NIKEL PALLAT Teil 2 (#227, 2024)
NIKEL PALLAT – TEIL II
Ging es in dem ersten Teil des Nikel Pallat-Interviews noch hauptsächlich um das reaktionäre Lebensgefühl der 68er, um TON STEINE SCHERBEN und anderen Polit und Agitrockbands, den Vertriebsstrukturen von David Volksmund und Schneeball, so weitet sich der zweite Teil aus um den Vertrieb von EfA (Energie für Alle) und Indigo, die zahlreiche Punk, Underground und Independentplatten in ihrem Programm hatten.
Im Grunde verbreitete EfA den Punk in all seinen Facetten und später auch den Grunge um Glitterhouse in einem größeren und breiteren Umfeld in Deutschland aus, so hatten sie zahlreiche namhafte, wichtige und wegweißende Labels in ihrem Vertrieb wie u.a. Alternative Tentacles, SST, ZickZack, No Fun, Crass Records. Ohne EfA wäre es weitaus schwieriger und kostenaufwendiger gewesen, an all diese innovativen Platten zu gelangen, auch wenn es durch die Undergroundstrukturen incl. Mailordern, Fanzines usw. natürlich dennoch möglich war und auch in Anspruch genommen wurde.
In dem Interview sollte auch der politische Aspekt nicht zu kurz kommen, wie bei BRÜHWARM – der ersten homosexuellen Rockband Deutschlands, wo auch die Scherben, Rio Reiser und Corny Littmann beteiligt waren. Es geht auch um aktuelle, rechtskonservative Entwicklungen der Rockmusik um Bands wie Onkelz, Frei.Wild, Weimar, die in den letzten Jahren ein viel zu großes Marktsekment einnahmen. Und zum Schluss ging es auch noch um die Entwicklungen einstiger Independentvertriebe, die vom Mainstream aufgekauft wurden und dem daraus resultierenden Musikkonsum über Spotify und deren negativen Folgeerscheinungen.
Du hast es in deinem Buch zwar schon umschrieben, aber erkläre uns doch nochmal bitte, wie der Schneeball und später der EfA-Vertrieb und letztendlich der Indigo-Vertrieb zu Stande kam.
Als wir ganz am Anfang mit David Volksmund Produktionen anfingen, waren wir einer der ersten Independent-Labels in Deutschland. Wir produzierten unsere Platten selbst und brachten sie in den Vertrieb und das gelang uns über die Jahre hinweg auch relativ erfolgreich. Darum wurden auch andere Bands auf uns aufmerksam und fragten uns, wie wir das auf die Reihe bekommen, dass unsere Platten in all den Läden erhältlich sind und ob wir zusammenarbeiten können, weil sie ihre neue Platte veröffentlichen wollten.
Durch diese Zusammenarbeit entstand Schneeball. Bei Schneeball gab es den wunderschönen Slogan „Was löst ein Schneeball aus? – Ein Schneeball kommt ins Rollen und damit entsteht eine ganze Lawine!“. Und wenn ich so zurückblicke, dann wurden aus erstmals vier Bands dann acht und daraus wurden immer mehr.
Ende der 70er, Anfang der 80er kamen dann auch noch weitere Labels auf uns zu, die mit uns zusammenarbeiteten wie z.B. No Fun Records aus Hannover, mit denen wir fortan erfolgreich kooperierten und ihre Platten in unseren Vertrieb aufnahmen. Es gab immer mehr Labels, die auf der Suche waren nach selbstständigen und unabhängigen Vertriebsformen.
Daraus entstand dann der nächste Schneeball-Effekt: Als wir dann noch von internationalen Bands oder Labels Anfragen bekamen, erreichten wir die nächste Stufe zu EfA (Energie für Alle)-Medien, wo wir Veröffentlichungen aus England, Italien, Amerika, sprich aus allen Himmelsrichtungen importierten. Wir waren in den 80ern neben Rough Trade der wichtigste Independent-Vertrieb, wobei wir internationaler aufgestellt waren als Rough Trade, die sich mehr auf England spezialisierten.
Das Problem Mitte der 80er war das der Dollar unglaublich teuer war im Verhältnis zu heute. Damals war ein Dollar ungefähr drei Mark wert, somit war es schier unmöglich Platten zu importieren. Deswegen wurden viele Veröffentlichungen auch lizensiert für Deutschland wie z.B. Glitterhouse die dann auch in Deutschland hergestellt wurden.
Bei SST wurde hingegen nur importiert, denn das konnte man nicht bezahlen. EfA wuchs überragend schnell bis sich irgendwann herausstellte, dass wir viel zu viele Platten veröffentlichten. Das passte meinen ewigen Partnern bei Indigo – Jörn Heinecker und Albrecht Boehm auch nicht, worauf wir zum Entschluss kamen, dass wir keine Inflation an Neuheiten wollen, sondern dass wir uns lieber auf die wirklich wichtigen Veröffentlichungen konzentrieren.
Dafür benötigten wir eine neue Firmenstruktur, somit stiegen wir bei EfA aus und gründeten Indigo. EfA lief dann natürlich weiter, aber wir haben einige sehr wichtige Labels zu Indigo mitgenommen die wir schon bei EfA miteingebracht hatten. (aber das alles wird in meinem Buch viel ausführlicher umschrieben.)
