Dezember 31st, 2025

Helge Schreiber (#233, August/September 2025)

Posted in interview by Jan

„Hier ist das Bier so kalt wie das Herz deiner Ex“.
(Schild vor Kneipe Fußgängerzone in Essen auf dem Weg zum Ox Zine-Fest 2023 von Jan gesehen)

Im Gespräch mit dem Ruhrpott-Zauberer Helge Schreiber
Viel zu lange war der unfassbar sympathische Punk-HC-Multi-Tausendsassa aus Oberhausen nicht mehr zu Gast im Trust. Zum Glück ist er durch seinen jahrzehntelangen Enthusiasmus für DIY-Punkrock-HC quasi immer auf dem Schirm. Wir erinnern uns…

„Welcome to Cruise Country“
Helge machte in den 80er seinen eigenes Foto-Zine „Höllenqual“ und stellte in San Francisco 1987 zusammen mit dem dortigen Maximum RocknRoll (MRR) Fanzine die Trust-MRR-Split-Zine-Ausgabe „Welcome to Cruise Country“ zusammen, ein Foto-Zine mit nur europäischen Punkbands, das PDF gibt es zum Beispiel auf maximumrocknroll.com/mrr-archives-cruise-country. Das ist einmalig in der Punk-Fanzine-Geschichte in der Liga bislang gewesen. Punkt! Dann publizierte Helge erst im Ox, lange im Plastic Bomb und nun ist er wieder zurück beim Ox.

Andere Tätigkeiten umfassten zum Beispiel diverse Tape-Sampler, seine Band Filthy Few (neulich erst gerafft: Motorrad-Gang-Slang, das sind die Motorradrocker, die schon mal getötet haben), Plattenveröffentlichungen („Latest Will and Testament“ von Poison Idea nebst Playmobilfigur!), Konzerte-Organisationen und natürlich das zweite Chefoeuvre: das „Network of Friends“ (NoF)-Buch zur Geschichte des europäischen HC-Punk in den 80ern in drei Auflagen plus Vinylsampler.

Mit Helge sprach ich im Trust ausführlich mal für ein Fanzine-vs.-Messageboard-Special 2008, der Teufelskerl lieferte mir einen tollen Konzertbericht über RKL live im AJZ Bielefeld für mein RKL-Memorial-Special 2007, später fragte ich ihn wegen einem Gastbeitrag für unser Trust-30-Jahre-Dischord-Records-Special 2010 und es gab dann noch einen exklusiven Vorabdruck im Trust 2010 von einem Kapitels des „Network“-Buchs.

„Sie können jetzt Ihren Verstand an die Wand schmeißen!“
Sehr gerne erinnere ich mich zudem auch an Helge´s Rezi im Plastic Bomb 1997 vom Demotape meiner Band John Hillerman: „Schlechter als ein Leertape“. Bis heute bei unseren feuchtfröhlichen Proben ein gerne zitierter Klassiker! Und so fuhr ich an einem sonnigem spät-Vormittag mit dem Zug aus Frankfurt am Main nach Oberhausen, Helge holte mich mit der Karre ab und wir plauderten bei ihm.

Die meisten Fragen wurden schon vorher eingerichtet und dann sofort beantwortet, aber es gab Rückfragen und sowieso war es mir wichtig, dass wir uns mal wieder in Ruhe sehen. Abends ging es für mich dann über den Napalm Death-Gig in Köln wieder zurück mit dem Trust-Express nach Hessen. Manchmal muss es eben sein! Und jetzt Vorhang auf für Helge!

Danke dir für deine Zeit, Helge. Dieses Jahr wirst du 60 (oder bist es schon nach Erscheinen des Heftes), fette Party in Essen, yes! Wie geht es dir eigentlich gesundheitlich, alles (wieder) ok?
Jau, dieses Jahr feiere ich am 14. Juni meinen 66. Geburtstag, wobei ich das kurz erklären muss. Am 14.06.2019, also vor sechs Jahren, wurde ich zehn Stunden lang wegen meinem Speiseröhren-Krebs operiert und habe das so ziemlich knapp überlebt. Das war wie eine zweite Chance, die mir im Leben geschenkt wurde. Quasi ein Sechser im Lotto. Daher werde ich jetzt sozusagen sechs Jahre alt.

Am 1. Juli werde ich dann auch wirklich 60, daher steht in der Einladung zu meiner Geburtstagsparty „6(6).“ Geburtstag. Dazu bin ich derzeit vollkommen geflasht, dass ich so viele positive Rückmeldungen von meinen Freunden erhalten habe, die zu meiner Party kommen wollen. Ich habe alle diejenigen Leute eingeladen, die ich in den vergangenen 45 Jahren in der Punk Szene kennengelernt und vor allem schätzen gelernt habe. Ich habe mir die Mühe gemacht und alle Freunde einzeln angeschrieben… und was soll ich sagen… es kamen innerhalb kurzer Zeit total viele Rückmeldungen, wo viele, ohne weiter zu fragen, zugesagt haben, sich Unterkünfte in Essen gebucht, Zugtickets gekauft oder Fahrgemeinschaften gebildet haben.

Da kommen Leute aus ganz Deutschland, mit denen ich seit Jahrzehnten befreundet bin. Und selbst aus ganz Europa kommen Leute, wie aus Frankreich, Holland, Italien, Schweiz, Österreich, Norwegen… und ja, alleine aus Belgien kommen zwanzig meiner engsten Freunde. Bislang haben 250 Leute zugesagt, wobei ich mich sehr freue, dass du und Dolf auch kommen werdet. Dazu werden mehrere Bands spielen, wobei das Großartige ist, dass sie für mich komplett kostenlos spielen. Eine der Bands hätte für viel Geld auf einem Festival spielen können, haben aber zugunsten meiner Party abgesagt. Ich bin echt gesegnet, solche Freunde zu haben.

