchmal zu stark in andere Aspekte, zum Beispiel den des Sammelns etc., reingeht. (Jan)

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„I find you spinning round in my brain, like the bubbles in a glass of champagne“

Zur Geschichte des drehenden Runden

Eine Internetrecherche ergab, dass die Vinyl-Schallplatte ihren 60-jährigen Geburtstag im Jahr 2008 feierte. Zu diesem Anlass erfolgte eine breite Berichterstattung, die im Netz gut dokumentiert ist. Unter den Wikipedia-Stichwörtern finden sich natürlich ebenfalls viele Details, aber wie hat das eigentlich begonnen?

1896 revolutionierte Emil Berliner, ein deutscher Auswanderer in den USA, den Tonträger mit seiner Erfindung: Er ersetzte das vorher verwendete Plattenmaterial Hartgummi durch eine Pressmasse aus (hauptsächlich) Schellack. Zwei Jahre später war schon eine erhebliche Verbreitung von Schellackplatten zu verzeichnen.

Der nächste Meilenstein in der Materialgeschichte war die Entwicklung der Langspielplatte aus Polyvinylchlorid. Hieraus entstanden zwei Formate mit Mikrorillenaufzeichnung, die uns noch heute lieb und teuer sind: Columbia Records brachte 1948 die 12-Zoll-(30 cm)-Langspielplatte mit 33 1/3 UPM raus, RCA Victor folgte 1949 mit der 7-Zoll-(18 cm)-Single mit 45 UPM.

Während die Schellackplatte noch mit 78 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller wirbelte, kreiste die Langspielplatte mit 33 1/3 Umdrehungen nun beinahe gemächlich um ihr Zentrum und entsprechend später erreichte die Nadel das Ende der Scheibe (Quelle: Internet).

Dazu ermöglichte Vinyl schmalere Rillen als Schellack und somit längeren Musikgenuss. Und was war auf der ersten Vinyl-Platte der Welt drauf? „The Voice of Frank Sinatra“ mit dem netten Text „I find you spinning round in my brain, like the bubbles in a glass of champagne“. Die erste deutsche Langspielplatte war im Übrigen ein Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy, die von der Firma Deutsche Grammophon im Jahr 1951 veröffentlicht wurde.

Anfang der 80er wurden die Vinylplatten von der Compact Disc verdrängt, nachdem das Kopieren von Schallplatten auf Musikkassette zuvor schon deren Absatz stark beeinträchtigt hatte, wenn man der einschlägigen Propaganda der Tonträgerindustrie Glauben schenken mag.

In den 2000ern wird die CD vom MP3-Format überholt, wohingegen heutzutage konstatiert wird: „Während die gesamte Musikindustrie die niedrigsten Umsatzzahlen seit 20 Jahren misst, hat sich die Schallplatte nach oben gearbeitet. Auch analoge Plattenspieler sind wieder im Geschäft.“ (Quelle: ebd)

2008 feierte das Vinyl seinen 60-jährigen Geburtstag, es wurde oft von einem Vinyl-Comeback gesprochen und dabei aus den Augen, oder besser gesagt, aus den Ohren verloren, dass die Vinylschallplatte bei einigen Musikrichtungen wie Hip Hop und Techno schon immer und kontinuierlich das wichtigste Format war.

2011 berichtete der Bundesverband Musikindustrie „(b)is Jahresende sind in Deutschland etwa 1,65 Millionen Platten verkauft. Das sind so viele wie seit 17 Jahren nicht mehr. In den ersten drei Quartalen stieg der Vinyl-Absatz gleich um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ 2013 wird die Langspielplatte 65 Jahre alt. Wir gratulieren. (Jan)

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Interview mit FLIGHT 13 Duplication

„Eine andere Eigenheit bei den Majors: Wenn die Platte z. B. Goldstatus erreicht, dann zählst Du automatisch zu dem Kreis der an der Platte Beteiligten. Und dadurch hast Du Anspruch auf eine Goldene Schallplatte im Rahmen. Musst Du zwar bezahlen (300 EUR!), aber Du hast einen Anspruch. Deswegen hängen hier jetzt auch schon ein paar. Das ist schon auch eine Ehre, muss ich sagen. Weisst Du, ich kleiner Pisser sitze in einem Büro mit goldenen Schallplatten… hahahaha.“

Flight 13 Duplication kennen sicherlich die meisten von euch durch ihre Anzeigen in vielen Fanzines, aus eigener Erfahrung bei der Vergabe von Vinyl-Aufträgen oder noch von „früher“ aus Freiburg. Aber was genau das Trio in Karlsruhe macht, erklärt Bieber Jan in diesem Interview. Die Fotos sind von Bieber / Flight 13 Duplication, mehr zu erfahren ist unter flight13-duplication.com.

Guten Tag Bieber, hallo Christian, willkommen zu unserem Vinyl-Special. Vielleicht erzählt ihr uns mal, wie Flight 13 Duplication entstanden ist. Habt ihr das schon beim Mutterkonzern in Freiburg gemacht mit der Vervielfältigung, (Kopieren, Pressung) von CDs, DVDs, Vinyls und segelt jetzt unter dem Flight-Banner in Karlsruhe weiter oder verbindet Flight 13 Laden / Mailorder / Label und euch nur noch der Name?

Bieber: Grüss Euch. Also das war so: Ich habe bei Tom mal gearbeitet. Nach meinem Studium habe ich dann bei einem CD-Broker in der Nähe von Karlsruhe gearbeitet. Da hast Du Dich aber pro Tag 10 Stunden zu Tode geschuftet und gerade so viel Kohlen bekommen, um davon leben zu können.

Da dachte ich: ich mach mich selbstständig. Wenn schon arm, dann selbstbestimmt. Mit der Idee bin ich dann zu Tom nach Freiburg, und er hat mir den Namen Flight 13 sozusagen zur Verfügung gestellt. Das hat am Anfang auch wirklich sehr geholfen, und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Rein rechtlich sind das aber zwei Firmen.

Mit Christian habe ich bei dem CD-Broker schon zusammengearbeitet. Bis 2006 waren wir noch im gleichen Gebäude wie Flight 13 in Freiburg. Seit 2008 sind wir aber auch räumlich getrennt und haben unser Büro in Karlsruhe.

Starke Worte auf eurer echt informativen Seite: „Wir streben kein Wachstum an. Wir arbeiten hier, weil es uns Spass macht. Unsere Preise basieren auf einer ethisch definierten Preispolitik, insbesondere unseren Lieferanten gegenüber. Und Lieferanten sind für uns Freunde und genauso wichtig wie Ihr. Wir sind nicht die Billigsten, aber wir wollen die Besten sein. Und genauso erwarten wir umgekehrt, dass ihr uns mit dem gleichen Respekt behandelt, wie wir euch. Preisschlachten mit Grossunternehmen werden wir nicht mitmachen. Genauso sind sämtliche Versuche, unsere Preispolitik in einen individualisierten Basar zu verwandeln, zwecklos. Wir freuen uns auf eine sympathische Kommunikation mit Euch. Aufträge werden von uns abgelehnt, wenn hier irgendjemand beleidigt wurde oder wir nicht miteinander auskommen.“ Stecken dahinter harte Lehrjahre und ärgerliche Erkenntnisse, dass Vinylisten trotz tollen Musikgeschmacks und tollen Formats in mannigfaltiger Ausführung im Expedit-Reich auch total normale Arschlöcher sein können? Was waren denn so die „besten Kundengeschichten“?

Bieber: Oh ja! Wir haben schon viel erlebt. Junge Junge… Man muss dazusagen: Wir sind ja Musiker wie auch die Leute, die bei uns pressen lassen. Und wenn ich Geld verdienen will, dann arbeite ich bei einer Bank. Will sagen: wir machen das hier mit Begeisterung.

Und wenn Du dann behandelt wirst wie ein Callcenter Mitarbeiter bei der Telekom, dann fühle ich mich verarscht. Was ich wirklich hasse, ist diese Kunden-Lieferanten Beziehung. Wir haben das nicht unseren Lieferanten gegenüber und wir wollen das auch nicht zu unseren Kunden. Am Ende sind das alles Menschen. Egal ob ich mit einer Sachbearbeiterin im Presswerk spreche oder mit einer Band.