Wenn du dir letztendlich ansiehst wie viele Tausende von Titel wir über die Jahrzehnte veröffentlichten, dann war das nicht nur eine, sondern mindesten drei Lawinen, die wir in Bewegung brachten.
Bleiben wir gleich noch bei EfA, dort hattet ihr auch so einige wichtige und wegweißende Punklabels im Vertrieb wie z.B. Crass Records, Alternative Tentacles, SST, Zick Zack oder No Fun. Wie hattest du die Punkbewegung in Erinnerung behalten? Die Attitüde stand ja von den Scherben und anderen Politrockbands der 70er Jahre nicht weit entfernt.
Die von dir aufgeführten Labels sind nur ein kleiner Ausschnitt von dem was wir im Programm hatten. Ich denke zwar das sich viele Punkbands zu EfA nicht direkt hingezogen fühlten, weil viele dachten das ist doch eine alte Hippiefirma mit diesen ganzen Leuten die früher Jazzrock spielten und Ton Steine Scherben sahen die vermutlich auch als etwas altbacken an. Die mussten erstmal eine gewisse Schwelle überschreiten, bevor sie auf uns zukamen.
Es war halt doch ein Generationskonflikt, oder?
Ja auch zum Teil ein Generationskonflikt, es gab selbst bei uns Leute im Vertrieb die schon wesentlich älter waren als wir selbst. (Denn wir waren zu diesem Zeitpunkt in unseren 30ern und da gab es doch auch manche 50 jährige und da wusste man oft auch nicht wie man mit denen umgehen soll.)
Aber es stellte sich immer nach relativ kurzer Zeit heraus dass es gemeinsame Nenner gibt. Einerseits in der Haltung, dass sie genau wie wir unabhängig bleiben wollten und andererseits in musikalischer Hinsicht, indem sie auch versuchten gegen den Mainstream anzuschwimmen und sich nicht einfach anpassen wollten. Wir haben uns auch nicht angepasst: wenn wir Ton Steine Scherben schlagermäßig vorgetragen hätten, was damals Anfang der 70er der übliche Mainstream in Deutschland war, dann hätte das vielleicht sehr schräg geklungen, aber das hätte überhaupt nicht zu unserer Haltung gepasst oder dem was wir musikalisch und textlich ausdrücken wollten.
Es gab bei den Labels, mit denen wir zusammenarbeiteten, sehr schnell einen Bezug über die persönliche Haltung und dass man sich sagte: wir sind in Opposition und die Punker waren eben in Opposition gegen die Hippies und deren Marotten. Es gibt ja immer erstmal kleine Vorurteile.
Ja ich habe auch diese Abneigung gegen die Hippiebewegung immer für übertrieben empfunden, weil es hat sich doch teilweise die eine Szene auf der anderen aufgebaut oder viele Punkbands haben in besetzten Häusern gespielt die zuvor von den Hippies besetzt wurden. Es war meines Erachtens sozusagen ein Stein der auf den anderen Stein gelegt wurde.
Erstmal das und zum anderen braucht man, ich will jetzt nicht sagen Feindbild, das ist übertrieben, aber einen Gegenpart an dem man sich abarbeiten kann und da waren für die Punkrocker die Hippies wohl ein gutes Model. In England war es vielleicht anders, da war es vielleicht eher das Gefühl von No Future, vor allem bei den frühen Punkbands bis sie selber sehr erfolgreich waren und eine goldene Zukunft vor sich sahen.
Naja das ist vielleicht ein blöder Seitenhieb. Es wird oft jemand benötigt, wo man sich sagt: der ist kulturell so drauf und ich bin kulturell anders drauf und damit ist das auch identitätsstiftend für eine Band oder ein Label. Es gab natürlich auch Leute die sich dachten, wir machen eine andere Musik und deswegen brauchen wir auch andere, neue Vertriebsformen. Das war völlig naiv, denn eine andere Vertriebsform wäre nur darauf rausgelaufen, dass sie nicht in die Läden reingekommen wären, somit wäre ihnen nur der Weg geblieben ihre Platten an die Kunden zu verschicken.
Aber es gab dennoch eine totale Undergroundszene im Kassettenvertrieb die teilweise eine Auflage von nur 10-50 Stück hatten.
Das ist ein interessantes Thema und das fand ich auch sehr gut, weil da hast du direkt etwas für den Fan gehabt und konntest sehr spezielle Sachen unters Volk bringen. Du kannst heutzutage in digitaler Form keine limitierte Single veröffentlichen, die sich dann nach 1000 Spotifyaufrufen automatisch löscht oder du musst es halt dann selber irgendwann löschen bzw. aus dem Verkehr ziehen.
Natürlich hat das seinen Vorteil, dass wenn du denkst, die eine oder andere Veröffentlichung interessiert sowieso nur 300 Leute und dann sind es auf einmal 30000. Aber so etwas kann immer geschehen und das passierte damals auch bei bestimmten Singles oder Kassetten die sich an einer großen Popularität erfreuten und dann hast du vielleicht nicht eine zweite Kassette davon veröffentlicht, sondern du hast es als Vinylplatte herausgebracht.
