NIKEL PALLAT Teil 1 (#226, 2024)
NIKEL PALLAT Teil eins
Vorwort: Angefixt wurde ich zu dem Gespräch mit Nikel Pallat, durch seine zuletzt erschienene und sehr lesenswerte Biographie „Das schillernde Leben des Nikel Pallat. Von Ton Steine Scherben bis Adele“. Ein weiterer Motivationsgrund war das im TRUST # 221 erschienene Interview mit Uwe von Trotha von der deutschsprachigen 70er Politrocklegende CHECKPOINT CHARLIE. Demnächst erscheint über den Ventil Verlag auch seine vielversprechende Biographie unter dem Namen „Aus dem Leben eines Bastards. Checkpoint Charlie vs. BRD“.
Und nachdem mich wiederrum Nikel Pallat auf die sehr empfehlenswerten THIRD WORLD WAR gebracht hatte, schrieb ich in der TRUST # 224 in meinem Oldie-Artikel „Neu“ über weitere englische Protopunkbands. Schließlich ist es mir ein besonderes Anliegen den bereits in vielerlei Hinsicht bewegenden und innovativen Zeitraum der 68er und 70er, also den Zeitraum vor Punk näher zu durchforschen und zu thematisieren.
Denn wenn ich etwas durch meine u.a. vom Polit, Agit und Anarchorock-beeinflusste Sozialisation nicht abhaben kann, dann sind es Punks die alles was Musikkulturell vor 1977 passiert ist schlichtweg ignorieren oder noch schlimmer und dümmer es arrogant und blind als „Hippiescheiße“ deklarieren.
Denn schließlich hat diese Generation den fruchtbaren Grundboden gelegt für so manche autonome oder besetzte Jugendzentren und Veranstaltungsorte, wo in Zukunft auch internationale Punk und Hardcorebands spielen sollten. Wenn wir CRASS als näheres Beispiel herziehen, die genauso in einer Kommune lebten wie Ton Steine Scherben oder Checkpoint Charlie usw. so ist auch der allgemeine Lebensentwurf davon beeinflusst.
Und die 68er Generation hat auch eine essentielle Vorarbeit geleistet um gegen das biedere, engstirnige Spießbürgertum und die verkappten Nazis der Nachkriegsgeneration zynisch, wütend und zuweilen auch radikal anzutreten. Dabei haben sie nicht nur provoziert und gekämpft, sondern sie wollten der nachwachsenden Generation auch die Augen, Sinne und Herzen öffnen.
Einleitung: Doch kommen wir stellvertretend zur Person: Nikel Pallat war von den frühen bis späten 70ern der erste Manager von TON STEINE SCHERBEN (bevor Claudia Roth von Die Grünen den Job übernommen hat). Von ihm stammt auch der Text und Gesang von den drei Scherben-Songs „Paul Panzers Blues“, „Guten Morgen“ und „Wir sind im Licht“.
Anbei ein prägnanter Textausschnitt von „Paul Panzers Blues“ (1972):
Am Montag morgen in der Hafenstraße
Da saufe ich mir ein‘ an und dann hol‘ ich mir ’ne Waffe
Da schnapp‘ ich mir ’nen Knüppel und dann fackel‘ ich nicht lang
Ich geh‘ zum Chef auf’s Büro und ich zieh‘ die Krücke blank
Und wenn er dann winselt: „Verlassen Sie mein Haus“
Dann soll er sein Mittagessen lutschen, ich schlag‘ ihm paar Zähne raus
Ich schrei‘: „Du Drecksau, gehst jetzt arbeiten für meinen Lohn
Marsch ab in die Kolone, die anderen, die warten schon
Der Laden gehört jetzt uns allen, nicht mehr dir allein
Dein Wichserjob ist aus, wir mästen dich nicht mehr, du fettes Schwein“
1981 hatte er mit der Band NIKELS SPUK auch selbst mal ein kurzes Intermezzo als Leadsänger, das stark von dem italienischen Singer und Songwriter Lucio Dalla beeinflusst wurde. Fünf Jahre zuvor, also 1976 war Nikel Mitbegründer des Schneeball Vertriebs, einer der ersten deutschen Independent-Vertriebe, aus dem wiederrum EfA (Energie für Alle) folgen sollte.
Auf Wikipedia heißt es: „Die EFA wurde 1982 im Umfeld der Band Ton Steine Scherben und der Hausbesetzer-Szene gegründet und wuchs heran zum wichtigsten Vertrieb für die deutsche Szene der Independent-Label im Bereich Punk, New Wave, Alternative und ab 1989 auch für elektronische Musik, die später immer mehr in den Mittelpunkt rückte.“
Woraufhin es auch zu musikalischen und inhaltlichen Differenzen kam und 1993 zusätzlich der Indigo Vertrieb gegründet wurde, auf dem in Zusammenarbeit mit Glitterhouse Records der ursprüngliche Grunge unters Volk gebracht wurde. Doch auch frühe, populäre, deutschsprachige Hip Hop Acts wie die Absolute Beginners fanden über Buback Tonträger bei Indigo ihre Heimat. Und natürlich geht es in dem Interview auch um Ton Steine Scherben und ganz allgemein über die politischen Entwicklungen in Deutschland.
Interessant waren auch die Themen um BRÜHWARM – der ersten homosexuellen Rockband in Deutschland, wo auch Lanrue im Songwriting und Rio Reiser am Gesang mitwirkten und über die bald ein Film erscheinen wird. Letztendlich kannst du dich mit dem sehr netten und gesprächigen Nikel über die letzten 50 Jahre Musik und Politgeschichte unterhalten, ohne dass jemals die Themen ausgehen.
