Kontrolle (#230, 2025)
Außer: Kontrolle
„Rockcity No. 1 Solingen“ hatte immer schon großartige Punk-Bands, wenn ich alleine an Kontrolle-Carsten´s Diskografie denke: Dead Born Babies, Forced to Decay, Once A Demon, Blank, Ideoblast, Metallion Stallion und: Kontrolle, zauberhafter Wave-ChaosZ-EA80-Punk. Bei der Release-Feier ihrer dritten LP im AK 47 Düsseldorf sprach ich mit Gitarrist-Synthmeister Carsten, mit seinen alten Bands Once a Demon und Blank (wo auch Daniel von Kontrolle mitspielte) war er schon mal 2006 und 2017 im Trust. Kontrolle sind natürlich noch erwähnter Daniel am Bass und Gesang (er war auch beim Interview dabei) und Andrew „an den Kesseln“, wie „wir von der Metalpresse“ sagen.
Das Interesse ist groß an Kontrolle zurzeit, so dass wir als Zweitertrupp zum Interview erschienen. Nach meiner Fünf-Frage-Schicht übernahm Trust-Neuverpflichtung Herder „das Mic“. Er hatte in den 90ern Forced to Decay veranstaltet, genau wie ich auch. Ideoblast spielten 2006 im AJZ Bahndamm mit Quest for Rescue auf unserem Trust-Redaktionsbesäufnis und später auch nochmal im Exzess Frankfurt mit Hanns-Martin Slayer. Jedenfalls: Kollege Herder ist natürlich auch (Three-Chords-) Fanzine-Legende! Zusammen mit Helge, damals noch Plastic Bomb und unter Schirmherrschaft von Blank-Carsten, veranstalten wir 2009 das Fanzine-Treffen im AJZ Bahndamm Wermelskirchen im Rahmen des „Heartcore-Tage“-Festivals.
Und es war gut, Herder dabeizuhaben, ich hätte sonst nach Ende des Interviews mein Diktiergerät in der Bandwohnung vergessen und einfach liegen gelassen. Profis bei der Arbeit!
Die Interview-Überschrift ist eine wahnsinnig lustige Anspielung auf die „Außer Kontrolle“-Abstürzende Brieftauben Live-Platte bzw. außer EA 80, ChaosZ und eben Kontrolle bin ich gar nicht sooo der Wave-Punk-Fan. Kontrolle haben mich durch ihren Hit „Baumarkt“ in ihren Bann gezogen, die aktuelle Platte namens „Grau“ ist wieder auf dem Kölner Label Holy Goat Records erschienen. Und dort veröffentlichte man auch das „Best of“-Tape von den Sludge-Göttern (Zwinkersmiley) Forced to Decay, für das ich Linernotes schreiben durfte.
Ich interviewte „Forced“ in den 90ern für mein eigenes Fanzine und werde es nie vergessen, als ich 2004 bei meinem ersten Trust-Redaktionstreffen in Nürnberg teilnahm: Mitch kennengelernt, Trust-Layouter von 1986 bis 2009; dieser hundertfünfzig Jahre alte Mann, der die Abwehrschlacht im Negazione-Pit Ulm 1985 miterlebte, schätzte „Forced“.
Sehr traurige Nachricht: Carsten ist in Solingen auch Teil des genialen DIY-Gig-Ladens Waldmeister. Bei dem Attentat in Solingen kam schrecklicherweise auch Ines ums Leben, sie war Teil der Konzertgruppe. RIP.
Jan: Willkommen, Carsten und Daniel von Kontrolle, wir sind hier mit Trust-Herder in der schönen Bandwohnung vom AK 47 Düsseldorf, gleich ist die Release-Party. Was erwartet ihr von dem heutigen Abend?
Carsten: Wir erwarten einfach einen schönen Abend. Und dass noch ein paar Leute sich hierhin verirren, trotz Regen.
Daniel: Und dem ÖPNV-Chaos um Düsseldorf herum. Die S 1 ist irgendwie ausgefallen und fährt inzwischen gar nicht mehr, das wird ein paar Leute aus Solingen abschrecken.
