Internalised Misogyny (#224, 2024)
„I don’t want to be like the other girls“ – Aufwachsen mit internalisierter Misogynie
Als ich neulich das letzte und tolle PARAMORE-Album „This Is Why“ hörte und ein bisschen über die Band las, bin ich auf ein Thema gestoßen, über das ich schon öfter nachgedacht habe, nämlich sexistische Verhaltensweisen und Einstellungen von Frauen gegenüber sich selbst und/oder anderen Frauen. Mir fielen dann schnell weitere Songs von Künstlerinnen ein, die Frauen und „typisch Weibliches“ abzuwerten scheinen; Songs, mit denen ich aufgewachsen und erwachsen geworden bin. Ich höre mittlerweile lieber empowernde Musik. Was hat mich da also geprägt? Internalisierte Misogynie, also verinnerlichteFrauenfeindlichkeit, war für mich vor vielen Jahren ein überraschendes Konzept, da ich bis dahin davon ausging, dass nur heterosexuelle cis Männer sexistisch sein und handeln können (und das sind und tun sie auch, oft deutlich schwerwiegender als die Menschen in diesem Text).
Allerdings können auch FLINTA (auch in der Musik und über alle Genres hinweg) diese Art von vorurteilshaftem Verhalten verinnerlichen und zeigen, hauptsächlich aufgrund der durch und durch sexistischen Strukturen, in denen wir uns oft befinden. Diese Erkenntnis hat mich damals einige (musikalische) Momente meines Lebens in einem anderen Licht sehen lassen. Durch PARAMOREs „Misery Business“ daran erinnert, habe ich fünf scheinbar antifeministische Songs von Frauen, die während meines Aufwachsens für mich bedeutend waren, rausgesucht und genauer betrachtet. Ich wollte Gründe für ihre Positionen finden und so einen weiteren Schritt Richtung Verlernen machen. Dieser Text ist also nicht als Abrechnung oder Verurteilung gedacht, sondern als hilfreiche Annäherung an ein unbequemes und wiederkehrendes Thema.
DESTINY’S CHILD – „Nasty Girl“ (2002)
Boots on her feet, swear she’s in heat
Flirtin’ with every man she sees
Her pants hangin’ low, she never say no
Everyone knows she’s easy
Nasty, put some clothes on, you lookin’ stank
Nasty, where’s your pride, you should be ashamed
Der Song: „Nasty Girl“ wurde von Beyoncé Knowles und Songwriter und Produzent Anthony Dent geschrieben und basiert auf den Songs „Push It“ von SALT-N-PEPA und „Tarzan Boy“ von BALTIMORA. Als vierte und letzte Single vom dritten Album „Survivor“ wurde er ein mäßiger kommerzieller Erfolg für DESTINY’S CHILD. Der Slutshaming-Song verurteilt Frauen für ihren „trashy“ style und ihr „classless“ Verhalten, das auch als Bedrohung für die Protagonistin gesehen wird, die „integrity“, „respect“ und „dignity“ hat. Das begleitende Video zeigt die drei Bandmitglieder Knowles, Kelly Rowland und Michelle Williams beim Herabschauen auf und Auslachen von „nasty“ Frauen. Es endet mit deren Umstyling durch den „Nasty Zapper“, bevor sie schließlich mit der Band auf die Bühne dürfen.
Der Kontext: Die Anfänge von DESTINY’S CHILD liegen im Jahr 1990 in Houston, Texas. Mit ihren ersten zwei Alben „Destiny’s Child“ (1998) und „The Writing’s on the Wall“ (1999) schafften sie als Pop-/R&B-Quartett den Durchbruch, bevor sie als Trio weiterarbeiteten. Auf dem 2001 erschienenen Album „Survivor“ finden sich neben empowernden Songs wie dem Titeltrack, „Independent Women Part I“, „Independent Women Part II“ und „Bootylicious“ auch viele widersprüchliche Botschaften, die die feministische Haltung der Band untergraben und einen bitteren Beigeschmack hinterlassen: Unabhängig und selbstbewusst zu sein geht einher mit der Suche nach Liebe und Anerkennung von Männern, dem Verdienen von viel Geld und dem Glauben an Gott.
