Köln-Report III (#234, 2025)
Köln Teil III von VI: „Knüppel in dä Täsch, Schabau in dä Fläsch“
Punk-Kunst-Spaziergang durch Köln bzw. was „Wilde Malerei“ in den 80er Jahren mit Punk in Köln zu tun hat
A-Musik, Rock-O-Rama, Normahl, David und Rudolf Zwirner, Art Cologne
Sie sitzen ja weiterhin in einer U-Bahn, steigen Sie nicht Severinsstraße aus, um sich nicht das Rhenania auf der Bayenstr. 28 anzuschauen, sondern verlassen Sie die Bahn an der Haltestelle Neumarkt. Da liegt der nette A-Musik-Plattenladen (Kleiner Griechenmarkt 28 -30). Ich dachte immer, A-Musik heißen wegen der „A(ction)-Musik“ von Fluxus-Künstler Nam June Paik 1 so, aber es steht für „Avantgarde-Musik“.
Begeben Sie sich vom Rudolfplatz mit der Straßenbahn 12 oder 15 weiter zum Hansaring, denn für mich war die dortige Weidengasse wichtig, weil eben dort der Normahl-Plattenladen war. Der irgendwann ab Mitte der 80er rechte Rock-O-Rama-Plattenladen in der Weidengasse 56 wurde dann von Jochen Sperber angemietet, der 1988 dort den legendären Normahl Laden eröffnete.
Er distanzierte sich immer per deutlichem Aushang im Schaufenster von dem früheren Besitzer sein Label-Laden-Programm, aber es ist schon „kurios“, dass „der“ Indie-Alternative-Spex-Plattenladen in Köln – zumindest für die Zeit von Ende der 80er bis vielleicht Mitte der 90er – in den früheren Räumlichkeiten von Rock-O-Rama seinen Sitz hatte. Anfang der 90er war ich das erste Mal „beim Jochen“, immer etwas teure, aber geile Auswahl. Später zog Normahl einige Straßen weiter in die Vogt-von-Teigstraße, dann ins Eigelstein und zuletzt residierte man in Ehrenfeld, aber auch dort konnte man sich nicht mehr halten.
Es gab bezüglich der Geschichte der Kölner Kunstszene in den 80er ein tolles Buch namens „No Problem: Cologne/New York 1984 – 1989“ von 2014, herausgegeben von David Zwirner. Die David Zwirner Galerie ist eine der Top-3-Kunstgalerien weltweit und das Headquarter sitzt in New York. 2 Mein Lieblingsmaler, Raymond „Pettibon“ Ginn aus Los Angeles, wird von Zwirner vertreten. Was hat das mit Köln zu tun?
Einiges, denn der Bruder von David Zwirner war Rudolf Zwirner, dieser gründete die Art Cologne Ende der 60er. 3 Die Art Cologne findet in der Messe Köln-Deutz statt, dort war ja auch früher meines Wissens die „Popkomm“ (der legendäre Mexikaner beim Blue-Shell-Rose-Club existiert nicht mehr). Ich war 2021 bei der ArtCologne, um mal beim Texte zur Kunst-Stand „Hallo“ zu sagen, leider hatte ich gerade nicht 1500 Dollar für ein Pettibon-Bild.
Das „No Problem”-Buch erschien also im David Zwirner Verlag, Inhalt kurz gesagt: L.A.-Punk-Künstler wie Pettibon und Mike Kelley und New York-Künstler*innen wie Cindy Sherman und Jeff Koons wurden in den 80er zum ersten Mal in New Yorker Galerien ausgestellt, bevor sie weltweit bekannt wurden. Ihr ersten europäischen Ausstellungen fanden in Kölner Galerien statt, da es zwischen New York und Köln in den 80ern als die zwei wichtigsten Kunststädte der Welt einen regen Austausch gab.