Carsten: Aber ich bin trotzdem guter Dinge und mit dem Herbstanfang in die Tour zu starten, das ist zwar etwas seltsam, aber es passt ja auch wieder, so ein bisschen als „Imagegeschichte“. (lacht)
Jan: War es Absicht, dass ihr die Feier nicht in Solingen macht?
Carsten und Daniel: Ja.
Carsten: Wir sind ja auch nicht „nur“ eine Solinger Band, sondern unser Schlagzeuger Andrew kommt ja aus Düsseldorf und wir haben durchaus auch einen Bezug zu dieser Stadt. Das AK 47 ist ein großartiger Laden, da haben wir auch schon einige Male mit unseren alten Bands gespielt, die hatten Bock drauf, dann passt das so.
Herder: Vielleicht wollt ihr noch etwas zu „Solingen“ sagen, wie ist die Stimmung gerade da?
Carsten: War natürlich schon mal besser. Ich habe gerade das Gefühl, dass „Solingen“ generell… also zumindest in meiner Bubble sind alle angepisst, dass das Attentat missbraucht wurde für so eine populistische Scheiße! Immer hörst du jetzt „Solingen“, wenn es um so krasse Debatten geht. Solingen ist eigentlich eine coole Stadt und sehr bunt, mit einem hohen Migrationsanteil. Man ist in Kommunikation miteinander, alle kommen auch gut miteinander aus, gerade im kulturellen Bereich auch.
Daniel: Es fuckt halt echt mega ab, dass das jetzt von bestimmten Leuten für so eine Scheiße missbraucht wird.
Jan: Eure Platte ist wieder auf dem tollen Kölner Label Holy Goat Records erschienen, how comes?
Carsten: Wir kennen halt den Macher Ralf schon ewig. Vor Kontrolle spielten Daniel und ich ja schon bei Blank zusammen und da hatte Ralf eine seiner ersten Veröffentlichungen schon mit uns gemacht, diese Split-LP mit unseren Freunden von Sangharsha. Und dann ist das so gewachsen, als Freundes- und Bekanntenkreis, wir wohnen ja alle um die Ecke quasi hier. Und Ralf ist eben ein guter Freund und ein total engagierter Typ.
Daniel: Er hatte auch wieder Bock drauf, da gab es jetzt irgendwie keinen Grund, etwas zu ändern.
Jan: Glaubt ihr, ihr verkauft mehr als die neue Hammerhead (auf Holy Goat)? (lacht)
Carsten: (lacht) Nein, damit ist nicht zu rechnen, vielleicht hat deren Platte unsere ja mitfinanziert, ich weiß es nicht. Ich glaube die neue Platte, das wird ganz gut funktionieren, aber bestimmt nicht so krass wie bei Hammerhead.
Jan: Carsten, deine alte Band, Forced to Decay, spielte sicher mal mit Hammerhead, jedenfalls gab es vor Jahren mal einen Reunion-Auftritt im „Getaway“ in Solingen, dann kam später das „Best of“-Tape, kommt da nochmal was?
Carsten: Puh, dieser Auftritt ist auch schon wieder was her, das war vor sieben Jahren oder so, unsere „Reunion“. Die Reunion war ne einmalige Geschichte. Das Getaway war eine lokale Großraumdisco und für viele schon in ihrer Jugend wichtig. Deren Mietvertrag wurde gekündigt, es gab dann ein großes Abschiedsfestival, das wir mit dem örtlichen Rockclub CowClub organisierten.
Da kam die Idee auf, wen man von den alten Bands noch fragen könnte. Und von Forced hatten alle Bock. Tupamaros haben auch gespielt. Hat auch nochmal Spaß gemacht und im Anschluss gab es direkt Forced-Anfragen aus z.B. Würzburg. Aber wie gesagt, war ne einmalige Sache.
Herder: Euer Forced-Sound würde heute wahrscheinlich auf mehr Zuspruch stoßen als damals in den 90ern oder? Also, das hat sich heute ja mehr etabliert durch Neurosis, Converge, Post-Metal usw.; die Hörerschichten sind viel vermischter als in den 90ern.