Aber anderweitig finde ich so eine strenge Limitierung auch bescheuert, weil es halt nur für einen gewissen, elitären Kundenkreis gedacht ist und automatisch immer teurer wird. Ich bin kein Freund von strengen Limitierungen.
Nein ich auch nicht, wir haben da z.B. derzeit ein Problem dass wir eine Platte auf Vinyl wiederveröffentlichen wollen, die schon seit über 20 Jahre nicht mehr auf dem Markt ist und die war damals extrem teuer ausgestattet mit großen Beiheft usw. und da rief uns neulich der Drucker an, das er noch 1000 dieser Beihefte auf seinem Dachboden stehen hat. Das war eine glückliche Fügung denn das heute alles drucken zu lassen wäre ausgeschlossen, weil es viel zu teuer ist.
Und so werden wir das in aktualisierter Form mit neuen Coverartwork usw. und incl. dem alten Beiheft wiederveröffentlichen. Aber diese Wiederveröffentlichung von 1000 Stück wird es so in dieser Ausstattung in Zukunft nicht mehr geben und ob es in einer abgespeckten Form noch interessant ist müssen andere Leute entscheiden. Aber tatsächlich sind strenge Limitierungen nur eine Marktverknappung.
Weil wir vom Trust-Fanzine große SST Fans sind, würde mich interessieren was du von dem Label hälst und welche Veröffentlichungen auf SST besonders gut liefen?
Wir hatten die SST-Releases jahrelang im Vertrieb. Weil es bei SST stilistisch eine große Bandbreite gab war die Nachfrage recht unterschiedlich. Sehr gut liefen Black Flag, Hüsker Dü und natürlich Sonic Youth. Weniger gut liefen solch Sachen wie Blind Idiot God.
Die waren halt sehr schräg, aber auch genial.
Ja eben da waren teilweise musikalisch wesentlich spannendere Sachen dabei als bei den Bands die gut liefen, aber bereits nach ihrer dritten Platte leider begannen sich zu wiederholen, weil sie irgendeine Masche drauf hatten die anscheinend gut lief. Auf SST gab es Sachen die vordergründig nicht kommerziell ausgelegt waren, aber die wir liebten weil wir auch den Außenseitern eine Chance geben wollten, auch wenn sich da statt 3000 oder mehr nur 300 Platten verkaufen ließen. Genau das gehört doch auch zu einem guten Labelprofil, dass nicht nur die Stars finanziell gut durchkommen, sondern auch andere interessante Seitenwege geöffnet werden, damit auch diese wahrgenommen werden.
Ich denke SST war ohnehin eine Heimat für schrägere Bands und irgendwie haben sie den Punk mit dem progressiven Hippie-Geist vermischt und damit haben sie ganz andere Maßstäbe gesetzt als durchschnittliche Punklabels, wo stilistisch immer das Gleiche herauskam.
Bei Alternative Tentacles war es halt im vornherein klar dass die Veröffentlichungen auch ihren Labelinhaber Jello Biafra gefallen mussten. Es gab zwar ab und zu kleine Seitenwege, die etwas aus der „Dead Kennedys-Schule“ herausgingen.
Obwohl NoMeansNo waren natürlich auch sehr innovativ und progressiv.
Ja NoMeansNo waren sensationell sind aber leider etwas in Vergessenheit geraten, da gab es dazwischen schon wunderbare Perlen. Der Markt war für solch amerikanische Veröffentlichungen so gut wie ausgetrocknet, die Leute waren froh, wenn sie überhaupt an diese Releases herankamen und uns war es wichtig, dass wir auch die schrägeren Sachen im Angebot hatten. Später liefen die Alben von Rollins Band oder den Jello Biafra Spoken-Word-Alben auch ganz gut. Aber die wirklich spannenden Sachen erschienen so Ende der Achtziger Jahre, da war der kreative Output bei SST und AT doch am größten.
Desweiterem hatte EfA durch seine Glitterhouse-Connection die interessanten Anfänge der Grunge-Ära um Screaming Trees, Mark Lanegan, Sister Double Happiness usw. vermarktet. Wie hast du diese doch sehr bewegende Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er wahrgenommen?
Das war sehr verrückt, denn die Leute von Glitterhouse kamen uns besuchen und wir wussten bis dato nur das sie unter dem Namen ein Fanzine herausbrachten. Es gab damals viele Fanzines, aber das von Glitterhouse stach schon sehr heraus. Sie wollten auch, dass wir ihr Fanzine vertreiben, aber das war immer etwas problematisch, weil die Fanzines in den Plattenläden etwas untergingen, sich nicht verkauften oder kaputt zurückgingen. Das Thema wurde dann eher so unter dem Motto „Naja wenn´s dein muss“ abgehandelt.
Aber sie wollten auch ihre ersten Singles über uns vertreiben. Wir dachten das hört sich doch spannend an, wieso nicht? Aufgrund des Fanzines wussten wir das die einen guten Geschmack und ein gutes Näschen für neue Bands hatten. Wir dachten uns da ist mehr zu erwarten, als wenn irgendwer anders aus Deutschland bei uns an der Tür klopft und behauptet er hätte die Entdeckung des Jahrhunderts gefunden.