Wie es mir geht? Ach, weißt du…in den vergangenen Jahren war „Sick Boy“ ein weiterer Spitzname von mir. Ich könnte klagen, aber das ist nicht meine Art, das hier öffentlich zu tun. Ich lebe mein Leben so, dass es intensiv und bunt ist. Als wäre es der letzte Tag. Es ist aber nicht das Leben, was mich umbringt, sondern eher die mauen Tage dazwischen. (Anmerkung Jan: Helge´s Party fand mittlerweile statt, es war total genial in Essen, wir haben hier im Heft ne Foto-Seite der Feier zusammengebastelt.)

Du hast deine Hände immer in Projekten, es gab vor einiger Zeit die tolle dritte Ausgabe deines Euro-HC-Buches plus Sampler, das war auch, weil „du der Nachwelt etwas hinterlassen wolltest“?
Ich war damals im Jahr 2011 total glücklich, als das NETWORK OF FRIENDS-Buch nach mal eben fünf Jahren beim Duisburger SALON ALTER HAMMER Verlag erschienen war. Damals im Format etwas größer als A5 und dazu noch mit 252 Seiten. Das war schon mal ein Traum für mich, dass dieses Buch herauskam. Irgendwie gibt es Unmengen an Dokumentations-Büchern über den Punk Rock aus England und den USA, aber so gut wie keine über Punk aus Europa. Zumindest damals Anfang der 00er Jahre nicht. Wie sagt man so schön: eine Kultur, die nicht dokumentiert ist, die wird in Vergessenheit geraten!

Und dabei hat unsere Generation von Punks die Geschehnisse in der Szene wesentlich geprägt und Entwicklungen vorangetrieben. In meinem Buch habe ich ausschließlich Leute interviewt, die bis heute auf die eine oder andere Weise in der Underground- bzw. Punk-Szene aktiv sind. Leute, die seit den 80ern in Bands spielen, Plattenlabel machen, im Vertrieb tätig sind, Promotionsfirmen betreiben, Merchandise machen oder verkaufen, Touren buchen, als Tour-Guides unterwegs sind, Underground-Clubs betreiben, oder in Kollektiven Konzerte organisieren, Fanzines machen, auf Konzerten fotografieren…you name it.

Damals in den 80er Jahren hat sich niemand für das Konstrukt des „anders leben“ interessiert, weil man damit keine müde Mark machen konnte. So haben wir das alles DIY-mäßig selbst gestartet und über die Jahrzehnte hinweg vorangetrieben. Heute kannst du trotz aller Probleme der stark unter Druck stehenden Konzertorte, Juzis, AZ´s oder Autonomen Häuser als Band oder Konzertbesucher immer noch auf ein großes Netz zurückgreifen, wenn du spielen oder ´ne Band sehen willst. Aber man muss etwas dafür tun, das es weitergeht.

Das ist es, was salopp gesagt mit „Kultur schaffen“ gemeint ist. Macht es keiner, bricht das weg, was schon mal da war. Also, den Arsch hoch und was machen worauf man richtig Bock hat. Jan, das kennst du ja selber auch zur Genüge.

Aber zurück zu meinem Buch. Das dann diese Hammer-Neuauflage meines Buch 2020 erschien, das verdanke ich alleine und ausschließlich meinem Freund Henning Prochnow (Anmerkung Jan: früher Sänger bei den genialen Kielern Tiny Giants). Er hatte 2019 mitgekriegt, wie Scheiße es mir während der Krebs-Behandlung geht. „Der Helge braucht was zu tun“, dachte er sich. Und meinte, es wäre an der Zeit, eine Neuauflage des NoF-Buch zu machen, ohne Einschränkungen, was den Umfang und das Layout betrifft, was komplett neu gemacht wurde.

Dazu muss man sagen, dass Henning ein Profi in seinem Fach ist, was das digitale grafische gestalten betrifft. Dazu verfügt er außerdem über ein unfassbares Archiv an Fotos, Flyern, Platten usw. In der Original Version meines Buchs von 2011 hatte ich pro europäischen Land circa 3-4 Bands interviewt, damit es nicht zu viel wurde. 252 Seiten hatte die erste Auflage des NoF-Buch, wobei das Format etwas größer als A5 war. Letztendlich habe ich dann noch eine Menge weiterer Interviews geführt, sodass ich auf circa zwölf bis fünfzehn Interviews pro Land kam.

Effektiv wurde jedes Kapitel des Buchs massiv aufgepimpt, so das am Ende ein megafettes 440 seitiges Buch im 10″ Format dabei rum kam. Das hat mich, ehrlich gesagt, während des ganzen Krebsbehandlung emotional und seelisch am kacken gehalten. Ebenso die ganzen positiven Rückmeldungen, die ich während der ganzen Zeit von allen Seiten erhalten hatte. Damit war meine Positive Mental Attitude über die ganze Länge meiner Krebsbehandlung gewährleistet.

Seit 2020 habe ich aber immer wieder auch Rückmeldungen von nicht-deutschsprachigen Freunden erhalten, wann den endlich mal eine englische Version erscheinen wird. Und diese Freunde haben nicht lockergelassen, immer wieder zu drängeln. Das war es passend, dass ich Ende 2021 einen Schlaganfall erlitt und wieder lange Zeit zu Hause war. Natürlich war es Henning, der Mitte 2022 meinte, dass wir endlich die englische Version in Angriff nehmen sollten.

Das haben wir dann auch gemacht und Ende ´22 dat Dingens endlich rausgebracht. Alleine in Belgien haben wir gut 100 Stück an den Mann und die Frau gebracht. Das alleine war es wert. Du hattest gefragt, ob ich der Nachwelt was hinterlassen will? Nö. Es geht ja nicht um mich selbst. Ich bin ja nur eine kleine Flamme. Das NETWORK OF FRIENDS-Buch ist die Stimme unserer DIY-Hardcore Punk Szene zur Mitte der 80er bzw. Anfang der 90er Jahre. Das Buch ist von und für UNS alle. Und kein Projekt, mit dem ich mich selbst profilieren will.

