Dezember 31st, 2025

My Ruin Records (#229, 2024/2025)

Posted in interview by Jan

Melancholie und Alltag. Ein Gespräch mit Rosi.

Der Begriff „Herzblut“ wird innerhalb unserer Szene ja oft verwendet für Menschen, die viel Aufwand und Leidenschaft in eine Sache stecken, die aber nur wenig Chancen hat, in kommerzieller Hinsicht erfolgreich zu sein. Ich denke, der Begriff sollte in 2024 auf so ziemlich jedes unabhängige Label zutreffen. Wenn jemand dann aber noch Bands veröffentlicht, mit denen er zu großen Teilen in jahrelanger Freundschaft verbunden ist und/oder die aus der eigenen Region kommen, nötigt mir das zusätzlichen Respekt ab. Wenn sich jemand dann aber neben einem Label noch mit einem anderen totgesagten Format (einem Printfanzine) herumschlägt, dann, nunja, können wir ja vielleicht sogar von Doppelherzblut sprechen.
Jetzt müsste hier noch eine lustige Wortverrenkung zur alternden Punkszene und Doppelherz stehen, Sie wissen schon, zwinker. Vielleicht nächstes Mal. Zeit, diesen besonderen Menschen im Punk-Ehrenamt mal mit ein paar Zeilen zu würdigen. Lange überfällig, jetzt auf Ihrer Showbühne: Stephan Rosenmüller (vulgo: Rosi), My Ruin Records/Kindspech/Grabeland Schallfolien sowie Drachenmädchen Fanzine.

Kennengelernt habe ich Rosi um die Jahrtausendwende, wenn ich mich recht erinnere in der Baracke in Münster. Er war mir zuvor nur bekannt über andere Freunde aus Osnabrück und als der Typ, der die amen81 7“ wiederveröffentlicht hat. Wir hielten uns in denselben Kreisen der westfälischen Friedensstädte Münster/Osnabrück auf. Dass Rosi in der DDR geboren wurde und dort auch aufwuchs, wusste ich dagegen aber erst, seitdem Rosi kürzlich mal Erinnerungen aus seiner DDR Zeit postete. Die Hintergründe machten mich natürlich neugierig:

“Meine Berührungspunkte bzw. Erinnerungen beschränken sich auf die Jahre 1976 bis ca. 1990. Abhängen am Eiscafe Druschba oder im Neubaugebiet Hohenstücken-Nord. Ich bin geboren in Brandenburg an der Havel, aber im Herzen aufgewachsen – etwas ländlicher – bei Oma und Uroma väterlicherseits im kleinen Dorf Rädel. Das sogenannte Ghetto ist mittlerweile grüner geworden und das Jugendkulturzentrum KAT (Klub am Turm) gibt es wahrscheinlich auch immer noch. Ich besuchte die Otto-Grotewohl-Oberschule, war laut der Zeugnisbeurteilung Wandzeitungsredakteur und auch engagierter Kassenwart. Während des Fahnenappells stand ich meist hinten, da mein Pioniertuch fehlte.

Ich spüre noch heute die harte Hand, als Erich Honecker am 1. Mai durch Brandenburg fuhr, ich in der ersten Reihe der Parade zum Kampftag der Arbeiter stand und unsanft nach hinten gezogen wurde. Natürlich, weil mein Halstuch fehlte. Es gibt Erinnerungen an Hip Hop, Grufties, Stasi, den Abschnittsbevollmächtigten und natürlich auch daran, mit der Familie für Apfelsinen anzustehen – inklusive so zu tun, als ob man sich nicht kenne. Und vor allem sind da die Erinnerungen an meinen Sony Walkman, aber leider nicht an das Tape, was drinsteckte. Wirklich schade eigentlich. Ich erinnere mich an Claudia. Ihr schenkte ich zum Abschied meinen Walkman, als die alleinerziehende Mutter sagte, es gehe nun in den goldenen Westen…”