Carsten: Ja, ich glaube auch, dass heute mehr Hörerschaft vorhanden wäre, weil auch viel mehr Bereitschaft dazu da ist. Wir könnten bestimmt breitere Schichten erreichen. Weil, wir hatten das Problem, dass wir halt im Prinzip in keine Schublade gepasst haben. Eigentlich war das auch ein Vorteil, dass wir dann auf ganz unterschiedlichen Festivals spielen konnten. Der Punkszene waren wir zu Metal und in der HC-Szene fand man uns aber auch scheiße (lacht). Irgendwie hat es aber jahrelang dann doch funktioniert, aber heute sind die Szenen viel übergreifender. Das war in den Neunzigern wirklich auch schwierig, die Subszenen von Punk waren gefühlt viel mehr getrennt.
Herder: Ihr wart ja auch in einem engen Kontext, ich sage mal „Emo-PC“, heute würde man eher „Screamo“ oder „Post-Metal“ als Bezeichnung nehmen, oder?
Carsten: Ja, stimmt, es gab immer Schwierigkeiten, uns damals zu beschreiben. Es wurde mal versucht, uns in die Ende 90er aufkommende „Neue Deutsche Härte“-Ecke zu stellen, unsere Texte sind ja auf Deutsch, das wurde dann mit den gerade mehr aufkommenden Rammstein assoziiert! (lacht)
Ich weiß noch, dass ich dann diese Band zum ersten Mal auf einer kostenlosen Musikzeitschriften-CD – ich glaube, von der „Visions“ – hörte. Unser anderer Gitarrist, Thorsten, legte die im Auto ein und das war das einzige Mal, dass ich diese Band bewusst hörte. Was für eine Scheiße von Schrott. (lacht) Und wir kamen aus diesem DIY-Crust-Kontext und wollten auch da bleiben. Wir waren ja auch mal mit der zweiten Platte bei „System Shock”, dem Metal-Unterlabel von Impact Records.
Da lief alles schon professioneller und da brauchst du dann natürlich Schubladen für deine Bands. Die haben uns dann aber bei der Platte völlig freie Hand gelassen, die waren Punks und wir auch (lacht).
Was geil an der Zeit mit Forced war: Wir waren einfach super viel unterwegs, wir sind für 50 Mark nach Cottbus gefahren und hatten total Bock, zu spielen, auch viel in Ostdeutschland, auch in Läden, wo diese Naziproblematik total krass war im Vergleich zu uns im „Westen“. Forced hatte in den 90ern in jeder Pommesbude gespielt, das lief auch über dieses damalige „Buch dein eigenes beficktes Leben“-Buch. Unser erstes Konzert war ja schon auswärts: das Juz Maikäferle in Böblingen, da bei Stuttgart. Die haben uns sogar in einem Hotel untergebracht und wir dachten, dass bleibt jetzt immer so (lacht).
Jan: Euer schönes „Solinger Heartcoretage“-Festival in Wermelskirchen, wo ihr viele Jahre lang all die Bands eingeladen habt, mit denen ihr europaweit gespielt habt, das gibt es nicht mehr, oder?
Carsten: Nein, leider nicht mehr.
Jan: Warum waren die „Solinger Heartcore-Tage“ eigentlich in Wermelskirchen und nicht in Solingen? (lacht)
Carsten: Das war damals so, dass wir das in einem soziokulturellen Zentrum machen wollten in Solingen. Alles war schon fertig gebucht. Dann wurde es von der Location drei Wochen vorher quasi abgesagt! Und dann kriegte das der Bahndamm mit, Wermelskirchen ist ja in der Nachbarschaft. Wir kannten den Laden ja, weil wir da auch schon diverse Male gespielt hatten. Die hatten Kapazitäten frei und weil das beim ersten Mal so gut gelaufen ist, war es dann seitdem immer im Bahndamm.
Jan: Großartig. Ihr könnt bestimmt von eurem alten Netzwerk von Forced mit eurer aktuellen Band Kontrolle etwas nutzen. Dazu jetzt: Post-Punk-Synthie-Punk war vor einigen Jahren so ein bisschen der Trend – ist das vielleicht auch ein bisschen deswegen so, dass ihr mit Kontrolle relativ schnell so durch die Decke gegangen seid? Ich will euch da nix vorwerfen! (lacht)
Carsten: Das mag sein, dass Kontrolle auch deswegen besser funktioniert, aber das war überhaupt nicht der Grund dafür, dass wir die Band machten. Das wollte ich auch nicht. Mir fällt auch gerade auf: Wir haben heute auf den Tag genau vor sieben Jahren unsere erste Show gespielt! (lacht)
Daniel: Das war nicht geplant, irgendwie so einen Nerv zu treffen, da stand jetzt kein Kalkül hinter. Es gab damals das Konzert von EA80 im Waldmeister in Solingen.