Got ya! Ich muss dieses Meisterwerk nochmal loben, weil: unfassbar krass. Hey, gab es nicht mal Pläne, da auch ne Doku zu machen?
Ja, so einen Plan gab es in der Tat einmal. Alter Schwede, das war als coole Idee gedacht, hatte dann aber auch das Ausmaß eines echten Organisations- und Planungs-Monster erreicht. Die Hauptakteure dieser Doku waren Mathias Kollek aus Essen, den alle nur als Kollek kennen, der früher das TRIBAL AREA Video Fanzine gemacht hat. Und meine alte Bekannte Alexandra Georgi, ursprünglich aus Gelsenkirchen, aber seit langen Jahren in Berlin in der Filmwirtschaft aktiv.

Wir hatten uns ein Skript erstellt, eine Rahmenhandlung und dann wollten wir halt quer durch ganz Europa Leute besuchen und Interviews filmen. Von Süd-Italien bis in den arktischen Kreis in Finnland. Dem Plan nach wären wir in elf Ländern unterwegs gewesen und hätten gut 70 Leute besucht. Die Produktionsphase umfasste circa sechs Monate, wobei unsere Freundin Kontakte vermittelte.

Über ihren Kontakt hätten wir zum Beispiel eine gute Kamera der Firma Ari bekommen können, dazu hatte sie sich darum gekümmert, bei welchen Stellen wir Filmförderungsgelder beantragen könnten. Das HÄTTE voll fett werden können, aber wie du merkst, spreche ich hier in der „Hätte Hätte Fahrradkette“-Version. Effektiv habe ich davor gekniffen meinen Job zu verlassen oder für sechs Monate nicht zu arbeiten, um mich voll auf das Projekt konzentrieren zu können. Mit Kollek habe ich nur Interviews mit zwei Bands führen können, habe dann aber gekniffen. Meine Schuld. Auf ewig.

Du machtest noch das AJZ Bielefeld-Buch, halfst beim Arnheim Squat-Buch, bei einem Flyer- und Fanzine-Buch und im Ox erscheinen regelmäßig geile Beiträge von dir! Wat is mal mit Punk-Musical, Junge? (lacht)
Punk Musical…? Samma, willste auf´s Maul, oder wat? (lacht) Nee, lass mal. Heiß ich Fat Mike? (lacht) Das Bielefeld-Buch war ein Herzens-Ding. An sich hatten Henning und ich geplant, ein komplettes Buch über die Geschehnisse in Bezug auf Punk und Hardcore im AJZ Bielefeld in den 80er Jahren zu verfassen. Dazu hatten wir auch noch Zugriff auf über 300 live Mischpult Aufnahmen von all den tollen Bands, die dort gespielt haben. Wir hatten die Idee, ein fettes Buch nebst Doppel-Live LP zu machen.

Think big… dann stand da leider dieses große ABER im Raum, denn diese wunderbare Konzertgruppe des AJZ Bielefeld hatte sich Anfang der 90er Jahre nach einem unfassbar ätzenden Streit vom AJZ Bielefeld getrennt und fortan ihre Konzerte im kleinerem Umfang im Forum Bielefeld fortgesetzt. Die Konzertgruppe besteht bis heute durchgehend mit vielen aktiven Leute. Das sind absolut wunderbare Leute, die ich bis heute liebe und schätze. Da wäre es vermessen gewesen, unsere Buch-Idee so durchzusetzen. Im September ´23 stand dann im Rahmen des 40. Jubiläum der Gründung des „Konzertgruppe e.V.“ eine Festwoche mit vier Tagen Veranstaltungen im Forum Bielefeld an, wozu dann gezielt das Buch erschienen ist.

Das Buch ist letztendlich unter Hochdruck mit heißer Nadel gestrickt in letzter Minute fertig geworden, wobei das Buch in zwei Teile aufgeteilt ist. Einmal der Part der Konzertveranstaltungen im AJZ Bielefeld, den Henning und ich gestaltet haben. Und die Neuzeit im Forum Bielefeld wurde selbst von der Konzertgruppe gestaltet. 40 Jahre Konzertgruppe Bielefeld… das ist ein unfassbar geiler Haufen! Tolle Menschen, quietsche bunt und wahnsinnig sympathisch. Würde ich dort wohnen, würde ich auch dort mitmachen.

Beim Buch über das GOUDVISHALL Squat in Arnheim habe ich nur mit Fotos und ein paar schriftlichen Beiträgen beigetragen. Damals war ich dort öfters auf Konzerten, daher kenne ich Macel Stol sehr gut, den Bassisten von NEUROOT und einem der Haupt-Booker des Squats. Die gehörten damals eher zur harten Squatter-Szene und hatten ständig Stress mit der Bullerei. Die „GBO“, eine harte Einsatztruppe der holländischen Polizei, war ultramega Scheiße.

Es gibt da reichlich Anti-GBO Songs von holländischen Bands, wie zum Beispiel „G.B.O. Gestapo“ von NEUROOT. Da Arnheim grenznah liegt, waren recht viele Leute aus Deutschland vor Ort. Manchmal stammte die Hälfte der Leute aus dem Ruhrpott bzw. NRW und da ich oft Fotos auf den Konzerten gemacht habe, stelle ich die gerne anderen Buch-Projekten zur Verfügung. Mein Archiv ist gut gewachsen und ich sehe zu, dass ich helfen kann. In Norwegen gab es zum Beispiel vor ein paar Jahren das extrem gut gemachte „Fra Hardcore till A-Ha – Norske Punk 1980-1985“-Buch von Trygve Matthissen, in dem eine ganze Reihe meiner Fotos von norwegischen Bands auf Tour in Deutschland und Holland abgedruckt sind und ich auch Erlebnisse mit den Norwegern niederschrieb.

