Alles unter dem Himmel – Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, ZHAO Tingyang
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft/Suhrkamp Verlag, Postfach 58 01 65, 10411 Berlin, www.suhrkamp.de
Die Original Ausgabe des Buchs erschien bereits 2016 im chinesischen CITIC Press Verlag, die deutsche Übersetzung dann Anfang 2020, 2021 erschien dann schon die 6. Auflage und die ist leider damals an uns vorbeigegangen. Aber zum Glück war es noch möglich das Buch im Jahr 2025 zu lesen und es lohnt sich. Der Autor gilt als einer der bedeutendsten chinesischen Philosophen der Gegenwart und lehrt als Professor an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Da ich nichts über chinesische Geschichte oder Philosophie weiß, schenke ich dem Mann einfach mal mein Vertrauen, wenn es darum geht. Im Kern geht es um das Konzept des Tianxia (Aussprache: Tiänchia) was wörtlich übersetzt heißt: Unterm Himmel. Das Konzept sieht vor das es nur eine Welt gibt und kein Außen sondern alles eins ist.
Laut Autor wurde diese soziale Ordnung bereits vor gut 3000 Jahren in der Zhou Dynastie erdacht und angewandt – was dafür gesorgt haben soll das es viele Jahrhunderte eher friedlich zuging. Wir wissen natürlich auch, das keiner hier weiß was vor 3000 Jahren in der Gegend die heute China ist, oder in irgendeiner anderen Weltgegend, wirklich abging und was da schöngeschrieben, verfälscht und gedichtet wurde. Aber interessant ist das schon, das man alle mit einschließt und es deshalb keine Konkurrenz gibt und es allen gleich gut geht, vereinfacht gesagt. ZHAO ist natürlich auch klar, das man ein so altes System nicht 1:1 auf heute übertragen kann. Dennoch ist für ihn die einzige Chance die die Menschheit hat, bevor die Epoche der Moderne abgeschlossen sein wird, eben das Tianxia. Wahrscheinlich hören die meisten hier zum ersten Mal davon, zumindest mir ging es so, oder ich hab es vergessen. Deshalb kann man sich vorstellen das noch ein sehr, sehr langer Weg bis zu einer praktischen Umsetzung zu gehen ist. Und ob es nicht doch einfach nur ein anderes Herrschaftssystem ist, das vorgibt „gut“ zu sein und ob es funktionieren würde, ist nochmal eine ganz andere Frage. Auf jeden Fall hat ZHAO sehr klar erkannt wo die Probleme im Westen liegen. Begonnen hat der ganze Mist mit dem Christentum, der ersten monotheistischen Religion die keine anderen Götter zulässt und andere von ihrem Gott überzeugen will. Wie alle wissen ist sie ja aus der früheren monotheistischen Religion des Judentums hervorgegangen, unterscheidet sich aber… das ist ein anderes Thema. Bleiben wir dabei, die Misere begann mit dem Christentum (wahrscheinlich begann sie mit der Sesshaftwerdung der Menschen, aber ich schweife schon wieder ab…) und seitdem versucht der Westen den Rest der Welt in der ein oder anderen Form auszubeuten und zu unterjochen. Das ist jetzt vorbei, denn nun kommen neue Spieler in die Welt, die keine klassischen Staatsmächte sind, global agierende Techkonzerne, Dienstleister und andere. Auch das Konzept der Nationalstaaten ist Teil des Problems und muss abgeschafft werden, weil es auf Dauer nicht friedlich sein kann. Aber der Reihe nach, in gut 50 Seiten Einführung gehts um die Neudefinition des Politischen durch Tianxia. Im ersten Kapitel geht es um die Geschichte und man erfährt von vielen Dynastien der letzten Jahrtausende aus der Gegend die heute, vereinfacht gesagt, China ist. Das ist oftmals interessant, immer viel zu detailreich und natürlich viel zu viel Information auf einmal. Aber gut um die dort entwickelte Denke etwas besser nachvollziehen zu können. Denn hier