Grob zusammengefasst waren die 90er-Jahre in der westlichen Welt geprägt von der zweiten Welle der Frauenbewegung (Kampf für wirtschaftliche Unabhängigkeit und das Ende der Sexualisierung weiblicher Körper, hauptsächlich durch und für weiße cis Frauen aus der Mittelschicht), der dritten Welle der Frauenbewegung (Fokus auf Weiblichkeit, weiblicher Sexualität, Diversität, Individualität und Intersektionalität und Rückeroberung von abwertenden Bezeichnungen wie „girl“) und Post- und Antifeminismus (kein Bedarf (mehr) für Feminismus). Trotz bahnbrechender Errungenschaften für die feministische Sache (z. B. durch das Combahee River Collective) wurden die Erfahrungen Schwarzer Mädchen und Frauen (siehe auch Misogynoir) von feministischen Bewegungen oft entweder vernachlässigt oder vereinnahmt, und die lange Reihe Schwarzer Frauen, die über Empowerment gesungen haben und auf die DESTINY’S CHILD aufbauten (z. B. ARETHA FRANKLIN, THE SURPREMES, LAURYN HILL), ist ebenfalls voll von gegensätzlichen Botschaften und Positionen. Außerdem wurden Knowles, Rowland und Williams in dem christlichen Glauben erzogen, dass alles von einer höheren Macht namens Gott abhängt.
Es ist also kein Wunder, dass die Mitglieder von DESTINY’S CHILD mit ihrem Verhältnis zu Feminität und Feminismus haderten. In frühen Interviews bestritten sie, Feministinnen zu sein („… we don’t want to be known as feminists; we want to be known as musicians“), hatten Angst, als Männerhasserinnen zu gelten („We don’t want the guys to think we’re male-bashing“) und versuchten ständig zu beschwichtigen („… our next album will be for the fellas. We still love the fellas“). Leider schien es den Männern zu der Zeit nicht so viel auszumachen, als Frauenhasser angesehen zu werden; EMINEM soll hier als Beispiel genügen.
Die Entwicklung: Schließlich identifizierte sich die Band als feministisch: „We understand what feminism means to us, it means speaking up for women“. Nach ihrem vierten und letzten Studioalbum „Destiny Fulfilled“ (2004) löste sich die Gruppe auf und die drei Mitglieder konzentrierten sich auf ihre Solokarrieren; sie unterstützen sich aber weiterhin gegenseitig. Beyoncés Karriere ist die kommerziell erfolgreichste und sie entwickelte sich zu einer engagierten Feministin.
Unter anderem arbeitet sie seit 2007 mit einer reinen Frauenband, SUGA MAMA, zusammen, macht ihrer Wut über ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in dem autobiografischen Film „Life Is But a Dream“ von 2013 Luft und stand für ihren Auftritt bei den 2014 MTV Video Music Awards vor einem riesigen Bildschirm mit dem Wort „FEMINIST“ während Ausschnitte von Chimamanda Ngozi Adichies Vortrag „We Should All Be Feminists“ zu hören waren. Und obwohl Rowland und Williams in ihren Äußerungen nicht ganz so eindeutig sind (Rowland wurde kürzlich für ihre Verteidigung von Chris Brown kritisiert und Williams nahm Bedenken von Fans zum Song „Cater 2 U“ nicht ernst), bleibt der Beitrag der Band zum Feminismus und zur Stärkung von marginalisierten Personen und Gruppen unumstritten.