Besser sagte es natürlich der Verlag selber: „Diese Publikation untersucht die zweite Hälfte der 1980er Jahre durch die Linse der internationalen Kunstszenen, die in Köln – dem damaligen europäischen Zentrum der zeitgenössischen Kunstwelt – und New York angesiedelt waren. Während eine Reihe etablierter Kölner Galerist*innen, darunter Karsten Greve, Paul Maenz, Rolf Ricke, Michael Werner und Rudolf Zwirner, bereits im vorangegangenen Jahrzehnt begonnen hatten, die europäische Rezeption amerikanischer Kunst zu prägen, markierten die 1980er Jahre eine Zeit, in der die in und um Köln produzierte Kunst internationale Aufmerksamkeit erlangte. Eine aufstrebende Galerieszene förderte die aufstrebenden Arbeiten der in der Region ansässigen Künstler*innen und Galeristen*innen wie Gisela Capitain, Rafael Jablonka, Max Hetzler und Monika Sprüth zeigten Künstler*innen wie Walter Dahn, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Rosemarie Trockel und andere. Die Werke dieser deutschen Künstler*innen wurden zusammen mit der neuesten zeitgenössischen Kunst aus den USA von Künstler*innen wie Robert Gober, Jeff Koons, Richard Prince, Cindy Sherman und Christopher Wool ausgestellt. Umgekehrt wurden die Werke deutscher Künstler*innen in New York präsentiert, mit Durchbruchsausstellungen in Galerien wie Barbara Gladstone, Metro Pictures, Luhring und Augustine & Hodes“. 4
Jutta Koether von der Kölner Spex-Redaktion aus den 80ern ging in den 90ern ja auch nach New York als Künstlerin. Und wir sind für heute am Ende mit unserem Spaziergang, Alaaf!
intro, CAN, Conny Plank, Walther-König, Böll
Es gibt natürlich noch viel mehr Ziele… Die Zeitschrift „intro“ kam ursprünglich aus Osnabrück 1991, zog 1999 nach Köln in die Herwarthstr. 12 und 2018 erschien die letzte Ausgabe. Das Schloss Nörvenich unweit weg von Köln im Kreis Düren könnte man noch besuchen, dort wurden einige CAN-Platten aufgenommen. 5 Aber ich fand schon auf dem Kölner Melaten-Friedhof auf der Aachener Str. 204 nicht die Gräber der beiden verstorbener CAN-Musiker Jakie Liebezeit und Holger Czukay. 6
Ihr könntet, wenn euch dieser Strang interessiert, dann noch direkt das Conny Plank-Studio besuchen: 1974 eröffnete Conny Plank sein eigenes Tonstudio auf einem Bauernhof in Wolperath südöstlich von Köln, er produzierte Neu! und Can und starb 1987 in Köln. 2009 wurde der Bauernhof allerdings abgerissen. Das Studio lag laut „Sounds“ 1973 „in der Nähe von Siegburg, die genaue Anschrift ist: 5206 Neunkirchen-Seelscheid 1, Hennefer Str. 19“. 7
Auch die legendäre Kunstbuchhandlung „Walther-König“ am Neumarkt (Ehrenstraße 4) und der „Kompakt“-Techno-Plattenladen auf der Werderstr. 15 – 19 wären Ziele für einen anders gelagerten Spaziergang, ebenso Kölner-Wohnorte von Heinrich Böll. 8 Ich war an der Hülchrather Straße 7 (wo Böll von 1969 bis 1982 lebte).
Roxy, Blue Shell, Zeltinger
Well, habe fertig und jetzt beginnt der gemütliche Teil: trinken Sie noch ein Kölsch, zum Beispiel vor dem alten „Roxy“-Gebäude an der Aachener Str. 2 und oder im Blue Shell auf der Luxemburger Str. 32, vielleicht spielt Jürgen Zeltinger gerade mal wieder live, 2017 bei seinem Gig in der Piranha-Kneipe in der Kölner Südstadt fucking Autogramm von „de Pläät“ geholt, es war toll!
Zeltinger spielte damals in der Piranha-Bar in der Kölner Südstadt akustisch mit seinem Gitarristen. Ich wollte ihn unbedingt mal in Kölle live sehen, war früh da und erst für später verabredet. „De Pläät“ saß einige Meter von mir an der Theke entfernt mit einigen Leuten an einem Tisch mit Kölsch. Die Kneipe war sehr nett, mit 100 Leute war es voll am Ende. Jedenfalls war noch nicht viel los am Anfang.