Und so umfasste das Interview nicht umsonst 2,5 Stunden Gesprächszeit, was sich auf 23 Din A 4 ausweitete. Ich denke wenn ich die Fragen noch etwas Detailverliebter gestellt hätte, wären auch locker 30 Seiten drin bzw. möglich gewesen. Und genau aus diesem Grund wird das Interview in zwei Teile aufgeteilt. Der zweite Teil folgt dann zur nächsten Ausgabe.
Du hast bei Ton Steine Scherben drei Songs eingesungen oder die Texte geschrieben, darunter auch der Klassiker „Paul Panzer Blues“, „Guten Morgen“ und „Wir sind im Licht“. Wie fiel da die Entscheidung ob du oder Rio den jeweiligen Song einsingt? Hättest du gerne noch mehr Songs eingesungen?
Es war immer so, dass derjenige, der den Song geschrieben hat ihn auch gesungen hat. Es ging immer um die persönliche Identität eines Liedes. Ich habe zu den Songs auch nur den Text geschrieben, die Komposition übernahmen dann Rio oder Lanrue. Es sind immer wieder Texte entstanden und dann fragte man sich untereinander, wer möchte den vertonen? Erst später haben Kai und Funky, insbesondere auf der Ton Steine Scherben 4, der Schwarzen, ihre Texte oder Kompositionen beigetragen, aber weil sie der Meinung waren, dass sie keine gute Gesangsstimme hatten, übernahm den Gesang dann doch Rio. Ich hatte immer ein gewisses Selbstvertrauen in meine Stimme, von dem her stand es gar nicht erst zur Debatte, dass wir uns da ins Gehege kommen. Wir haben auch neben den Scherben-Songs viel gesungen, Rio hatte ein endlos großes Repertoire an Dylan, Beatles und Stones-Songs.
Das merkt man ja auch an der Blackbox wo er auf den ersten zwei CD´s hauptsächlich Coversongs eingesungen hatte.
Ja wir hatten eine Zeitlang auch eine Coverband in Berlin wo Rio, ich und unser guter Freund Holly sangen. Holly kam aus der Rockabilly-Ecke, doch wir verstanden uns musikalisch so prima, dass wir sehr gut zusammengepasst haben. Mit dieser Coverband sind wir unter dem Namen Holly and Friends hin und wieder auch in Jugendhäusern in Berlin aufgetreten. Ein paar Songs haben wir auch dreistimmig eingesungen.
Zu welcher Zeit war das?
Das war 74/75 bevor wir nach Fresenhagen gezogen sind, in Nordfriesland in der Nähe der dänischen Grenze, also im hintersten Hinterland. Weil wir uns dachten, dass wir dort nicht mit Ton Steine Scherben auftreten können, haben wir wieder unsere Coverband belebt, welche wir dann “Zirkus Feuerstern“ nannten und dort haben wir in der regionalen Disco, dem berühmten Trichter in Niebüll mehrmals gespielt und die Leute waren überrascht, dass wir auch andere Songs spielen können als die von Ton Steine Scherben.
Ich finde deine Definition eines guten Songtextes sehr gut und nachvollziehbar, indem du behauptest, dass ein Songtext möglich komprimiert und möglichst viel Attitüde besitzen soll… Ich denke das haben die Scherben perfekt gemeistert, oder?
Ich glaube an deiner Aussage ist schon sehr viel Wahres dran. Wir haben uns am Anfang ganz bewusst als Gegenpol zu den deutschen Liedermachern gesehen wie Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey oder Hannes Wader mit Abstrichen. Denn die machten zwar nette Lieder und besonders Franz Josef Degenhardt war auch sehr literarisch, aber das war uns zu ausufernd. Und dazu gab es ja auch nur ne Klampfe zu hören und das fanden wir total langweilig und damit konntest du auch wirklich keinen jungen Menschen vor den Ofen hervorlocken, vor allem nicht in Kreuzberg.
Und Deswegen sagten wir uns das müssen wir alles mehr auf den Punkt bringen und nicht so wichtige politische Themen in unendlich langen Texten verpacken. Wir wollten einfach nach vorne schreiten und das war auch der Ansporn und die Attitüde, die wir beim Songschreiben hatten. Wenn du dir nur vorstellst, dass so einen Song wie „Macht kaputt was euch kaputt macht“ Reinhard Mey oder Degenhardt gesungen hätte, dann wären da dreißig Textstrophen entstanden und, weiß der Himmel, was der da noch alles für Schicksalsschläge in den Song erzählt oder mitverarbeitet hätte.
Ja klar und der hätte dann auch die Bedrohlichkeit nicht so gut rüberbringen können.
Davon gehe ich auch noch obendrein aus. Hannes Wader war da noch ein bisschen anders, ein bisschen radikaler und nicht so verträumt. Diese Liedermacher-Generation hatten alle so einen französischen Einfluss von z.B. George Brassens und dem belgisch/französischen Liedermacher Jacques Brel die sie versucht haben ins Deutsche zu adoptieren. Aber das waren nicht unsere Vorbilder.
Ich habe auch mal gelesen dass ihr von MC5 beeinflusst wurdet.
Da ist was dran, weil MC5 fanden wir super und wir hatten auch mal eine kurze Tournee mit ihnen gemacht, das war circa 1972, die ging von Frankfurt, Stuttgart, Würzburg und zum Abschluss spielten wir dann mit ihnen auch noch ein Konzert im Audimax in Berlin, in der T.U. Mensa, das wir selber organisiert hatten. Die restlichen Konzerte liefen über eine Konzertagentur. Wir hatten während der Tour leider nicht wirklich viel Berührungspunkte mit MC5. Die lebten in ihrem Kosmos und wir vielleicht in unserem. Wir waren halt die deutsche Vorband und die hatten sicherlich auch sich nicht ansatzweise damit beschäftigt, wer Ton Steine Scherben sind. Aber auf der Bühne passte das trotzdem gut zusammen.