Und das ging dann plötzlich sehr schnell Schlag auf Schlag und eine Band, die Glitterhouse ganz besonders wichtig war und der wir zum Erfolg verhalfen waren Mudhoney, die in den letzten Jahren leider ziemlich unterschätzt waren, keine Ahnung woran das liegt. Oder auf der anderen Seite gab es auch andere überaus interessante Labels wie z.B. Amphetamine Reptile Records wo Sachen wie Helmet herauskamen.
AmRep hatten Glitterhouse auch im Angebot, im Grunde hatten sie mehr oder weniger alles, was nicht in Seattle von der Industrie aufgegriffen wurde, im Angebot. Da waren halt dann nicht Pearl Jam dabei oder von Nirvana hatten sie nur die erste Platte „Bleach“ die auf SubPop erschienen ist. Wir rannten damit alle Türen ein und spätestens seit dem Megaerfolg von Nirvana´s „Nevermind“ ist das dann plötzlich alles Massenmarktkompatibel geworden.
Ich finde Nirvana auch überbewertet bzw. empfinde ich sie nicht als die beste Band der 90er Jahre, wie sie von vielen Leuten dargestellt werden. Da gab es einige andere Bands die genauso gut oder noch besser waren. Und durch diesen Nirvana-Hype gab es auch die Melodiecorepunkwelle um Green Day oder Offspring die sich prima verkaufen ließ.
Ja eben das verkaufte sich auch wunderbar, das ging mal wirklich durch die Decke. Wie gut oder schlecht Nirvana sind darüber kann man sicherlich lange diskutieren, aber durch diesen tragischen und schicksalshaften Selbstmord von Kurt Cobain hing über der Band noch ein Heiligenschein der noch mehr Interesse erweckte.
Ja klar, wie halt auch bei den Doors oder den Sex Pistols.
So etwas passiert dann halt immer wieder, das ist dann vielleicht für kleine Mädchen interessanter als für Leute die sich knallhart für Musik interessieren und Entwicklungen verfolgen. Das grenzt dann manchmal schon mehr an Marketing als an musikalische Qualitäten.
Ton Steine Scherben waren eine Band, die für die Arbeiterklasse Songs geschrieben hat. Ich finde solch eine Band fehlt heutzutage weitgehend. Wieso denkst du dass dieser Bezug zur Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten wegfiel? Oder fallen dir aktuelle Bands oder Musiker ein die die Sorgen der Arbeiterklasse thematisieren?
Die Themen der Arbeiterklasse kamen auch nur speziell auf den ersten beiden Scherben-Platten zum Vorschein, das war bei ihrer dritten Platte „Wenn die Nacht am tiefsten…“ dann auch kein Thema mehr (Anmk: mit Ausnahme von „Nimm den Hammer“ und „Guten Morgen“).
Aber ich finde das tendenziell schon gut, denn du bist ein Medium als Band und hast die Möglichkeiten Probleme oder Sorgen zu transportieren oder Fragen zu stellen die ansonsten in den breiten Medien erst gar nicht gestellt werden und einfach unter dem Tisch fallen. Genauso verläuft es auch parallel bei Filmen oder Büchern.
Es gab zum Beispiel den Verlag: „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“. Mit Ausnahme von „Wir Streiken“ haben wir uns jetzt nicht wirklich als eine Arbeiterklasse-Band angesehen, sondern eher als ein Sprachrohr für junge Lehrlinge.
Da wir selber jung waren, haben wir uns nicht wirklich identifizieren können mit einem 55-jährigen Mann am Fließband, sondern eher mit den jungen Arbeitern die ebenfalls am Fließband standen. Angefangen hatte das schon mit den Roten Steinen, die als Lehrlingstheater auftraten, die Roten Steine waren einer der Quellen, auf denen sich später Ton Steine Scherben aufgebaut haben.
Ich finde es natürlich schade, dass sich heutzutage auch niemand nur ansatzweise bemüht, irgendwelche künstlerischen Signale aus dieser Richtung an die Öffentlichkeit zu senden. Vielleicht liegt es daran, dass alle Kunststudenten sind, aber ich habe keine Ahnung. Ein Hip Hopper kann sich zwar als Gangsterrapper stilisieren, aber er würde wohl kaum zugeben, dass er familiär aus dem Arbeitermilieu kommt.
Was hast du allgemein von der Hip Hop oder auch der Technobewegung der 90er Jahre gehalten?
Die Anfänge des Hip Hop gefielen mir gut, denn es hatte einen anderen Groove und ich stehe eh mehr auf groovige als auf geradlinige Musik, weil ich eben aus dem Jazz komme. Techno gefiel mir von Anfang an überhaupt nicht und das ist auch nie meine Musik geworden, weil ich das eher als langweilig empfunden habe.
Ab und zu gab es schon mal ein Stück, das ich halbwegs gut fand aber ich bin auch nie auf Technopartys gegangen, insofern war das nie meine Welt. Bei EfA hatten wir mit Werner Schrödl einen Kollegen der in Berlin direkt an der Quelle saß, mit Westbam, Tresor oder den ganzen anderen Berliner Labels, die sich zu jener Zeit gründeten.