Wenn ich aber von der Band so behandelt werde, wie die normalerweise einen Schalterbeamten bei der Bahn behandeln, dann mache ich sofort dicht und lehne das Ganze schlimmstenfalls ab. Wir reissen uns täglich den Arsch auf. Mehr als alle anderen in der Branche. Das behaupte ich jetzt mal und dann kann man doch wenigstens freundlich sein. Das Problem liegt vielleicht auch in der fehlenden Sozialisation der Internetgeneration.

Eine E-Mail fängt nun mal mit einer Begrüssung an und hört mit einer Verabschiedung auf. Anfragen, die dieser Mindestanforderung nicht nachkommen, werden von uns nicht mehr beantwortet. Demnächst geht ein Onlinebestelltool bei uns an den Start. Dann kann jeder, der das möchte, seine Bestellung völlig ohne Kommunikation mit uns abwickeln. Jetzt denkst Du vielleicht: Was soll denn der Scheiss? Wer will so was?

Aber ob Du es glaubst oder nicht: Viele Menschen wollen nicht mehr kommunizieren. Früher war der Plattenladen extrem wichtig für die musikalische Sozialisation. Vor allem wenn man selber Musik gemacht hat. Heute ist das anders. Viele Leute sind das einfach gewohnt, dass man alles online abwickeln kann. Z. B. bei Amazon oder wo auch immer.

Normalerweise läuft das ja anders ab: Man möchte eine Platte machen und sucht den Kontakt (mit uns). Dann spricht man über alles, sucht die besten Möglichkeiten etc. Wenn man sich sympathisch ist, hilft man sich gegenseitig. Also ich würde als Band auf so eine „Beratung“ nicht verzichten wollen.

Seht ihr die anderen Vervielfältigungsfirmen im HC-Punk-Bereich als Konkurrenten oder hält man zusammen? Die Szene ist ja doch mit 4 – 5 Presswerken übersichtlich, ich vermute, man kennt sich dann schon durch Messen etc. …

Bieber: Das kommt darauf an. Wenn es Firmen sind, die auch Schneiden oder Pressen, dann kennt man sich natürlich. Und da herrscht überhaupt kein Konkurrenzdenken. Im Gegenteil: Man tauscht sich aus, hilft sich mit Ersatzteilen und Erfahrungen, etc. Dann gibt es aber auch noch 1 – 2 reine Broker wie ELDORADO oder THS. Die kenne ich nur vom Namen. Das sind ja nur Büros. Das hat mit Vinyl überhaupt nichts zu tun. Die Leute kenne ich nicht.

Hier schliesst sich noch ein andere Frage an: Wir haben bei der Planung dieses Specials versucht, das ganze Ding rund um die Entstehung von Vinyl zu sortieren und haben da u. a. den Begriff Broker ins Spiel gebracht. Bei meiner Anfrage wart ihr nicht ganz so begeistert darüber, dass wir euch in diese Kategorie einsortiert haben. Könntet ihr dem Laien mal erklären, was denn ein Broker so genau ist in Abgrenzung zu den Schneidfirmen bzw. Press-Vervielfältigungswerken? Also es gibt Firmen, die nur schneiden, dann gibt es Firmen, die ausschliesslich pressen, dann gibt es welche, die beides anbieten, und dann gibt es die Broker, das sind quasi Makler, die dir gegen Gebühr die für dich genau passende Schneidfirma bzw. Presswerk suchen?

Bieber: Ja genau. Broker sind einfach Leute, die Aufträge weitergeben. Die koordinieren nur und haben mit der Produktion nichts zu tun. Ein wichtiger Produktionsschritt bei Vinyl ist der sogenannte „Umschnitt“. Weil die Rillen müssen ja irgendwie in eine Platte reinkommen. Hier entsteht auch der Sound.

Das machen wir selber. Wir haben ja auch noch ein eigenes Presswerk. Die Badische Schallplatten Manufaktur. Das alles ist mit der Zeit entstanden. Ich kanns oft nicht glauben, wenn ich nach einer Pressung mit einem Bier im Presswerk stehe und mich umschaue. Wahnsinn, wie viel Glück wir hatten, so einen geilen Scheiss da rumstehen zu haben.

Es war auch schon ziemlich schnell klar, dass mit unserem kleinen Presswerk kein Geld zu verdienen ist. Aber hey: scheiss drauf. Es muss ja nicht immer alles monetär verwertet werden. Seit zwei Jahren ist das jetzt ein Hobby. Wir pressen dort die Kleinauflagen und ansonsten für uns selber. Wer hat schon ein Presswerk so einfach rumstehen… Es passiert auch immer wieder, dass wir während der Produktion mit jemandem super auskommen und uns die Musik gefällt.

Dann sag ich: hey, Lust auf eine 100er Auflage Picture 7“? Das ist aber dann alles Hobby. Aus dem Business sind schon so viele wundervolle Freundschaften entstanden, das glaubst Du nicht. Ich kann mich da nur wiederholen: Wenn Du Geld verdienen willst, dann arbeite bei einer Bank. Hier geht’s um andere Dinge.

Kommen wir mal zu eurem Kerngeschäft, der „Vervielfältigung von digitalen Ton- und Datenträgern sowie von analogen Tonträgern“ mit Schwerpunkt auf Vinyl. Erste dumme Frage: wieso muss ich auf einen Service von euch zurückgreifen, wenn ich mir doch einfach selbst MP3s brennen und vervielfältigen kann?

Bieber: Klar. Das kannst Du machen. Wenn Du viel Zeit hast, dann brenne mal schön. Aber im Ernst: Die Pressung von CDs oder Schallplatten ist sehr komplex. Die Presswerke können nur überleben, weil sie massenhaft pressen. Und massenhaft pressen können sie nur, weil die Aufträge fertig reinkommen und durchgeschoben werden. 99,9 % aller Druckdaten, vor allem, wenn sie von gelernten „Grafikern“ kommen, sind fehlerhaft und bedürfen einer Korrektur. Und vor allem CD-Master müssen genauen Spezifikationen entsprechen.

Ein Presswerk kann sich mit all dem nicht herumschlagen. Deswegen gibt es die Broker. Da wird alles aufgearbeitet und dann weitergegeben. Unsere Arbeit besteht hauptsächlich darin, zu koordinieren. Da gibt es das. Und da gibt es das. Und das schicken wir hierhin und die machen dann das damit. Das ist unser Job. Wir wissen, wo es was gibt. Und was wir selber machen können und was nicht.

Wenn es um die Vervielfältigung von Vinyl geht, fallen immer so schöne Fachbegriffe wie Masterfolien, Stichel, Picture Vinyl, GEMA etc. Vielleicht beschreibt ihr mal die einzelnen Schritte bei diesem Prozess an folgendem Beispiel: Meine neue Punk-Band – die abgefuckten Heinis – haben 18 Songs im Proberaum auf 24 Spur aufgenommen und der beste Kumpel hat das mit seinem billo Homerecording aufgenommen, „produziert“ und „gemixt“. Jetzt habe ich eine Datei mit 18 Songs. Zehn sollen auf eine 12“ in der Auflage von 500 Stück, am liebsten 100 davon blau und 100 gelb. Acht sollen auf eine Picture-Vinyl Doppelsingle. Mit diesem Wunsch wende ich mich an euch, es soll natürlich schnell gehen, nix kosten und am besten wisst ihr noch, wo ich die entsprechenden Cover und das Booklet drucken kann. Was passiert jetzt bei euch bis zum finalen Klingeln von der Post mit den Kartons der fertigen Platten? Was sind typische Anfängerfehler?

Bieber: Also, als erstes würde ich Dir mal von Deinen Plänen abraten. Das bringt Dir als Band nix, wenn Du das so machst. Eine Picture Vinyl Doppelsingle ist natürlich ein Wahnsinnsteil. Aber zu teuer. Das macht keinen Sinn. Ich würde Dir Folgendes raten: Nimm‘ das Sonderangebot und dazu noch das farbige Vinyl.

Und dann machen wir am Ende noch 100 Picture LPs von den gleichen Matrizen. Das kostet Dich am Ende immer noch bestimmt 2.300 EUR oder so. Mit der Picture Doppelsingle wärst Du am Ende bei mindestens 3.000 EUR. Aber zurück zu Deiner Frage: Was passiert bei uns? Wenn wir die Bestellung von Dir haben, dann tippen wir die bei uns in den Computer.