Also verlief die Tour schon ganz gut?
Die Tour verlief völlig Okay, was sowohl die Zuschauer und die Resonanz betraf, bloß die Kommunikation zwischen beiden Bands war gegen Null.
Okay waren MC5 ein bisschen arrogant?
Nein das würde ich nicht behaupten, aber für die war das halt auch alles ganz neu in Deutschland oder allgemein in Europa aufzutreten. Das war erstmal eine ganz neue Entdeckung, wenn du sonst das ganze Jahr über in Amerika tourst, dann ist das verschlafene Deutschland mit seinen kleinen Autobahnen und den verstunkenen, dieselbetriebenen Autos ein ganz anderer Ort, das mit dem Straßenkreuzer- und Underground-Bild von Amerika nicht ganz zusammenpasste.
Es war völlig verrückt, als wir in der Uni von Würzburg spielten, denn da gab es eine Initiative, die ein Haus besetzen wollte, wo wir im Vorfeld die bereits aufgeladene Stimmung nach oben peitschten. Es gab dann erstmal endlose Diskussionen wegen der Hausbesetzung und da wunderten sich MC5 doch sehr was da plötzlich abging, denn als das Konzert zu Ende ging, zogen die Leute los um ein Haus zu besetzen. Das fanden sie dann doch beeindruckend, weil sie so etwas zuvor noch nie erlebt hatten.
Vermutlich ist die Hausbesetzerszene in den USA auch eher kleiner als in Europa.
In Großstädten gab es schon Hausbesetzungen, aber sie war nicht so verbreitet wie in Europa und wenn man sich die amerikanische Polizei ansieht, kann man auch davon ausgehen, dass es kein so großes Vergnügen ist ein Haus zu besetzen. Denn ich kann mir gut vorstellen dass die Polizei nach nur ein paar wenigen Stunden massiv anrückt, das hat sich die Polizei in Deutschland dann meist nicht so massiv getraut.
Du warst bei dem Schneeballvertrieb und auch bei David Volksmund für die Plattenverkäufe verantwortlich. Daher würde mich interessieren, wie viele Platten haben Ton Steine Scherben verkauft? Welches Album lief finanziell am besten und welches am schlechtesten?
Also da gibt es ein ganz klares Ranking, am besten lief immer die „Keine Macht für Niemand“, dann kam „Warum geht es mir so dreckig?“ und „Wenn die Nacht am tiefsten…“ und die wunderbare „Schwarze“ war immer unterbewertet, aber an schlechtesten verkaufte sich ihr letztes Album „Scherben“. Und die Live-Platten verkauften sich auch eher mäßig, aber es ist grundsätzlich so das sich Live-Platten nie so gut verkaufen wie Studioplatten.
Ich habe Ton Steine Scherben nie Live gesehen, aber ihre Liveplatten oder YouTube-Mitschnitte waren immer eine zusätzliche Offenbarung für mich, weil sie da viel kraftvoller und zügiger spielten.
Genau Rio blühte auf der Bühne auch immer auf als Sänger, das war schon sehr exzessiv und die Arrangements waren auch meistens anders als auf der Platte. Rio hatte auch eine ganz andere Stimmenergie auf der Bühne, als wenn er im kalten Tonstudio etwas aufnehmen musste, da musste er sich erstmal reinsteigern. Mir geht das ähnlich so.
Gibt es dann auch eine Zahl wie viele Platten ihr verkauft habt?
Es ist inzwischen ein bisschen schwer nachzurechnen. Ich denke wir liegen bei der „Keine Macht für Niemand“ bei mindestens 200 – 300.000.
Okay da hätte ich jetzt fast mehr gerechnet, vielleicht so eine halbe Millionen.
Vielleicht geht es auch in die Richtung. Es gab auch verschiedene Auflagen und zudem auch jahrelang keine Vinylversion. Ihre anderen Platten dürften sich circa 200.000 mal verkauft haben.
Aber die haben sich wahrscheinlich nur im deutschsprachigen Raum verkauft.
Nun in anderen Ländern war es halt schwierig wegen der vorhandenen Sprachbarriere der deutschen Texte. Ins Ausland verkauften wir nur verschwindend geringe Mengen und das ist auch heute noch so. Wir hatten auch nie einen Booker der uns z.B. in Frankreich oder England gebucht hätte. Rein musikalisch hätten wir in Frankreich vielleicht durchaus Erfolg haben können, denn in Frankreich gab es eine Band namens Telephone die eine bekannte Rockband zu jener Zeit waren und da hätten wir vielleicht schon mithalten können. Aber umgekehrt ist es ja genauso, denn welche französische Rockband hat sich in Deutschland gut durchsetzen können? Dafür waren aber viele elektronische Bands aus Deutschland wie Tangerine Dream oder Kraftwerk im Ausland sehr erfolgreich.
Aber witzigerweise war ich mal auf einen Konzert wo die amerikanische Stonerrockband Bushfire den Song „Macht kaputt was euch kaputt macht“ gecovert haben, mit so einem ganz gebrochenen deutsch. Ich habe dann mit dem Sänger gesprochen und er war überraschenderweise voll der Ton Steine Scherben-Fan, er meinte aber auch dass keiner seiner Freunde die Band kennen würde.
