Abgefahren – Reisen zum Vergnügen, Valentin Groebner
Wallstein Verlag, Geiststr. 11, 37073 Göttingen, www.wallstein-verlag.de
„Eine Reise zum Vergnügen ist die große persönliche Belohnung, die Auszeit, das Abenteuer, das Entkommen aus allen Zwängen und Pflichten.“ Steht als erster Satz auf der Rückseite. Warum ist das so? In erster Linie deshalb, weil wir alle gelernt haben, beziehungsweise von der Touristikindustrie entsprechend manipuliert wurden, das anlasslose, touristische Reisen, zum Vergnügen, das ist, was wir immer, möglichst oft und am besten auch noch zu weit entfernten Zielen machen wollen. Reisen ist immer auch Flucht, meist vor etwas was einem Zuhause fehlt (sinnvolle Beschäftigung?), sonst würde man ja nicht ständig verreisen. Und Reisen ist natürlich auch ein Ersatzkonsum und eine gute Ausrede, Geld auszugeben.
Könnte man sagen, das wird aber von den Betroffenen nicht akzeptiert oder nicht gern gehört oder eben ignoriert, deshalb macht es auch nicht viel Sinn das in der Form anzusprechen oder zu kommunizieren. Geschickter ist dann schon, die eher subtile, aber im Kern sehr deutliche Kritik von Groebner. Denn er reist selbst, macht sich damit also zum Gleichen unter Gleichen, deckt die Problematiken auf, welchen er auch selbst immer wieder auf den Leim geht. Diesmal nimmt er die Leser mit zu den Traumstränden der Peloponnes, der französischen Atlantikküste, zum Wellness-Urlaub auf Sri Lanka, zu alpinen Idyllen und überfüllten Bergdörfern in die bukolische Leere des Burgund, von Rom über Südtirol nach Luzern. Es ist eine elegante Mischung aus Faszination und Ekel, die hier sehr gut verpackt aufgeschrieben wurde. Viele wissen auch um die Problematik des Overtourism, die damit einhergehende Verschandlung der verschiedenen Landschaften. Den Verbrauch von Ressourcen, des Selbstbetrugs den viele touristische Ziele immer und immer wieder wiederholen. Es geht ums Rad- und Autofahren in den Bergen oder dem Bau von Luxuswohnungen, Wohnmobile – die ganze Palette wird bearbeitet. Sprachlich immer geschmackvoll und gewandt manövriert er die Leser durch die Höhen und Tiefen der Vergnügungsreisen. Hier ein kleiner Ausschnitt: „Die Reisenden zum Vergnügen wollen sich überallhin bewegen, aber alles soll dabei genau so bleiben wie früher – oder genauer, wie es nie war. Mein Griechenland, ist mir in den wilden Bergen über dem leuchtenden Meer und mit all den Wohnmobilen am Strand aufgegangen, ist wie jedermanns Griechenland ohnehin kein wirklich existierender Ort, sondern eine Reinheitsfantasie. Der Wunsch nach diesem perfekten Ort ist nicht das Problem. Man muss nur damit zurechtkommen, dass seine Erfüllung jedes Mal unvollständig bleibt. Reisen zum Vergnügen hat keine teleologische Bestimmung und kein Endziel. Es ist unermüdlich. Und unersättlich. Reisen zum Vergnügen ist ein zweihundert Jahre altes Hamsterrad, das seinen Passagieren das Entkommen aus den von ihnen selbst mitgebrachten Widersprüchen verspricht, aber nur, wenn sie diesmal noch mehr Geld ausgeben als letztes Jahr. Wohin die Reise zum Vergnügen einen auch führt an ihrem Ziel erwartet mich und all die anderen ein verlässlicher Gefährte.“ Am Ende stell ich mir die Frage: Für wen ist das Buch geschrieben? Denn die Reisenden, werden damit, nur durch sympathisches Zureden, nicht aufhören, denn all das, was dagegen spricht wollen sie nicht hören. Jene welche sich über die Touris lustig machen, werden zwar in ihrer Kritik bestärkt und auch gut unterhalten. Aber am Ende ändert sich, wie so oft, nichts. Jeder redet sich seine Reisetätigkeit irgendwie zurecht oder aber ist für Kritik erst gar nicht erreichbar. Grade Individualreisende können nicht begreifen das sie meist der größten Lüge aufgesessen sind. Es sind ja immer die anderen, die einem den Urlaub vermiesen. Und so wird das Buch auch einigen die Freude auf den nächsten Urlaub nicht eintrüben. Was wahrscheinlich auch gar nicht gewollt ist. Und, damit ich hier nicht falsch verstanden werde, ich finde Reisen nicht grundsätzlich schlecht. Ich habe nur andere Anlässe… Gute Lektüre mit Stil und Inhalt. 136 Seiten, Gebunden, 20,00 Euro (dolf)
Isbn 978-3835391888
[Trust # 235 Dezember 2025]