Carsten: Ja, auf einer Party erzählte ich damals Joachim Hiller von meiner neuen Band, blablabla Proberaumaufnahmen und so – und so kamen wir direkt zu unserem ersten Auftritt, weil die ein Konzert im Waldmeister mit EA80 veranstalteten und eine Vorband suchten (lacht)
Daniel: EA80 mögen wir auch alle, diese düstere Grundstimmung generell, das mochte ich auch immer schon in der Musik, die ich so höre. Post-Punk, ich weiß nicht. Es war halt so ne Partyidee mit der Band!
Carsten: Daniel und ich machen schon sehr lange Musik zusammen, ich glaube, seit 1999. Wir waren auch zusammen bei Blank, Solingen ist halt nen Dorf und jeder kennt jeden und vor sieben Jahren, da hatten wir auch schon die eine oder andere gemeinsame Party hinter uns.
Und wir hatten bei Ideoblast mal so Ideen für so wavige Coverversionen, also so Ideen kamen auf. Andrew kam dann mal um die Ecke in ner Kneipe und meinte „Was habt ihr sonst noch vor?“, und so trafen wir uns mal zum Proben. Und dann kam direkt das Konzert zum Jahrestag von Joachim und Uschi!
Daniel: Ja, du hast dem dann die Aufnahmen geschickt und so stand der erste Gig. (lacht)
Jan: Früher in den 90er hätte man Kontrolle irgendwie als „intelligenter Deutschpunk Marke Boxhamsters, Muff Potter, EA 80“ beschrieben. Nen Kumpel meinte neulich „Ach, die sind nur nen EA 80-Abklatsch“! (lacht)
Daniel: Also, ich kann die Parallelen schon gut verstehen, wir singen auf Deutsch, sind düster-finster und kommen aus NRW! (lacht) Aber ich finde, dass Kontrolle eher mit… vielleicht Fliehende Stürme als Vergleich, das fände ich naheliegender, dieses Stampfen. (lacht)
Jan: Letzte Frage von mir: ihr seid ja echt sehr erfolgreich, voll gut, heute wird sicher wieder ausverkauft. Was kommt als nächstes, Wave-Gothik-Treffen Leipzig?
Carsten: Na ja, also, wir haben da ja schon gespielt. (lacht) Das war dann schon ganz schön groß und was anderes als im AZ XY. (lacht) Das war vor Ort dann aber alles total schön, dezentral, mehrere Bühnen und wir spielten dann in diesem alten Stadtbad, das war ne irre Location, „die Post-Punk-Bühne“, mit Die Arbeit und Messer. Das war schon alles sehr cool.
Herder: Da steige ich direkt mal thematisch ein. Kontrolle ist ja so eine Mischung aus Punk und Wave, ihr findet aber in meiner Wahrnehmung eher in der Punkszene statt. Gibt es in eurer Wahrnehmung in der Wave-Szene höhere Schranken, was die Zugangswege angeht?
Daniel: Es gab früher, wie Carsten schon meinte, ja diese Szenengrenzen im Punk, das war ein Dilemma. Heute gibt es das nicht mehr so, diese Kategorien, und ich kann auch nicht mehr klar sagen, welche Frisur dann welche Szenezugehörigkeit bedeutet. (lacht) Was uns eher unterscheidet von der klassischen Wave-Szene – die aber auch schwer zu definieren ist, was ist schon Wave genau – das ist eben, das wir aus dem DIY kommen. Die sind da teilweise völlig anders aufgestellt, das sind schon doch unterschiedliche Herangehensweisen.