Vorletztes Jahr erschien in Italien das „NEGAZIONE – Collezione Di Attimi“-Fotobuch, wo ein paar Dutzend NEGAZIONE-Fotos aus meinem Archiv abgedruckt wurden. Im Jahr 2024 erschienen auf FOAD Records drei LP-Wiederveröffentlichungen der italienischen Band INDIGESTI, wo der „Live in Lübeck 1987“-LP ein megafettes 30-seitiges Booklet in LP-Größe beiliegt, wo ebenfalls massiv viele Fotos von mir bzw. aus meinem Archiv mit abgedruckt wurden.

Mir geht es da aber nicht darum, dass ich meinen Namen überall abgedruckt sehen muss. Das Booklet oder Buch soll richtig geil aussehen und man soll Spaß haben, es in die Hand zu nehmen und viel Zeit damit zu verbringen. Ich bin eher der Typ, der sich im Hintergrund hält und sich freut, wenn sich andere freuen. Ein stiller schöner Genuss.

Du warst und bist natürlich immer im Ruhrpott ansässig, in Essen sah ich mal dieses in der Überschrift erwähnte Schild und ich dachte: das ist der Ruhrpott, dieses verspielte, andere Regionen wären da viel direkter! (lacht) Mal überlegt, woanders zu leben? Du und deine Frau, ihr seid ja auch große Frankreich-Fans.
Woanders ist auch Scheiße! (lacht) Wenn man vor Problemen wegrennt und meint, dass die weggehen, wenn man woanders wohnt, da belügt man sich nur selber. Klar ist es schöner, irgendwo am Wasser zu wohnen, als in irgendeiner urbanen Betonwüste. Birgit und ich waren ja schon in verdammt vielen Ländern weltweit und haben vieles für extrem gut befunden. Ich war ja früher Ende der 80er Jahre mit einer Frau in Chicago verlobt und habe gut eineinhalb Jahre dort verbracht, bevor ich wieder nach Deutschland kam.

Birgit und ich haben dann später 1996 in Australien geheiratet. Aber letztendlich sind wir mit dem jetzigen Wohnort in Oberhausen im Ruhrpott zufrieden. Oberhausen ist jetzt wahrlich nicht das Paradies, liegt aber zentral verdammt gut. Nach Holland ist es nur 60 bis 80 KM, 180 bis Amsterdam. Bis Belgien 150 bis 200 KM. Nach Nord-Frankreich 300 KM. Nach Bremen 240, nach Hamburg 380. Mit Auto alles kein Problem.

Und die pralle Herzlichkeit im Ruhrpott hat weiterhin seinen Charme.

Genau, in Australien habt ihr 1996 geheiratet, zieht es euch da nochmal hin?
Ja, es sind die Freunde, die uns dahinziehen. Ich selbst war Anfang der 90er Jahre drei Mal da, wo sich mir bereits vor allem in Sydney und in Brisbane ein schöner Freundeskreis auftat. Daraus sind enge Freundschaften entstanden, wo Mitglieder unserer Hochzeits-Band BLOW HARD in den Folgejahren mehrfach zu uns zu Besuch nach Deutschland kamen.

Der Sänger von BLOW HARD, Rollo, hat übrigens auch unsere Hochzeit auf dem Standesamt in Brisbane als auch die Boat-Cruise Party geplant. Dafür sind wir ihm und seiner Band auf ewig dankbar und verbunden. Mit der Zeit kamen nicht nur die Bandmitglieder, sondern auch Mütter und Schwestern, Freunde und bald auch Freunde der Freunde zu uns. Oder Mitglieder von BLOW HARD mit ihren anderen Bands. BLOW HARD selbst konnte ich hier in Deutschland einen Deal mit DO IT Records vermitteln, was dazu führte, dass die Band in Europa auf Tour gehen konnte.

Die eigene Tour, zusammen mit Bands wie MILLENCOLIN, war sehr erfolgreich, sodass deren Bremer Tour-Agentur sie nach Abschluss ihrer eigenen Tour noch auf eine Nightliner Support-Tour mit den Amis DOG EAT DOG und den RYKERS schickte. Das war eine „BRAVO präsentiert“-Tour, wo ausschließlich in großen Hallen gespielt wurde. Ich bin ein paar Tage im Tourbus mitgefahren. (lacht) BLOW HARD haben übrigens in Brisbane einen eigenen Stern an der „Hall of Fame“ am Rathaus, neben anderen Bands aus Brisbane wie den BEE GEES oder den SAINTS.

Leider ist der BLOW HARD-Sänger Rollo 2019 fünf Minuten vor einem Auftritt mit seiner Band an einem Herzinfarkt gestorben. Er wurde posthum mit einem „Music Life-Achievment Award“ des Staates Queensland geehrt, zudem wurde 2023 ein öffentlicher Park nach ihm benannt. Zum Glück waren Birgit und ich 2016 noch einmal zum Anlass unseres zwanzigjährigen Hochzeitsjubiläums in Brisbane und haben eine tolle Zeit mit Rollo und den anderen Freunden verbringen können. Wegen meiner reduzierten Gesundheit schaffe ich das jetzt leider nicht mehr, soweit nach Australien zu fliegen.

