Dezember 31st, 2025

The Antipreneurs (#226, 2024)

Posted in interview by Jan

Die Bandinfo bringt es gut zur Geltung: The Antipreneurs play Punk with Desert Rock influences against the zeitgeist. No faster, higher, further. No motivational speeches and no following of the latest trends. Personal stories and current topics are put to music – rough, honest music that won’t conform.

Was die Braunschweiger The Antipreneurs textlich kennzeichnet, sind die kritischen Beobachtungen und Botschaften gegenüber dem Kapitalismus, der immer wieder als eine Wurzel des Übels entlarvt und angeprangert wird. Hier ist der Textinhalt kein nettes oder belangloses Beiwerk, sondern die Band vertritt ganz klar eine Message, bei der es sich lohnt näher ihre Texte zu hören oder zu lesen.

Musikalisch kommt hier in einem schnellen, treibenden und mitreißenden Fluss, richtig guter Punk, Rock und Metal zusammen. In all der rollenden und brodelnden Aufgebrachtheit ist der schon öfters genannte Vergleich zu Jingo De Lunch, doch ziemlich passend. Es kommen eben in einer Band vier Individuen zusammen, jeder hat seinen eigenen Geschmack, jeder bringt seine Vorlieben ein und heraus kommt dabei ein erstklassiges, treibendes, melodisches Punkrockalbum, mit einem gewissen Rock and Soul-Feeling. Schon ihr erster entstandener Song „Enemy“ ist umwerfend, darauf folgten noch elf weitere Songs, Kracher und Knaller auf „Cash Cult Cannibals“.

Stellt doch mal zur Einleitung eure Band vor. Wann und wie kam es zu eurer Bandgründung? Gibt es ein bestimmtes Ziel das The Antipreneurs verfolgen?
Eine neue Band zu gründen, war gar nicht der erste Ansatz. Wir haben uns Ende 2019 bei einem Benefizkonzert kennengelernt, wo wir mit unseren anderen Bands Final Impact und Callin Tommy gemeinsam auf der Bühne standen. André hat zu der Zeit einen Schlagzeuger gesucht mit dem er Schlagzeugaufnahmen, Mikrofonierung und so Zeug ausprobieren wollte. Im Backstage haben Jonas und André dann Nummern ausgetauscht und einige Tage später im Proberaum festgestellt, dass es wohl Sinn macht erstmal einen Song zu schreiben, bevor sie nur irgendwelches Schlagzeuggeklöppel aufnehmen.

Als der erste Song geschrieben war und sie die Schlagzeugaufnahmen im Kasten hatten, hat Jonas dann seinen Bruder Timo angehauen ob er nicht Lust hat eine Bassspur beizusteuern. Das gleiche passierte dann nochmal mit Inga und einem Gesangstrack und fertig war unser erster Song “Enemy”. In diesen ganzen Monaten bis zum ersten Ergebnis haben wir uns so gut verstanden und uns bei der gemeinsamen Arbeit an dem Song so gut ergänzt, dass wir dann beschlossen haben einfach weiter zu machen. Dieser etwas längere Ausflug in unsere Anfänge zeigt auch ganz gut das wir uns eher kleinere Etappenziele setzen. Wir sind experimentierfreudig und haben Lust Dinge auszuprobieren.

Sei es musikalisch, bei Videodrehs, im Merchdesign oder sonstiger kreativer Arbeit die wir gemeinsam machen. Unser aktuelles Ziel ist neues Songmaterial zu schreiben, dass wir auf unseren nächsten Touren im Herbst 2023 und Frühjahr 2024 auf die Bühne bringen wollen. Ansonsten werden wir dieses Jahr noch zwei Songs digital veröffentlichen. Darauf kann man sich voraussichtlich Ende des Jahres freuen.

Euer Debüt-Album heißt „Cash Cult Cannibals“. Auf was bezieht sich dieses Wortspiel?
In erster Linie ist der Titel „Cash Cult Cannibals“ eine Kritik am Kapitalismus und dem dadurch entstehenden Konsum, der uns täglich umgibt. Uns wird eingeredet dass der individuelle Wohlstand die Maxime unseres gesellschaftlichen Handelns ist. Der Kapitalismus als selbsternannte Leitfigur in einem Kult, in dem der Wohlstand Einzelner auf der Armut und Abhängigkeit der Masse basiert. Uns ist wichtig diesen Missstand klar zu benennen und Themen wie Solidarität, menschliches Miteinander und das Allgemeinwohl klar gegen den Wohlstand einzelner zu positionieren. Wir müssen uns unserer Privilegien aktiv bewusst werden und diese nutzen, um eine Welt zu unterstützen in der wir miteinander gleichberechtigt leben. Der Titeltrack „Cash Cult Cannibals“ selbst und das Artwork des Albums greifen auch auf was bei einem persönlich auf der Strecke bleibt, wenn man versucht dieses Höher-Schneller-Weiter-Spiel mitzuspielen.