PARAMORE – „Misery Business“ (2007)
Second chances they don’t ever matter,
People never change
Once a whore, you’re nothing more
I’m sorry, that’ll never change
Der Song: Die Protagonistin in „Misery Business“, geschrieben von PARAMORE-Frontfrau Hayley Williams und dem damaligen Bandmitglied Josh Farro prahlt damit, dass sie endlich einen Mann für sich gewonnen und dabei eine Rivalin ausgestochen hat, die nur wie „a million other girls“ ist und dabei „as innocent as possible“ aussieht „to get to who they want and what they want“. Auch im Video ist Williams eine Gewinnerin: Gezeigt wird ein Mädchen, das in einer Schule andere schikaniert. Williams beendet das, indem sie sie vor ihren männlichen Bandmitgliedern demütigt (indem sie die Innenteile ihres BHs und ihr Make-up entfernt und andeutet, dass sie in diesem Zustand wertlos ist); das Mädchen wird weinend auf dem Schulflur zurückgelassen. „Misery Business“, das von PARAMOREs zweiten Album „Riot!“ stammt, wurde zu einem der größten Hits der Band.
Der Kontext: PARAMORE begannen ihre Karriere als Pop-Punk/Emo-Band im Jahr 2004 in Franklin, Tennessee, und erzielten mit ihrem zweiten Album 2007 einen Mainstream-Erfolg, insbesondere mit der Single „Misery Business“. Der Song sorgte aber wegen seiner misogynen Botschaft und der Verwendung des Worts „whore“ auch für Kritik: Es wird in dem Lied verwendet, um eine Ex-Freundin zu beleidigen; gleichzeitig werden jedoch die einengenden und oft widersprüchlichen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen, insbesondere in Bezug auf Sex(-arbeit), reproduziert. Seit der Veröffentlichung hat Williams sich mehrmals zu dem Song geäußert: „Those words were written when I was 17… admittedly, from a very narrow-minded perspective. It wasn’t really meant to be this big philosophical statement about anything. It was quite literally a page in my diary about a singular moment I experienced as a high schooler“.
Wir sind zwar ständig mit Sexismus und Misogynie konfrontiert, aber in der Pubertät besonders anfällig für deren Verinnerlichung. Williams, die wie ich 1988 geboren wurde, und PARAMORE waren Teil der eher misogynen Pop-Punk/Emo-Szene der 00er-Jahre: „When we were teenagers, the way forward was to be tough all the time. Our entire scene was contributing to shitty treatment of women and anything that wasn’t masculine. We were out on Warped Tour, this little Fueled by Ramen band acting like a hardcore band on stage. It was like if I didn’t spit further, I felt like someone was going to throw me out“. „One of the guys“ in einer männerdominierten Umgebung zu sein, schien für Williams, die die anhaltende Nostalgie für diese Ära ständig und zu Recht in Frage stellt, verständlicherweise notwendig zu sein: „We grew up in such a fun scene, but I don’t think a lot of the girls realised what we were inundated with day in, day out. I don’t hate anybody for it – I was part of it. I just want to grow from it“. Das Verhalten der Hauptfigur in „Misery Business“, nämlich die Suche nach männlicher Anerkennung zum Nachteil einer anderen Frau, wurde in den sozialen Medien als „pick me“ bezeichnet. Lauren Schaffer Roko hat auf TikTok eine bittersüße und sehenswerte Serie erstellt, in der sie auf sexistische Hits aus den Nullerjahren reagiert (einer davon ist „Misery Business“); die meisten von ihnen stammen von Künstlerinnen.
Rund zehn Jahr nach der Veröffentlichung kündigten PARAMORE an, „Misery Business“ für lange Zeit nicht mehr live zu spielen und Williams äußerte sich erneut zu dem Song: „What I couldn’t have known at the time was that I was feeding into a lie that I’d bought into, just like so many other teenagers – and many adults – before me. The whole, ‚I’m not like the other girls‘ thing… this ‚cool girl‘ religion. What even is that? Who are the gatekeepers of ‚cool‘ anyway? Are they all men? Are they women that we’ve put on top of an unreachable pedestal?“
Die Entwicklung: Wie bereits erwähnt haben PARAMORE kürzlich ihr fünftes Album „This Is Why“ veröffentlicht und machen weiterhin aufregende Musik, die Einflüsse verschiedenster Genres aufweist. „Misery Business“ ist immer noch einer der bekanntesten Songs der Band und ist wieder Teil ihrer Live-Konzerte. Williams hat viele ermutigende und inspirierende Gedanken über den Song geteilt, die das Schweigen einiger ihrer Kollegen über die Misogynie in ihren Songs noch lauter machen. Auf ihren Soloalben „Petals for Armor“ und „Flowers for Vases/Descansos“ hat sie sich intensiv mit ihrem Verständnis von Feminität auseinandergesetzt und ist zu einer entschiedenen Verfechterin von Entwicklung, Solidarität und Verletzlichkeit geworden.