Helge, du warst 1987 in San Francisco, um mit dem MRR die Trust-Euro-Fotos Ausgabe zu machen, danke dir dafür nochmals! Weißt du eigentlich, wer das MRR online noch macht?
Ich hatte, genau wie Dolf, schon relativ früh einen guten Kontakt zu Tim Yohannon vom MRR. Ich hatte meinen ersten kleinen Beitrag 1983 in der Nummer acht des MRR und hatte seitdem immer mal wieder Szene-Reporte über den Ruhrpott geschrieben. Das MRR war damals für uns so in etwas das, was heute das Internet ist. Jede Ausgabe des MRR war prall angefüllt mit jeder Menge Kontakten in die ganze Welt. Wer nach dem Lesen einer Ausgabe niemals jemanden angeschrieben hat, der muss ein Idiot gewesen sein. (lacht)

Wir haben uns damals weltweit connected bis zum Abwinken. Oftmals habe ich über das MRR sehr hilfreiche Kontakte zu Leuten direkt aus meiner Nähe in Holland oder Deutschland ziehen können. 1986 erschien das MRR „Life isn´t a bowl of Cherries“-Photozine von Murray Bowles, wo Unmengen seiner wunderbaren Fotos zu sehen waren. Da hatte ich dann die Idee mit einem Photozine nur mit europäischen Bands. Natürlich jetzt nicht nur mit meinen Fotos, denn die waren qualitativ nicht immer so gut. Aber so gut vernetzt, wie ich bereits damals war, hatte ich bereits eine Menge Fotos mit anderen Punk-Fotografen aus ganz Europa getauscht.

Das hat man damals einfach so gemacht. Ich gebe dir gerne viel von dem, von dem ich reichlich habe. Und du gibst mir was Anderes dafür, was du entbehren kannst. Anfang 1987 hatte ich meinen Zivildienst fertig und mit der Ablöse in Höhe von 1200 DM ein Flugticket nach San Francisco bezahlt. Ich war dann zwei Wochen im MRR-Haus in San Francisco und hatte vorrangig zusammen mit Martin Sprouse das Layout für das Photozine gemacht. Ursprünglich hatte ich den Titel „Go, Europe, Go!“ vorgeschlagen, aber das fand Tim Yohannon zum Glück zu popelig. Da es damals Streit über die Stationierung der atomaren Cruise Missile Raketen gab, bekam das Photozine den Titel „Welcome to Cruise Country“, wo vorne auf dem Coverbild eine startende Atomrakete über einem Stagedive-Foto zu sehen war, dass ich im „Eschhaus“ in Duisburg geschossen hatte. Der fliegende Stagediver war übrigens Tomasso Schultze, damals Redaktionsmitglied beim TRUST.

Es war Tim Yohannon übrigens ultra wichtig, dass das Photozine in Kooperation mit dem TRUST Fanzine erschien. Dolf war damals kurz vor mir im MRR-Haus zu Besuch gewesen, so kam es wohl zu der saucoolen Absprache. In den USA hatte das MRR 13 000 Stück von dem Photozine gedruckt und das TRUST in Deutschland dann auch noch mal 2 000 Stück. Meine eigene Beteiligung an dem Photozine taucht nur marginal im Vorwort auf, wo meine paar Zeilen Vorwort in neun verschiedenen europäischen Sprachen übersetzt wurde.

Nee, wer gerade beim MRR ein verlässlicher Kontaktpartner ist, kann ich dir leider nicht sagen. Die letzte Printausgabe des MRR erschien ja 2019 und seitdem ist das Heft bis heute online aktiv. Zumindest wird die wöchentliche Radio-Show konsequent fortgeführt, ebenfalls die ausführlichen Reviews. Henning Prochnow und ich hatten geplant, das „Welcome to Cruise Country“-Photozine noch einmal neu herauszubringen, allerdings in guter Fotoqualität als auch in FARBE.

Natürlich nur in einer überschaubaren DIY-Vertrieb Auflage. Also eher das „übliche“, was Henning und ich so liebend gerne machen… man steckt total viel Arbeit rein, die einem niemand jemals bezahlen kann oder wird. Unser Anspruch ist einfach, etwas zu veröffentlichen, was scheiße gut aussieht und sich so anfühlt, dass man richtig Bock hat, es in die Hand zu nehmen und eine gute Zeit damit zu verbringen. Ich hatte natürlich die online-Kontaktadresse des MRR angeschrieben, aber nie eine Antwort erhalten.

Stichwort Fanzines: du bist wieder zurück im Ox, hast du Bock, zu erzählen, warum bist du nicht mehr beim Plastic Bomb bist? War es da einfach Zeit für nen Generationenwechsel?
2016 bin ich nach 18 Jahren Plastic Bomb wieder zum Ox zurückgekehrt, wo ich ja schon von 1990 bis 1997 aktiv war. Der Anlass des Wechsels war damals einfach profaner Art und Weise. 2015 hatte mein Vater einen schweren Herzinfarkt, dazu war er dement. Da damals seine Prognose nur noch eine Lebenserwartung von drei bis vier Monaten war, haben wir ihn zu uns nach Hause geholt.

Aber er erholte sich ganz gut und so haben wir meinen Vater fünf Jahre lange von 2015 bis 2020 gepflegt, wobei er die ganze Zeit bettlägerig war. Birgit hat sich um meinen Vater gekümmert, während ich arbeiten war. Meine freie Zeit für´s Fanzine-machen war total eingeschränkt, daher musste ich einfach kürzertreten. Dazu muss ich sagen, dass sich das Innenleben des Plastic Bomb stark verändert hatte. Von den alten Leuten waren mehrere nicht mehr da und als Micha Will auch noch die Reißleine zog, fand ich es an der Zeit, mich ebenfalls zurückzuziehen.

In der Zeit von 2009 bis 2016 hatte ich im Plastic Bomb sehr viel Content aus dem Bereich der Network of Friends- Zeit der 80er Jahre geschrieben. Ich fand das Thema irgendwann mal ausgereizt, denn immer nur rückwärts gerichtet zu berichten kann nicht das Thema sein. Man muss immer im Hier und Jetzt leben, was ich auch immer gemacht habe. Es gibt so viele geile aktuelle Bands, die man pushen und promoten sollte, denn diese Leute halten die aktuelle Szene am kacken.