Der goldene Westen entpuppte sich als das Osnabrücker Land. Klingt erstmal ziemlich öde, hatte allerdings von Mitte der 90er bis Anfang der 2000er jede Menge zu bieten, v.a. was Krawallmusik anging. Ich erinnere mich an fabulöse Konzerte im Ostbunker, GZ Ziegenbrink, im World Chaos Proberaum, im WG-Zimmer von Chris (!) und vor allem natürlich in Grütis Scheune, ein umfunktionierter Tierstall auf einem Bauernhof am Arsch der Osnabrücker Heide, in der im Sommer regelmäßig Power Violence und Punk Konzerte in Kombination mit freier Getränkezufuhr stattfanden (Grütis Scheune wurde übrigens auch von Muff Potter auf ihrer zwischenzeitlichen Abschiedsplatte etwas versteckt besungen, sie traten dort auch mindestens zweimal auf). Kein Wunder, dass sich Rosi hier schnell wohl fühlte:

“Osnabrück startete für mich eigentlich kurz nach der Gründung von Kindspech, aber hier sind die Übergänge auch fließend. Kindspech war der erste Gehversuch eines kleinen Distros für Platten & Co. Gegründet 1999 in einer WG im Landkreis Osnabrück.Kindspech waren Mounir und ich. Mir fehlte damals die erste 7“ von amen81. Es gab klassisch ja nur 500 Stück, handnummeriert. Lange, lange ausverkauft. Was tun? Anrufen, fragen, ob wir die nachpressen dürfen und dann irgendwie verkaufen und reich werden. Oder zumindest mit dem Gewinn einen vernünftigen Mailorder aufbauen und die Liebhaberei zum gehassten Beruf machen. Okay, das Nachpressen hat ohne einen Ansatz von Ahnung irgendwie geklappt. Thorsten 81 angerufen, die Jungs haben uns ordentlich unterstützt und zack, ich hatte meine eigene amen 81 7“ in der Hand, auf meinem eigenen Label. Wow. Bewaffnet mit Musikgeschmack, Bier und einer leeren Plattenkiste, wollten wir Teil einer Bewegung sein. War gut. Richtig gut. Auf nach Bielefeld, mehr noch Münster, vor der Baracke abhängen und Einnahmen aus Plattenverkäufen direkt für Bier ausgeben. Immerhin reichte es zu einer Handvoll Ausgaben eines gedruckten Kindspech Magaloges. Magazin & Katalog. Was ein Schmiss! Der Vorläufer zum späteren Drachenmädchen-Magazin. Hoher Unterhaltungsfaktor, aber wenig Chance auf Umsatz und Weltherrschaft. Musste wohl dieses DIY sein, dachten wir uns.”

Fun Fact: Was Kindspech ist, wusste ich erst, als ich es in seiner ganzen Pracht sah nach der Geburt meiner Erstgeborenen. Ich dachte bis dato immer, dass das ein falsch geschriebener englischer Name sei, irgendwie eine misslungene Zusammensetzung aus “kind” und “speech”, also sowas wie “freundliche Rede” oder so. Ja, Emo war groß damals und ich vielleicht ein bisschen dumm.

Apropos Emo: Osnabrück kam mir im Vergleich zu Münster, wo ich damals wohnte, musikalisch immer deutlich härter vor. Klar, es gab auch melodische Bands wie duesenjaeger oder die sträflich unterbewerteten Anatol. Ansonsten verband ich mit Osnabrück meist Power Violence und Hardcore-Punk, maßgeblich auch beeinflusst durch Chris von G7 (später Hardware) Records. Wenn ich so zurückdenke an die Zeit, war die Szene dort außergewöhnlich aktiv, fast jeder, den ich kannte, spielte in einer Band, machte Konzerte, Platten oder einen kleinen Vertrieb. Klare Sache, dass auch Rosi bald durchstarten musste:

“Zu der Zeit war es im Landkreis Osnabrück sehr umtriebig, zumindest in Bezug auf das Bootlegen von Singles. Das war spannend. In Osnabrück ging es jedenfalls weiter mit der Colt Seavers 7“, duesenjaeger oder auch den Missing Shadows. Der Dunstkreis erweiterte sich, die ersten Oiro Singles wurden in Kooperation mit Flight13 vertrieben, das machte Spaß. Irgendwie entstand das Meiste an befreundeten Küchentischen und Proberäumen. Anatol, Subkutan, Pissed Youth, Malice…da brodelte es einfach. Mal wurde etwas Geld für eine Posterbeilage zusammengeschmissen, die es dann natürlich nie gab, ein anderes Mal fuhren wir gemeinsam auf Tour oder genossen den regen Austausch. Ich merkte schnell: auf andere verlassen nimmt dir viel Zeit. Ich gründete nebenbei mein eigenes Label mit dem Namen Rosa Records. Keine Ahnung, das Logo hat mir auch nie gefallen, aber Hauptsache mein eigenes Ding machen. 2001, meine ich, so erschien Dirtfarm, dann Drugstop, Soleil Noir oder auch Undiscovered. Vinyl only. Das war’s. Ende. 2000 zog ich rein in die Stadt, veranstaltete Konzerte und begann eigentlich wirklich erst das zu machen, was ich auch heute noch so tue.

Und vor allem, wie ich es tue. Vielleicht mittlerweile etwas weniger euphorisch: Ey, ich hab was Neues, schenke ich dir! Aber eben nur vielleicht. Prägend war damals ehrlich gesagt G7 Records, später Hardware Records. Für mich das Punk-Hardcore Label überhaupt. Danke Chris. Natürlich auch Mind Reader. Deter hatte den ganzen Hefte-Kram am Start, da schloss sich zumindest in Osna, für mich, der Kreis. Das war eine tolle Zeit. Konzerte im besetzten Haus, auf dem Wagenplatz oder AZ Substanz fanden statt. Grüters Scheune, der Kotten in Rüssel 58 oder in der Kneipe der Skatehalle. Später auch im Bastard Club. Nebenbei machte ich die Erfahrung, dass bestimmte Dinge besser alleine reifen. Am Ende sind natürlich mehrere Menschen involviert, aber nachts, wenn du nicht schlafen kannst, kommen eben die kreativen Gedanken. Es wurde viel kopiert und geklebt, die ersten Tonträger entstanden. Irgendwann gab mir jemand ein Tape mit der Aufschrift duesenjaeger (Arbeitstitel)…”

Es ist natürlich blöd, ein Label auf eine Band zu reduzieren. Aber ich glaube, wenn ich zufällig ausgewählte Personen fragen würde, welche Band sie mit Rosis Labels am ehesten verbinden, würde sicherlich die Mehrheit duesenjaeger nennen. Auch solche Sympathieträger. Fast zwangsläufig, dass man schnell zueinander fand:

“Seit der Gründung in der Silvesternacht 1999 ging es immer um Fernweh und Flucht aus einem unerträglichen Alltag… So beginnen viele traurige Geschichten oder zumindest diese. Spaß beiseite. Am Ende gab es nach dieser Nacht eben das besagte Tape mit Liedern in E-Moll. Das Original-Tape habe ich natürlich auch noch. Gaijin war das Projekt, welches ich Mitte der 90er gefeiert habe. Tobi & Jan, Rieste-Süde. Da war es nicht nur nachts dunkel. Ich glaube, es begann eben nur, weil ich damals einen Job hatte. Ein geregeltes Einkommen und nicht wusste, wohin mit den 1500 Mark. Dazu eben Bock. In der Stadt mit den Menschen, die irgendwie alle was Ähnliches suchten, oder zumindest vermissten, war da irgendwie eine Szene. duesenjaeger brauchten, glaube ich, etwas länger mit den Aufnahmen und so entstand die Colt Seavers 7“ chronologisch noch davor. Ebenfalls noch auf Kindspech, in Kooperation mit Grütrillen. Grüters Scheune war, wie bereits erwähnt, zu der Zeit eine angesagte Location.