Eben, aber es gab auch mal die französische Punkband Kochise, welche „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ mit einem französischen Text gecovert haben und der Song funktioniert auch gut weil er so rasant ist, ein markantes Gitarrenriff und eine mitreißende Melodie besitzt. Das ist halt einfach eine gute Hymne.
Mit der Scherben-Aktie seid ihr so etwas wie die Vorläufer des Crowdfunding gewesen. Lief die Vorabzahlung der Albumproduktion zu „Wenn die Nacht am tiefsten… ist der Tag am nächsten“ durch die Scherben-Aktie gut? Und hatten andere Bands auch solche Aktien um ihre Album-Produktionen zu refinanzieren?
Nach meinem Wissen waren wir damals die einzige Band, die ihre Platte in jenem Sinne so vorfinanzierten. Wir haben das damals auch selber nicht so als Crowdfunding verstanden, wir hatten einfach nicht das ausreichende Geld dafür. Zwar konnten wir immer wieder mal unsere üblichen, netten Freunde anfragen, die uns dann 100 oder 200 DM gaben, weil sie sich dachten das finden wir gut, dass ihr mal wieder was Neues veröffentlicht. Aber in der Form an die Öffentlichkeit zu gehen war das erste Mal. Zum Glück haben wir auch etwas Presse dafür bekommen, z.B. hatte die Sounds darüber geschrieben, die damals die einzige interessante Musikzeitschrift war. Es kamen dann so 3-4000 DM zusammen und das hat uns auf jeden Fall geholfen und als Gegenleistung bekamen unsere Unterstützer dann jeweils fünf LP´s.
Irgendwie habe ich es in meinem Hinterkopf behalten das Ton Steine Scherben in Bayern über mehrere Jahre hinweg ein Auftrittsverbot hatten. Was waren die Gründe dafür und wie lange hielt dieses Auftrittsverbot an?
Nein wir hatten kein Auftrittsverbot in Bayern, möglicherweise verwechselst du das mit der Rio Reiser Biografie, weil Rio in seiner Solokarriere jahrelang nicht in Bayern aufgetreten ist, wegen der schwulenfeindlichen Politik die zu der Zeit Bayern ablief. Jedoch hatten wir mit den Scherben auch nicht so häufig in Bayern gespielt.
Ich denke Bayern wurde insgesamt mehr von der Staatsmacht kontrolliert. Franz Josef Strauß behauptete mal, dass er dafür einstehen werde, dass in Bayern kein Haus länger besetzt wird als 24 Stunden und soweit ich das mitbekommen habe gab es auch keine Hausbesetzungen. Oder man nehme auch den Vorfall von Checkpoint Charlie, die bei einem Auftritt in Kempten, wo sie wegen dem darauf herumtreten auf einer Deutschlandfahne und einen Pappschwein Namens Franz Josef zu einer Geldstrafe von 16.000 DM verdonnert wurden. Aber dennoch gab es in München auch das Trikont-Label das einige kritische Bands unter Vertrag hatte. Wie haben die Szeneleute in Bayern allgemein auf diese staatlichen Schikanen reagiert? Und gab es Unterschiede zu eurer Scherben-Fanbase im Süden und Norden Deutschlands?
In Augsburg haben wir bei einer Hausbesetzung mitgemacht, das dürfte so 72/73 gewesen sein. Da wurden wir von einer Jugendhausinitiative eingeladen, wo es um eine Besetzung für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum ging. Soweit ich mich erinnern kann haben wir dort anstatt in einem Club in einem Theater gespielt, dort spielten wir 8 oder 10 Songs, dann traten ein paar Leute von der Initiativgruppe auf und mit denen und den Zuschauern des Konzertes haben wir dann ein Haus besetzt.
Wie lange dann das Haus dann besetzt wurde kann ich dir leider nicht beantworten. Aber da müsste es eigentlich noch Presseartikel darüber geben. (Anmk: Leider konnte ich keinen Artikel darüber finden). Dann gab es noch eine Hausbesetzung in Würzburg und gleich mehrere in Nürnberg, z.B. das berühmte KOMM entstand auch in Folge einer Hausbesetzung und wurde jahrelang heiß umkämpft. Da gibt es auch Dokumentationen darüber. Egon Bunne, den wir aus dem Umfeld des KOMM kennenlernten, ist mit uns dann auch nach Berlin gezogen. Es war also nicht so das es in Bayern keine Hausbesetzungen gab, aber es waren halt nicht so viele.
In München gab es noch die legendären Schwabinger Krawalle, das war glaub ich Anfang der 60er.
Ja das war Anfang der 60er und das war wirklich legendär, denn das war einer der ersten Straßenkämpfe von jungen Leuten gegen die teilweise noch berittene Polizei, die in Deutschland stattgefunden haben. Es wurde immer behauptet das in Deutschland nichts Rebellisches stattfindet, aber die Ausnahmen waren 1965 das Rolling Stones Konzert in der Waldbühne / Berlin, die dann verwüstet wurde und eben die Straßenkrawalle in München. Und das Konzert mit Checkpoint Charlie in Kempten haben wir natürlich verfolgt, aber das war halt mal wieder typisch Bayern.
Ich denke das ist in der Punkszene wohl nicht viel anders gewesen. Es gibt die Mehrheitsgesellschaft und die ist eben total reaktionär, gerade speziell in Bayern, das haben wir doch gerade wieder in den aktuellen Wahlergebnissen aufgetischt bekommen, denn so wenig Linkswähler gab es doch noch nie in Bayern.
Ja das hat mich auch total erschrocken und heruntergezogen, da war ich die ganze darauf folgende Woche ziemlich down.