KATE NASH – „Model Behaviour“ (2007)
Mumma said you’re a bit naive
Or just a bitch who forgot to eat!
No real rave and no release
Your life is so fucking empty!
You don’t have to suck dick to succeed
Der Song: In „Model Behaviour“ wird eine Frau beschuldigt, oberflächlich, eine Schlampe, schmutzig und egoistisch zu sein und keine Seele zu haben, in Los Angeles zu leben, naiv zu sein und nicht zu essen und, im Refrain, Sex zu benutzen, um ihre Karriere anzutreiben. Der Song wurde von KATE NASH geschrieben und 2007 als B-Seite zu ihrer fünften Single „Merry Happy“ veröffentlicht. Er war einer der ersten Schritte in NASHs Entwicklung vom Indie-Pop ihrer ersten Alben zu einem raueren und aggressiveren Punksound, die ihr die Schlagzeile „Kate Nash has committed career suicide – and it sounds amazing“ einbrachte, und erlangte während der Konzerte zur Zeit seiner Veröffentlichung große Aufmerksamkeit.
Der Kontext: Die aus London stammende NASH, die zeitweise auch in Los Angeles lebt, begann ihre musikalische Karriere 2005 über Myspace und wurde mit ihrem Debütalbum „Made of Bricks“ und der Hitsingle „Foundations“ kommerziell erfolgreich. In der Musikindustrie machte NASH von Anfang an Erfahrungen mit Sexismus und entwickelte sich zu einer expliziten Befürworterin von (Self-)Empowerment und einem feministischen Vorbild: „I don’t think you could get away now with the way people talked about me and Lily Allen. Now, if a journalist in their thirties writes about a 19-year-old girl being fat and ugly, someone would be like, ‚What?‘ But you could literally say anything in 2007“.
NASH, 1987 geboren, wuchs während der ziemlich misogynen 00er-Jahre auf, in denen Mädchen und Frauen öffentlich kritisiert und gedemütigt wurden. Dieses Verhalten wurde damals von vielen Künstlerinnen übernommen (z. B. PINKs „Stupid Girls“ (2006), AVRIL LAVIGNEs „Girlfriend“ (2007) und SOKOs „I’ll Kill Her“ (2007)). Viele Musiker*innen wollten sich immer noch nicht als feministisch bezeichnen, wie bereits oben erwähnt: „When I did interviews in 2007 to, say, 2011, when I talked about feminism, people would be like, ‚Oh my God – you’re willing to talk about this‘. People were really shocked. I remember a woman telling me that she asked a pop star if she was a feminist and her publicist intervened and said, ‚She’s not going to answer that‘. […] Then Taylor Swift became a feminist and Beyoncé had ‚FEMINIST‘ behind her, and that’s the mainstream now. It’s positive to me that we can even have a conversation like this, and it’s considered pretty normal“.
Frauen sind in NASHs Songtexten aus dieser Zeit jedoch häufig nur Rivalinnen (um einen Mann): In „We Get On“ wird die Freundin eines Schwarms als „tart“ und „tramp“ bezeichnet, in „Kiss That Grrrl“ ist die andere Frau unsympathische Konkurrenz, in „Do-Wah-Doo“ ebenfalls, gleichzeitig werden die sich gegenseitig ausschließenden Stereotypen des „hübschen Mädchens“ und des „Bücher lesenden Mädchens“ befeuert, und der bereits erwähnten „bitch“ in „Model Behaviour“ fühlt sich NASH überlegen. Ihre Sichtweise könnte ein Ergebnis der Misogynie sein, die NASH entgegengebracht wurde: In einem Klima, in dem von Künstlerinnen erwartet wird, nicht nur ihre – vorzugsweise unkomplizierte – Kunst zu teilen, sondern sich auch darum zu kümmern, sexy zu sein, wurde NASH oft signalisiert, dass sie in beidem versagt.