Wer mich persönlich kennt, der weiß, dass ich ihm oder ihr ständig irgendwelche neue Sachen um die Ohren haue. Ja, für´s Plastic Bomb fand ich es gut, dass es einen Generationswechsel gegeben hat. Das hatte ich Ronja damals auch gesagt, dass sie zu sehen soll, dass sie ihren eigenen Weg geht, nicht immer nur rückwärts orientiert, wie bei uns älteren Bombern. Mach was Neues! Das hat Ronja dann auch gemacht, ganz wertungsfrei. Beim Ox bin ich jetzt wie auf einem Rententeil. (lacht) Ich mache im Vergleich zu früher relativ wenig, immer mal wieder hier und da Interviews, aber immer auch Reviews.

Wie schaffst du es eigentlich, dass du immer so ein super down to earth-Typ bleibst, im Leben und in der Szene geht es manchmal drunter und drüber, es gibt Krisen, doch trotzdem bleibst du immer diese Mischung aus Gandhi, Charles Bronson und Keenau Reeves, sehr geil. (lacht)
Na, ich nehme mich einfach nicht zu wichtig. Du weißt, dass ich keine Krawall-Else bin, sondern mich eher ruhig im Hintergrund halte. Und ich versuche, mich vor allem nicht in den Vordergrund zu drängen. Es macht mich zum Beispiel nicht zu einem besseren Menschen, nur weil ich 1982 mal die DEAD KENNEDYS live gesehen habe.

Das macht mich nicht wichtiger als andere Leute, überhaupt nicht. Ich sage jüngeren Leute immer gerne, dass sie die Band, die sie heute live sehen, in zwanzig Jahren vielleicht als absolute Top-Kultband gehandelt wird. Andere jüngere Leute werden dann vielleicht ebenfalls begeistert sein, wenn man ihnen darüber berichtet. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Verhalte dich so, wie du selbst gerne behandelt werden willst.

Und wer sich wie ein Arschloch verhält, der bekommt auch mal gerne eine Ansage von mir. Ich kann da auch schon anders, wo ich dann auch mal „Gandhi am Arsch“ sage. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Arschlöchern abzugeben. Und werde mich kennt, der weiß, dass ich gerne immer wieder Sachen an Freunde abgebe, ohne auf meinem Vorteil zu achten. Die Freude der anderen ist mein kleiner persönlicher Kick.

Helge, du hast ja unseren Dolf Anfang der 80er in Augsburg besucht, ich weiß noch, dass du das mal – glaube ich – so erzähltest, „Voll krass, das ganze Zimmer von dem Jung war schwarz gestrichen!“. (lacht) Du bist uns also schon so lange verbunden, hast du Grüße an die Trust-Leserschaft?
Das Zimmer von Dolf war nicht schwarz gestrichen, sondern nur die Decke war braun. 1983 hatte ich Dolf in Augsburg besucht. Damals 1983 hatte ich die erste Ausgabe meines HÖLLENQUAL-Photozines gemacht und stand mit einer Reihe von Leuten aus der Punk-Szene bereits in Kontakt, eben auch mit Dolf wegen INFERNO. Im Sommer 1983 war ich gerade 18 Jahre alt geworden und hatte mir für wenig Kohle ein Interrail-Ticket für ganz Deutschland geschossen.

So habe ich Petra vom HEXENTANZ Fanzine in Frankfurt besucht, dann ging´s weiter zu Dirk Christoph, dem Bassisten von MUT AUS FLASCHEN (M.A.F.) in Rüsselsheim, dann zu Conny nach Dachau vom SEELENQUAL Fanzine, inklusive abhängen mit Lebra von den AUSGEBOMBTEN und seinem Punk Rocker Club, dem FLEXHEAD-Orden in München. Von München ging es dann zu Dolf nach Augsburg. Nach all den großartigen Erlebnissen lag ich da spät abends bei Dolf auf der Couch und schaute an die Decke. Diese braune Farbe sog irgendwie alle meine Gedanken positiv auf, was total intensiv war. Und das ohne Drogen.

Ich empfand das immer schon so, das weiße Decken die Gedanken abprallen lassen. Als ich nach Hause kam, habe ich meine Decke ebenfalls braun gestrichen. Über all die Jahrzehnte hinweg habe ich immer einen guten Kontakt zu Dolf gehabt und gerne den einen oder anderen Beitrag für´s TRUST abgeliefert. Oder etwas von Dolf im Gegenzug erhalten. Auf die gegenseitige Wertschätzung kommt es mir an, auch wenn wir persönlich unterschiedlich sind. Ich mag ihn und werde ihn immer mögen. Das TRUST Fanzine ist der Fels in der Brandung der DIY-Punk Szene! Für einander einstehen, niemals alleine gehen!

Danke für deine netten Worte für das TRUST! Jetzt geht es ans Eingemachte, Junge. Was sind drei Platten, die dir wirklich am Herzen liegen und was sind drei Platten, die wirklich monetär für die Rente später sind? Das müssen ja nicht die gleichen sein.
In den letzten Jahrzehnten haben sich doch drei Platten herauskristallisiert. Jedes Mal, wenn ich mir die anhöre, könnte ich durchdrehen. Da kommt so ein Drive hinein und wie ich auch schon in meinen Reviews oftmals sage, ich könnte meinen Verstand gegen die Wand schmeissen oder vor Begeisterung den Schreibtisch umtreten.

Das ist einmal von Neuroot die „Plead Insanity“, dann von Crucifix die „Dehumanization“ und von Makiladoras aus Groningen in Holland die „In eigen Hand“. Die meisten Leute kennen die letztere gar nicht. Die spielen eher „Mittel schnellen Hardcore-Punk“. Aber wenn die Musik läuft… ich habe mich oft genug bei den drei Platten zugesoffen und das hatte verheerende Wirkung für meine direkte Umwelt. (lacht) Die teuersten Platten für die Rente sind bereits weg. Das war während meiner Erkrankung, als ich krebskrank war.