Wir checken und korrigieren gegebenenfalls Deine Druckdaten (Booklet und Cover bekommst Du natürlich auch bei uns) und schicken Dir eine E-Mail mit den Freigabe PDFs. Ich nehme mir das Master und spiele das in den Schneidetisch ein. Das ist, vereinfacht gesagt, ein umgekehrter Plattenspieler. Der tastet also nicht ab, sondern graviert die Rille ein. Das ist nicht immer einfach, weil Vinyl physikalische Grenzen hat.

Anders als digitale Musik. Da kannst Du alle Frequenzen generieren und anhören (sofern Dein Ohr mitmacht). Bei Vinyl ist das anders. Wenn Du eine CD bestellst, dann schickst Du uns Einsen und Nullen. Die gepressten CDs haben dann die gleichen Einsen und Nullen, die Du uns geschickt hast. Beim Vinyl ist das anders. Da wird das Signal zuerst wieder in ein analoges Signal gewandelt. Es findet also IMMER eine Wandlung statt.

Auf jeden Fall werden die Rillen in eine mit Lack beschichtete Aluplatte „geschnitten“. Das sind dann die Rillen, die Du später bekommst. Allerdings ist diese „Lackfolie“ sehr empfindlich und die Rillen gehen wie bei einer normalen Schallplatte „nach unten“. Zum Pressen brauchen wir aber ein Werkzeug, das 200 Grad Temperatur und mindestens 60 Tonnen Druck aushält. Und die Rillen müssen nach aussen gehen, weil die Rillen ja in den Presskuchen eingedrückt werden.

Deswegen kommt die Lackfolie in die Galvanik. Hier werden von den Rillen in verschiedenen Schritten Abbilder gemacht bis man ein Abbild aus Metall (Nickel) hat, bei dem die Rillen „nach aussen“ gehen. Diese Matrizen sind dann die Pressmatrizen. Diese Pressmatrizen werden dann in der Presse eingespannt.

Du bekommst dann die sogenannte Testpressung. Viele Leute denken, dass sie da mal den Sound checken können. Das ist falsch. Eine Testpressung soll sicherstellen, dass die Nadel nirgends springt, keine Knackser oder Kratzer etc. drin sind. Sprich: Dass beim Schneiden und in der Galvanik keine Fehler passiert sind. Sobald die Testpressungen freigegeben sind, wird die Matrize wieder eingespannt und die Platten werden gepresst. Wenn Du Dich jetzt fragst: wie kommen die Etiketten in die Platte?

Das ist so: Die Etiketten sind normale, runde Papierchen mit einem Loch in der Mitte. Die kommen einige Stunden in einen Trockenofen, weil alle Feuchtigkeit raus muss. Beim eigentlichen Pressvorgang werden die nicht aufgeklebt, sondern die kommen einfach unter bzw. auf den Presskuchen und durch die Hitze und den Druck verbinden sich die dann mit der Platte. Untrennbar. Wenn die Platte dann gepresst ist, muss man sie noch abkühlen lassen.

Sonst werden die krumm. Dann noch verpacken und dann ab zu Dir. Anfängerfehler gibt es eigentlich nicht, so lange Du Dich jederzeit meldest, wenn Du Fragen hast.

Ihr kommt aus dem HC-Punk, spielt auch in zwei Bands in dem Stil, freut ihr euch dann am meisten, wenn eure Kunden aus diesem Bereich kommen? Macht es mehr Spass, eine wirre 190 Minuten Acid-Jazz-Prog-Rock-Core-Band-Vinyl-LP zu vervielfältigen oder die neue Bad Religion? Eher für Major- oder Indie-Labels zu schneiden?

Bieber: Hahaha. Ja, Acid-Jazz macht jetzt nicht sooooo viel Spass. Wir machen schon hauptsächlich Punk und Hardcore. Techno und Hip Hop lehne ich eigentlich prinzipiell ab. Es ist einfach so, dass diese Leute eine andere Sprache sprechen. Das ist nicht unser Hood. Die haben andere Lebenseinstellungen etc. Das passt nicht zu uns. Wenn Majors kommen, dann geht’s nur um das Schneiden.

Wir sind ja in der glücklichen Lage, eine NEUMANN VMS80 Schneidemaschine mit einem SP 79 Pult zu haben. Das ist das Beste, was jemals für Vinyl hergestellt wurde. Das war das Ende der Fahnenstange. Und nur so eine Maschine erlaubt z. B. auch diese langen 25 Minuten pro Seite Schnitte. Es wurden 91 Stück gebaut. Davon gibt es noch ca. 30.

Und eine steht eben hier (die Nummer 83). Deswegen kommen die Majors. Sonst würden die mich ja nicht mal mit dem Arsch anschauen. Aber ich muss sagen: Die Major Platten machen grossen Spass weil da einfach Mastering-Ingenieure daran gearbeitet haben, die wirklich wissen, was man bei Vinyl beachten muss. Da sind schon wahnsinnige Sachen dabei.

Letztens erst wieder das Liverpool Philharmonic Orchestra. Das hat Spass gemacht. Eine andere Eigenheit bei den Majors: Wenn die Platte z. B. Goldstatus erreicht, dann zählst Du automatisch zu dem Kreis der an der Platte Beteiligten. Und dadurch hast Du Anspruch auf eine Goldene Schallplatte im Rahmen.

Musst Du zwar bezahlen (300 EUR!), aber Du hast einen Anspruch. Deswegen hängen hier jetzt auch schon ein paar. Das ist schon auch eine Ehre, muss ich sagen. Weisst Du, ich kleiner Pisser sitze in einem Büro mit goldenen Schallplatten… hahahaha. Aber nochmal zu Deiner Frage: Christian kommt eher aus dem Indie/Alternative Bereich. Stef Doom, Hardcore. Ich Punk und Metal. Was da aus diesen genannten Bereichen kommt, ist eigentlich ziemlich egal.

Hauptsache die Leute sind nett und man versteht sich. Dann flutscht alles, und wir machen oft auch viel über die Pressung hinaus. Wenns irgendwelche Pisser sind, und so was hat mit der Musikrichtung nichts zu tun, dann machen wirs vielleicht, aber auf jeden Fall nur das Nötigste und mit wenig Engagement. Aber ich glaube das ist in jeder Firma so.

Habt ihr viel mit Labels zu tun oder mehr mit privaten Einzel-Ein-Mann-Labels, Hobby-Bands?

Bieber: Kommt darauf an, was Du unter Labels verstehst. Ich würde mal sagen, wir haben zu 95 % mit Ein-Mann-Labels und Bands zu tun. Der Rest sind dann Majors.

Ihr bietet ja auch noch verschiedene andere Serviceleistungen an, wie die Promotion von Bands und ihren Veröffentlichungen via Rookie Records, ein weiterer Flight Exiliant, der noch weiter nach Norden – Köln – gezogen ist. Das heisst also, ich könnte den kompletten Rundumservice für meine Band bei euch buchen: in eurem Studio aufnehmen, den Tonträger mastern, fertigstellen, vervielfältigen lassen und dann auch noch die Werbung und Bemusterung. Nehmen das eigentlich viele Bands in Anspruch? Und was für Serviceleistungen gibt es noch?

Bieber: Das macht eigentlich niemand. Wir haben das auf unserer Homepage, weil das Freunde sind und man sich eben gegenseitig hilft. Hauptsächlich geht es schon um die Vervielfältigung. Alles aus einer Hand – das hat noch niemand bestellt.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Audiocation“?

Bieber: Auch das sind Freunde. Das sind zwei Jungs, die so eine Onlineschule aufgebaut haben. Weil es nehmen ja immer mehr Leute Zuhause ihre Platten auf. Und damit man da auch was Gescheites hinbekommt, haben Helge und Patrik da so eine Art Onlineschule gemacht. Wir finden das gut und unterstützenswert. Deswegen haben wir sie verlinkt.

Wir erwähnten es ja schon, ihr bietet auch das Mastern an. Dumm gefragt: wozu braucht man das eigentlich und wieso sollte eine Band das Unbekannten überlassen, die Band weiss doch am besten, was ihr Sound sein soll und wie er klingt oder kann man durch das Mastern so viel rausholen? Woher kann ich wissen, dass ihr da wirklich was macht?

Bieber: Na ja, also bevor da was in Produktion geht, bekommst Du eine Freigabe CD. Entweder Du gibst die frei, und es geht los, oder es wird eben noch korrigiert, bis alles passt. Aber wofür braucht man das: Du kannst zwar Zuhause aufnehmen und es klingt ganz gut, aber den letzten Schliff bekommst Du nicht so einfach hin.