Die ersten beiden Singles veröffentlichten wir in freundschaftlicher Verbundenheit mit Peet von Chief Recordings aus Münster. Jan spielte nebenbei noch bei The Grizzly Adams Band. Herr Neumann machte Herr Neumann. Stark einfach. Mounir hatte sich zwischenzeitlich auf andere Dinge konzentriert. So ist das Leben eben. Es entstand My Ruin und die las palmas ok LP von duesenjaeger in 2004. Das war alles nur logisch, der Name des Labels in jedem Fall. Die Idee, das Ganze mal wirtschaftlich zu betreiben, um einen beruflichen Traum leben zu können, war vorbei. Ich wollte mich nicht verkaufen, die Bands auch nicht, wir lebten eine Utopie, bis heute. An dieser Stelle sende ich herzlichste Grüße an Venny, Trommler der ersten Jahre! Mit der Schimmern LP wagten wir dann etwas – für uns – völlig Neues. Es wurde viel diskutiert und dann ein Vertrag unterschrieben. Das Album erschien mit einem Barcode auf der Rückseite bei Go-Kart Records Europe.

Eigentlich Mannheim, aber dahinter stand diesmal nicht der Russe, sondern Amerika. Ich glaube, für alle Beteiligten sagen zu können, es wurden Erfahrungen gemacht. Zwinker. Ich hatte per Handschlag quasi eingewilligt, dass auch die las palmas neu aufgelegt werden durfte und so machten duesenjaeger einen kurzen Abstecher. Ich begleitete die Gang natürlich weiterhin, Freunde sind ja auch Friends.2008 erschien die Blindflug 12“ auf Twisted Chords. Ein Abschied. Um zu beschreiben, wie es zu den Umständen kam, müsste ich wahrscheinlich eine eigene Kolumne schreiben. Über die letzten 24 Jahre vielleicht sogar ein Buch. In jedem Fall konnten jetzt alle einmal durchatmen. Wir holten uns 2012 alles wieder, veröffentlichten die „leben lieben sterben“ 10“ auf dem bandeigenen Labelkollektiv Grabeland Schallfolien, pressten alles nach und der duesenjaeger wurde vollgetankt.

Es entstanden in diesen Jahren einige Split-Singles mit befreundeten Bands, Tape-Versionen und tolle Sonderauflagen. Gemeinsam wurde viel diskutiert, geschaut, dass die Preise für ausverkaufte Releases nicht durchdrehten und im besten Fall wurde einfach nachgepresst. 2016 erschien das Album Treibsand und es wurde noch mal der komplette Katalog neu aufgelegt. Ich glaube, duesenjaeger funktionieren so am Besten. Alles braucht eben Zeit und Raum. Die kleinen Veränderungen fallen nur bei genauer Betrachtung auf. Hier ist kein Stillstand zu benennen, eher vielleicht ein Bewahren von Werten und die persönliche Sicht auf bestimmte Dinge. Aber Hey, das ist nur meine Theorie, haha. Grabeland Schallfolien funktioniert jetzt schon einige Jahre und nächstes Jahr feiern wir alle zusammen 25 Jahre duesenjaeger. Das hätte wahrscheinlich niemand der Beteiligten gedacht.”

25 Jahre duesenjaeger, über 20 Jahre Drachenmädchen Fanzine. Beide strahlten immer diese gewisse Melancholie aus und doch auch all diese Herzlichkeit und Freundlichkeit, die mir auch nach all den Jahren die Gewissheit gibt, Teil der besten aller Subkulturen zu sein. Mal mehr, mal weniger intensiv, natürlich. Und auch Rosi konnte sich nie davon trennen, im Gegenteil. Startete er Grabeland Schallfolien zunächst als Kollaboration, war My Ruin von Beginn an Rosis eigenes Ding, das er bis heute mit allem Elan betreibt:

“Ich glaube, wichtig zu erwähnen wäre, dass My Ruin ganz allein mein Ding ist. Der Sprung von Kindspech zu My Ruin fand mit der Oiro Mordsee 7“ statt. Ich wohnte noch in Osnabrück, Johannistorwall. Die Adresse war bis hierhin noch identisch, nur eben der Labeltitel nicht mehr. Durch den Wechsel änderte sich nun Einiges, zumindest in kleinen Teilen. duesenjaeger veröffentlichten nicht mehr auf Kindspech, sondern nur mit mir. Dies war aber auch eher eine logische Konsequenz, in Bezug auf räumliche Nähe und Austausch. Da die Bruchpiloten allerdings auch etwas Zeit von Veröffentlichung zu Veröffentlichung brauchten, musste ich irgendwie im Gespräch bleiben. Nur duesenjaeger-Releases machen, hält keinen Fuß in der Tür. Nebenbei veröffentlichte ich ein paar feine Releases, mal in Kooperation mit hier vorgestellten Freunden, wie die Hidden Charms 7“ oder natürlich auch allein, wie die Dampfmaschine-LP. Du hattest mich im Vorfeld ja auch gefragt, ob „3,0 PS-Schallplatten“ auch zu mir gehörte. Dies ist das bandeigene Label von amen81. Musik zu scheiße und zu politisch, waren sie wahrscheinlich gezwungen, selbst zu veröffentlichen, haha. Schöne Grüße!