Werner war da voll mit am Ball und wir ließen ihn dann auch machen, denn schließlich existierte zu jener Zeit auch eine sehr große Nachfrage an Techno. Wir konzentrierten uns bei Indigo Anfang der 90er aber mehr auf Hip Hop aus Deutschland und wir hatten mit dem A&R Mann Hendrik Unger auch den richtigen Ansprechpartner dafür, der Hip Hop bereits in den 80ern aus Amerika kannte.
Als der dann merkte das sich auch endlich in Deutschland was tut, trat er sofort u.a. mit dem Buback Label in Kontakt, um z.B. die frühen Absolute Beginners zu veröffentlichen. Ich fühlte mich dem Hip Hop, allein schon von den Texten wesentlich mehr hingezogen als zum Techno, wo die Texte alles andere als intelligent waren, wenn z.B. Scooter „Hyper, Hyper“ brüllt.
Ich hatte auch meine Probleme mit Techno, weil sie zu einer Entpolitisierung beigetragen haben oder die Texte eben nur ein musikalisches Beiwerk waren.
Wenn überhaupt. Hip Hop hat mir jedenfalls Spaß gemacht. Die zweite Welle um Aggro Berlin ging an uns vorbei mit der wollten wir nichts zu tun haben, dafür hatten wir aber jahrelang Fettes Brot im Vertrieb, die waren auch einer der erfolgreichsten Hip Hop-Acts zu jener Zeit bevor sie bei der Industrie gelandet sind.
Auf der anderen Seite gibt es mit Böhse Onkelz, Freiwild und Konsorten auch einen großen Deutschrockmarkt, der eher konservative, patriotische Werte anspricht. Hast du eine Erklärung für diesen Wandel? Oder kannst du dich daran erinnern dass es auch in den 70er oder 80ern Rockbands mit konservativen Werteanschauungen gab?
In den 70er Jahren gab es meiner Meinung nach keine konservativen Bands. Die ersten Bands bei denen darüber gemunkelt wurde, dass die anders bzw. rechtsradikal sind, waren dann tatsächlich Böhse Onkelz oder O.H.L. die mit der Punkwelle über Rock-O-Rama Records hochkamen. Selbstverständlich wollte weder ich noch die anderen Leute von EfA mit denen was zu tun haben. Das war Tabu.
In den 90ern gab es auch mal die Sat1 TV-Sendung „Einspruch“ wo unter anderem Rio Reiser und Störkraft eingeladen wurden und es war einfach genial wie Rio Reiser die nicht ganz so hellen Musiker von Störkraft in Grund und Boden geredet hat.
Die Sendung sagt mir schon noch was aber ich habe es jetzt auch nicht mehr auf dem Schirm um was da inhaltlich genau ging. Es ist ganz klar dass es in Deutschland immer einen rechtsradikalen Rand gab der die Republikaner, NPD oder AfD wählte. 15 % der Deutschen sind einfach unumstößlich rechts gerichtet, da kann man dagegen machen was man will, die sind ein hoffnungsloser Fall.
Sofern haben die dann auch ihre Bands wie Böhse Onkelz die bei den Interviews Kreide fressen, noch schlimmer sind die Südtiroler Frei.Wild die noch scheinheiliger agieren aber auf jedem ihrer Konzerte unverblümt ihre Botschaften verkünden. Ich hasse diese Bands.
Das geht mir genauso und das traurige daran ist auch, wie groß dafür der Markt ist, das die Onkelz und Frei.Wild wohl ungefähr genau so viele Platten verkaufen wie die Hosen oder Ärzte.
Sie liegen ein bisschen darunter aber der Abstand ist auf jeden Fall sehr klein geworden. Wir hatten diesen Sommer das Vergnügen, dass die Band Madsen auf Platz Eins war, die völlig okay sind, doch auf dem zweiten Platz befanden sich bereits Weimar die extrem widerlich sind und wir waren so froh, dass die in der Chartplatzierung nicht vor Madsen waren. Denn wenn Weimar auf den ersten Platz gewesen wären dann hättest du mal extra drei Stunden kotzen können. Es ist wirklich ein Elend und wir waren sehr froh darüber dass wir den ersten Platz mit Ach und Krach verteidigen konnten.
Diesbezüglich würde mich auch interessieren, wie damals die Reaktionen waren auf die ersten deutschen Schwulenrockbands wie BRÜHWARM und TRANSPLANTIS? Denn da kann ich mir auch gut vorstellen dass das Spießbürgertum sehr giftig darauf reagiert hatte.
Mitte der 70er hatten alle, wie man so schön sagt Emanzipationsbewegungen eine gute Welle. Als Brühwarm so um 76/77 für Furore sorgten, war schon ein paar Jahre zuvor im großen Stile die Frauenbewegung angetreten mit Alice Schwarzer und der Zeitschrift Emma. Frauenbands gab es zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht wirklich, die entstanden dann erst ein paar Jahre später wie z.B. auch Carambolage. Zudem kamen Brühwarm genau zu einer Zeit heraus wo kulturelle Veränderungen angesagt waren.
Die Diskussion über Homosexualität hat uns natürlich die ganze Zeit mitverfolgt. Die ersten großen Schritte um das Ganze zu thematisieren, beschritt der schwule Filmemacher Rosa von Praunheim in seinem Film mit dem sensationellen Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich lebt“. Dieser Film war der absolute Weckruf, denn zuvor wurde das Thema bis zum geht nicht mehr einfach nur unter den Tisch gekehrt. Eine schwule Öffentlichkeit gab es überhaupt nicht, höchstens in der Form als Cabaret oder Transenshow.