„Model Behaviour“ weist zu Recht darauf hin, dass Frauen keine seelenlosen Models sein müssen, um irgendeine Art von Erfolg zu haben, versäumt es aber, mögliche Gründe für dieses Verhalten zu benennen (z. B. eine Kultur, in der Bodyshaming normalisiert und Size Zero verherrlicht wird, als potenzieller Beitrag zum Auslösen von Essstörungen), und zeichnet stattdessen ein eher klischeehaftes Bild, ob nun absichtlich oder nicht. NASHs Offenheit über schambehaftete Gefühle wie Unsicherheit, Eifersucht, Selbstzweifel und Wut war und ist dringend notwendig und wird zu Recht gelobt, aber sie geht nach hinten los, wenn sie nur andere Opfer von Misogynie angreift und nicht misogyne Menschen und Strukturen. Es ist nichts anderes als höchst profitabel für eine patriarchale und kapitalistische Gesellschaft, Mädchen und Frauen zu ermutigen, sich selbst zu kritisieren und sich in Rivalität zu begegnen.
Die Entwicklung: NASH wurde 2012 von ihrem Label fallen gelassen (Grund siehe oben) und begann, ihre Musik selbst zu veröffentlichen. Für das empowernde Album „Girl Talk“ (2013) wurde die Riot Grrrl-Bewegung zu einer großen Inspiration, die ihre Sichtweise veränderte: „Girls are sick of the only option being competition. We don’t want to be Scary, Posh, Sporty, Ginger or Baby. We want to be Scary, Posh, Sporty, Ginger and Baby“. NASH wirkt darüber hinaus in Filmen und Serien (z. B. in „Glow“, einer Netflix-Serie über die erste weibliche Wrestlinggruppe in den USA der 80er-Jahre) mit. Und sie ist nicht nur eine lautstarke Feministin mit DIY-Haltung, sondern auch eine Aktivistin, und zwar nicht nur für FLINTA-Rechte: Ihr neuestes Projekt, die Komödie „Coffee Wars“, setzt sich für Umwelt- und Tierschutz ein.
MARINA AND THE DIAMONDS – „Girls“ (2010)
Girls they never befriend me
Cause I fall asleep when they speak
Of all the calories they eat
All they say is ‚na na na na na‘
Der Song: Die Protagonistin in „Girls“ kann sich nicht mit anderen Mädchen identifizieren, weil diese Joghurt essen, über sie tratschen und nur von den Kalorien sprechen, die sie essen, während sie Apfelkuchen isst, wie ein Typ denkt und Journalist*innen, die Unsicherheiten und Zweifel zu Geld machen, und die einschränkenden gesellschaftlichen Erwartungen durchschaut. Die Hauptfigur schwankt ständig zwischen der Beschuldigung von Frauen für ihr Verhalten („All you say is, ‚Blah, blah‘“) und der Kritik an sexistischen Strukturen („Girls are not meant to fight dirty/Never look a day past thirty“). MARINA hat „Girls“, den vierten Song auf ihrem Debütalbum „Family Jewels“, zusammen mit Liam Howe und Pascal Gabriel geschrieben, Songwritern, Musikern und Produzenten, mit denen sie in dieser Zeit zusammenarbeitete.
Der Kontext: MARINA (vormals MARINA AND THE DIAMONDS) veröffentlichte ihre ersten Songs ebenfalls auf Myspace und zog von einer kleinen Stadt in Wales nach London, bevor sie sich während der Pandemie in Los Angeles niederließ. Kurz nachdem sie „Girls“ geschrieben hatte, nutzte MARINA die Online-Plattform, um ihre Gedanken dazu zu äußern: „So i thought i’d share the fact that i’m really sick, tired, depressed, uninspired by women. and i have been for a good old time. There seems to be a massive shortage of strong, inspiring females in mainstream society today who have something good to say. […] So the main theme for song was about women and diets really and generally how we seem to have morphed into mute scary dolls. Falling hook, line and sinker for every lie that we are fed by magazines/ etc. […]“. Genau wie im Song wechselt die Singer-Songwriterin hier zwischen dem Beschuldigen der misogynen Gesellschaft, in der wir leben, und einzelnen Frauen und unterscheidet nicht zwischen Ursache und Wirkung.
