Dezember 31st, 2025

Phantom Bay auf USA-Tour+ Mörser auf Japan-Tour (#224, 2024)

Posted in interview by Jan

Bremen, fast weltweit mit  Phantom Bay und Mörser

Zwei Bands aus Bremen, die eine seit mehr als 25 Jahre aktiv, die andere seit knapp 2,5 Jahren. Mit beiden Bands hatte ich in der Vergangenheit fürs TRUST gesprochen. Mit Mörser (M) habe ich im Sommer 2021 im Garten gegrillt (vgl. TRUST #210) und Phantom Bay (PB) traf ich ein knappes Jahr später in einer Eckkneipe, um über das selbstbetitelte Debütalbum zu reden (vgl. TRUST #215). Wieder ein Jahr später, im Herbst 2023, sind beide Bands auf Tour. Nicht zusammen – obwohl das sicherlich ein interessantes Package wäre – sondern auf unterschiedlichen Kontinenten. Fast zeitgleich touren Phantom Bay an der Ostküste der USA, während Mörser in Japan unterwegs sind. Höchste Zeit für ein Update, was bei beiden Bands gerade so los ist und nachzufragen, wie die jeweilige Tour lief, was die Bands erlebt haben und welche Anziehungskraft die US-Westküste scheinbar hat.

Wer hat eure Tour gebucht und wie seid ihr an die Konzerte gekommen?
PB: Die Tour haben wir in Eigenregie gebucht, nach der Zusage für das FEST in Gainesville. Wir haben durch unsere alten Band- und Bookingaktivitäten einige Freundschaften in den USA geschlossen, die uns jetzt geholfen haben, die Tour zu organisieren. Vom richtigen Club bis zum Keller einer Kirche war alles dabei.

M: Der erste Kontakt mit Naoki, derjenige, der dann schlussendlich unsere kleine Tour gebucht hatte, kam vor ca. 5 Jahren zustande. Er hatte danach in 2020 auch die Carol Tour gebucht und so kam man immer wieder ins Gespräch. Die Organisation lief dann letztlich zwischen Naoki und unserem Drummer Andre. Im Januar dieses Jahres konnten schließlich Flüge gebucht werden und im Oktober standen wir dann 4x auf einer Bühne in Japan.

Wie liefen die Einreise und Immigration ab? Hattet ihr Schiss vor der berühmten Frage, was der Grund für die Einreise sei?
PB: Das lief reibungslos, aber natürlich waren wir angespannt und haben uns im Vorfeld eine Story überlegt. Die Secondary Inspection im Verhörzimmer blieb uns glücklicherweise erspart. In New York City reisen täglich so viele Menschen ein, dass sich ein Einreiseoffizier nur bedingt für irgendwelche europäischen Touristen interessiert. Wir hatten auch weder Equipment noch Merchandise im Gepäck, was auf einen anderen Einreisegrund hätte schließen lassen.

M: Wir hatten Horrorgeschichten über Bands gehört, die am Flughafen in Tokio abgewiesen worden sind, da die kein Arbeitsvisum vorlegen konnten. Da hatten die Zollleute wohl Gitarrenkoffer und so gesehen und dann nachgefragt. Soweit kam es dann aber gar nicht, da unser gesamtes Gepäck nicht mitgeflogen war. Wir mussten am nächsten Tag das ganze Zeug abholen und das war denen dann vielleicht so unangenehm, dass kein Fragen gestellt wurden.

Erzählt vom ersten Abend bzw. dem ersten Konzert.
PB: Das erste Konzert war in Cambridge, Massachusetts (bei Boston) und fand im Keller eines Tasty Burger Restaurants statt, unmittelbar neben der Harvard Business School. Das war schon schräg. Unser Freund Brandon hatte uns seine Engl- und Peavey-Amps für die Tour geliehen. Bis zum Line-Check wusste niemand, ob die Amps noch funktionieren (das haben sie glücklicherweise). Die klangen dann so gut, dass Leute dachten, wir hätten unser eigenes Equipment mit. Promoter, Bands und Publikum waren auch sehr nett und zuvorkommend. Beim ersten Song sprang direkt ein Typ aus dem Publikum und hat Michi den Text ins Gesicht gebrüllt. Der kannte jede Zeile, das war cool.