Warum es mir wichtig war, am Anfang zu betonen, dass My Ruin nur ich bin, war die Gründung von Grabeland Schallfolien. duesenjaeger wollten es schlicht selbst machen, deshalb gründeten wir das Kollektiv bestehend aus Band, mir und Chris von Hardware Records. Alles in allem meine Lieblingskombo. Natürlich spielt der Faktor Leben immer eine Rolle und Chris hielt sich irgendwann mehr zurück. Dann kam mein Umzug nach Dortmund und am Ende stand der ganze Kram in meinem Keller, da der alte Proberaum in Osnabrück ebenfalls geräumt werden musste. Da sind wir nun, immer noch Grabeland Schallfolien Kollektiv und My Ruin. Scheint ja alles irgendwie funktioniert zu haben.”

Nun lebt der Mensch bekanntlich nicht vom Brot allein und wie Rosi bereits ausgeführt hat, kann man – oh Schreck – nicht mal von Punkplatten leben. Außer natürlich, man macht besonders dumme, das ist hier aber nachweislich nicht der Fall. So mag es kaum überraschen, dass es auch beruflich irgendwann irgendwie in Richtung Musik ging. Handfest, könnte man sagen:

“Bühnenbau. Habe ich auch mal beruflich gemacht, aber nur gelegentlich als Tagwerk. Nach meinem Burn-Out Anfang 2003 ging es für mich in eine völlig neue Richtung, beruflich. Den Heilerziehungspfleger hatte ich an den Nagel hängen müssen, den Bewilligungsantrag für die Bundesagentur für Arbeit auch. Ich sollte Dinge tun, die meinem Verständnis von Sinn und tatsächlicher Perspektive einfach widersprachen. Aber Sie haben doch noch Anspruch auf Leistungen, schallt es durch den Türspalt. Leck mich, Staat. Raus aus der Gesellschaft und rein in den Rock’n’Roll. Endlich frei und arbeiten, wie und vor allem wann man wollte, das war nun meine Freiheit. War 18 Jahre lang auch kool und genau das Richtige, weil genug Zeit und Geld und ein kleines Gefühl von Unabhängigkeit. Aber dann wirst du älter, stellst dir andere Fragen. Dann kommt noch eine weltweite Pandemie und du findest plötzlich auch Antworten. Diese Zeit ist sehr wichtig für meinen kleinen Werdegang, zumindest in Bezug auf die ganzen Veröffentlichungen.

Ohne diese Flexibilität, die meine berufliche Selbständigkeit mit sich brachte, hätte es nie so laufen können. Selbst in der Pandemie hat mein kleiner Bauchladen etwas Fahrt aufgenommen. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Dankbar für diese Liebhaberei und die Möglichkeiten habe ich einfach rausgehauen.Keine staatlichen Förderungen, einfach nur die Lust und der Hunger auf mehr. Endlich machen, was ich eh schon immer gemacht habe, nur eben mit viel mehr Zeit. Was für eine tolle Erfahrung einfach. Aber auch hier nicht als berufliche Perspektive: niemals als Vollzeitjob, das kann nicht funktionieren und auf faule Kompromisse hatte und habe ich auch heute keinen Bock.”