Seit ihren musikalischen Anfängen hat MARINA ihre Frustration über die Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft im Allgemeinen und in der Musikindustrie im Besonderen zum Ausdruck gebracht – ein Umfeld, das Veränderungen nur sehr zögerlich annimmt: „You’re either the weirdo indie girl or you’re pole dancing and there’s no middle ground“. Ihre eigenen Beziehungen zu Mädchen und Frauen waren schwierig: „I didn’t have girlfriends for a long time. […] But I’ve got three best girlfriends I’ve met within the last three years, and I have a much better relationship with women now. Women are against women if anything and it’s not men who are the problem anymore“.
In den letzten Jahren erkannte MARINA, dass „Girls“ als „a bit misogynistic“ angesehen werden könnte und gab an, dass ihr der Song peinlich sei. Es sei nicht darum gegangen, andere Frauen schlechtzumachen, sondern war „as much about the battle with herself as well as with the record labels“. Sie fuhr fort, dass sie mit ihrem Gewicht und mit der Tatsache, dass alle Plattenlabels ihr ein Image aufdrücken wollten, zu kämpfen hatte. Diese Erfahrungen bildeten die Grundlage für „Girls“: „That song was me talking to myself and not picking on women“. MARINA schien jedoch eine negative Sichtweise auf Frauen verinnerlicht zu haben und das ist nicht verwunderlich: 2020 zeigte eine UNDP-Studie, dass fast 90 % der Weltbevölkerung gegenüber Frauen voreingenommen sind.
Ihr war noch nicht klar, dass sie keine Ausnahme von der Regel ist, sondern ein weiterer Beweis dafür, dass die „male-centric ideals of how we should look, live, or think“, mit denen viele Mädchen und Frauen aufgewachsen sind, nur Stereotypen sind und nicht unser Verständnis von Feminität ausmachen müssen, ebenso wenig wie die konstruierten Dichotomien, in denen sich Mädchen und Frauen oft wiederfanden und – in geringerem Maße – noch immer wiederfinden. Für MARINA bedeutete das, sie selbst oder wie die anderen Mädchen zu sein, eine Popkünstlerin oder ein Popstar zu sein, eine Feministin oder eine Hausfrau zu sein; es gab nichts außerhalb oder dazwischen. Das zunehmende Bewusstsein und die Darstellung von Vielfalt schwächen diese Konstrukte, aber es gibt noch viel zu tun, auch in der Musikindustrie.
Die Entwicklung: Seit „The Family Jewels“ hat MARINA vier Alben voller spannender Popsongs veröffentlicht. „Ancient Dreams in a Modern Land“ von 2021 ist eine „celebration of femininity in everybody“ und ein Überdenken des „masculine way“, der unsere Leben prägt. Die veröffentlichten Singles sind ebenso eingängig wie sie zum Nachdenken anregen: „Man’s World“ und das dazugehörige Video wurden mit einer ausschließlich weiblichen und nicht-binären Gruppe von Mitwirkenden realisiert und sind ein „snapshot of how women and LGBTQ+ individuals have been subjugated and discriminated against throughout history“. Auf der zweiten Single „Purge the Poison“ bezieht sich MARINA auf die ungerechten Reaktionen auf BRITNEY SPEARS’ Kopfrasur im Jahr 2007 und auf die Errungenschaften der #MeToo-Bewegung, und ihre Nachfolger „Ancient Dreams in a Modern Land“ und „Venus Fly Trap“ feiern Nonkonformität.