Aber das diente nur der Unterhaltung und war keine politische Auseinandersetzung mit dem Thema. Wer schwul war in der Politik der musste das verstecken oder durfte das nicht zugeben. Es gab sogar von Konrad Adenauer so einen Spruch über seinen Außenminister von wegen, er wisse auch nicht was mit dem los sei, aber er würde ihn auch nicht heiraten wollen.
Und es gab auch noch den Paragraph 175, der das Schwulsein verboten hatte und der ging doch glaub ich noch bis 1994?
Nee der ist in den 70er Jahren mehr oder weniger aufgeweicht worden. Zumindest wurde die männliche Homosexualität nicht mehr unter Strafe gestellt, aber davor war das ständig der Fall, was auch zu Razzien führte. In diesem Umfeld gründeten sich dann Brühwarm die zuvor schon ein paar Theaterstücke gespielt hatten. Doch sie wollten dann eben auch Musikstücke schreiben.
Conny Littmann, der ein exzellenter Songwriter ist kam mit ein paar Texten hinzu und fragte Lanrue ob er das vertonen möchte. (Rio wollte das nicht vertonen.) Es stand eine Show an, wo Musik benötigt wurde, die dann als Playback spielte und zu der gesungen wurde. Das ist für eine Theatergruppe die einzige praktische Möglichkeit, denn du hast mit den Schauspielern, Mixern, Beleuchtern usw. schnell mal zehn Leute zusammen, da fällt es dann schon schwer, wenn zusätzlich noch eine ganze Band mit dabei ist.
Da kannst du dann nicht in irgendwelchen Jugendheimen spielen, weil das viel zu teuer ist und das lief dann auch richtig gut, es gab überall ausverkaufte Tourneen. Sie sind dann auch auf den großen Festivals aufgetreten, wie z.B. auf dem Umsonst & Draußen-Festival in Vlotho vor über 100.000 Leuten, wo ich auch ein Organisator war. Bei den Schwulen ist es immer von Vorteil, dass sie sehr gesprächig sind und wenn es etwas Interessantes gibt, dann spricht sich das so schnell herum wie ein Lauffeuer.
In der Schwulenszene waren Brühwarm sehr beliebt und wurden auch sehr abgefeiert. Doch es war auch für die Heteros interessant, weil sie so unglaublich offen und ehrlich die Themen der Homosexualität ansprachen. Und wenn du dir vor allem die erste Brühwarm-LP „Mannstoll“ anhörst, dann sind das schon Texte, die sich in ihrer Schärfe oder Ausdrucksweise so rabiat Ton Steine Scherben nicht getraut hätten.
Wenn du das z.B. mit „Komm schlaf bei mir“ vergleichst das ein paar Jahre zuvor erschienen ist, dann ist das eher ein nettes Liebeslied, auch wenn das auch seine emanzipatorische Message hatte. Brühwarm hatten überhaupt keine Angst, wenn sie obszöne, pornographische Inhalte oder was du auch immer darunter verstehst, auszudrücken, die nahmen kein Blatt vor dem Mund. Übrigens wird bald ein Film, eine Dokumentation von Brühwarm erscheinen bei dem ich auch mitwirken durfte.
Denn weil ich ein Zeitzeuge bin haben sie mich in dem Zusammenhang auch interviewt. Natürlich kommt darin auch Conny Littmann und die ganze Politszene drum herum vor. Sein Debüt wird nun auch bei der Berlinale eingereicht wo es immer den schwulen Filmpreis den Teddy Award gibt, so dass er als deutscher Beitrag in irgendeiner Art und Weiße wahrgenommen wird.
Wow das klingt sehr interssant, denn in Kempten gibt es auch einen neuen Club wo wir auch gerne Filme vorführen würden. Vielleicht kannst du mir dafür den Kontakt geben für die Filmrechte usw..?
Ja den Film macht ein recht junger Mann, ich würde ihn auf Mitte/Ende 30 schätzen. Sein Name ist Kevin Köhrmann der zwei, drei Jahre dafür recherchiert und Interviews aufgenommen hatte. Der macht das aus vollem Idealismus. Er hat dafür kein Budget im großen Stil bekommen. Er hat dann in seiner Freizeit oder ein paar Urlaubstage dafür draufgesetzt, um dann irgendwann den Film zusammen zu schneiden. Er ist also schon vom Fach und arbeitet ansonsten bei Arte und daher konnte er diese Leidenschaft für den Film auch umsetzen.
Kommt der Film dann eher in ein paar auserwählten Kinos?
Das werden wir dann sehen, es kommt erstmal darauf an wie die Reaktionen sind. Es gibt in Deutschland für schwule Filme den Filmverleih „Salzgeber“. Auch bei Indigo haben wir das schwule Filmprogramm von GMFilms im Vertrieb. Ich kann dir gerne die Adresse von Kevin geben, dann kannst du ihn mal fragen nach dem Stand der Dinge. Das ist ein absolut netter Typ… ( > Wer ebenso an einer Filmvorfügrung Interesse hat, der kann sich gerne bei mir melden, meine Mail findet ihr im Impressum. Ich leite euch dann weiter an Kevin).