Wandel gab jedoch es nicht nur beruflich, auch was den Standort angeht:

“Anfang 2016 bin ich in den Ruhrpott gezogen, nach Dortmund. Osnabrück wurde irgendwie zu klein, die Geschichten erzählt und hier wohnte eben meine jetzige Frau. Warum also nicht. Die hässliche Fratze aus Kohle und grauem Beton habe ich hier wohnhaft am doch so grünen Gürtel noch recht lange gesucht, aber klar, auch gefunden. Die Möglichkeiten in Osna, unbeschwert Konzerte zu veranstalten wurden weniger, im Allgemeinen war etwas die Luft raus. Hier gab es ja nun Bierschinken, Stress am Strich und aus der Ferne betrachtet, eine völlig neue Szene. War natürlich Quatsch.

Nach einem Jahr mit doppelten Bandscheibenvorfall, zwei OPs und einem Jahr Berufsunfähigkeit brauchte ich einige Zeit zum Ankommen. Die selbstverwalteten Projekte machten in der Zwischenzeit zu und es gab gefühlt nur noch von der Stadt subventionierte Shows. Nicht minder schlecht, aber eben nicht das, was ich suchte. Zum Glück hatten wir mit Grabeland Schallfolien den bis dato gesamten duesenjaeger-Katalog frisch aufgelegt, so war ich immerhin beschäftigt. Richtig: Platten packen und schleppen. Genau die richtige Beschäftigung in meiner damaligen Situation, aber die Kohle musste ja wieder rein. Ich fühlte mich hier im Ruhrpott von Anfang an sehr wohl, auch wenn ich immer noch versuchte, meine Projekte umzusetzen, was mir bislang nur in einer sehr übersichtlichen Anzahl von Konzerten gelang.

Am Ende ist Dortmund ja auch nur ein Dorf, wo Menschen sich sehr lange kennen und eben der Klüngel regiert. Da fällt mir gerade Manfred Krug ein. Ein ähnlicher Weg. Nicht ‘Die Spur der Steine’, der Film, aber ebenfalls in Brandenburg an der Havel geboren, Zwischenstopp in Osnabrück und später ebenfalls in Dortmund gelandet. Auf Achse, die Serie habe ich geliebt. Manfred Krug habe ich damals versucht, für das Drachenmädchen zu bekommen. Hat leider nicht geklappt, aber sehr beeindruckend fand ich, dass er nur mit Faxnummer im Telefonbuch stand. Das fand ich magisch.”

Auch die letzte Ausgabe des Drachenmädchen, erschienen in diesem Jahr, musste aus Gründen ohne Manfred Krug auskommen, kommt dafür aber mit jeder Menge feiner Herren und Damen aus diesem Ding called Punk/HC. Lesetipp, na klar. Warum das Drachenmädchen so heißt, wie es heißt, habe ich mich oft gefragt, aber nie jemanden dazu befragt. Zeit für Aufklärung, wir wollen ja alle nicht dumm sterben:

“Das Drachenmädchen-Magazin. Ich habe den Namen sehr schnell bereut, ohne Grund. Entsprungen aus dem ersten Teil des Films Shrek. „Oh, es ist ein wunderschönes…Drachenmädchen!“ *Enttäuschung. Haha, ja, weiß eigentlich kaum jemand. Zwei Whiskey mit Neumann gab es damals schon. Ursprünglich wollte ich Tobis Kurzgeschichten veröffentlichen. Wir hatten viel Zeit beim Erstellen der Kindspech-Magaloge miteinander verbracht, Herr Neumann hatte nämlich einen Computer! Zum Verständnis, der Kindspech-Mailorderkatalog war mehr als ein Mailorder.

Es gab erstklassige Rezensionen, unterhaltsame Plattenbeschreibungen und obendrein Interviews, Kurzgeschichten und anderen Kram. Anfangs in A6, später in A5 kopiert. Natürlich haben wir bei Issue 3 begonnen, wir waren keine Anfänger. Das sollte uns Souveränität bescheren. Klar, wenn ich mir die Verrisse zu den Platten durchlese, die wir ja eigentlich gewinnbringend verkaufen wollten. Mounir und ich hatten Fun. Das war wichtig. Herr Neumann und alle Beteiligten hatten Fun. Yeah! Im Januar 2001 erschien der letzte Kindspech-Magalog, im Juli 2002 das erste Drachenmädchen-Fanzine. Seit 2003 übrigens im A5-Querformat. Die erste Ausgabe in diesem Look wurde Charles Bronson gewidmet. Er starb im letzten Augustwochenende 2003 nach einem langen Alzheimerleiden.