Obwohl manchmal auch klischeehaftes geschlechtsspezifisches Denken reproduziert wird, hat MARINA sich selbst und andere über die Jahre hinweg gestärkt. Rückblickend sagt sie: „It was all of these superficial things, how I looked, whether I will make it or not. And twelve years later, I feel so much more open and free because the conversation around feminism has changed“.
VIVIAN GIRLS – „The Other Girls“ (2011)
I don’t want to be like the other girls
Don’t want to see like the other girls
I don’t want to lose myself
I don’t want to live my life like the other girls
Der Song: „The Other Girls“ ist eine totale Ablehnung des Lebens der „other girls“: Die Protagonistin will nicht sein, sehen, ihre Zeit verbringen, lügen, versuchen, geben wie die anderen Mädchen; sie will einfach nicht ihr Leben leben wie sie. Wie üblich stammt der Text von Sängerin und Gitarristin Cassie Ramone, und „The Other Girls“ ist der erste Song auf VIVIAN GIRLS’ drittem Album „Share the Joy“. Mit seinen sechseinhalb Minuten ist er der längste Song der Band, deren Lieder meist deutlich kürzer sind.
Der Kontext: VIVIAN GIRLS, 2007 in Brooklyn, New York, von Cassie Ramone, Katy Goodman und Frankie Rose gegründet, haben drei Alben voller lautem und punkigem Lo-Fi-Pop mit melancholischen Texten veröffentlicht (jeweils mit einer anderen Schlagzeugerin, wobei Ali Koehler am meisten mit der Band in Verbindung gebracht wird), bevor sie 2014 ihre Auflösung bekannt gaben. Im Jahr 2019 kehrten sie überraschend mit ihrem vierten Album „Memory“ zurück, auf dem die Band auf negative Erfahrungen zurückblickt. Eine davon ist sicherlich das Erlebnis, während der Entstehung und des Aufstiegs von Musikblogs eine Frauenband in einer männerdominierten Musiklandschaft zu sein: So sehr die Band von der Brooklyner DIY-Szene gefeiert und bewundert wurde, so sehr wurde sie auch mit Misogynie konfrontiert (vor allem in den Kommentarspalten des Online-Musikmagazins „BrooklynVegan“, dem inzwischen nicht mehr existierenden Blog „Hipster Runoff“ und dem Forum des ebenfalls nicht mehr bestehenden Webzines „Terminal Boredom“).
Die Musikerin und feministische Ikone Kathleen Hanna, ein Fan der Band, bemerkte dies im Jahr 2013: „I was reading an article online about Vivian Girls, and I happened to look at the comments, and it was horrifying. Horrifying! It was every single thing people had said about us in the ‘90s – but even worse“. Ramone hat eine Theorie über den Grund für ihre Erfahrungen aufgestellt: „When it comes to women in music, it’s kind of a Madonna/whore complex. As a male spectator you either want some sort of goddess or some sort of revolutionary, riot grrrl style… powerful, feminist. And I don’t think I really fit into either of those, so maybe that’s where some of the hatred comes from?“ und „I wonder why there aren’t more women in the middle. I try to occupy the middle ground“.
Für den angeblichen Amateurismus und den Lo-Fi-Ansatz der Band gab es sowohl Lob als auch Kritik, jedoch oft mit Fokus auf die Tatsache, dass sie „three girls in a band“ waren. Es schien schwer, darüber hinwegzukommen, dass sie keine Kompromisse machten und nicht versuchten, „to polish their imperfect pitch“ oder „more stylized“ zu sein: „We were intentionally lo-fi because we were a punk band“, sagte Ramone. Außerdem wurden die drei Frauen oft gegeneinander und gegen andere Bands (v. a. DUM DUM GIRLS und BEST COAST) ausgespielt. In diesem Kontext und im Gegensatz zu den bereits betrachteten Liedern scheint „The Other Girls“ nicht gegen Frauen gerichtet zu sein, sondern gegen Menschen, die versuchen, Ramone zu verändern und sie in eine bestimmte Form zu pressen („I don’t wanna live my life like they think I should“).