Es ist unglaublich was da für ein Rechtsruck entstanden ist, also wenn du das zusammenzählst, dann kommst du auf ungefähr 60% die rechts oder konservativ gewählt haben.
Ich habe es mal zusammengerechnet und ich kam sogar auf 75% konservativer oder rechtspopulistischer Parteien und dazu zähle ich CSU, FW, AfD und FDP.
Ja eben und dieses Ergebnis wollte Franz Josef Strauß auch immer aufrechterhalten, was irgendwann auch nicht mehr der Fall war. Du kannst natürlich sagen dass das rechte Lager sich selbst in drei Einzelteile zerlegt hat, aber das Ergebnis ist letztendlich eben doch vernichtend.
Absolut und was ich auch noch so frustrierend empfinde, eine Freundin von mir arbeitet im Stadtjugendring und die machten so eine Pseudowahl unter Jugendlichen und da kam eben auch heraus das die meisten CSU wählen und an zweiter Stelle kam schon die AfD. Und das ist eben die nächste Generation, also kannst du davon ausgehen das die Zukunft genauso rechtskonservativ sein wird.
Gerade in der Jugendzeit bilden sich irgendwelche politischen Präferenzen heraus, das war bei mir so und das wird bei dir nicht viel anders gewesen sein. Also das du eine Opposition gegen deine Eltern einnimmst, ist sehr häufig der Fall oder zumindest war das in meiner Generation so, dass viele Eltern noch Nazis oder rechte Parteimitglieder waren. Als die Eltern dann die politisch entgegengesetzte Haltung ihrer heranwachsenden Kinder mitbekamen gab es oft Stress oder Streit in der Familie (in der Annahme dass ihre Kinder Mitläufer oder Mittäter waren).
Du warst dann das schwarze Schaf in der Familie, auf das eingedroschen wurde. Daraufhin hast du dich als Jugendlicher erstmal in eine gewisse politische Richtung eingeschworen. Es gibt natürlich Leute die wandern von einem Extrem ins andere. Aber es gibt erstmal eine politische Präferenz für die du dich für einen gewissen Zeitraum entschieden hast.
Natürlich war das bei mir genauso, ich bin ein CSU-Stadtratssohn und da konnte ich gar nichts anderes machen, als Punk zu werden : ) Du hattest auch erwähnt dass die Medien damals mehrheitlich auf Seiten des Staates standen, es war oft die Sprache von Linksterroristen. Im aktuellen Bezug zu Der Letzten Generation wird wieder von Umweltterroristen gesprochen. Siehst du da eine Ähnlichkeit? Und inwieweit hat sich deines Erachtens der Medienapparat gegenüber linksstehenden Ideologien geöffnet?
Es ist sicherlich so, dass die Springer-Presse die damals in den 60er oder 70er Jahren sehr dominant war und wenn du dir hierzu die massive Auflagenhöhe von damals anschaust und mit der von heute vergleichst, ging diese doch sehr nach unten. Somit ist auch der Meinungsbildungsfaktor geringer geworden. Früher gab es auch nur drei Fernsehkanäle, dann kamen in den 80ern die ganzen Privaten Kanäle, die haben zwar nicht zu einer Politisierung beigetragen, sondern eher zu einer Entpolitisierung.
Du kannst natürlich behaupten das dass alles Verblödung ist, aber viele Leute identifizieren sich nun mal mit dieser Art von Kultur und Programminformationen. Dadurch ist das politische Klima zwar nicht liberaler geworden, sondern es ist breiter gestreckt worden, die Entpolitisierung funktioniert nicht mehr so einfach das die Leute nur noch die Bildzeitungs-Schlagzeilen lesen wie es früher der Fall war.
Umgekehrt ist es lächerlich dass Die Letzte Generation so hochgebauscht wird. Da kommt halt doch wieder die deutsche Spießermentalität hoch, die ganz tief in den Köpfen drin steckt. Wenn du das mit Frankreich vergleichst, so waren die Gelben Westen wesentlich gewalttätiger in allen Aktionen, die sie gemacht haben, als die Aktionen, die Die Letzte Generation inszenierte.
In deutschen Schulen wird auch nicht gelehrt dass man passiven Widerstand leisten sollte, es wird zwar über Mahatma Gandhi berichtet wie er Indien befreit hat. Aber das ist nicht das Ideal der deutschen, politischen Erziehung. Da wird immer nur auf das Gewaltpotential des deutschen Staates herumgeritten, es folgen immer wieder die gleichen schrottigen Argumente von der “Weisheit des Staates“, die über alles andere gestellt wird, als dass, was ein Bürger denken könnte.
Ich fand es gut das Habeck mal behauptete, dass es völlig übertrieben wäre aus diesen harmlosen, jungen Menschen Terroristen zu machen und sie vielleicht noch mit der R.A.F. zu vergleichen, die mit Waffen durch die Gegend gezogen sind und Banken überfallen haben. Man sollte also doch bitte mal die Kirche im Dorfe lassen.
Und man muss es auch ganz klipp und klar sagen, die Regierung begeht jeden Tag Verfassungsbruch. Denn es wurde behauptet das Klimaschutz wichtig wäre, doch sämtliche Gesetze, die sie erlassen haben, verfehlen die langfristigen Klimaziele und ihren Sinn und Zweck.
Ja klar weil sie Lobbyismus-Politik betreiben.
Ja natürlich denn sie schaffen es selber nicht ihre Gesetze einzuhalten oder ihre Aufgaben richtig zu erfüllen. Stattdessen verfehlen sie permanent mit ihren Gesetzen das Ziel für die jüngere Generation einen lebenswerten Planeten zu erschaffen und das passiert nicht grob fahrlässig, sondern vorsätzlich, wenn du das z.B. auf die FDP beziehst. Das ist einfach unverschämt.