vermischen sich Philosophie und (Theologie wollte ich schreiben), Sakrales (das sich nicht auf eine Religion bezieht sondern eher auf die Natur), trifft es wahrscheinlich besser. Überhaupt gewinnt man den Eindruck das es gar nicht so einfach ist so ein chinesisches philosophisches Buch zu übersetzen, so sind immer wieder Schriftzeichen zu sehen oder auch kurz der englische Text, mehr sollen Fachleute dazu sagen. Das zweite Kapitel geht dann um die jüngere Vergangenheit von China und die „Jagd auf den Hirschen“ was Teil des Mahlstrom Models ist. Wer genaueres wissen will muss das Buch lesen. Für mich war eigentlich das dritte Kapitel „Gegenwart und Zukunft des Tianxia“ am nachvollziehbarsten. Zum einen behauptet ZHAO das die Weltgeschichte noch nicht begonnen hat, weil es eben keine Welt gibt, sondern nur viele mehr oder weniger große Einzelakteure/Mächte/Staaten die nie als Welt handeln. Und er analysiert ziemlich realistisch und prognostiziert vorausschauend was hier seit langer Zeit alles falsch läuft und wo es Enden könnte. Damit hat er leider wahrscheinlich recht und seine Prognosen mögen manche für fatalistisch oder alarmistisch halten – andere für einfach sehr realistisch. („Ihr höchstes Interesse gilt der unbeschränkten technologischen Entwicklung, zumindest in gleichem Maße wie dem Interesse an der Macht. Die systemischen neuen Mächte könnten dafür sorgen, dass Wissenschaft und Technik zur künftig einzigen Religion werden, die skrupellos alle kulturellen Tabus durchbricht und die Natur, Gott und die moralischen Traditionen ohne Rücksicht auf Verluste herausfordert. Auf diese Weise wird es höchstwahrscheinlich zu einigen höchst gefährlichen technischen Errungenschaften kommen. Das gilt vor allem für revolutionäre Erfolge, die Biologie, künstliche Intelligenz und neue Energien miteinander verbinden. Die Wissenschaftler stellen alle möglichen Vermutungen über das Auftreten solcher atemberaubender Ergebnisse an. Niemand kann die Zukunft vorhersehen, aber eines ist gewiss: Die Technologie der Zukunft wird den Menschen überragende Fähigkeiten verleihen, aber ihre moralischen Fähigkeiten werden damit nicht Schritt halten (Moral ist eine kulturelle, keine technologische Qualität). Eine technologische Entwicklung ohne Tabus wird dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit des Weltuntergangs vermutlich weit größer sein wird als die eines glücklichen Lebens.) Auf all die Punkte hier einzugehen würde den Rahmen sprengen. Aber schon die Info das es „Die große Mauer“ schon immer gab und zwar in verschiedenen Zeiten und Gegenden fand ich bereits sehr lehrreich und das ist nur ein kleiner Punkt. Das Buch zeigt einem auf, das man wenig weiß, zumindest über die Geschichte Chinas. Aber kein Einzelner kann sich mit der Geschichte von den vielen Weltgegenden die existieren auskennen. Was nicht bedeutet das man nicht mal reinschnuppern kann oder sogar soll. Und es hilft vielleicht auch ein wenig besser zu verstehen wie die Menschen aus der Gegend denken… Ob es mit der neuen politischen Weltordnung klappen wird, ist zu bezweifeln, da sich ja immer mehr herauskristallisiert wie wir Menschen funktionieren. Obwohl das Buch wie so ein „schmales Bändchen“ aussieht, steht wirklich sehr viel wissenswertes drin. Wer also mal Interesse daran hat die Dinge aus der „chinesischen Sicht“ zu sehen, der kann hier glaub ich prima einsteigen. Da man aber schon ein starkes Grundinteresse am Thema haben muss ist das Buch sicher nicht für alle zu empfehlen. 266 Seiten, Taschenbuch, 22,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3518298824
[Trust # 234 Oktober 2025]