M: Nachdem wir unser gesamtes Gepäck vom Flughafen geholt hatten, war keine Zeit mehr, es noch ins Appartement zu bringen. Die Entfernungen in Tokio sind schon extrem. Also hieß es: Alles mitnehmen und direkt zum Venue. So kamen wir dann vollgepackt mit allem, was wir mit hatten im „EL Puente“ in Yokohama an. Da wurden wir dann auch herzlich empfangen, machten schnell einen kurzen Soundcheck und schauten uns danach die anderen Bands an. Nach dem Konzert dachten wir dann, okay, jetzt mal ins Appartement und endlich unsere Sachen verstauen; stattdessen ging es direkt in eine Bar. Dann hieß es wieder: Alle Koffer abstellen und noch ein Bier. Irgendwann gegen Mitternacht waren wir dann endlich „zu Hause“.

Wie liefen die Konzerte ab? Gab es etwas, dass euch kolossal genervt hat?
PB: Im Grunde ähnlich wie in Europa. Der größte Unterschied war, dass selten weniger als drei, sondern eher fünf Bands an einem Abend gespielt haben und dass die Konzerte früh wieder vorbei waren. Die Leute kommen, sehen sich die Bands an und um 22:00 Uhr schließen die Läden wieder.

Für uns war das super, wir konnten am nächsten Tag vormittags losfahren und so zumindest ein bisschen was von den Städten sehen. Was die Besucherzahlen angeht, war von einer vollen Venue bis zur Show für 6 Leute in einem Skateshop alles dabei. Auch die Lineups waren sehr divers.

Wir haben mit Hardcore-, Grindcore-, Screamo- und Midwest Emo-Bands gespielt. Beeindruckt hat uns über die gesamte Tour die Hilfsbereitschaft unserer Freunde und der Veranstaltenden, und dass wir uns an den meisten Abenden wie ein Teil der lokalen Konzertszene fühlen durften. Genervt ist vielleicht übertrieben, aber das Lebensmittelangebot war für uns gewöhnungsbedürftig. Außerdem hätte es für unseren Geschmack ein paar weniger Trump-Aufkleber und unnötig riesige Pickup-Trucks geben können.

M: Alle Menschen, die unsere Konzerte veranstaltet haben, waren sehr nett und zuvorkommend. Die japanische Kultur kann da gar nicht anders. Es läuft allerdings alles nach einem recht strengen Zeitplan ab. Zu spät zu kommen wird schon als ziemlich unhöflich empfunden. Ebenso sind die Bands irgendwie dazu „verpflichtet“, sich sämtliche andere Gruppen, die mit einem spielen, anzuschauen.

Getränke, Backstage, Essen…..da kannst du in Japan lange drauf warten, es läuft einfach gänzlich anders als in Deutschland oder Europa. Wir haben auch in Läden gespielt, in denen nahezu jeden Tag ein Konzert war. Insofern kann man schon verstehen, warum die Leute da nicht auch noch kochen. Kolossal genervt hat aber eigentlich nichts, man muss nur den unterschiedlichen Umgang verstehen.

Was war das Verrückteste, was euch während der Tour passiert ist?
PB: Wir waren mit Seekühen in Florida schwimmen. Die Tiere leben dort in freier Wildbahn und es gibt geführte Beobachtungstouren. Wir hatten Glück und konnten 15 Minuten mit einer tiefenentspannten Seekuh im Wasser treiben. Cool war außerdem, dass wir ein Foto auf der Veranda des Dischord-Hauses in Washington D.C. schießen durften, genehmigt von Ian McKaye himself. Und dass Norm von Texas is the Reason, Shelter und Anti-Matter bei unserer Show in NYC auftauchte.

M: Möglicherweise, dass Zuschauer mit Platten von Hardcorebands zum Konzert gekommen sind, in denen manche von uns vor ca. 30 Jahren gespielt haben. Da sollte dann direkt auf die Platte unterschrieben werden. Haben wir in Europa oder den USA nie erlebt so was. Verrückt war auch eine Vorband in Tokio, die hatten einen Percussionisten dabei, der praktisch ein halbes Auto auf der Bühne stehen hatte und auf den einzelnen Teilen dann ziemlich gut rumgekloppt hat. Ansonsten ist gerade Tokio aus sich heraus schon verrückt. Es ist eben der größte Ballungsraum der Welt.