Aber ich finde auch Die Grünen waren in den 80ern und 90ern schon eine radikalere Partei und sie gehen heute schon einige Kompromisse ein.
Das ist halt immer dieser Doppelzynismus von politischen Parteien. Die Basis möchte etwas anderes als es die Realität erfordert. Als Alt-Anarcho kenne ich dieses Phänomen schon von Anfang an. Ich habe selbst 1978 zur Kreistagswahl in Nordfriesland für Die Grünen kandidiert und ich bekam immerhin 4,6 % der Stimmen in meinem Wahlkreis. Das war die erste Grüne Liste, doch wir haben es insgesamt auf 6 % geschafft.
Und das hat schon Spaß gemacht, besonders in so einem regionalen Gebiet wie Nordfriesland wo die Leute noch dachten wir leben in einer intakten Umwelt, aber wo schon wahnsinnig viel industrielle Landwirtschaft betrieben wurde und bereits vieles auf der Kippe stand. In dieser Initiative der Grünen Liste wirkten ehemalige Abgeordnete der CDU und SPD mit, genauso wie Kernkraftgegner, Bürgerinitiativen usw.
Alle hatten die gleiche Intention zur Kernkraft, was damals ein hochaktuelles Thema war, wie z.B. Brokdorf und all die anderen Atomkraftwerke die genehmigt wurden. Über Brokdorf sind vor allem viele Leute aus dem naheliegenden Hamburg politisiert worden und die Schlacht um Brokdorf hat schon richtig viel Spaß gemacht.
Zusammen mit der Bürgerinitiative machten wir auch eine Reise nach Tvind in Dänemark, denn dort gab es das erste Windrad das Elektroenergie erzeugte. Das war für heutige Maßstäbe zwar lächerlich klein, aber es war ein aufrüttelndes Beispiel, um zu zeigen, dass auch anderweitig Energie erzeugt werden kann.
Wir hatten auch unsere eigene Zeitung “Kilowattenmeer“ herausgebracht, um die Leute zu informieren.
Ich finde es sehr schade dass Ton Steine Scherben von vielen Leuten nur als eine Politrockband wahrgenommen wurde. Dabei hatte die „Wenn die Nacht am tiefsten…“ wunderbare, gefühlsvolle Songs und noch besser gefiel mir die vierte Ton Steine Scherben-Platte (die Schwarze), die so herrlich kryptisch, psychedelisch ist, so dass du selbst nach dem gefühlt 100. Male hören noch etwas Neues entdecken kannst. Ich hatte es mit meiner Schwester und Freunden bereits auch abgeklärt das der Song „Kleine Freuden“ auf meiner Beerdigung laufen soll. Und auch ihr letztes, eher poppiges Album „Scherben“ gefiel mir sehr gut. Meines Erachtens hatten die Scherben vor allem in den 80er Jahren ihren Höhepunkt erreicht, selbst wenn mir da gefühlt 80 % der Fans widersprechen mögen. Wie hast du diese Entwicklung innerhalb der Band und auf der anderen Seite diese politische Erwartungshaltung der Fans wahrgenommen?
Es ist sehr interessant was du da umschreibst und das Phänomen stimmt ja auch. Die schlichten, einfachen Texte wurden abgelöst von lyrischen Songtexten die nicht mehr so eindeutig waren, wie auf den Frühwerken. Es wurde sozusagen etwas bürgerlicher und wenn du dir vorstellst, wer liest heutzutage noch Lyrik oder wer hat früher Lyrik gelesen? Das war immer schon eine absolute Minderheit.
Auf der „Keine Macht für Niemand“ gibt es bis auf „Schritt für Schritt ins Paradies“ (Anmk. der sogar von Nena gecovert wurde) keinen Song mit besonders lyrischen Texten. Es sind leicht verständliche Texte, die so gut wie jedes Gemüt versteht, auch Leute die jetzt nicht ins Gymnasium gegangen sind. Gerade die kryptischen Texte der Schwarzen setzen ein ganz anderes Sprachgefühl beim Empfänger voraus, wie z.B. bei der „Warum geht es mir so dreckig?“.
Ich habe die Texte aber auch trotzdem als Hauptschüler verstanden 😉
Der Unterschied zwischen Klartext und Lyrik ist bei diesen Alben ziemlich groß. Für so ein wunderbaren Text wie „Jenseits von Eden“ mit seinen ganzen Bildern brauchst du eben ein ganz anderes Vorwissen als z.B. „Der Kampf geht weiter“ wo einfach Klartext geredet wird, obwohl der Song auch schon relativ komplexe Themen abhandelt.
In dem Zusammenhang hat auch mal Bob Dylan erzählt, der auch viele verschlüsselte Texte schrieb, dass auch er hin und wieder mal Klartext schreiben muss, wenn es nötig ist, weil in ihm die Wut kocht und das einfach ausgesprochen werden muss und er das nicht verklausuliert darstellen wollte.
Bei Bob Dylan gab es eine ähnliche Entwicklung wie bei den Scherben, der anfangs in der Folkloreszene beheimatet war mit Woodie Guthrie und Pete Seger. Wenn du sein erstes Album anhörst sind das alles sehr realitätsbezogene Texte die inzwischen ein bisschen aus der Zeit gefallen sind. Aber wie er sich davon löste und später auch eine Electroband startete, war das ein absolut künstlerisches Freischwimmen.
