Bad // Dreems (#225, 2024)
Die Bad // Dreems aus Adelaide / Australien waren für mich nicht nur die meistgehörte Band, sondern sie sind auch eindeutig meine neue, aktuelle Lieblingsband aus dem Jahre 2023! Es verging kaum eine Woche wo ich nicht eifrig in Vorfreude verfallen die Bad // Dreems auflegte um eine gute, ausgelassene Zeit zu erleben.
Nicht ganz so wild und Punkrock-orientiert wie z.B. Coffin, Private Function oder Amyl & The Sniffers, gehen Bad // Dreems die Sache etwas emotionaler an, sie rocken zwar genauso leidenschaftlich aber sie haben auch ein ausgesprochen gutes Händchen für etwas ruhigere Songs oder Einflüsse aus Alternativerock und ich rede hier von guten, treibenden und nicht von kommerziell ausgeschlachteten Alternativerock, der auch den pöbelnden Spirit des Punkrock genügend Raum lässt, um nicht zahm oder altgebacken zu wirken. Die Bad // Dreems schmeißen nur so mit erstklassigen Hits um sich und ihre perfekt inszenierten Gitarren und Gesangsmelodien fließen wie schmierendes Öl in und durch die Gehörgänge.
Und Bad // Dreems haben in ihren Texten auch was zu sagen und beziehen sich auf konservative, politische Entwicklungen, doch auch die persönlichen Eindrücke aus dem vom Rest der Welt isolierten Leben in Australien, werden voller Herzblut dargeboten. Dass ihr Gitarrist ein großer Fan von The Replacements ist hat mich keinesfalls überrascht. Aber hört am besten selbst ihr zuletzt erschienenes Album „Hoo Ha!“, welches für den deutschen Markt auch über das Qualitätslabel Erste Theke Tonträger lizensiert wurde.
Genauso empfehlenswert ist auch „Gutful“ oder die beiden etwas ruhiger ausgefallenen Alben „Doomsday Ballet“ und „Dogs at Bay“. Wenn euch die Band gefallen sollte, werdet ihr vielleicht wie ich einfach nicht genug von ihrer Musik bekommen und der bevorstehende Winter ist lange genug, um sich in ihre großartigen Werke ausgiebig reinzuhören. In Australien sind Bad //Dreems ziemlich beliebt, seltsamerweise hat bisher aber noch kein deutsches Fanzine von Bad // Dreems Notiz genommen und auch ihre Europatour im letzten Sommer scheint in kleinen, überschaubaren Clubs eher ein Geheimtipp gewesen zu sein. Dementsprechend dankbar und schnell beantwortete ihr Gitarrist Alex Cameron meine Interviewfragen.
Hallo Alex du bist 2011 von Melbourne zurück nach Adelaide gezogen. Melbourne soll ja das Rock´n´Roll-Mekka in Australien sein, wieso kam es doch zu dem Rückzug nach Adelaide? Und wie verliefen eure Anfänge als Band? Was ist allgemein in Adelaide so angesagt? Wie sieht es vor Ort aus mit Bands und Live-Locations?
Als ich mit 18 Jahren die Schule beendete zog ich nach Melbourne um Medizin zu studieren. Wie du schon sagst, ist es eine der größten Musikstädte der Welt und ich lernte viele großartige Bands kennen, wie Eddy Current Suppression Ring, The Drones, Love of Diagrams oder My Disco. Ich gründete mit meinen zwei besten Freunden eine Band die sich Dardanelles nannten. Wir spielten in Australien und brachten ein Album heraus das sich gut verkaufte. Als sich die Band auflöste war ich mittellos und von einer Musikkarriere desillusioniert. So zog ich zurück nach Adelaide und begann als Arzt zu arbeiten. Zu dieser Zeit war die Musikszene in Adelaide nicht besonders interessant.