Da brauchst Du dann teure Geräte oder Plugins. Und gute Boxen und Erfahrung… Zuhause aufnehmen ist kein Ding mehr heutzutage. Aber Mastern, das geht nicht so einfach.

Was ist eigentlich ein Premaster?

Bieber: Ein Premaster ist das Master, welches dann schlussendlich ins Presswerk, also zu uns, geschickt wird.

Unter dem Stichwort Vinyl auf Wikipedia fand ich die Info, dass schon seit fünf Jahren die Schallplatten-CD, d. h. eine Seite CD und eine Seite Vinyl, existiert. Was waren so in all den Jahren die kuriosesten, lustigsten Kundenwünsche oder Aufträge?

Bieber: Ganz ehrlich: wer braucht denn so einen Scheiss? Auch diese 5“ Vinyl. Da passt eine Minute Sound drauf. Es klingt beschissen. Es muss alles per Hand gemacht werden. Es ist schweineteuer. Das ist doch Quatsch. Das ist doch schade um die Rohstoffe, die da verballert werden. Aber das ist nur meine Meinung. Lustige Kundenwünsche gibt es schon von Zeit zu Zeit. Es fängt oft so an: Wir wollen eine Doppel LP, Picture, mit Klappcover. Und ausgestanzt. Und mit goldenem Druck. Es endet dann meist so: LP, einfach, alles Standard.

Ich habe in Picture Singles auch schon Briefmarken eingepresst. Und Büttenpapier. Scherenschnitte auch schon. Ich habe auch schon halb/halb Vinyl gemacht. Also eine Hälfte zum Beispiel weiss, die andere schwarz. Das ist extrem aufwändig. So etwas mache ich nur für mich privat, abends mit Freunden bei zwei drei Bier.

Was war die erfolgreichste Vinyl-/CD Produktion von euch? Stört euch das, dass die Bands dann bekannt werden, ihr aber im Hintergrund steht? Was war eure teuerste Produktion?

Bieber: Also eine Platte, die wir vor Jahren gepresst haben und seitdem immer wieder, ist die erste Gaslight Anthem vom Gunnar (Gunner Records). Die sind ja recht bekannt. Ansonsten gibt es da noch viele andere.

Mir fällt gerade nur keine ein. Ich erinnere mich eher an Platten, die mich von der Musik her vom Hocker gehauen haben. Aber wer da jetzt bekannt war oder wie teuer das war, daran kann ich mich jetzt nicht mehr so erinnern. Sorry.

Wie steht ihr zu Bootlegs?

Bieber: Privat habe ich viele Bootlegs und kaufe auch immer wieder mal welche. Mit der Firma haben wir damit nichts zu tun. Das wird alles abgelehnt. Selbst wenn ich wollte, kann ich als Presswerk keine Bootlegs pressen. Das ist wie wenn Du als Benzinfabrikant auch noch Streichhölzer anbieten würdest. Wir dürfen mit Bootlegs nicht in Verbindung kommen und deswegen lehnen wir alles in dieser Richtung kategorisch ab.

Online fand ich die Information, dass seit 2010 bei euch „alle Platten mit einem NEUMANN VMS80 Schneidetisch und einer NEUMANN SP79 Konsole überspielt“ werden, das Foto dieser Maschine erinnerte mich ein wenig an HAL 9000 aus dem Film „2001“, haha. Dieser ganze Maschinenpark bei euch in den zwei Bereichen Kunststoff- und Tontechnik, das muss doch alles unglaublich viel Anfangsinvestitionen gekostet haben zuzüglich der Wartung und Reparatur, d. h. ihr habt doch recht viele konstant anfallende Kosten. Gleichzeitig sprecht ihr aber auch davon, dass ihr kein Wachstum anstrebt und aus Spass an der Freude am Start sein. Wie lässt sich dieser (sehr sympathische) Anspruch mit der Realität – Kosten, Lebensunterhalt decken – verbinden, weil ein Hobby ist es ja nicht (mehr)?

Bieber: Die Schneidemaschine hat insgesamt 75 000 Euro gekostet. Das bezahle ich natürlich noch ab. Es ist allerdings so, dass gerade mit dem Schneiden das meiste Geld verdient wird. Die ganzen Sonderangebote sind nur möglich, weil wir die Schneidemaschine haben. Das war eine gute Investition. Was das Presswerk angeht: Da habe ich bisher insgesamt etwa 50 000 Euro reingesteckt. Du hast Recht: Das Geld bekomme ich nie mehr raus. Aber ich mache in der Buchhaltung seit diesem Jahr Kostenstellenrechnung.

Und das Presswerk ist eine eigene Kostenstelle und ich kann sehen, ob sich das trägt oder nicht. Und ich bin überrascht: bisher haben wir dieses Jahr immerhin 3.000 EUR mit den Kleinauflagen verdient. Das ist super. Davon kann ich einen Monat schon mal einen Teil der Löhne bezahlen. Das Hobby und der Job gehen da oft Hand in Hand. Oft weisst Du eh nicht, wo das Hobby anfängt und der Job beginnt. Ist ja auch ok so. Genauso solls ja auch sein und genau das versuche ich, zu erhalten.

Wenn es mal zu sehr Business wird, dann würde ich es, glaube ich, eh lassen. Meine Frau ist Anwältin und arbeitet Vollzeit. Wenn es hier nur noch ums Business gehen würde, dann würde ich mich, glaube ich, ums Kind und Haushalt kümmern und Betty würde alleine die Kohlen verdienen. Eigentlich mal eine Überlegung wert… Haha.

Am Ende dann natürlich noch: Kann sich Punkrock auf die Fahne schreiben, das Vinyl wertkonservativ am Leben erhalten zu haben von wegen „Save the Vinyl“ oder muss man da eher der Hip Hop-DJ-Clubkultur in den 80ern und dann dem 90er Rave-Techno Respekt und Dank aussprechen?

Bieber: Gute Frage. Ich weiss es nicht. In der Zwischenzeit ist es ja so, dass Techno und das ganze Zeugs kein Vinyl mehr nutzt. Bzw. nur noch diese Timecodeplatten. Ich kenne mich da nicht aus. Ich hatte da auch schon zwei drei Anfragen, aber die hab ich abgelehnt. Wahrscheinlich war es die Summe von allem. Aber ja, vielleicht muss man Techno und HipHop da dankbar sein.

Reden wir noch kurz über die Zukunft und spekulieren: irgendwann wird das Internet zusammenbrechen, weil jedes Wort, jeder Ton urheberrechtlich geschützt und man sich nicht mehr austauschen kann ohne Markencopyrights zu verletzen, der digitale Markt bricht zusammen, es steigt die Nachfrage nach Vinyl? Oder wird Vinyl doch irgendwann – trotz gewonnener früherer Schlachten gegen das Tape und die CD, trotz aller haptischen Finessen und Schönheiten bezüglich des Covers etc., trotz des besseren Klangs im Vergleich zur CD und MP3 – verschwinden oder nur noch im Klassik-Bereich überleben? Wird die mögliche Ressourcenknappheit von Erdöl das Vinyl verenden lassen? Oder ist Vinyl plus Download-Code die Zukunft, der Kompromiss zwischen den Vorteilen beider Formate?

Bieber: Wir müssen ja ganz klar sehen, dass Vinyl ein Nischenprodukt ist. Und das ist gut so. Ich wundere mich immer über diese unglaublichen Zahlen mit Vinylwachstum etc., die ab und zu in der Presse rumgeistern. Das ist mir, ehrlich gesagt, scheissegal. Vor nicht allzu langer Zeit hat mir jemand einen Artikel von der Zeitschrift „Musikmarkt“, oder wie das Käseblatt heisst, zugeschickt.

Darin hat das Presswerk Optimal Media davon geschwärmt, was für tolle Renditechancen Vinyl bietet. Und ich hab mir gedacht: Alter, die machen den gleichen Fehler wieder. Es geht nur ums Geld verdienen. Ohne Wachstum bricht die Welt zusammen.

Ich verstehe das nicht: Uns als Firma geht’s recht gut. Wenn wir ein bissl kleiner wären, würde es uns auch nicht schlechter gehen. Warum soll ich wachsen? Ich habe Zuhause eine kleine Tochter. Ich verbringe tausendmal lieber meine Zeit mit ihr, als von meiner Zeit noch Zeit abzuzwacken, um mit der Firma noch zu wachsen. Warum immer dieses Geschwätz von Wachstum? Das geht mir gehörig auf den Sack. Das Gegenteil würde mich freuen: Vinyl sollte bleiben, wo es ist.