Hat sich das Bandgefüge verändert? Immerhin seid ihr für einen langen Zeitraum auf relativ engen Raum zusammen?
PB: Es ist wahrscheinlich noch zu früh, um das beantworten zu können. Wir waren zwar tourerfahren durch vorherige Projekte, aber auf Tour funktioniert ja bekanntlich jede Person anders. Die eine hängt am liebsten nur auf der Rückbank ab, die andere geht in der Früh gerne joggen, die dritte fährt am liebsten die ganze Zeit. Man lernt die unterschiedlichen Persönlichkeiten schon deutlich intensiver kennen. Das hat auf dieser Tour gut funktioniert, wenngleich man sagen muss, dass es nur 2 Wochen und keine 3 Monate waren.

M: Nein, Veränderungen im Bandgefüge gab es nicht. Wir kennen uns schon seit fast 30 Jahren und wissen eigentlich, wie der jeweils andere tickt. Natürlich ist das auch gelegentlich schwierig, auf wirklich engem Raum zusammenzuleben, aber da reißt sich jeder einfach mal zusammen. So ein Appartement in Tokio oder Osaka ist jetzt nicht gerade 200 m2 groß. Hat aber funktioniert. Und wenn mal jemand keinen Bock hatte, sich irgendwas anzuschauen, dann kann man an einem Day-Off ja die Gruppe auch einfach splitten.

Und wie steht es mit euch persönlich? Hat die Tour was mit euch als Individuen gemacht? Seid ihr reifer oder (noch) erwachsener geworden?
PB: In erster Linie sind wir sehr dankbar, dass wir diese Erfahrung machen durften. Eine US-Tour zu spielen war erklärtes Ziel dieser Band und ein Grund, weshalb wir das Projekt gegründet haben. Sich diesen Traum erfüllen zu können, ist ein Privileg und war für uns alle sehr erfüllend.

M: Es ist eine Erfahrung, die man wohl nur einmal im Leben macht. Wir stehen ja alle kurz vor den 50; da sind wir schon erwachsen genug. Also nein, nicht erwachsener, höchstens erfahrener.

Bock, das ganze Morgen zu wiederholen? Oder jetzt erst mal Pause?
PB: Wir werden uns als Band jetzt erst mal sortieren. Aber perspektivisch gäbe es ja noch die US-Westküste…

M: Also jetzt sofort muss es nicht noch mal sein. Aber ausschließen möchten wir das auch nicht. Der gesamte Trip ist schon ziemlich anstrengend; alleine die Flugzeiten, der Jetlag und der Kulturschock können einem schon heftig zusetzen. Und da wir, wie erwähnt, ja auch nicht mehr die Jüngsten sind, brauchen wir jetzt erst mal Urlaub. Wir waren noch nicht an der Westküste der USA. Das wäre ja vielleicht mal was, was man in Angriff nehmen könnte. Die Tour 1999 im Osten der USA hatte schon Spaß gemacht.

Wie ist es, jetzt wieder im verregneten, nassen und grauen Bremen zu sein?
PB: Palmen hin oder her, es ist schon ganz in Ordnung im verregneten Bremen.

M: Business as usual. Wir kommen alle aus dem Norden oder Bremen. Ohne Regen würden wir ja überhaupt nicht klarkommen. Das Graue im November bis zum Februar muss hier einfach mal durchgehalten werden.

Was sind eure nächsten Pläne mit der Band?
PB: Wir spielen Anfang Dezember noch zwei Konzerte in Berlin und Nürnberg mit unseren Freunden von Fussy aus England. (Anm.: Die schon gelaufen sein werden, wenn dieser Text in den nächsten Redaktionsschluss geht.) Im März folgen drei Shows mit Wrong Man aus Belgien und im Sommer ein paar Festivals. Ansonsten werden wir an neuer Musik arbeiten.

M: Wir sitzen an der nächsten Platte. Bei unseren Veröffentlichungsabständen dürfte die dann in ca. 1-2 Jahren soweit pressreif sein. Wir nehmen uns immer unsere Zeit: Soll ja auch gut werden.

Interviews: Claas Reiners

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