Carsten: Ja, das ist eine ganz andere Szene, auch, wie dann so Werbung für Konzerte läuft und diese Punk-Vernetzungen als Basis für Konzerte, das gibt es da halt irgendwie gar nicht. Wir haben so ein bisschen in diese Szene reingeguckt. Aber da sind wir halt live zu hart für, einfach zu laut. Du hast da ja auch immer noch viel dieses klassische Live-Setting: Jemand am Computer plus jemand an den Synthies und dann so trauriger Gesang. Viel Nebel. Sehr viel Nebel! (lacht)
Wir sind da nicht so überfrachtet und passen da auch nicht richtig rein, weil man uns nicht so genau zuordnen kann. Das könnte auch nen Problem sein, genau wie bei Forced to Decay eigentlich; wir sehen es als Chance, mal was anderes, kreatives zu machen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir halt mit unserem Sound am Ende mehr die Punk-Hardcore-Leute – wie man es auch immer nennen will – ansprechen.
Herder: Ich glaube halt auch, wenn ich so die letzten zwanzig Jahre oder so sehe, das Post-Punk-Wave immer mehr präsenter wurde: Du hattest z.B. Cold Cave, was der American Nightmare-Sänger gestartet hatte und wie groß dann alles wurde in den letzten Jahren, obwohl Wave eigentlich schon in den 70ern entstand.
Carsten: Ja, man erfindet das Rad ja auch nicht neu! (lacht) Für uns passt dieses „Unkategorisierbare“. Es gibt da halt so einige Pionierbands, die halt alle kennen und das ist ja eben auch schon lange her, Ende 70er/Anfang 80er. Und mit unserem Punkbackground funktioniert das, wir haben aber auch schon mal auf Shows mit zehn Powerviolence-Bands gespielt! (lacht) Die Leute, die wir ansprechen, sind dann vielleicht einfach etwas offener, manche haben einfach einen Tunnelblick.
Herder: Ja, ob das umgekehrt geklappt hätte: Zehn Wave-Bands mit einer Power-Violence-Band? (lacht) Eure Covergestaltung ist ja eher punkig gehalten, ich musste an die ersten beiden Napalm Death Scheiben denken, bei denen Mark Sikora die Cover gestaltet hatte. Also viel schwarz-weißer Copy-Paste-Collage-Style bei gleichzeitigem Verwenden von knalligen Farben. Im Wave-Bereich wird ja ansonsten eine eher kühle, reduzierte Ästhetik verwendet. Euer Design sticht ja schon so ein bisschen heraus.
Daniel: Ich glaube gar nicht, dass Andrew jetzt genau diesen größeren Anspruch hatte. Er kommt halt aus der Punk-HC-Szene und macht ja alle Designs bei uns, plus Fotos. Und er hatte auch vorher schon diverse Cover und Plakate und sowas für diverse Bands gemacht. Diese Collagetechnik hat er eigentlich bei uns von Anfang an gemacht, er sprach mit uns und hat dann einfach losgelegt. Das ist das Beste, was dir als Band passieren kann, wenn jemand aus deiner Band Lust hat und es auch noch kann. Es passte einfach perfekt.
Carsten: Ich fand es auch super: Andrew hat sich auch mega entwickelt, wenn du dir die ersten Sachen von uns vor einigen Jahren anschaust… Das finde ich richtig gut, er entwickelt sich weiter und trotzdem erkennst du sofort „Kontrolle“. Das Cover der neuen Platte hat er auch selbst gemacht, das war eine riesen Collage, so zwei mal zwei Meter, die Fotos machte er selbst, druckte die aus, hat die dann aufgeklebt und dann am Ende abfotografiert, da war also alles live und nichts am PC gemacht.
Ok, da hat er nachkoloriert, aber das hat viele, viele Stunden Arbeit gebraucht, das Ding erst mal live zu bauen! Ich weiß nicht, inwiefern es eine bewusste Abgrenzung zu welchen Stilen auch immer es sein soll, aber es stimmt, es ist nicht „kühl“, sondern ein relativ lebhaftes Design.
Daniel: Wir haben ihm total freie Hand gelassen, wir besprechen das, dann gibt es Rückmeldungen, er hat da einfach Bock drauf, seine Ideen umzusetzen.