Es hat im Media Markt nichts zu suchen. Es ist im Mailorder und in den kleinen Plattenläden zu Hause. Wenn man das jetzt ausschlachtet, dann wird es ein Hype und geht den Weg, den alle Hypes gehen. Und das birgt die Gefahr, dass alles zusammenbricht, weil die Presswerke gewachsen sind und dann nicht mehr damit fertig werden, wieder kleiner zu werden. Ich finde das nicht gut.

2013 wird die Vinylschallplatte 65 Jahre alt und noch mindestens zwei Jahre bis zur Rente mit 67 weiterexistieren, deshalb zum Abschluss noch die Frage nach den ganz persönlichen Top Ten eurer Vinyl-Sammlung, vielen Dank schon mal.

Bieber: Wir können uns hier nicht auf eine Top Ten einigen. Christian ist eher im Alternative-Bereich zu Hause. Stef im Doom und Hardcore und ich im Punk und Metal. Das würde wieder in endlose Diskussionen ausarten. Tut mir leid. Das kann ich nicht verantworten, dass hier deswegen Köpfe eingeschlagen werden. Haha…

Aber: Vielen Dank an Euch. Es war nett, so lange über Vinyl und uns reden zu können. Das erspart mir zum Teil die Gesprächstherapie oder Gespräche über Vinyl mit mir selber, nachts, um 22 Uhr, während eines Getriebeschadens auf der Autobahn.

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Interview mit SST – Schallplatten Schneid Technik Brüggemann

„Es ist manchmal von Vorteil, wenn die Musik nicht meinem Geschmack entspricht, alles andere lenkt manchmal stark ab. Bei Musik, die ich privat nie hören würde, gibt mir das die Freiheit, ausschliesslich auf technische Aspekte zu achten, das wird ja auch von mir erwartet. Eine ästhetische Bewertung mache ich nicht. SST hat seit 40 Jahren sehr unterschiedliche Musikgenres geschnitten, ich knüpfe also an diese wertfreie Tradition an, wobei Nazi-Musik usw. abgelehnt wird, ganz klar.“

Dieses Interview fand live in Joachims Wohnung in Frankfurt statt. Die Fragen waren in erster Linie von Joachim und ein wenig von Jan (der abtippte). Mehr zu SST unter sst-ffm.de. Dort findet sich eine sehr schön aufbereitete FAQ-Abteilung. Es wird hier im Interview sehr technisch, und wer ein vertiefendes Interesse hat, kann dort nachschlagen.

Ihr findet da alles zu den Themen Abtastnadel, Abtastverzerrungen, Aussteuerung des Masters, Drehzahl, Endlosrille, Folie, Folienschnitt, Frequenzgang, Inside-Out-Cut, Kennrille, Klang der Schallplatte, Korrelationsgrad, Lacquer, Lautheit, Locked Groove/Loop, Master-Medien, Master-Audioeigenschaften, Modulation, Mono/Monokompatibilität, Rückwärtsschnitt, Schallplatten – Drehzahl, Schallplatten-Wiedergabe, Schnitt, Spielzeit, Stereo, Überspielpegel. Die Fotos aus dem SST Studio in Frankfurt sind von Andrea.

Das Interview ging über zwei Stunden, hier liegt jetzt eine kürzere Fassung vor. Ich denke, auch in dieser gestrafften Version werdet ihr durchaus merken, wie kompliziert das Thema ist. Nicht dass die anderen Interviews ihrerseits unbedingt leichtere Themen behandelten… (Jan)

Hallo Daniel, was ist eigentlich die genau Bezeichnung von dem, was du machst und was ist dein Portfolio?

Daniel: Meine Aufgabe bei SST ist der Schallplattenschnitt. Ich überprüfe das angelieferte Audiomaterial, das wird auf Schallplattenrillen übertragen, daraus entsteht eine Scheibe als Einzelstück, die geht dann ans Presswerk, dieses kann der Kunde selbst auswählen. In dem Presswerk wird dann auf Basis der einzelnen Schallplatte eine beliebige Anzahl von Schallplatten gepresst.

Das Portfolio von mir, da muss man meine Arbeit erst mal abgrenzen von der Tätigkeit des Masterns, denn Mastering ist etwas anders: Das Hauptziel meiner Arbeit ist die originalgetreue Übertragung des angelieferten Audiomaterials in die Schallplattenrillen. Mastering ist die Nachbearbeitung des Audiomaterials hinsichtlich soundspezifischer Vorlieben, also die Arbeit, bevor es zum Schnitt kommt, das geschieht aber in Mastering-Studios.

Mastering ist ein mehr kreativ-ästhetisch motivierter Prozess, bei mir geht es um technische Aspekte. Ich überprüfe das Audiomaterial hinsichtlich der Eignung für eine Schallplatten, d. h. die Kompatibilität zur Platte und entwickle da auch Vorschläge und kann nach Absprache mit dem Kunden Änderungen vornehmen, aber eben aufgrund technischer Erwägungen.

Wer sind deine Auftraggeber?

Daniel: Zum einen sind das Künstler, die die Vervielfältigung und die Veröffentlichungung ihres Werkes selbst organisieren. Da ist musikalisch alles dabei, von Spoken Word bis Punk. Dann gibt es Labels, die Künstler unter Vertrag haben und die für ihre Musiker die Veröffentlichungen auf Schallplatte organisieren.

Es gibt darüber hinaus die Broker, die die ganze notwendige Herstellungskette rund um das Vinyl betreuen und als Paket anbieten und die einzelnen Arbeitsschritte an einzelne Firmen weiterleiten, z. B. den Schnitt an mich, die Pressung an das Presswerk, sie organisieren jemand für die Drucksachen und am Ende liefern sie das fertige Produkt an das Label, den Vertrieb oder den Künstler selber aus.

Als letzter Auftraggeber fungieren die Presswerke, manche haben kein eigenes Schneidstudio oder wenn sie doch eines haben, möchten sie es nicht mit einem bestimmten Auftrag beschäftigen, sie sind dann selber eine Art Broker und geben den Schnitt extern ausser Haus ab.

Also, gehen wir das doch mal durch, ich habe eine Punkband, mein Traum ist eine Schallplatte, du meintest, man kann als Künstler sich direkt an dich wenden. Was erwartest du als Vorleistung von einer Band, was müssen die dir anliefern, damit du sauber arbeiten kannst?

Daniel: Das Entscheidende ist, dass das angelieferte Material eins zu eins auf der LP landet, d. h. ich gehe davon aus, dass das, was mir geliefert wird, okay ist im Sinne von „Der Kunde ist mit seinem eingereichten Material zufrieden“. Denn die Übertragung des Werkes auf Vinyl bedeutet keine entscheidende Veränderung oder Verbesserung! Das ist sehr wichtig.

Es ist also egal, ob ich dir das Material auf CD, DAT oder MC liefere, es muss auch nicht aus einem professionellen Studio sein, sondern kann auch DIY im Keller aufgenommen worden sein?

Daniel: Klar. Der Kunde muss zufrieden mit seinem abgelieferten Produkt sein, da gibt es manchmal Missverständnisse. Es gibt sehr viele Gerüchte dahingehend, was die LP „leisten kann“ von wegen mehr Wärme, mehr Atmosphäre, Dynamik oder ein besonders toller Sound, das stimmt nicht wirklich.

Die klangliche Veränderung von einem Audioprodukt hin zu der LP kann eventuell dadurch entstehen, was du für ein Tonabnahmesystem hast, was für einen Schallplattenspieler oder Verstärkersystem, dann hört sich das gleiche Material – einmal auf der eingeschickten CD, einmal das Vinyl-Endprodukt – anders an, ja. Das Signal vom Plattenspieler wird ja anderes behandelt als das vom CD Spieler, vielleicht kommen daher die Mythen.

Was ich sonst noch von deiner Punkband erwarte, ist Geduld. Die Herstellung einer Platte dauert, es gibt mehrere Schritte in der Produktion, in jedem kann eine Panne passieren, das musst du vorher mit einkalkulieren und der Wunschtermin – also die Fertigstellung der Platte und die des Masters – können weit auseinanderliegen.

Wenn Montag das Master fertig ist und Freitag soll die LP ebenfalls fertig sein, ist das möglich. Beim Schnitt und der Herstellung Pressmatrize können Fehler passieren, man bekommt ja noch die Testpressung und nach Deiner Freigabe findet erst die eigentliche Pressung statt.