Das finde ich auch gerade so interessant bei den Scherben, wie sie sich entwickelt haben. Ich finde beide Phasen extrem wichtig. Denn es war Anfang der 70er total wichtig dass ein musikalisches Sprachrohr gebildet wurde, aber es wäre auch traurig gewesen, wenn sie fünf „Keine Macht für Niemand“-Alben veröffentlicht hätten.
Ja das wäre auch irgendwann langweilig geworden. Ich bin da auch etwas hin und hergerissen was das betrifft. Da kommen wir auf mein Soloalbum Nikels Spuk zu sprechen, wo ich auch den Spagat zwischen Träumerei und realistischen Texten versuchte. Als Künstler bist du immer herausgefordert zwischen Lyrik und Klartext Songs zu schreiben um glaubwürdig zu erscheinen.
Denn wenn du nicht hin und wieder mal einen Klartext-Song heraushaust, dann kommst du so rüber wie ein vor sich hin träumender Politiker. Rio hatte viele Songtexte mit 18 oder 19 Jahren geschrieben, da hast du natürlich noch eine ganz andere Rebellion in dir als mit 25 oder 35.
Wie bist du dann mit der Erwartungshaltung der Fans klar gekommen? Hast du das als frustrierend empfunden oder hast du das auch nachvollziehen können?
Eine Zeit lang kämpft man dagegen an, von wegen wir sind keine Politmusikbox auf der Bühne, wir lassen uns nicht von den Fans vorschreiben was wir zu spielen haben. Gerade bei dem dritten Album „Wenn die Nacht am tiefsten ist“ wurde das sehr eklatant. Wenn dann Songs gefordert wurden die Rio in seiner Livepräsenz nicht mehr so rüberbringen konnte oder auch wollte, weil er inzwischen anders darüber dachte, dann war das natürlich absolut frustrierend.
Es gab dann auch bestimmte Lieder die Rio nicht mehr singen wollte wie z.B. „Macht kaputt was euch kaputt macht“. Wohingegen er „Der Traum ist aus“ immer gesungen hatte. Das führte dann dazu das wir 76/77 keine Tourneen mehr spielten, weil Rio keine Lust mehr hatte sich jeden Abend von den Fans vorhalten zu lassen welche Songs er spielen solle.
Da hat er dann lieber in Filmen oder Theatern mitgewirkt oder es entstanden auch andere Studioprojekte wie z.B. mit Brühwarm oder Kollektiv Rote Rübe. Es gab nur auf Einladung ein paar größere Konzerte z.B. als Wolfgang Biermann 1977 von der DDR in den Westen kam und ziemlich abgefeiert wurde, hatten wir mit ihm ein gemeinsames Konzert in Essen in der Grugahalle.
Weil die Fans auf den Konzerten immer nur die gleichen, alten Lieder hören wollten, spielten Ton Steine Scherben über fünf Jahre kaum noch ein Konzerte. Du bist daraufhin verständlicherweise als Manager aus der Band ausgestiegen, weil du dich zu unterfordert gefühlt hast und dir das Leben in der Kommune in Fresenhagen zu langweilig wurde. Hätten da deiner Meinung nach Ton Steine Scherben anders agieren sollen und jenen Erwartungshaltungen der Fans nachkommen sollen?
Das sehe ich überhaupt nicht ein, dass man sich auf Wunsch der Fans verbiegen und nur deren Wunschtitel spielen sollte. Wir hatten diesen Konflikt innerhalb der Band, denn Ende der 70er war die politische Stimmung in Deutschland extrem angespannt mit Stammheim, R.A.F. usw.. Zu jener Zeit einen Song wie „Macht kaputt was euch kaputt macht“ zu spielen wäre vielleicht opportunistisch gewesen, aber man reflektiert die Sache anders wenn es zu Schießereien und Flugzeugentführungen kommt und deshalb der Text von Leuten falsch interpretiert werden könnte.
Du hast dann unter den Namen Nikels Spuk deutschsprachige Coverversionen des italienischen Künstlers Lucio Dalla eingesungen. Was ist das für ein Künstler? Und wieso hat er so sehr das Interesse in dir geweckt?
Dass mir zu jener Zeit insbesondere Lucio Dalla so gut gefallen hat, hatte vor allem biographische Gründe, denn als ich mit einem Freund in den 60ern in Italien Urlaub machte lief ständig der Song “Lei“ von Lucio Dalla, den ich sofort in mein Herz geschlossen habe und mir deshalb die Single kaufte. Als ich dann 1980 erneut in Italien, in Florenz Urlaub machte lief da zufällig in den Kinos der Konzertfilm „Banana Republik“ von Lucio Dalla und Franceso De Gregori, einem anderen bekannten italienischen Musiker.
In dem Film spielte er viele Songs, die ich später auf meiner Platte mit deutschsprachigen Texten adaptierte. Ich war völlig angetan von seinem Auftritt und seinem einzigartigen Erscheinungsbild und am besten gefiel mir „Der siebte Engel“ im italienischen Original „Der siebte Mond“. Da machte es Klick bei mir. Und weil ich die Zeit hatte, fing ich an mich tiefer in seine Musik hereinzuversetzen und meine eigenen Phantasien zu den jeweiligen Songs zu entwickeln. Meine Interpretation von „Die Nacht“ ist einer der schönsten Songs die ich jemals geschrieben habe.
Auf Wikipedia habe ich auch mitbekommen das Lucio Dalla am Anfang auch eher politische Songtexte schrieb und die im Laufe der Zeit auch eher persönlich wurden.