Das war auf einmal: „Ich will noch etwas erleben“. Ich wollte unbedingt noch etwas Anderes erleben, bevor ich sterbe. Ich wusste ja nicht, wie lange ich überhaupt noch überleben werde. Dann habe ich von Freunden Einladungen zu Festivals bekommen. Das war zum Beispiel zum 40-Jährigen von Blitz Squat nach Oslo. Wie macht man das, wenn man kein Geld hat?

Ich habe nur Krankengeld bekommen und nicht besonders viel. Dementsprechend habe ich eine Handvoll von den teuren Platten weggegeben. Davon konnte ich mir den Flug und ein Hotel in der Nähe vom Blitz Squat leisten. Ich musste während des Festivals immer einmal wieder kurz hinüber ins Hotel, weil es mir nicht gut ging.

Das war dann auch diese ganz rare LP von Matthias Reim, von der du mir auch schon seit Jahrzehnten vorgeschwärmt hast. (lacht)
Ja, genau. (lacht) Oder sowas wie die „Er hat ne Punk Band in aus Oberhausen“ 7“ von 1978 von Holger Thomas! (lacht) Aber im Ernst: es ist ja alles nur eine Handvoll Plastik gewesen. Die Wertigkeit ist da, aber ich wollte eben noch etwas im Leben erleben.

Gut, dass es dich noch gibt, mein Junge. Gibt es drei Bands, denen du immer die Treue hältst, seitdem du Teenager bist, auch wenn dich vielleicht das neuere Material gar nicht mehr so erreicht? Das sind bei mir die Toten Hosen. Die ersten zehn Jahre liebe ich, dann egal, aber ich bleibe dran. Bist du irgendwelchen Bands so in der Form treu?
Also, es gibt eine ganze Reihe von Bands, denen ich treu bin. Das liegt eher an die Persönlichkeiten. Das sind Bands, mit denen ich zusammen aufgewachsen bin, mit denen ich als Kröte angefangen habe. Das waren die Leute von Upright Citizens. Deswegen spielen die auch auf meiner Party. Oder Bluttat. Das hängt ganz stark mit den Leuten zusammen. Von mir aus könnten die auch alles machen, vielleicht außer Techno! (lacht) Dementsprechend gibt es da eine ganze Reihe von Bands…

Schau bei mir oben an die Wand, dann wirst du es sehen. Zwischendurch war jahrzehntelang bei mir immer die Vorliebe für Punkrock aus den USA. Aber mit Discharge beispielsweise bin ich doch wieder zu den Wurzeln zurückgekommen. Ich bin schon einmal froh, dass es Discharge ist und nicht The Exploited! (lacht) Aber selbst die haben mir zuletzt auch live gut gefallen. Die haben ihre „Ich ziehe mir tausend Nasen weg“-Phase schon lange weg und man kann sich die wieder anhören.

Gibt es auch manchmal Bands, wo du dann irgendwann sagst: „Ich kann nicht mehr, runter mit Aufnäher von der Jacke, ich bin so enttäuscht von denen“?
Das kann ich nicht sagen. Nee. Mir fällt mir kein Beispiel ein.

Als es diese „Network of Friends“-Release-Feier in Marl gab, kam es auch zu einem Comeback deiner ganz alten Band Filthy Few, richtig? Ich Depp konnte nicht.
Ja, das war 2011. Ich glaube, es waren fünf Bands, die es nicht mehr gab und die sich nur für diesen Anlass zusammengetan haben. Ein paar haben wirklich sehr sehr ernsthaft geprobt, wie A.N.A.L. oder die H.O.A.-Society (Hostages of Ayatollah). Das war nur der Gitarrist Jacho (auch Terrorgruppe), der mit anderen Leuten aus Velbert dann das Konzert gespielt habt. Aber auch The Rest aus Berlin und wir von Filthy Few haben ebenfalls noch gespielt.

Unser Schlagzeuger konnte nicht mehr spielen. Der hatte seine Handgelenke durch die Arbeit kaputt. Vom Bassist wusste vorübergehend keiner, wo der ist. Der Gitarrist von Filthy Few hatte dann einen Freund aus Berlin mitgebracht. Der spielte damals auch z.B. bei Terrorgruppe Bass und unser Schlagzeuger war Tommi, der Sänger von Hass. Der hat früher bei Sons of Sadism Schlagzeug gespielt, er hat sieben Jahre lang bei mir im Haus gewohnt. Wir beide haben im Proberaum von Hass zu zweit geprobt und die in Berlin auch zu zweit.

Wir haben vor dem Auftritt nur einmal eine 40-minütige Probe gehabt. Das war in Bottrop im Proberaum von So What! und dementsprechend konnte da nicht wirklich etwas zustande kommen. Wir haben fünf Lieder gespielt. Davon waren vier alte schnelle alte Songs, plus ein improvisierter Bonus Song, aber das war es dann auch.

Man munkelt aber, eure neue Platte ist schon bei SST Records abgemischt. Stimmt das? (lacht)
Ganz genau. (lacht)

Das heißt, mit einer weiteren Comeback-Tour von Filthy Few durch die großen Hallen ist erstmal nicht zu rechnen?
Nein. Schmiddi, der Gitarrist, ist von Berlin aus nach Südafrika gezogen. Er arbeitet im Filmwesen und macht Special Effects für Kinofilme, u.a. auch für solche mit Keanu Reeves. Dementsprechend ist er immer unterwegs.