Durch die Computertechnik könnte ich mir selber ja das Master herstellen, sagen wir, das bekommst du und das ist fehlerhaft, lehnst du so was direkt im Vorfeld ab, was ist deine beraterische-technische Kompetenz, bevor du mit deinem Job anfängst?

Daniel: Na ja, das ist ja schon bereits mein Job, die Prüfung des angelieferten Masters im Vorfeld. Ich höre mir das an und bewerte das Audiomaterial mit technischen Hilfsmitteln. Das ist ein recht grosser Aufwand, der Schnitt an sich dauert ja nur so lange wie die Musik läuft.

Ich prüfe das Material in technischer Hinsicht, ob das auf LP funktioniert. Geschmacklich halte ich mich völlig raus. Es geht bei meiner Arbeit dann um das Herausfinden von offensichtlichen Aussetzern, Knackgeräusche, die nicht zum Werk gehören, da gibt es natürlich Grenzfälle, wo genau das erwünscht ist. Im Zweifelsfall ist eine Rücksprache erforderlich und manchmal muss dann ein 2. Master eingeschickt werden.

Wenn das nicht möglich ist, weil man keinen Zugriff auf neues Material hat, dann kann ich in begrenztem Umfang selber kleine Reparaturen durchführen. In Mastering-Studios geschieht das ja im grossen Umfang bei der Reparatur bzw. Restaurierung fehlerhafter oder alter Aufnahmen.

Ok, meine Band hat auf jeden Fall Material für die Länge einer LP. Hörst du dir das dann 40 Minuten durch, machst du eine optische Prüfung per PC, hast du eine Art „Virenscanner“, lässt du ein akustisches Programm drüberlaufen, es kann ja sein, dass in den letzten Minuten was schief ist, das musst du ja doch alles live anhören?

Daniel: Das ist unterschiedlich, es kommt auf den Auftraggeber an. Wenn es jemand ist, der uns regelmässig Aufträge gibt, dann weiss ich ungefähr, in was für einer Qualität das Master sein wird. Ich höre mir dann den Grossteil an, schaue, dass Anfang und Ende nicht angeschnitten sind, eliminiere Störgeräusche zwischen den Titeln, diese Dinge kommen oft durch CD-Brennprogramme vor. Dann schaue ich, ob die Pausen zwischen den Titeln sinnvoll , das ist sehr wichtig…

Warum?

Daniel: Gehen wir von deinem Beispiel aus mit den 20 Songs für eine LP: Jeder Titel ist eine wav-Datei, da hat sich vielleicht niemand im Vorfeld Gedanken über die Pausen gemacht. Durch die Kennrillen wird zwar ein optischer Titelanfang erzeugt, das ist aber nicht automatisch eine akustische Pause.

Ein fliessender Übergang kann natürlich auch extra gewollt sein, also, dass es hintereinander wegläuft. Ich prüfe also Master auf seine Struktur und versuche, den Klangcharakter zu erfassen und ob es für den Schnitt und die Wiedergabe einer LP geeignet ist.

Wenn es ein neuer Kunde ist oder jemand eine Fremdproduktion weiterreicht, höre ich mir das ganz an, bevor ich den Schnitt mache und während des Schnitts höre ich es noch mal auf Störfehler und allgemeine Störungen ab, auch hier wieder: Es gibt beabsichtigte Störgeräusche, und das zu tolerieren gehört auch zu meiner Arbeit, also, dass ich nicht immer anrufe „Soll das so sein?“.

Wie geht der Werdegang eines Produktes weiter? Das Master ist okay, es soll eine Platte werden, was ist der nächste Schritt, wie kommen die Rillen in die Platte, wie geht das technisch, wie ritzt du das Erdöl?

Daniel: Das ist sehr einfach und hat sich eigentlich seit der Wachsrolle nicht verändert. Die Schallinformation wurde (nicht bei mir, sondern vorher im Tonstudio oder im Proberaum) in ein elektrisches Signal umgewandelt. Das Audiomaterial habe ich also.

Das Teil, welches die Rille schneidet, heisst Stichel und ist etwa wie die Nadel beim Plattenspieler, nur dass der nicht eine schon vorhandene Rille abtastet, sondern selbst eine neue Rille ritzt. Dabei wird er vom Audiosignal elektromechanisch in Bewegung versetzt, etwa wie eine Lautsprechermembran. So entsteht gewissermassen ein Oszillogramm der Musik in der Rille.

Äh, ein Oszillogramm?

Daniel: Na ja, eine Art Grafikkurve, eine mechanische Darstellung der Signalspannung…

Ha, ha, alles klar; was ich immer mal wissen wollte, es gibt ja Platten mit verschiedenen Längen, 12 oder 22 Minuten pro Seite, woher weiss die Maschine, wie viel Umdrehungen sie braucht, damit das Material draufpasst? Jemand muss ja festlegen, dass die nach innen laufende Rille nicht ins Mittelloch geht?

Daniel: Das weiss die Maschine auch nicht, sie bekommt von mir Einstellungen aufgeprägt, ob es ein kleiner oder grosser Abstand zur benachbarten Rille sein soll. Die Einstellung wähle ich nach Spielzeit, und dann ergibt sich noch die Möglichkeit, die mehr oder weniger grosse Auslenkung des Schneidstichels (das ist das Pendant zur Nadel des Plattenspielers) einzustellen. Die Rillen dürfen sich aber berühren, sonst weiss die Abtastnadel hinterher nicht, wo es weitergeht. Die Auslenkung des Schneidstichels ist von der Intensität des Signals abhängig.

Bei 25 Minuten auf einer LP-Seite ist eine nicht so hohe Intensität erforderlich, eine geringere Auslenkung des Schneidstichel und weniger Abstand der Rillen, jedoch muss der noch so gross sein, dass die Rillen nicht ineinanderlaufen. Die Automatiken der Maschine helfen mir da sehr, aber ich muss vorwählen und die Intensität des Signals im Voraus bestimmen.

Ok, die Platte ist fertig geschnitten, was passiert dann?

Daniel: Es folgt eine optische Kontrolle, eine Sichtprobe hinsichtlich Qualität und Rauheit der Rille, die durch den Schnitt entstanden ist. Die soll möglichst gering sein, damit kein erhöhtes im Hintergrund ist. Wenn das in Ordnung ist, graviere ich in den Auslaufbereich das vom Kunden Gewünschte.

Meistens ist diese Gravur das Labelkürzel plus eine laufende Nummer, die Bestellmatrize oder ein Code des Vertriebs. Das muss mir auf jeden Fall im Auftrag mitgeteilt werden. Die Texte und Zusatzinfos dürfen natürlich nicht zu ausladend sein.

D. h. ich muss meine satanische Botschaft kurz halten, ha?

Daniel: 20 Wörter gehen gerade, es muss dafür aber im Auslaufbereich genügend Platz bleiben. Und ich mache es, wie es die meisten anderen Schneidstudios auch machen, und graviere die SST Kennung ein, so dass die Herkunft des Schnittes zu identifizieren ist.

Wie weit spielt dein persönlicher Geschmack eine Rolle beim Überspielen, du meintest, dass du dich geschmacklich aussen vor hältst, gibt es Musik, die du nicht schneiden würdest, weil es nicht deine ist, machst du lieber Indie-Musik als Schlager oder Black Metal? Wie gehst du mit offensichtlicher Nazi-Musik um, die dir angeboten wird?

Daniel: Die ist mir gleich, es muss auch so sein. Meine Aufgabe ist ja mehr die Kontrolle der technischen Eignung des Audiomaterials für den Schnitt und die Änderungen verschiedener Einstellungen. Da ist mein persönlicher Geschmack nicht von grosser Bedeutung.

Was ich schon mitbekomme ist, wenn politisch fragwürdige Infos herüberkommen. Musik mit rechtsradikalen Texten lehne ich direkt ab, das höre ich also schon, es ist nicht so, dass ich dem musikalisch-textlichem Gehalt taub gegenüberstehe.

Es überrascht mich jedoch immer wieder: Es ist manchmal von Vorteil, wenn die Musik nicht meinem Geschmack entspricht, alles andere lenkt manchmal stark ab. Bei Musik, die ich privat nie hören würde, gibt mir das die Freiheit, ausschliesslich auf technische Aspekte zu achten, das wird ja auch von mir erwartet.