Los Angeles, Lungenentzündung, 81. Ciao. Neben Unbeschwertheit im Genre Humor sollte das Drachenmädchen, aus meiner Sicht, vor allem eins sein, eine Plattform. Jede und Jeder sollte an Board kommen können. Wir lebten ja DIY, also mach’ mit. Natürlich haben wir in all den Jahren auch Beiträge gekickt, aber das waren wirklich wenige. Lustgreise haben frivole Geschichten eingereicht, Danke nee. Aber mir war es wichtig, eben allen Menschen eine Möglichkeit zu geben, sich einzubringen. Deshalb war das Heft immer etwas Besonderes. Mal vielleicht langweilig in Teilen, aber immer bunt gemischt. Mal politisch, mal mit mehr weiblicher Beteiligung, mal eher schnurrbartlastig.

Wie hätte ich auch irgendeine Tendenz erzwingen können. Wir waren zufrieden – nur die Abstände zwischen den Ausgaben vergrößerten sich. Faktor Leben und Veränderung. Am meisten liebte ich tatsächlich die Kreativität beim Zusammenstellen einer Ausgabe. In all den Jahren so viele Menschen getroffen, die wirklich nur ihren Beitrag an die Pinnwand posten wollten, andere, die ganz Großes vorhatten, regelmäßig veröffentlichen wollten und scheiterten. Ein Fanzine kann und darf alles, diese Momentaufnahme in jeder Ausgabe habe ich sehr geschätzt. Mittlerweile gibt es wieder ein paar schöne Hefte, wer braucht da noch uns. Ich bin weiterhin zufrieden, Ausgabe 15 haben wir in diesem Jahr, wieder gemeinsam, auf die Beine gestellt. Das macht einfach Freude, auch wenn sich um mich herum einfach alles etwas verändert. Merkst du das eigentlich auch? Ich möchte kurz Danke sagen an das mächtige Blurr aus Düsseldorf. Danke für einfach alles. Oi.”

Dass das Blurr eine große Motivation für das Drachenmädchen Fanzine war, war ja nur schwer zu übersehen. Ähnlicher Stil, ähnliche Vorliebe für Bands und dieser schöne Ansatz, Punk etwas flockiger, konstruktiver und nachdenklicher anzugehen, ohne dabei von den Idealen abzuweichen. Hawaiihemd statt Nietenjacke quasi. Nun ist das Blurr ja schon lange tot, ebenso wie unzählige Labels und Bands, die im Zuge des Lebens an Rosi vorbeigefahren sind, so dass die Frage erlaubt sein muss: Was treibt Rosi eigentlich heute noch an?

“Guter Punkt. Ich wollte es irgendwie immer selbst machen, selbst Hilfe suchen, wenn ich nicht weiter weiß, selbst alles irgendwie umsetzen. Ein Gegenpol sein zu dem ganzen Scheiß. Keine GEMA, kein Vertrag. Jens Rachut hat gesungen „Tod der Scheiße, Tod der CD“ und so habe ich das eben bis hier hin versucht und versuche ich weiterhin. Klar, habe ich auch mal eine Band supportet, die mit einer Förderung rumgemacht hat und die Drachenmädchen-CD-Beilagen der ersten Ausgaben waren auch auf CD-R gebrannt. Dennoch glaube ich fest, gute Musik auf Vinyl in einer schönen Aufmachung muss nicht teuer sein und kann (auch 2024 angemessen) selbst vertrieben werden. Worüber reden wir, also über kleine Auflagen. Bock ist und war immer wichtig, der richtige Anspruch bringt dann den Spaß. In dieser Kombination versuche ich weiterzumachen. Ich habe schon einigen Bands abgesagt, weil ich nicht liefern konnte. Falsches Genre, keine Zeit. Das bringt mir und vor allem den Menschen nichts. Ich möchte unterstützen und wenn ich das Gefühl habe, nicht der Richtige zu sein, oder der Anspruch innerhalb der Band nicht zu mir passt, dann hat es keinen Sinn. Ich würde schlecht schlafen und man produziert gemeinsam nur ein schlechtes Gefühl. Ich scheiß’ auf Geld und Schlaf und das, so lange es noch geht. DIY or Die. Mag ein überholtes Klischee sein, aber wirf mich bitte einfach in genau diese Schublade.”