Es gab zwar ein paar gute Bands, aber die waren cliquenhaft aufgestellt oder abweisend und arrogant in ihrem Verhalten. Ich lernte Ben, James und Miles im örtlichen Fußballverein kennen. Sie sind beide auf dieselbe Schule gegangen wie ich, waren aber beide viel jünger. Miles Vater war Musiklehrer und ich hatte viele Stunden mit ihm verbracht und im Schulorchester Geige gespielt. Zu dieser Zeit wurde mir klar dass ich ohne das Schreiben und Spielen von Musik nicht leben konnte. Ben und ich begannen gemeinsam Songs zu schreiben. Die Chemie zwischen uns stimmte von Anfang an. Miles und James spielten in einer anderen Band in der Ben´s Bruder der Sänger war. Eine Show wurde gebucht, wir spielten Iggy Pop „The Passenger“ und „Transmission“ von Joy Division. Wir hatten nie wirklich die Absicht dass aus der Band etwas Bedeutsames werden könnte. Aber wir haben uns gut verstanden und die Dinge kamen wie von selbst. In Adelaide gab es ein kleines Lokal namens Metro in dem es eine Szene mit Bands gab die Gitarrenmusik im Stil von Flying Nun/Beat Happening spielten.
Einiges davon gefiel mir wirklich gut und wir spielten dort einige Shows. Aber diese Bands mochten uns nicht wirklich, warum auch immer, also beschlossen wir unser eigenes Ding durchzuziehen. Wir haben unseren Sound in der Isolation entwickelt und das war etwas das wir sehr schätzten. Es war erfrischend außerhalb jeder Szene oder Musikgemeinschaft zu stehen und zu versuchen etwas anderes zu machen. Wir haben uns an australischen Bands wie The Saints, den Go-Betweens oder Coloured Balls orientiert. Außerdem gab es in den Achtzigern in Adelaide ein Label namens Greasy Pop Records das viele großartige Bands wie Exploding White Mice, The Dagoes und Screaming Believers herausbrachte, oder auch viele Bands die leider in Vergessenheit geraten sind, waren auf diesem Label beheimatet. Wir haben versucht aus den Geistern dieser Bands zu schöpfen.
Ihr erinnert mich stark an The Replacements und Dramarama. Welche Bands hatten einen großen Einfluss auf eure Musik?
Die Replacements waren sicherlich ein Einfluss. Ich liebe diese Band aber es ist schwer sie zu imitieren da ihr Sound so eigenwillig und ihre Texte so gut sind. Ich mag die Unvollkommenheit der Replacements, diese Gegenüberstellung des Umfangs und der Ambition des Songwritings mit den seltsam idiosynkratischen Aufnahmen. Man kann einfach hören, dass sie es wirklich ernst meinen und das ist das wichtigste. Von Dramarama kenne ich eigentlich nur den Song „Anything, anything“. Es gab eine einflussreiche Clubnacht in Melbourne namens Shake Some Action, bei der Bands auftraten und danach DJs Rockmusik auflegten. Ich habe Eddy Current bei ihrem zweiten Auftritt dort gesehen und auch viele andere großartige Bands.
Bisher haben alle eure Veröffentlichungen die Top 40 der ARIA-Charts erreicht und euer Debütalbum „Dogs at Bay“ wurde 2021 in die „Honourable Mentions“-Sektion der Liste der „größten australischen Alben aller Zeiten“ des Rolling Stone Australia aufgenommen. Wie kam es zu dieser Auszeichnung und was sind die ARIA-Charts?
Die ARIA-Charts sind die Charts für Plattenverkäufe in Australien. Wir sind immer am kommerziellen Erfolg leicht vorbeigeschrammt, haben ihn also nie erreicht. Das mit dem Rolling Stone war eine Liste die das Magazin zusammengestellt hat.
Aber dennoch habe ich den Eindruck dass ihr außerhalb Australiens noch ein Geheimtipp seid.
Wir leben jedenfalls nicht von unserer Musik. Als die Band gegründet wurde wussten wir dass es nahezu unmöglich sein würde Geld damit zu verdienen und die Musik zu machen die wir machen wollten, also haben wir uns bemüht unsere Jobs zu behalten. Das war eine weise Entscheidung die vielleicht manchmal den Fortschritt behindert hat, aber zum Überleben der Band geführt hat. Wir sind jetzt meistens kostendeckend und können unabhängig arbeiten. Unsere Anhängerschaft in Übersee ist sicherlich kleiner als die in Australien. Wir waren diesen Sommer zum ersten Mal in Europa, zuvor waren wir nur im Vereinigten Königreich und wir waren überrascht wie viele Fans wir in Deutschland und Spanien hatten. Wir werden im nächsten Sommer wiederkommen. Die Szene in Europa scheint für unsere Art von Musik viel besser zu sein als die in England.