Tja, im Prinzip kannse dir ja jetzt nen Autogramm holen, „Mach es aber dann bitte wie ein Profi, überdenk das jetzt bloß nicht zu lange“. Einige beobachtende Reflexionen und vier Kölsch später war ich dann soweit. Ich ging rüber. Ich war nur etwas raus aus der Autogramm-Szene, das letzte Mal war 2011 bei dem Gig von Grant Hart von Hüsker Dü in Frankfurt und ich hatte jetzt nur ein winziges Detail übersehen.
„Entschuldigen Sie die Störung Herr Zeltinger, ähem, meinen Sie vielleicht, ich könnte ein Autogramm bekommen, ich bin einfach Fan Ihrer Musik, gebürtiger Leverkusener, aus neuem Frankfurt am Main Wohnort jetzt angereist?“ – (lacht) „Du kannst mich ruhig Jürgen nennen! Aber klaro, mach ich dir sehr gerne. Hast du was zum unterschreiben?“ – „Ja klasse, wie toll, danke! Ach, nee, stimmt, braucht man wohl, nen Stift und Zettel hier?“ – (belustigt) „Schon, ja.“ – „Moment, warten Sie ganz kurz eine Minute, an der Theke haben die sicher…“ – (erheitert) „Nee, alles gut, ich hab doch so Karten usw., wie heißt du denn, dann schreib ich da „Für…“?“…
Ich musste auf dem Rückweg nach Frankfurt daran denken, dass alles im Prinzip sich so ähnlich wie bei „Colt für alle Fälle“ anfühlte: – „Colt, kann ich da mit machen, ich kenne mich da aus, ich hab doch auch mal Psychologie an der Uni im Nebenfach gehabt!“. – „Ist gut Kleiner, aber lass das jetzt mal Jody und mich hier machen, du wartest einfach hier mit dem Auto auf uns, Howie.“ Ich danke der Academy!
Text: Prinz Jan „Young“ der II.
Bild: Jan.
Fussnoten:
1 In dem echt coolem „No Wave“-Szene New York Ende 70er-Buch von Sonic-Youth Thurston Moore berichtete Art Lindsay über einen gemeinsamen Aufritt seiner Band DNA mit Nam June Paik, eine weitere spannende Verschränkung von Fluxus und (New York-Art-) Punk. Arto Lindsay betonte auch immer, wie wichtig die Einflüsse von Fluxus und dem Wiener Aktionismus für seine Musik waren.
2 Im Spiegel #22/2023 hieß es zur Eröffnung der Zwirner-Galerie in Paris vor vier Jahren (neben den vier New York Standorten, Los Angeles, London und Hong Kong): „Galerist David Zwirner, einer der Schwergewichter der Branche“.
3 „Ursprünglich 1967 von den Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner als ‘Kunstmarkt Köln ‘67’ gegründet, ist die ART COLOGNE heute eine der wichtigsten internationalen Adressen für herausragende und hochwertige Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts“. Vgl. artcologne.de/die-messe/art-cologne/art-cologne. Beide Zwirnerbrüder veröffenlichten 1967 ihr erstes gemeinsames Buch (Rudolf in Köln, David in New York): ein Gedichtband der Fluxus-Künstlerin Allison Knowles („A house of dust“). 1964 befand sich Zwirners Kölner Galerie in der Albertusstraße 16.
4 Vgl. die zu diesem Katalog erschienene Ausstellung bzw. andersherum unter davidzwirner.com/exhibitions/no-problem-cologne-new-york-1984-1989.
5 Vgl. Wiki: „Die Rockgruppe Can hatte hier 1968 bis 1971 ihr Tonstudio eingerichtet. Hier entstanden die Langspielplatten Monster Movie (am 25. Juli 1969), Can Soundtracks (aufgenommen November 1969 bis August 1970) und Tago Mago (November 1970 bis Februar 1971“).
6 Vgl. melatenfriedhof.de/jakie-liebezeit-holger-czukay/.
7 Vgl. amazona.de/musikproduzent-legende-conny-plank-kraftwerk-scorpions-eurythmics-teil-1/.
8 Vgl. ksta.de/koeln/zehn-adressen-andiesen-koelner-orten-hat-heinrich-boell-spuren-hinterlassen-29325688
*
Köln Teil 1: https://www.trust-zine.de/koeln-report-i-228-2024/
Köln Teil 2: https://www.trust-zine.de/koeln-report-teil-ii-231-2025/
Köln Teil 3: https://www.trust-zine.de/koeln-report-iii-234-2025/