Eine ästhetische Bewertung mache ich nicht. SST hat seit 40 Jahren sehr unterschiedliche Musikgenres geschnitten, ich knüpfe also an diese wertfreie Tradition an, wobei Nazi-Musik usw. abgelehnt wird, ganz klar.

Ok, die Platte hast du optisch begutachtet, das ist dann schon eine abspielbare LP?

Daniel: Ja, wobei die Scheibe, in der ich die Rille einritze, im Durchmesser etwas grösser als eine normale LP ist, d. h. du kannst sie auf normalen Plattenspielern nicht abspielen. Sie ist deshalb grösser, weil der äussere Rand notwendig ist für den Probeschnitt und die Überprüfung der Einstellungen.

Auf einem für 14 Zoll geeignetem Plattenspieler kannst du sie abspielen, das Problem ist nur, dass die Rillen in sehr weiches Material geritzt sind, das ist ja kein Kunststoff, sondern eine Metallscheibe mit aufgetragener Lackschicht, schon beim ersten Mal abspielen kann da ein gewisser Schaden auftreten, der die Qualität der Platte mindert.

Die Platte, die ich an das Presswerk liefere, muss ungespielt sein. Ein vorheriger Probeschnitt kritischer Stellen ist aber üblich, da habe ich die Möglichkeit, dass ich sie selber abspiele zur Kontrolle, bevor ich den eigentlichen Presswerkschnitt vornehme.

Jetzt ist diese Schallplatte aus dem weichen Material ja nicht die, die dein Kunde bekommt, wie geht es jetzt weiter?

Daniel:  Sie wird ans Presswerk geschickt, dass der Kunde gewählt hat. Ich schicke am liebsten direkt von uns ans Presswerk. Manchmal wird die geschnittene Scheibe – die übrigens Folie genannt (warum weiss ich nicht) – an den Kunden selbst geschickt und der schickt es dann ans Presswerk. Das mache ich nicht so gerne, denn beim direkten Wege weiss ich, dass die Folie sauber ankommt, da habe ich die Gewährleistung, die fehlt mir bei dem anderen Wege.

Muss ich dann vorher schon das Presswerk wissen?

Daniel: Ja. Der fertige Schnitt muss möglichst schnell zum Presswerk, die Folie unterliegt einer gewissen Alterung, die bei Eintreten die Weiterverarbeitung verhindert. Am besten erfolgt die Sendung in wenigen Tagen, idealerweise am gleichen Tag oder am nächsten.

Ist deine Arbeit dann mit der Sendung ans Presswerk getan oder geschieht eine Nachkontrolle?

Daniel: Die Nachkontrolle der gepressten Platte mache ich interessanterweise nicht. Aus meinem Schnitt wird im Presswerk das Produkt weiter verarbeitet, der Kunde bekommt dann die Lieferung in gewünschter Stückzahl vom Presswerk, ist hoffentlich zufrieden, und ich höre nichts mehr davon.

Da gibt es aber dann noch die legendäre Testpressung?

Daniel: Der Kunde bekommt vom Presswerk hoffentlich eine Testpressung. Hoffentlich, weil gerade bei kleinen Stückzahlen oder sehr dringenden Aufträgen keine Testpressung, sondern direkt die „finished“ Version gemacht wird. Das birgt die Gefahr, dass wenn irgendwo, inklusive Schnitt, ein Fehler aufgetreten ist, dieser dann auf der fertigen Schallplatte drauf ist.

Deshalb kann man durch diese Testpressung gut eine Kontrolle vor der „finished“ Pressung durchführen. Der Kunde kann so auch das Ergebnis des Schnitts kontrollieren, das ist ja auch seine Aufgabe – zu hören, ob der Schnitt und die in Ordnung sind, wenn nicht, meldet er sich beim Presswerk. Oder das Presswerk gibt mir Rückmeldungen bezüglich Auffälligkeiten, die ich überprüfen sollte, manchmal sind es ja auch gewünschte Anomalien.

Was ist eigentlich eine Dubplate?

Daniel: Eine Dubplate ist wie eine Folie, mit Rillen versehen und hat den Durchmesser einer normalen LP, d. h. ist auf normalen Plattenspielern abspielbar. Es ist eine Metallscheibe mit einem etwas härteren Lack, als das bei der Folie der Fall ist. Wenn es von der Audioproduktion nur eine LP geben soll, dann ist das die Dubplate, es gibt aber auch Schneidstudios, die in Kunststoff schneiden, das kann ich nicht.

Sind das dann die sogenannten Lathe Cuts, das gibt es viel im asiatischem Raum, da wird ein Polycarbonat-Material in Plattenform geschnitten?

Daniel: Das kenne ich nicht, „lathe“ ist der englische Begriff für die Schneidmaschine, im Maschinenbau ist es das Wort für Drehmaschine, insofern ist das, was auch immer, wohl das, was du meinst.

Es gibt eine neuseeländische Firma, King, die machen Kleinstauflagen in ungewöhnlichen Formaten, die in Sammlerkreisen sehr begehrt sind. Man spürt, dass das kein Vinyl ist, es fehlt auch dieser Knubbel am Anfang einer Platte, über den die Nadel dann ins Vinyl rutscht, das sind so „highly collectables“.

Daniel: Also, unter Dubplate verstehe ich, dass es diese Platte nur als Unikat gibt. Auch wenn die Schneidemaschine auf anderen Materialien schneidet, auf PVC oder Polycarbonat, dann sind das immer Unikate. Die Materialwahl bedeutet unterschiedliche Verschleissfestigkeit, inwieweit dann noch die Tonqualität optimal ist, kann ich dir nicht sagen, weil ich es noch nie gemacht habe. Die Dubplate haben eben eine etwas weichere Qualität. Lathe Cuts sind also keine gepressten, sondern geschnittene Platten.

Und was ist ein Metallacetat?

Daniel: Ich glaube, das sind klassische Dubplates, wo eine Metallscheibe einer Lackschicht überzogen ist, ich komme gerade nicht auf den Namen das Lackes (Anmerkung des Verfassers: später hinzugefügt: Nitrozellulose-Lack), auf jeden Fall hat sich da die Kurzbezeichnung Acetat etabliert, insofern bedeutet Metallacetat das, was ich als Dubplate verstehe, früher sagte man im deutschsprachigen übrigens Abhörfolie dazu.

(Anmerkung des Verfassers: Daniel muss aufs Klo, Jan schaut Joachim bedrückt an: Wer war dieser Mensch? Kannten wir ihn? Welche Sprache war das? Joachim erwähnt hier auch, dass das Etikett sich von seiner Bierflasche löst und an seiner Hand klebt, offensichtlich war eine leichter Überforderung unsererseits feststellbar.)

Es gab Ende der 80er den Direktschnitt, was ist da eigentlich das Besondere?

Daniel: Im Prinzip bedeutet das folgendes: Deine Band ist im Studio, ist mikrofoniert, die einzelnen Signale werden zusammengemischt und direkt der Schneidevorrichtung zugeführt.

Es ist nicht allein, wie ich es eben beim LP-Schnitt beschrieben habe, wo man die Platzökonomie durch Parameter vorwählt, um auf eine bestimmte Spielzeit Rücksicht zu nehmen. Man beachtet die Intensität des Schnitts – den Signalpegel –, man muss drauf achten, dass die Maschine die Rillen nicht ineinander schneidet.

Beim normalen Schnitt bekommt die Maschine aber das Audiosignal einige Zeit im Voraus „zu hören“ und kann folgende Auslenkungen einplanen. Ein lautes Schallereignis erzeugt eine grosse Auslenkung und einen platzintensiven Schnitt an dieser Stelle. Das muss sich die Maschine merken, wenn die Rillen sehr nah aneinander sind, muss die Maschine der Umdrehung vorher – die Platte läuft – die Stärke oder Schwäche des Signales wissen.

Bei dem Direktschnitt findet diese Vorab-Planungseinstellung nicht statt, hier wird auf diese Vorhörfunktion verzichtet, die Musik wird also nicht vorher darauf getestet, wie stark die Intensität beim Rillenschnitt ausfällt. Das Ergebnis ist aber dann eine geringere mögliche Spielzeit auf einer LP mit der Vorhöroption der Rillenabstandssteuerung. Das Signal kommt ohne Umwege, das entspricht einerseits einem sehr sympathischen puristischen Gedanken, aber bedeutet halt auch eine geringere Spielzeit insgesamt.

Ende der 70er war es ja sehr stark verbreitet als Gag, dass die Platte rückwärts läuft, was ist da eigentlich die technische Raffinesse oder läuft die Maschine nur andersrum?