Der Song „Mob Rule“ auf eurem zweiten Album „Gutful“ äußerte sich kritisch gegenüber rassistischen Einstellungen in ganz Australien. Wie kam es zu dem Song? Inwieweit herrscht eine rechte Einstellung in Australien?
„Mob Rule“ wurde durch die Rassenunruhen in Cronulla inspiriert, bei denen es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen einer Minderheit von Rassisten und libanesischen Australiern kam. Zu dieser Zeit wurde das Thema der illegalen Einwanderer von der Rechten erneut als politischer Spielball benutzt. Es ist alarmierend das Australien, wenn man an der Oberfläche kratzt, oft eine bigotte und ignorante Kehrseite offenbart. Da Australien im Allgemeinen ein politisch gefügiges Land ist werden rassistische Themen oft einfach ignoriert, bis sie in Fällen wie diesem ihr hässliches Gesicht zeigen. Was das Ausmaß des Rassismus angeht bin ich noch unentschlossen.
Sicherlich haben rassistische Einstellungen in der Geschichte unseres Landes eine Rolle gespielt, etwa bei der Behandlung der australischen Ureinwohner und der Politik des weißen Australiens (Australiens ausschließende Einwanderungspolitik, die bis in die 1970er Jahre andauerte). Wir sind heute eine multikulturelle Gesellschaft und ich glaube dass die jüngere Generation den Rassismus energischer bekämpft als früher. Aber das bevorstehende Referendum für eine Stimme der Aborigines im Parlament wurde von der Rechten genutzt um zu agitieren und Angst zu schüren.
Es wäre ein schwerer Schlag wenn das Referendum nicht erfolgreich wäre. [Es war leider nicht erfolgreich und wurde abgelehnt, d.Red.] In der kurzen Zeit die ich in Deutschland verbracht habe war ich beeindruckt von dem politischen Bewusstsein der meisten Menschen. Ich habe das Gefühl dass uns dieses Bewusstsein in Australien fehlt, was vermutlich darauf zurückzuführen ist das wir den größten Teil unserer Geschichte in einer stabilen und sicheren Demokratie gelebt haben. Das ist ein Segen aber es kann uns auch in eine glückselige Naivität versetzen.
Gibt es weitere Songs von euch die einen politischen oder gesellschaftskritischen Bezug haben? Eure Songtexte behandeln auch genau diese Isolation und Dystopie in den Vorstädten Australiens, wie würdet ihr das Lebensgefühl in Australien umschreiben?
Ich denke andere Songs die in diese Kategorie fallen, wären „Gutful“, „Jack“, „Mansfield 6.0“ und „Piss Christ“. Wir haben in Australien das scheinbare Glück in einem schönen, sicheren und liberalen Land zu leben. Aber unser Land wurde auf der Enteignung und der rücksichtslosen Misshandlung der Aborigines, den traditionellen Besitzern unseres Landes, aufgebaut und missbraucht. Solange dies nicht besser anerkannt wird leben wir in gewisser Weise in einer Lüge. Aber es gibt auch diejenigen die am Rande stehen und zurückgelassen wurden, während die Mittelschicht immer weiter expandiert und es gibt immer weniger Leute die bereit sind sich für diese ärmeren Menschen einzusetzen. Ich persönlich habe die fade Uniformität der Vorstädte immer als Ausdruck dieser Probleme empfunden. Das ist eher eine Metapher als ein Kommentar zu den Menschen die in den Vorstädten leben. Am nördlichen Stadtrand von Adelaide weicht die Stadt zurück und wird zunehmend trockener. Dahinter liegen Tausende von Kilometern Wüste. Es ist ein ziemlich konfrontatives, postapokalyptisches Milieu.