Herder: Mit einer der ersten Sachen, die ich von euch mitbekommen habe, war diese Spotify Playlist „Kontrolle hört Musik“. Die insgesamt drei Playlisten und eure Band an sich haben mich durch die Pandemie begleitet, ich habe auch viele für mich unbekannte Sachen entdecken können. Danke dafür. Ich habe mir die eben auch nochmal angeschaut, da waren ganz unterschiedliche Sachen dabei, von den Dead Kennedys bis zu sogar Norma Jean, christlicher Metalcore. Warum habt ihr das damals gemacht, wolltet ihr eure Einflüsse präsentieren oder war es eher so „Wir empfehlen euch coole Sachen während Covid?“.
Carsten: Die ganz allgemeine Idee war von mir damals nur, einfach irgendwas zu machen. Ich habe in der Pandemie noch mal intensiver Musik gehört. Ich kann mich dran erinnern: Vorher habe ich am meisten Musik im Auto gehört, auf dem Weg zur Arbeit oder irgendwohin und dann hörte ich viel intensiver auch in alte Sachen nochmal rein.
Dafür ist Spotify leider auch ganz nett, weil klar, da kann man drüber diskutieren, ob das ne coole Sache ist. Durch diesen Algorithmus wurden mir dann immer neue Sachen vorgeschlagen und ich dachte dann „Mach doch mal ne Playliste“.
Daniel: Wir haben schon alle teilweise einen anderen musikalischen Geschmack oder Präferenzen, sag ich mal, obwohl wir aus der ähnlichen geografisch-musikalischen Blase kommen. Ich mag zum Beispiel duesenjaeger, Carsten eher nicht. (lacht)
Carsten: Daniel kommt mehr aus dem Punk. Ich komme ja mehr aus diesem DIY-Crust-Grindcore.
Jan: Stimmt, du warst ja früher eigentlich Metaler?
Carsten: Ja, Metal war so mein erstes Ding. Das ging dann aber total schnell in die härtere Richtung: So quasi von Michael Jackson direkt dann zu Slayer und dann Ende der 80er zu Napalm Death! (lacht) Ich hörte dann etwas Funk Metal, war zwischendurch auch mal Hippie und bin dann aber relativ schnell dann in diese Crust-Schiene gekommen, das war 1991 oder 1992, als ich Disrupt im Bahndamm gesehen habe.
Ich hatte auf diese Playlisten-Zusammenstellung also einfach Lust, Andrew steht ja auch auf viel so härteren Kram. Die Idee war auch einfach, zu zeigen, was bei uns so läuft, dann macht man das halt, auch mit dem Christus-Metal Norma Jean! (lacht) Es gab dann nette Rückmeldungen, aber es war jetzt nicht die Intention, was du meintest, von wegen, dass wir unsere Bandeinflüsse zeigen wollten.
Herder: Ich hab das wirklich während der Pandemie auch bei einsamen Spaziergängen um den See auch gerne gehört, sehr inspirierend, von Youth Code bis Dead Kennedys, sehr gute Mischung. Ok, meine nächste Frage: Ihr habt ja mehrere Videoclips gemacht. Ich kann mich noch erinnern, dass andere Kumpels von mir früher immer darüber gemeckert haben, wie teuer der ganze Scheiß ist. Ihr habt ja auch kein großes Label mit Ressourcen im Rücken. Wie habt ihr das hinbekommen? Die Videoclips sehen sehr professionell aus.
Carsten: Ja, Punker wollen kein Geld ausgeben! (lacht) Nee, das „Grau“-Video hatte Andrew zum Beispiel auch selber gemacht. Er hat da den Zugang zu. Andere Videos wie z.B. “Mein Platz bleibt leer” hat ein guter Freund gemacht. Der arbeitet da in seiner Video-Cutter-Firma und macht halt eigentlich den ganzen Tag nur Scheiße. Man muss sich da den ganzen Tag echt Scheiße angucken und er sagte, er hat Bock, was Neues zu machen, Regie, Kamera.
Und dann haben wir uns halt zusammengesetzt und überlegt. Das letzte Video zu „Leseeecke“ haben 2 Menschen aus Köln gemacht, der Kontakt kam über Ralf von Holy Goat. Die hatten auch einfach Bock und haben so ein bisschen beruflichen Hintergrund der passt. Die kannte Ralf über die Thirsty-Thursday-Abende in nem Fahrradladen in Köln
Jan: Ah, da lernte ich Holy Goat-Ralf mal auf einer Party kennen, super Laden.