Hier im Allgäu war letztens auch eine öffentliche Gay/Homoparty wo um die 500 Leute kamen.
Das ist bei euch in der bayerischen Provinz wohl auch nötig.
Ja klar die werden schon ziemlich angefeindet, ich habe letztens auch mit einem Transvestiten gesprochen und die müssen nicht nur von den Rechten Kritik und Anfeindungen einstecken, sondern auch von manchen schwulenfeindlichen, testerongesteuerten Ausländern, die genauso konservativ und rückwärtsgewandt denken.
Das ist fürcherlich. Homosexualität ist von einem großen Teil der Bevölkerung in Deutschland relativ akzeptiert. Die katholische Kirche hat da bestimmt immer noch etwas dagegen einzuwenden. Andernfalls ist es halt so, dass in manchen Macholändern wie Uganda in Afrika, Homosexualität unter Todesstrafe steht. Das ist natürlich das nackte Elend. Oder auch der Politiker Kaczyński in Polen ist gegen Homosexualität eingestellt.
Auf der Brühwarm-LP „Entartet“ gibt es auch den wunderschönen Satz „Sie haben mir ein Gefühl geklaut, das heißt LIEBE, wir haben nur gelernt uns selber zu hassen und uns ihrem Leben anzupassen“. Der Selbsthass bei Schwulen ist leider immer noch erschreckend hoch. Aber vielleicht ist das bei der jüngeren Generation nicht mehr ganz so der Fall. Es kommt halt auch immer darauf an wo du aufwächst und was für ein Umfeld du hast. Mit diesem Selbsthass umgehen zu können und diesen auf irgendeine Art und Weise zu kanalisieren, ist natürlich ein Riesenproblem.
Bei unserem ersten Telefonat hattest du erklärt das Indigo der letzte Independent Musikvertrieb in Deutschland ist und andere Vertriebe früher oder später mit dem Mainstream zusammen arbeiteten. Kannst du uns das näher erklären? Und was bedeutet für dich Independent?
Wir sind einer der letzten Independentvertriebe in Deutschland, aber Cargo zählt da natürlich genauso dazu, die mit ihren Umsätzen ungefähr in der gleichen Liga sind wie Indigo. Es gibt sicherlich noch einige weitere, kleinere Independentvertriebe wie z.B. Broken Silence, die ebenso wenig von den Majors gesteuert werden oder im Hintergrund mit Major-Kapital arbeiten.
Leider ist es so das viele der großen Independentmitbewerber, die wir jahrelang hatten, wie z.B. Rough Trade, Groove Attack oder Soulfood in den letzten Jahren mehr oder weniger aufgekauft wurden. Entweder von den Majors wie Play It Again Sam (PIAS) von Universal (usw.) oder von digitalen Dienstleistern wie „We believe“ aus Frankreich.
Das ist eine Firma die zuerst nur mit digitaler Vermarktung auf dem Markt erschienen ist, die aber gemerkt haben, dass sie einen Katalog benötigen den sie zum einen digital auswerten können, aber auch Tonträger im Angebot besitzen sollten die in physischer Form erschienen sind oder erscheinen werden. Sie haben dann zähneknirschend diese Firmen aufgekauft. Im Grunde genommen hassen sie das physische Geschäft wegen den Retouren, der Vermarktung, den Herstellungskosten usw.
Aber sie können darauf nicht verzichten, weil sie ansonsten keine Rechte dafür bekommen, weil eben noch viele Musiker eine Platte veröffentlichen wollen, um diese auch auf ihren Touren verkaufen zu können. Das Problem ist dann bei diesen aufgekauften Firmen, dass sie oftmals von einer Platte nur eine Auflage herstellen und keine zweite Auflage mehr veröffentlichen weil sie das Geschäft dann lieber digital abwickeln wollen.
Das schafft natürlich langfristig gesehen große Probleme, das wenn Leute erst in fünf Jahren die eine oder andere Band entdecken, es dann gar keine physischen Tonträger mehr von der Band zu kaufen gibt, oder diese nur noch über Discogs, Ebay oder Amazon zu horrenden Preisen vertickt werden.
Insofern ist es sehr schade dass wir einer der letzten Einzelkämpfer sind, die ohne Beteiligung der Majors oder digitaler Firmen ihr Ding durchziehen. Andernfalls ist das für uns auch eine gute Situation. Die anderen sollen dann eben sehen, wie sie sich von den Majors herumkommandieren lassen, die eben eine vollkommen andere Moral besitzen, wo es nur im Klicks und Marktanteile geht oder um Rechte zu sichern, um diese dann weltweit digital auszuwerten. Bei diesen ganz offensichtlichen Verkaufsstrategien hat das nicht mehr viel zu tun mit der Liebe zur Musik.
Wenn du dir die austauschbare Musik im Mainstreambreich anhörst, dann ist das nur noch das absolute Elend. Wir haben hier auch einen ganz tollen Sender im Norden – Radio Hamburg, die dann noch behaupten sie würden für Vielfalt stehen, dann denkst und fragst du dich, wie kann man sich selber nur so belügen?