Sehr beeindruckend finde ich das Video von „Waiting for the fall“, wo ihr durch einen Supermarkt geht und die inflationär hohe Anzahl der Verkaufsprodukte abzählt. Bei dem Videodreh wurde euch ja auch Industriespionage vorgeworfen. Wie kam die Idee zu dem Video und hatte das noch rechtliche Schritte nach sich gezogen?
Die Idee zu diesem Video stammt aus einer typischen Alltagssituation: Du stehst im Supermarkt und kannst dich mal wieder nicht entscheiden, nehm ich jetzt das 3-lagige Klopapier oder besser doch 4-lagig? Mit Kamille oder Meeresduft mit süßen Delfinen drauf? Samtweich und sicher oder doch lieber sanft und zuverlässig? Und irgendwie fragt man sich, was soll der ganze Scheiß? Obwohl die Idee schon länger bei uns herum geisterte, haben wir das Video sehr spontan gedreht. Wir mussten an einem Bandwochenende einkaufen gehen und sind mit Handys, Stift und Papier in den nächsten größeren Supermarkt gezogen. Das war schon sehr anders als die Videos die wir sonst so gemacht hatten, die mit viel Planung und Vorbereitung entstanden sind. Dementsprechend hatten wir auch keine Drehgenehmigung und die Ladendetektivin hat bei der Aktion im ersten Moment tatsächlich Industriespionage vermutet, aber rechtliche Konsequenzen gab es bisher keine.

Das grundliegend traurige an dem ganzen ist für mich das sich die Konsumgesellschaft längst an das Überangebot gewöhnt hat und es folge dessen schwierig sein wird, ihnen weniger Materialismus anzubieten. Eher fordert der Mensch ja immer noch mehr Luxus, bis irgendwann alles in sich zusammenbricht. Sozusagen kaufen wir die Welt tot. Dabei wäre ja ein schlichterer Lebensstil durchaus möglich und relativ leicht umsetzbar. Wo denkt ihr das uns dieser Weg hinführen wird? Und wie schlicht haltet ihr euer eigenes Privatleben?
Wir denken das uns dieser Weg in eine immer weniger lebenswerte Welt führen wird. Wenn es keine Abkehr vom Höher-Schneller-Weiter gibt, wird der Unterschied zwischen denen die dabei profitieren und denen die verlieren, immer extremer. Überall auf der Welt leiden Menschen an Unterdrückung, Menschenrechtsverletzungen oder Umweltverschmutzung, die auf unseren Lebensstil zurückzuführen sind. Doch statt den Konzernen, Superreichen und der Politik die Verantwortung für eine Veränderung des Systems zu übertragen, wird die Schuld und das schlechte Gewissen auf die Verbraucher:innen abgewälzt. Trenne deinen Müll, spare Wasser und dann wird das schon mit der guten Gesellschaft für alle. So einfach ist das aber leider nicht.

Jede Person sollte in ihrem Rahmen das tun, was sie kann. Manche haben die Kapazitäten für mehr und andere sind froh wenn sie überhaupt etwas zu Fressen und Schuhe ohne Löcher haben. Deshalb ist es uns auch wichtig nicht den Moralapostel zu spielen. Vielmehr wollen wir einen Anstoß geben über das eigene Handeln aktiv nachzudenken. Auf unseren Shows sprechen wir zum Beispiel ganz aktiv das Thema Fast Fashion an. Wir wollen Leute dazu anregen, ihr Konsumverhalten in puncto Kleidung zu hinterfragen und zeigen mit unserem eigenen Merch, den wir aus gebrauchter Kleidung herstellen, dass es Alternativen gibt. Entscheidungen in einem Bewusstsein über die Konsequenzen zu treffen bringt uns am Ende gemeinsam weiter, als mit dem Finger auf die zu zeigen, die sich der eigenen Meinung nach falsch verhalten.

Was mich derzeit auch sehr annervt ist diese Antihaltung gegenüber „Der Letzten Generation“, denn ihre Ziele sind nachvollziehbar, wichtig und gehen uns alle an. Aber gefühlt scheint die breite Gesellschaft gegen diese Aktionen zu sein und es wird nicht selten gehässig behauptet „das man Die Letzte Generation die sich auf die Straßen klebt, einfach über den Haufen fahren sollte“. Bekommt ihr diesen aufgebauschten Zorn auch mit und was haltet ihr von Der Letzten Generation?
Was die letzte Generation antreibt ist die Angst um ihre eigene Zukunft und die jeder weiteren Generation, die nach ihr folgt. Wer das nicht nachvollziehen kann und lieber zugunsten der Wirtschaft ignoriert das diese Welt den Bach runter geht, dem kann man auch nicht mehr helfen. Inwiefern ihr Protest am Ende wirklich Erfolg haben kann ist fraglich. Dennoch unterstützen wir aus Prinzip alle jene, die sich gegen die aktuellen Machtverhältnisse wehren und sich für eine bessere und lebenswertere Gesellschaft einsetzen – selbst wenn daraus rechtliche Konsequenzen oder Gewaltandrohungen von wütenden Autofahrer:innen folgen.