Daniel: Ja.

Ich hab es immer gewusst!

Daniel: Das wird auch heute noch regelmässig gewünscht, die Maschinen laufen halt nur in die andere Richtung in dem Sinne, dass nicht die Teller anders laufen, sondern die Bewegung des Schneidstichels von innen nach aussen läuft, die Drehrichtung bleibt gleich.

Klar, die Teller können nicht andersherum laufen, sonst wäre die Platte ja nicht abspielbar.

Daniel: Genau.

Zum Abschluss, was war das Obskurste, was ihr mit SST in den 40 Jahren geschnitten habt?

Daniel: Da wollte jemand einen einzigen geschlossenen Rillenring auf der ganzen Platte haben, wo ein Atmer von ihm drauf ist. Man nennt das in dem Genre einen Loop.

Konntest du das machen?

Daniel: Ja ja, er hat den Atmer angeliefert, und ich habe den in einen geschlossenen Rillenring geschnitten, das war recht einsam auf dem 12 Zoll Format. Der Künstler hat dann noch eine Textgravur gewünscht. Der Folienschnitt ging zum Presswerk, wo auf dem üblichen Weg eine Pressmatrize hergestellt wurde. Die hat er sich nach Hause schicken lassen, aber nichts pressen lassen. Das war im Rahmen einer Kunstausstellung und wurde dann in einer Vitrine ausgestellt.

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Interview mit Duophonic

„Eine verrückte Sache war auch mal eine viereckige, transparent Platte mit zwei Löchern, eins für jede Seite, sah dann ein bisschen so aus wie eine Kassette…“

Nette Leute, kompetente Firma, unser Gebiet, lass uns die Firma aus der alten Heimstadt des Trust-Headquarters – Augsburg – interviewen. David und Moritz geben Jan Auskunft. Mehr unter duophonic.de, die Fotos sind von Duophonic.

Hallo David, schön, dass Duophonic aus Augsburg dabei sind. Du bist tätig im Bereich Kundenbetreuung, Auflagenproduktion, Buchhaltung, dein Kollege Moritz ist für die Produktion, Vinylcutting, Grafik und Mastering zuständig. Wie und wann entstand Duophonic?

Duophonic: Wir haben vor 10 Jahren damit begonnen. Wir beide haben vorher bei einer Musik Internetfirma gearbeitet, die individuelle CDs hergestellt hat. Ich wurde nach meiner Ausbildung nicht übernommen und da kam eins zum anderen. Wir wussten nicht, was danach kommt, da kam die Idee, dass wir uns selbständig machen.

Da wir beide auch Musiker sind und schon immer grosse Schallplatten-Fans waren, wollten wir das auch beruflich machen. Wir haben uns dann einen Vinylrekorder gekauft und die Vinyleinzelanfertigungen hergestellt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es (gerade) in der Anfangszeit einer Firma immer einige harte / teure Erfahrungen gibt. Ist der Vinylmarkt rundum saucool, weil da nur spitzen Leute mit einem tollen Musikgeschmack unterwegs sind? Oder ist gerade der Vinylmarkt schwierig, weil da eben Leute mit einem guten Musikgeschmack, aber ansonsten völlig ohne soziale Kompetenzen ausgestattet, unterwegs sind?

Duophonic: Wir haben eigentlich durchweg sehr nette Kunden, egal aus welchem Genre die Labels kommen. Natürlich stecken die meisten sehr viel Herzblut in ihre Produktionen, ist ja auch gut so, und erwarten dann auch, das alles genau so wird, wie sie sich das vorstellen, auch bei einer Auflage von 100 Stück, wenn dann mal was schief geht, erleben wir schon emotionale Momente, aber das ist alles im Rahmen…

Habt ihr auch schon Produktionen abgelehnt im Hinblick auf rechte Bands oder schwulenfeindlichen Dub, das kann man ja im schlechtesten Fall oft nicht raus hören, wenn man einfach das nackte Produkt bearbeitet? Findet da bei euch eine Selektion statt oder bedient man in Zeiten des kriselnden Marktes jede Nachfrage?

Duophonic: Sobald wir da den leisesten Verdacht hegen, lehnen wir die Produktion ab oder lassen uns die Texte schicken. Das kommt hier und da mal vor, vor allem aus dem Bereich Black Metal, da sind die Grenzen zwischen Antichristen und faschistischem Gedankengut oft fliessend, aber mit etwas Erfahrung erkennt man das Gottseidank. Im Dub Bereich machen wir recht wenig, somit sind wir mit dem homophoben Kram nicht wirklich konfrontiert.

Ihr habt einige schöne Referenzen aufgeführt, The Hirsch Effekt, Antitainment, Notwist. Ihr erwähnt auch, dass jede Tonträgerproduktion bei der GEMA angemeldet werden muss. Es muss sich also keiner bei euch melden, der Black Flag Platten bootlegen will, vermute ich. Sind Bootlegs eigentlich eine Konkurrenz zu euch, nach dem Motto „Jede illegal vervielfältigte LP / CD killt die legalen Vervielfältigungsfirmen?“

Duophonic: Nein, bei uns läuft alles sauber über die GEMA. Bootleger melden sich auch äusserst selten. Ich denke auch, dass das heutzutage kein sehr grosses Thema mehr ist. Vor zwei Jahren wurde in England ein Vinylpresswerk ausgehoben, die ausschliesslich Bootlegs im grossen Stil gepresst haben, seitdem habe ich nichts mehr diesbezüglich gehört. Wir sind da entspannt, ich denke, dass der legale Markt gross genug ist für alle Firmen, die hier sauber arbeiten.

Duophonic vervielfältigt und mastert CD- oder Vinylpressungen, bietet in dem Vinylcutting-Studio Einzelanfertigungen und Lackschnitte für Schallplatten-Pressungen an und das Kerngeschäft ist die „Fertigung von analogen Tonträgern wie 7inch, 10inch und 12inch.“Wenn ihr das prozentual beziffert, wie sieht das aus, kommen die meisten Anfragen aus dem Vinyl Bereich und der Rest ist CD und DVD oder werden zu 80 % CDs verlangt, ein wenig Vinyl und ein wenig DVDs?

Duophonic: 70 % Vinyl, 25 % CD, 5% DVD.

Sind die meisten Kunden die üblichen Verdächtigen, d. h. Leute aus dem HipHop, Trance, Techno, Punk, Reggae, also Vertreter von (Jugend-) Subkulturen, die das Vinyl (mehr oder weniger wahr) immer hochgehalten haben?

Duophonic: Zum Grossteil sind es die üblichen Verdächtigen, die Du in der Frage erwähnt hast. Dazu kommen in letzter Zeit mehr Künstler, die Platten als Installationsobjekte verwenden oder Klangcollagen auf Vinyl haben möchten. Das ist manchmal sehr obskures Zeug. Es werden aber auch immer mehr Singer/Songwriter oder im allgemeinen Indie Bands.

Gerade bei den Vinyl-Einzelanfertigungen könnte ich mir vorstellen, dass es da recht kuriose Wünsche und Realisationen hinsichtlich der Verpackung und der Platte an Euch gab, was weiss ich, das Vinyl bitte in Marmor-Optik, transparent, phosphoreszierend, mit eingebrannten Laser-“Tattoos“ und sogar duftend… Was war Eure ausgefallenste und oder teuerste Produktion? Was war die erfolgreichste Vinyl Produktion von Euch?

Duophonic: Bei unseren Einzelanfertigungen ist, was Vinylfarbe und Verpackung angeht, gar nicht so viel möglich, wobei wir auch Plattencover und Klappcover in Einzelanfertigung anbieten können, aber die Besonderheiten sind eher, was die Rillen auf der Platte angeht bzw. die Form der Platte. Von Mini-Platten im 2″-, 3″- und 5″-Format über viereckige Platten, bis hin zu Parallel-Schnitt (zwei Rillen-Spiralen auf einer Seite) und Inside-Out-Schnitt. Natürlich sind auch Loop-Platten mit endlos vielen Endlosrillen immer wieder dabei…

Eine verrückte Sache war auch mal eine viereckige, transparent Platte mit zwei Löchern, eins für jede Seite, sah dann ein bisschen so aus wie eine Kassette… Was die erfolgreichste Pressung von uns war, ist eine gute Frage? Das ist schwierig zu sagen, momentan läuft die FIVA und das Phantom Orchester sehr gu

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