Doch auch wenn wir (wie alle) wissen, dass der Markt nicht einfacher wird, machen wir dennoch weiter und ich finde die Leute sollten sich mehr überlegen, wie sie neue Wege der Vermarktung finden, anstatt immer nur zu jammern. Denn dieses Gejaule hilft nicht den Musikern und auch nicht uns als Vertrieb.
Wegen Spotify und Konsorten nimmt der Plattenverkauf immer weiter ab. Hinzu kam noch das die Vinyl-Pressdauer für Independent und Underground-Releases bis zu einem halben Jahr andauerten, weil die Presswerke von den Majorlabels in Beschlag genommen wurden. Wie frustrierend ist für dich das heutige Musikgeschäft? Ist es schwer sich noch mit 30 Mitarbeitern am Leben zu erhalten?
Ich muss zu meiner Freude mitteilen dass die Lieferdauer im Vinyl sich wieder normalisiert hat. Das war zwar während den Corona-Jahren extrem ärgerlich und hinderlich. Es gab da ja die „wunderbare“ Aussage: Nicht der Musiker sondern das Presswerk bestimmt das Veröffentlichungsdatum. Daraufhin wurden dann auch Tourneen ausgebremst, weil die Booker nicht wussten wann die Platte veröffentlicht wird und die Bands wollten dann auch nicht ohne ihre neue Platte auf Tournee gehen. Anderseits ist der Vinylpreis ziemlich nach oben gestiegen.
Ja gut das du das ansprichst, denn inzwischen kosten Neuveröffentlichungen 20-30 Euro oder oftmals sogar noch mehr. Besonders für die Arbeiterklasse die jetzt nicht so üppig verdienen, empfinde ich es als schwer sich jeden Monat dann 6 oder 7 Platten zu kaufen.
Das alles ist völlig bekannt, aber es ist nun eben auch mal so dass der Rohstoff und die Herstellungspreise für Vinyl deutlich nach oben gestiegen sind. Da kommen mehrere Faktoren zusammen. Wir hinterfragen auch ständig unsere Lieferanten, ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt die Platten billiger herzustellen? Es kommt auch hinzu das es einen Unterschied macht, ob du von einer Platte 1000 oder 5000 pressen lässt.
Der große Kostentreiber ist weniger die Vinylpressung, sondern die Druckkosten der Coverartworks in einer Druckerei. Das war auch schon immer so, dass 1000 gedruckte Coverartworks und Vinyl-Beilagen pro Stück mehr kosten, als wenn du davon 5000 drucken lässt. Bei der Vinylpressung als solches fällt das nicht ganz so sehr ins Gewicht.
Und meinst du nicht dass durch den Vinylhype der in den letzten Jahren stattgefunden hat, auch die Vinylpreise gestiegen sind?
Nein das hat damit nichts zu tun. Es ist ja nicht so dass sich in Deutschland Millionen von Menschen einen Plattenspieler gekauft haben. Viele der Vinylverkäufe gehen an Leute die schon immer Vinyl gekauft haben oder an Sammler, die gezielt eher limitierte Auflagen kaufen. Das Massenpublikum kauft sich kein Vinyl, sondern die sind inzwischen bei Spotify usw. angekommen.
Ich bin ja leider auch auf Spotify angekommen, weil ich so einen starken Musikkonsum habe um mir nicht alle Vinylplatten leisten zu können und mir sind die Vinylpreise auch einfach zu teuer geworden, so dass ich nur noch vereinzelt welche kaufe.
Wenn du aber dann wiederum vergleichst, wie sich die Konzertticketpreise erhöht haben und was sie noch vor Corona oder vor zehn Jahren gekostet haben, dann fällst du auch vom Glauben ab.
Das ist natürlich auch Irre, aber ich denke mir auch wie doof die Leute sind dass sie diese Preise überhaupt zahlen. Ich gehe nach wie vor auf Undergroundkonzerte wo 100-200 Leute kommen und du 10-20 Euro Eintritt zahlst. Ich bevorzuge da auch die ganze Atmosphäre, ich mag gar keine so großen Konzerte.
Das ist ja immer besser als mit 10.000 Leuten in irgendeiner Sporthalle zu stehen und den Act nur vorne auf einer Großleinwand zu sehen.
Ich finde die interessanteste Musik kommt auch nach wie vor aus dem Underground.
Klar, da ist noch Bewegung drin, das andere ist oft schon zementiert und besteht aus Wiederholungen.
Gibt es eine Platte die dich besonders stark beeindruckt hat und an der du noch heute hängst?
Ja das war THIRD WORLD WAR, die 1971 ihre Debütplatte veröffentlichten und Arbeiterklasse-Songs schrieben aus englischer Sicht. Die Platte hat mich zutiefst berührt und hatte mir das Gefühl gegeben, dass wir mit Ton Steine Scherben auf dem richtigen Weg waren, indem was wir an Inhalten übermitteln wollten. TWW hatten es schon drauf.
Hast du uns noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
Nicht unterkriegen lassen. Aufgeben ist nicht angesagt.
(bela)
Teil 1: https://www.trust-zine.de/nikel-pallat-teil-1-226-2024/
Teil 2: https://www.trust-zine.de/nikel-pallat-teil-2-227-2024/