Der Song „Enemy“ ist eine einzige, treibende Wucht. Wer ist als Feind in dem Song gemeint?
Inspiriert ist der Text durch den Film „They Live“ in dem eine Horde Aliens die Welt in ihren Fängen hält und durch eine Art Hypnose zum Konsumieren und systemimmanenten Handeln zwingt. Aber das Ganze lässt sich natürlich leicht auf allgemeine soziale Phänomene übertragen, in denen “Rattenfänger” sprich Meinungsmacher oder einfach Populisten, Menschen mit ihren Botschaften einfangen und verblenden. Ganz deutlich wurde dies erst kürzlich während der Corona Pandemie. Aus der netten Tante Liesel wurde vielerorts ganz schnell eine Schwurblerin, die sich – überzeugt von den Parolen irgendwelcher selbsternannter YouTube Professoren – mit Nazis zusammen auf eine Demo stellt und „Wir sind das Volk“ brüllt. So schnell kann aus jemandem ein „Enemy“ werden. Traurig aber bezeichnend für unsere Gesellschaft.

Die Kapitalismuskritik zieht sich wie ein roter Faden durch eure guten, wütenden Songlyrics. Wieso ist euch das Thema so wichtig?
Weil viele Dinge die uns wütend und Menschen unglücklich machen, sich auf den Kapitalismus zurückführen lassen. Natürlich gibt es auch andere Themen die wir in unseren Songs behandeln, aber in den meisten Fällen kommt man am Ende wieder an der gleichen Wurzel an. Darum beschäftigt uns das Thema so sehr.

In der Punk Too-Debatte wird den Konzert und Festivalveranstaltern vorgeworfen das zu wenige Frauen/Flintabands die Bühnen betreten. Und in der Tat ist die Punkkonzertkultur auch sehr Männerdominiert, obwohl bei genauerer Betrachtung es auch unzählig vieler guter Punkbands mit weiblicher Besetzung gibt. Welche Erfahrung habt ihr diesbezüglich gemacht?
In der Punk Too Debatte ging es daneben auch um Übergriffe und wie die Szene – so wie viele andere – leider ebenfalls hinterherhinkt, was Aufklärung und eine klare Haltung betrifft. Es gibt im Kontrast dazu natürlich auch viele großartige Locations und Konzertcrews, die sich ganz aktiv für eine Konzertszene einsetzen, in der sich alle sicher fühlen können. Das ist aber eben – genauso wie Konzerte an denen der Anteil von FLINTA* Personen auf der Bühne in einem ausgewogenen Verhältnis zu männlich besetzten Bands stehen – eher die Ausnahme als die Regel. Das zeigt dass es eben immer noch nicht die Norm ist und auch die Punkszene hier noch einen weiten Weg vor sich hat. Bei Veranstaltungen wo Männer die Bühne eindeutig dominieren, greifen wir das Thema auch häufig in Ansagen mit auf. Sozusagen als Wink an die Veranstalter*innen. In den meisten Fällen treffen wir hierbei auch auf offene Ohren und Veranstalter:innen die sich aktiv mit uns über dieses Thema austauschen wollen.

Meines Erachtens sprecht ihr musikalisch genauso Punks an, wie Metaller oder Rocker. Eure Musik ist definitiv im Punk verwurzelt, hat aber auch eine starke rockige Note. Das erinnert mich an Jingo De Lunch, nicht zuletzt auch wegen dem kraftvollen Gesang von Inga Stang. Von welchen Bands seht ihr euch beeinflusst?
Das hören wir nicht zum ersten Mal! Die größte Überschneidung haben unsere Hörgewohnheiten definitiv im Punk und Rock. Aber konkret Bands zu nennen und sich damit auch automatisch zu vergleichen, fällt uns tatsächlich schwer. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Bands die wir alle vier mögen. Dadurch ist das gemeinsame Songwriting aber umso spannender und bestimmte Songpassagen würde es so sicherlich nicht geben, wenn wir uns nicht überall dort bedienen würden, wo wir gerade Lust drauf haben. Häufig hören die Leute auch andere Einflüsse als wir selbst, was immer interessant ist.

Bisher scheint ihr eher im Norden von Deutschland gespielt zu haben. Gibt es auch die Möglichkeit dass ihr mal in den Süden, oder nach Österreich oder in die Schweiz kommt?
Wie alles andere auch ist das Booking bei uns DIY. Dieses Jahr war unser Fokus Nord- und Mitteldeutschland sowie Belgien und die Niederlande. Aber wir würden uns freuen nächstes Jahr auf unserer Oster-Tour auch mal weiter in den Süden zu kommen. Anfragen einfach direkt an uns!

Noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
Unterstützt Subkultur, geht auf Konzerte, passt aufeinander auf, seid laut gegen Ungerechtigkeit!

(bela)

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