Der Song scheint die Phrase „I’m not like other girls“ zu bestätigen, die zu einem Synonym für verinnerlichte Frauenfeindlichkeit geworden ist, und Ramone scheint tatsächlich zu verallgemeinern und abzuwerten. „I don’t want to be like the other girls“ ist jedoch etwas anderes: Es scheint darauf hinzuweisen, dass es eine Aufforderung gab. In Anbetracht der negativen Erfahrungen der VIVIAN GIRLS klingt der Song wie eine direkte Antwort und ein Leitbild, zumal er der Opener des Albums ist. Ramone ist nicht auf der Suche nach männlicher Bestätigung („The Other Girls“ ist der einzige Song in dieser Liste, in dem Männer nicht explizit erwähnt werden) oder überhaupt einer Bestätigung und lässt faule Kritik und Vergleiche platzen: „I wouldn’t want to switch spots with any of my contemporaries. […] Every musician that I really respect has either gotten terrible reviews or lived their whole career in obscurity“.
Die Entwicklung: Das Vermächtnis der Band wird immer sichtbarer, und obwohl sie im Moment nicht als VIVIAN GIRLS aktiv sind, müssten Ramone, Goodman und Koehler, „all feminists at heart“, mit ihrem Einfluss zufrieden sein: „It’s the dream, anything that inspires young women, I feel so thankful to get to do [that]. It’s one of the most rewarding things about it for me“, so Ramone. Und indem sie eigene Erfahrungen teilen, Frauen im Zuge der Enthüllungen über sexuelles Fehlverhalten bei Burger Records und Ryan Adams unterstützen und zusammenhalten (auch mit DUM DUM GIRLS (siehe z. B. OCDDP) und BEST COAST), inspirieren die drei Mitglieder von VIVIAN GIRLS weiterhin ungemein.
„A proud feminist. Just maybe not a perfect one?“ So beschreibt sich Hayley Williams und ich für meinen Teil erwarte weder von mir noch von irgendjemandem, ein*e perfekte*r Feminist*in zu sein, was auch immer das bedeuten mag (dennoch ist ein intersektionaler und inklusiver Ansatz nicht verhandelbar). Letztendlich ist es nur eine (Selbst-)Bezeichnung, die erstmal unabhängig vom tatsächlichen feministischen Handeln ist. Ich habe viel gelernt, indem ich mir die verschiedenen Kontexte der Songs genauer angesehen habe; ich habe über weißen Feminismus, Slutshaming, frauenfeindliche Musikszenen, die sexistischen 00er-Jahre, die Diskriminierung von FLINTA* in der Musikindustrie und viele weitere augenöffnende, aber auch bedrückende Themen gelesen. Gleichzeitig war es hilfreich, diese Künstlerinnen beim Verlernen der ihnen beigebrachten sexistischen Sichtweisen zu sehen. Ich denke, so geht es voran; lernen, verlernen und sich dabei gegenseitig unterstützen. Und als positiver Abschluss und in Anlehnung an das Prinzip von Antwortsongs hier noch fünf Tipps:
ALICE BAG – „Shame Game“
PETROL GIRLS – „Sister“
A MESS – „Fuck Your Way to the Top“
THE SLITS – „Typical Girls“
BILLY NOMATES – „No“
Text: Jessi Schmitte
Interessante Links:
„The Combahee River Collective Statement“ (1977),
https://www.blackpast.org/african-american-history/combahee-river-collective-statement-1977/
Kristy Diaz, „Why I’m No Longer A Punk Rock ‚Cool Girl‘“ (2017),
Sirin Kale, „‚I was worried Lindsay, Paris or Britney would die‘: why the 00s were so toxic for women“ (2021),
https://www.theguardian.com/culture/2021/mar/06/why-the-00s-were-so-toxic-for-women
Emily Fox, „Sound & Vision: Why Only 2% of Music Producers are Women“, (2019),
https://www.kexp.org/read/2019/11/5/sound-vision-why-only-2-music-producers-are-women/
Jenn Pelly, „When I’m Gone: Why Vivian Girls Mattered“ (2014),
https://pitchfork.com/features/article/9344-when-im-gone-why-vivian-girls-mattered/