Die letzten Sätze wären eigentlich der perfekte Abschluss dieses kleinen Features, aber ich konnte Rosi natürlich nicht entlassen, ohne ihn nach der Zukunft zu befragen. Und die sieht vielleicht nicht rosig aus (Verzeihung), aber Rosi wird weitermachen. Cool sind nicht die, die etwas machen wollen oder können, sondern die, die etwas machen müssen. Weil es nicht anders geht. Merkt Euch das.

“Zukunft war schon immer Scheiße. Weitermachen. Ich werde im Herbst 48 Jahre alt. Mit 50 wollte ich eigentlich einfach aufhören. Zwischendurch verspürte ich eine Krise, sogar immer mal wieder Unlust. Richtig hart. Faktoren von außen hatten mir den Spaß genommen. Menschen im Umfeld verändern sich, ich mich ja auch. Ehrlich gesagt gibt es keinen Grund weiterzumachen, aber aufhören kann ich auch nicht. Aktuell mache ich tatsächlich weniger, als zum Beispiel in den letzten zwei Jahren, aber das reicht mir nicht. Ich muss mehr ändern, noch weniger Steuern und Staat, radikaler werden möchte ich. Ich leb’ ja nicht davon, also kann ich dieses wilde Pony reiten und muss es nicht zähmen. Pferde würden übrigens für einen Menschen so lange laufen, bis sie einfach tot umfallen. Das möchte ich aber nicht. Da fall ich lieber vorher aus dem Sattel…”

Jetzt aber: Ende der Geschichte. Alles Weitere hier: www.myruin.de
Herder

Drei tolle Platten aus dem Rosiversum

Anatol – Balkone laden wieder zum Springen ein (3,0 PS Schallplatten, Mind Reader u.a.)
Streng genommen ist das keine Platte aus dem Portfolio des Hr. Rosenmüller, aber ich wollte sie dennoch nicht unerwähnt lassen. Erstens ist sie spitze und zweitens war Rosi mit dem rechten kleinen Zehen an der Entstehung beteiligt, das reicht mir in diesem Fall. Anatol war eine recht kurzlebige Band aus Osnabrück, auf der 10” pendelt die Band noch zwischen ungestümen Hardcore-Attacken und melancholischem Punk, der den Spirit der Emo-HC-90er atmet. Irgendwie eine Mischung aus I Spy, Age und alten Muff Potter. Die folgende LP war etwas kontrollierter und wurde von Rosis altem Mitbewohner Mounir sowie Torben von duesenjaeger rausgebracht. Volle Lotte Rosiversum also.

Fun Total – Tristesse (My Ruin)
Quasi die Nachfolgeband von Honigbomber und musikalisch auch nicht allzu weit davon entfernt. Tolle Songs irgendwo zwischen den Rachut-Bands, Noiserock und einer guten Prise deutschem 70er Punk. Der erste Song erinnert mich an A+P, später kommen mir immer mal die Shocks ins Gedächtnis, nur eben mit mehr Ecken, Kanten und viel Zynismus. Mein Favorit der letzten Veröffentlichungen auf My Ruin.

duesenjaeger – Las Palmas O.K. (Grabeland Schallfolien)
Ich war Zeuge des ersten duesenjaeger Konzerts, auch die erste LP kaufte ich mir bei Erscheinen. Beides war toll und doch verschwand die Band irgendwie ein wenig aus meinem Gedächtnis. Bis ich irgendwann bei einem Kumpel aus Mannheim frühstückte, “Leinen los, bereit Matrose” hörte und mich direkt daran erinnerte, was für eine tolle Platte das ist. Zwölf Punksongs mit viel Melancholie im Gepäck. Bis heute mein Liebling aus der mittlerweile doch sehr ansehnlichen Diskographie.

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