Du könntest dir aus vier Zutaten dein Wunsch-Punkrock-Fanzine backen. Ich meine das so… Wenn ich das machen würde, dann wäre es der Humor von Flipside, das Layout von TRUST, der Umfang vom Ox und vielleicht die ein bisschen die Schreibskills von Spex Ende der 80er. Wie wäre das bei dir?
Ich würde mir die Begeisterung aller Beteiligten wie beim Maximum Rocknroll in den 80ern wünschen und das man sich mehr um die Musik neuer und aktueller Bands kümmert. Ich möchte nicht nur noch alte und rückwärts gerichtete Sachen machen. Es sollte auf jeden Fall den Umfang vom Ox haben. Und Henning muss das Layout machen, er ist „The Man“!

Du hast auf deiner persönlichen Facebookseite mit deinen Tortenbildern sehr großen Erfolg gehabt. (lacht) Das kam wegen deiner Reha?
Man kann wirklich ernsthafte Sachen posten und bekommt dann seine zehn, zwanzig oder vielleicht, wenn man Glück hat, dreißig Likes. Das war es dann. Dann macht man irgendwann ein beklopptes Kuchenfoto und es geht direkt ab mit 200 oder 300 Likes. Was stimmt mit den Leuten nicht? (lacht)

Ja, ich war zu dem Zeitpunkt in der Reha gewesen und ich war froh, dass ich überhaupt über die Runden gekommen bin. Mit dem Speiseröhrenkrebs konnte ich gerade einmal ein bisschen wieder etwas essen. Birgit hat mich dann begleitet und es war außergewöhnlich, das erste Mal wieder ein Stück Kuchen zu essen. Ich habe wochenlang versucht, zu überleben, halt, dass ich überhaupt wieder etwas essen konnte. Dann macht man ein Foto mit Kuchen und auf einmal kommt so eine Rückmeldung.

Irgendwann wurde dann ein Running Gag daraus. Das hat schon skurrile Formen angenommen. „Ich muss jetzt erstmal mein Kuchenfoto machen“. Den Mob muss man erst mal befriedigen! Aber damit ist jetzt auch Ende, seit Ende 2021, als ich einen Schlaganfall hatte, wobei herauskam, dass ich Diabetes Typ II habe. Dementsprechend gibt´s Kuchen-essen nur noch als Ausnahme.

Sag mal: Jim Ruland vom Razorcake schrieb dieses SST Records-Buch und er fragte mich, ob ich einen deutschen Verlag kenne. Er hat alle Rechte. Ich habe „die üblichen“ gefragt und keiner hatte Bock. „Übersetzung zu teuer, die echten Fans haben es eh schon“ usw. Dann hatte ich es dir vorgeschlagen und es kam auch keine Rückmeldung. (lacht)
Ja, das war nichts für mich. SST ist, seitdem Black Flag zuletzt unterwegs war und es detailliert um den Streit wegen der Namensrechte und all das ging… Boah, da habe ich keinen Bock darauf, aber kulturhistorisch hat das Label einen hohen Wert. Die haben Kultur geschaffen und das hat extremen Einfluss auf die ganze Punkszene weltweit gehabt. Das kann man nicht von der Hand weisen. So ein Buch finde ich also prinzipiell gut, aber ich will es nicht machen.

Ok, falls das hier wer liest, bitte bei mir melden! Du und Henning, ihr plant doch bestimmt schon wieder irgendwas Neues?
Wie John Wayne immer sagte: „Die Zeit wird kommen“.

Wir sind hier im Ruhrpott in fucking Oberhausen und du müsstest ein Tape mit den zehn für dich wichtigsten Ruhrpott-Punk-Songs zusammenstellen. Wie würde das aussehen?
Einzelne Songs zu sagen, puh, das ist natürlich ein bisschen schwierig. Für mich persönlich sind die Bands, die auf jeden Fall darauf gehören würden, natürlich Bluttat, Upright Citizens und To-Do Hospital. Aber wer noch, lass mich nachdenken…

„Die Kassierer“? (lacht)
Nein! (lacht) „Sex mit dem Sozialarbeiter“ ist natürlich schon etwas Geiles und auch „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche“. Das ist aber grenzwertig. Aber wer aus dem Ruhrpott hat mir musikalisch total viel zugesagt? Ich habe einen Blackout. (lacht) Wahrscheinlich fällt mir das nachher alles ein. Das ist jetzt auch unabhängig von dem Interview: Durch den Schlaganfall hat man schon Probleme mit dem Namensgedächtnis. Wenn ich so darüber nachdenke, sind da Dutzende von Bands aus dem Ruhrpott, an die man auch nicht sofort denkt… Wie gesagt, Blackout!

Trust-Kollege Thomas Paradise hatte noch ne Frage eingereicht, Stichwort „Helge´s Royal Guard Bärenfellmütze“…
Das war Ende der 80er Jahre immer auf Fotos zu sehen, ich zeige dir gleich welche. Die Haare waren herausgewachsen und schwarz gefärbt und ich hatte noch mit Kreppeisen gekreppte Haare. Das sah ziemlich wüst aus und das war dann die sogenannte „Bärenfellmütze“-Frisur! (lacht)

Sauber! (lacht) Noch mal vielen Dank für deine Zeit und dafür, hier persönlich endlich mal wieder bei euch sein zu können zu sein. Ganz große Ehre, danke auch für dat Sixpack „König Pilsener“, mehr Ruhrpott geht nicht! (Anm: kommt aus Duisburch)
Gerne, aber warte: ich will jetzt aber auch noch ein Fläschchen, Jan! (lacht)

Interview: Jan
Kontakt: Facebook oder übers Ox Zine
Pics: Helge und Rollo („fat, drunk and stupid“, Brisbane/ Australien 1992), Helge und Tommy Sohns (von HASS, Bild von Tim Hackemack), Helge und Jan (Mancave Helge Oberhausen 2025, Bild von Birgit Schreiber)

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