Carsten: Genau. Die beiden haben irgendwie als Regie-Mensch, Vertonungstyp oder so gearbeitet. Das ist schon Bombe, was die alle so drauf haben. Die haben wahrscheinlich im besoffenen Kopf gesagt, dass sie Bock haben und dann kamen die da nicht mehr raus! (lacht) Wir haben da jetzt auch nicht große Ansprüche oder so, es muss halt Spaß machen und cool sein. Irgendwie so deswegen.
Herder: Ja, weil es sieht halt schon alles sehr krass geil aus, jetzt „für eine kleine Punk Wave Band“. (lacht)
Carsten: Danke!
Herder: Es gibt ja auch Remixe von euch, auf der „Demo“ 12“ und auf der „Mein Platz bleibt leer“ 7“, auch sehr ungewöhnlich für Punkbands. Wie kam das zustande? Fiel euch das ein oder sind da Leute auf euch zugekommen?
Carsten: Also, wir haben die Idee gehabt. Die Songs von dem Demo, das wir damals im Proberaum aufgenommen haben, die haben wir dann später in einem Rutsch mit der Aufnahme zur ersten Platte einfach nochmal aufgenommen. Aber vier Songs für ne einseitige Platte war dem Ralf zu teuer, die Frage war halt: was wollen wir auf die andere Seite machen, irgendwie Siebdruck-Etching oder sowas?
Da mussten wir uns etwas überlegen. Hat irgendwer Bock uns zu covern? (lacht) Hatte eh niemand. Es wäre auch nicht umsetzbar gewesen, so was muss man langfristiger organisieren. Irgendwie lernten wir dann bei unseren Aufnahmen bei Role in der Tonmeisterei Oldenburg jemanden kennen, der Bock darauf hatte.
Daniel: Also, aus ganz verschiedenen Elementen setzte sich das zusammen, das war dann neu, nicht so dieses „Wir nehmen für die B-Seite einen unveröffentlichten Song“, gut, da hatten wir auch gar keinen! Es ging einfach um eine andere Erwartungshaltung oder so. (lacht)
Jan: Carsten, zum Ende hin: Man weiß in NRW: „Du bist mit der größte KISS-Fan aller Zeiten“, dein Lieblingssong von KISS?
Carsten: „Detroit Rock City“, aber ich mag den auch nur, weil ich halt nicht so viele Songs von KISS kenne und den leider mit meiner Metalcover-Band covern muss. (lacht)
Herder: Ok, das war jetzt ironisch gemeint. (lacht)
Carsten: Ja. (lacht)
Jan: Und Daniel, was ist dein Lieblingssong von ChaosZ?
Daniel: Ich sag mal: „Abmarsch“.
Herder: Das wäre auch meiner, habe letztes Mal noch darüber nachgedacht, was mein Lieblings-ChaosZ-Song ist und bin dann auch irgendwann bei „Abmarsch“ gelandet.
Jan: „..Hat sich nicht gelohnt…“, auch bei mir ganz oben, neben „Stuttgart über alles“.
Daniel: „Alles ist grau“ wäre ganz ganz knapp dahinter.
Jan: Super, ich danke euch, wir wollten noch dieses bescheuerte Selfie machen, gutes Konzert wünschen wir euch, lass Bier trinken.
Nachtrag Jan:
Die „Grau“-Platte legte ich mir bei der Release-Feier natürlich zu, sie ist wunderschön aufgemacht und total genial. Und frei nach dem alten Spruch „Vertrauen/Trust ist gut, Kontrolle ist besser“: Ihr findet online auch noch zwei schöne Per Koro Records-Interviews (im Rahmen eines Plattenladen- bzw. eines „Bremen-Core“-Specials), dem alten Label von Forced to Decay. Mit dem anderen Forced-Gitarristen Thorsten – heute Sänger von The Other – sprach ich fürs Trust 2006 und finally: Herder interviewte ich mal für ein Fanzine- vs. Message-Board-Trust-Special. Lange ist´s her!
Interview: Jan Röhlk und Herder
Pic: AK 47 Düsseldorf: KI
Kontakt: kontrolleband.de