Genau. Ich habe ihn auch kennengelernt, als er in Hamburg ein Konzert spielte und er war natürlich überrascht von meinem Projekt und dass sich in Deutschland überhaupt jemand mit ihm beschäftigt. Ich habe ihm meine Songtexte geschickt und die fand er wohl ganz okay, manche der Stücke gefielen ihm auch sehr gut und er meinte dass ich damit auf dem richtigen Weg wäre.
Dass ich nicht ansatzweise so gut singen kann wie er, war wohl auch im vornherein klar so dass ich meinen ganz eigenen Zugang dazu finden musste, zeichnete sich automatisch ab. Lucio war Jahrgang 43 und ist leider vor ein paar Jahren verstorben.
Hattet ihr dann mit Nikels Spuk auch Konzerte gespielt?
Wir hatten zwei Tourneen mit der Würzburger Jazzrockgruppe Munju, die auch im Schneeball-Vertrieb waren. Wir verstanden uns immer exzellent und der erste Ton Steine Scherben-Schlagzeuger Wolfgang Seidel hatte auch damals bei ihnen mitgewirkt. Von den Arrangements haben wir uns nicht so weit vom Original entfernt. Die Tour verlief einigermaßen erfolgreich, es gab aber auch keinen Durchbruch.
Da Munju aber lieber an ihren eigenen Stücken weiterarbeiten wollten, hat sich Nikels Spuk nach zwei Jahren aufgelöst. Danach sang ich noch manche meiner Texte bei der Schneeball-Oper mit Musikern von Checkpoint Charlie, Embryo, Captain Sperrmüll, mit denen sind wir auch zweimal, recht erfolgreich durch Deutschland getourt. Zudem habe ich auch den einen oder anderen Text für Checkpoint Charlie oder Munju geschrieben, die eine deutschsprachige Platte namens „Brot & Spiele“ veröffentlichten.
Ihr hattet zu den Anfängen des Schneeball-Vertriebs vor allem deutschsprachige Politrockbands wie die Scherben, Floh De Cologne, Die Kinder oder Checkpoint Charlie im Angebot. Ich finde es schade das bis auf die Scherben, die anderen Politrockbands im Laufe der Jahrzehnte immer mehr untergingen und sie gefühlt nur noch Insidertipps sind. Welchen Stellenwert hatten jene Politrockbands in Deutschland?
Da muss ich erstmal klarstellen, dass Floh De Cologne und Ihre Kinder nicht im Schneeball-Vertrieb waren. Zwischen den Scherben und Floh De Cologne gab es auch große Unterschiede, weil wir die D.I.Y.-Leute waren und FDC konventionell bei einem Plattenlabel unter Vertrag standen. Wir sahen uns auch mehr in der Rolle als Rockband und FDC waren eher Kabarett.
Interessant war noch der Rock Palast Moderator Albrecht Metzger der selbst seine Band „Hotzenplotz“ mit deutschen Texten hatte. Eine andere Band die stark von uns beeinflusst wurden, waren Panther aus Hamburg, deren Frontmann Klaus Schulz veranstaltete auch Konzerte für uns in Hamburg, 1971 im Audimax und anderen norddeutschen Städten. Er wirkte auch bei dem Mitte der 70er entstandenen Hamburger Veranstaltungsmagazin Oxmox mit, das es bis heute gibt.
An welche Band ich mich auch noch gut erinnere waren Tommi „Radikale Lieder“, die habe ich früher auch oft gehört.
Die waren auf dem Trikont-Label aus München. Auf Trikont gab es anfangs auch weniger Rockbands, sondern da waren eher Leute aus der Liedermacher und Folklore-Szene am Werk. Erst Mitte der 70er mit Schröder Roadshow wurde das anders, mit denen spielten wir auch eine gemeinsame Tour und hatten einen sehr guten Draht zu ihnen. Ulli Hundt war ein sehr abgefahrener und guter Sänger, Performer und Songwriter. Keine Ahnung was aus dem geworden ist.
Ziemlich großartig fand ich auch die ersten beiden Platten von Carambolage, mit denen ich auch schon ein Interview geführt habe. Wie hast du Carambolage in Erinnerung behalten?
Die drei Damen von Carambolage kenne ich schon ewig, 1973 kam Britta zu uns, Angie war schon 1971 bei uns im Rauch-Haus und Elfie, die Schwester von Lanrue, gehörte ebenso zum nächsten Umfeld von Ton Steine Scherben. Und Jeanette die ab der zweiten LP „Eilzustellungs-Express“ dazu kam, lernten wir im Jugendzentrum Niebel kennen, die kannten wir natürlich auch bestens.
Deren musikalische Entwicklung habe ich insbesondere zu ihrem gleichnamigen Debüt hautnah mitverfolgen können, jedoch habe ich die Zeit, als sie ihre Platten aufnahmen, nicht mehr mitbekommen, denn das war bereits Anfang der 80er Jahre und da lebte ich nicht mehr in Fresenhagen. Angie war ja auch schon seit Anfang der 70er auf den Touren der Scherben dabei und sie drehte später auch mit Rio Reiser den Film „Johnny West“. Sie ist mir bis heute eine sehr gute Freundin geblieben.
Britta ist leider vor fast schon 20 Jahren verstorben, was fürchterlich ist wenn man sich überlegt wie lange das schon wieder her ist. Elfie ist auch immer noch zu Gange in Berlin. Weil wir uns immer wieder bei Anlässen trafen oder wegen ihrer Platten, die über David Volksmund erschienen sind, blieben wir immer im regen Kontakt, wir waren sozusagen eine Family.
(bela)
Teil 1: https://www.trust-zine.de/nikel-pallat-teil-1-226-2024/
Teil 2: https://www.trust-zine.de/nikel-pallat-teil-2-227-2024/