Desweiterem handeln eure Texte auch von der bizarren und dunklen Seite der Stadtgeschichte von Adelaide um das Verschwinden der Beaumont-Kinder und die Familienmorde, und die Adelaide Bike Wars. Ich habe davon noch nie gehört, könnt ihr uns diese Vorfälle näher beschreiben?
Bei den Beaumont-Kindern handelt es sich um drei Geschwister (die 9, 7 und 4 Jahre alt waren) und am Australia Day (26. Januar) vermisst und vermutlich entführt wurden. Sie wurden zuletzt an einem überfüllten Strand in Adelaide gesehen. Trotz jahrzehntelanger Ermittlungen wurde nie eine Spur von ihnen gefunden. Viele sehen darin das Ende der Unschuld für Adelaide und sogar für ganz Australien. Bikie-Gangs sind in Australien stark in das organisierte Verbrechen verwickelt. Zu verschiedenen Zeiten gerät das Gleichgewicht der Macht aus den Fugen und es kommt zu gewaltigen Auseinandersezuungen. In Adelaide brachte ein Biker namens Vince Focarelli die Hells‘ Angels aus dem Gleichgewicht indem er eine Bande mit dem Namen „New Boys“ gründete. Er überlebte mindestens fünf sehr öffentliche Anschläge auf sein Leben. Ich habe ihn zufällig im Krankenhaus getroffen, als sein Sohn erstochen wurde.
Euer drittes Album „Doomsday Ballet„ bewegte sich etwas weg von euren Pub und Punkrock-Roots und fiel etwas nachdenklicher aus. Wie kam es zu dem Wandel? Textlich geht es verstärkt um das Wiederaufleben von Pauline Hanson und die Präsidentschaft von Donald Trump. Wer ist Pauline Hanson?
Wenn du dir eine australische und weibliche Version von Donald Trump vorstellen willst, nur ohne seine Showeinlagen und das Charisma, dann hast du Pauline Hanson vor deinen geistigen Augen. „Doomsday Ballet“ wurde vor COVID geschrieben, als uns die Welt besonders absurd und chaotisch erschienen ist. Der Aufstieg von Persönlichkeiten wie Trump erschien wie eine Art Fiebertraum. Das Album war eine Reflexion dieser Zeit. Wir haben versucht das Studio für dieses Album ein bisschen mehr zu nutzen, was dem Album einen etwas kantigeren Sound verlieh als den Vorgängeralben.
Ihr wart 2020 inmitten des Ausbruchs von Corona gerade auf Tour in England und musstet darauf die ganze restliche Tour absagen. War das ein großes finanzielles Verlustgeschäft? Später veröffentlichte auch eurer Frontmann den Akustiksong „I Wanna Self-Isolate With You“. Um was handelt es in dem Song?
Der Song „Self-Isolate“ war etwas das uns auf der Tour einfiel, als die Pandemie begann. Ben hat ihn fertiggestellt und online gestellt. Wenn wir gewusst hätten wie schmerzhaft und deprimierend „Selbstisolation“ werden würde, wären wir vielleicht nicht so leichtfertig gewesen. Und ja wir haben ein bisschen Geld verloren.
Ihr seid im Sommer auf Tour durch Europa gewesen, wobei ihr in Deutschland leider nur ein paar wenige Gigs gespielt habt, dafür habt ihr mehr in UK gespielt. wie verlief die Tour? Was waren die besten Gigs?
Ich glaube wir haben fünf Shows in Deutschland gespielt, die von dem großartigen Jens von Wildwax organisiert wurden. Sie waren alle fantastisch und wir können es kaum erwarten zurückzukehren. Die Shows in England waren okay, aber Deutschland, Paris und Spanien haben uns deutlich mehr Spaß gemacht.
Noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
Ich lese gerade den Roman „My Brother Jack“ von dem Australier George Johnson. Diese Passage aus dem Roman fasst meiner Meinung nach den Ansatz von Bad//Dreems gut zusammen: „Hör zu Kleiner, du musst es einfach versuchen. Selbst wenn du weißt dass du nicht gewinnen kannst, musst du es trotzdem versuchen. Du wirst immer gegen den Wind pissen, aber das bedeutet nicht, dass es sich nicht lohnt einen Versuch zu wagen.“ Ich danke dir für deine nachdenklichen Fragen.
(bela)