FLIRT (#228, 2024)
Nachdem ich jahrelang so gut wie keine Berührungspunkte mit dem guten alten Screamo hatte, wurde ich an einem lauen Sommerabend 2023 davon überzeugt, dass ich das mal wieder ändern sollte. Grund dafür waren FLIRT, eine Leipziger Kombo, die in der Stö ihre Release-Party feierte und mit druckvollem Screamo-Sound zu überzeugen wusste. Auch die vier Songs auf der dazugehörigen Split EP sind großes Skramz-Kino, sodass ich mich einige Zeit später mit Gerd, Mü, Nadine und Horscht auf ein Kaltgetränk getroffen habe, um mehr über FLIRT zu erfahren. Dass die Bandmitglieder viel Erfahrung haben, zeigt ihr Output nach wenigen Sekunden, und so fallen Namen von Bands wie TIGER MAGIC, SHUTCOMBO, INSEL DES LÄCHELNS, ANTES oder DRECK WEG!, in denen die vier Connewitzer bereits gespielt haben oder noch aktiv sind. Die Liebe zur DIY-Subkultur ist groß, zur Musik sowieso, und so sei an dieser Stelle das Wort übergeben an: FLIRT.
Eure aktuelle SPLIT erschien vor einigen Monaten und neben euch ist die malaysische Band ORBITCINTA BENJAMIN vertreten. Wie habt ihr die Kollegen kennengelernt?
Gerd: Wir haben mit ihnen 2019 eine Woche zusammen auf ihrer Europa-Tour gespielt. Das war eine super Erfahrung für uns. Wir haben uns damals alle total gut verstanden und gegen Ende der Tour kam dann irgendwann die Idee, zusammen was rauszubringen. Das haben wir dann weiterverfolgt, wegen Corona hat sich die Veröffentlichung aber sehr gezogen. Bei den Aufnahmen war auch Dirk, unser alter Gitarrist, noch dabei, der nach dem Aufnahmeprozess leider ausgestiegen ist. Für ihn ist dann Nadine relativ schnell zu uns gestoßen und die Split dann letztes Jahr rausgekommen.
Kam es durch diese Connection auch zu der Tour durch Indonesien, Malaysia und Singapur Anfang dieses Jahrs?
Mü: Das war auf jeden Fall der Ideengeber. Außerdem kannten wir da schon Leute und letztlich war es tatsächlich gar nicht so schwer, Konzerte zu buchen und dann dort zu spielen – wenn man bereit ist, Geld und Urlaub zu opfern.
Gerd: Genau, Mü und Nadine, ihr wart ja mit TIGER MAGIC vor ein paar Jahren auch schon mal auf Tour in Malaysia und da gab es noch Kontakte. Malaysia hat eine gute Screamo-Szene und die Connection über ORBIT hat uns natürlich sehr geholfen. ORBIT gibt es schon seit Anfang der 2000er Jahre und ist in Malaysia in der Szene entsprechend tief verwurzelt. Da wurden wir schnell mit wichtigen Kontakten versorgt.
Mü: Es war tatsächlich einfacher, dort eine zweiwöchige Tour zu buchen, als in Deutschland einen Weekender. Wir hatten direkt nach zwei Tagen sieben Zusagen. Klar, das ganze Drumherum, Flüge, Impfen, das war natürlich aufwändiger. Generell gibt es in Malaysia einen großen Zusammenhalt innerhalb der Szene, das hat sehr geholfen. ORBIT ist wie erwähnt eine alteingesessene Band und die Tour war dann auch unsere gemeinsame Release-Tour zur Split. Wir haben vor Ort mehrere Konzerte mit ihnen zusammengespielt.
Und wie war die Tour dann? Gab es Highlights oder Lowlights?
Nadine: Lowlights gab es eigentlich keine, die Leute waren supernett und alle sehr engagiert. Und es war schön zu sehen, wie wir als Band zwischen Jetlag, jeden Tag anderes Equipment, viel Stress und immer viel socializen super funktioniert haben.
Gerd: Die Leute hatten richtig Bock, alle waren so unglaublich nett, es war ein mega Miteinander innerhalb dieses DIY-Kontextes. Alle waren super hilfsbereit und man ist nach den Shows nachts um 1 Uhr mit allen noch an irgendeiner Straßenecke was essen gegangen und hat sich ausgetauscht. Es war wirklich sehr cool.
Schön, das klingt echt gut. Eine Frage zum Bandnamen, wie kam es zu „Flirt“?
Horscht: „Flirt“ ist ein Name, der mir persönlich gut gefällt. Der Begriff „Flirt“ beschreibt eine Symbiose zwischen zwei Menschen, bei der beide Seiten Interesse aneinander zeigen. Das lässt sich auch auf Musik übertragen. Wenn Musik eine Verbindung zum Publikum herstellt und ein intensives Gefühl erzeugt, hat man diese Symbiose erreicht.
Ok, verstehe. Ich hatte den Gedanken, dass das Wort „Flirt“ fast einen nicht negativen Touch, aber doch einen komplexeren Kontext erhalten hat über die letzten Jahre. Im Sinne Grenzen zu überschreiten, Männlein, Weiblein und dazwischen. Manche wollen es ja am liebsten definieren: Bis wann ist was okay?
Gerd: Ich würde sagen, was ich unter „Flirt“ verstehe, das ist etwas Einvernehmliches, wo beide Seiten Bock drauf haben und sich darauf einlassen. Also wie Horscht das gerade unter dem musikalischen Aspekt beschrieben hat. Ansonsten ist es für mich kein Flirt, sondern eine billige, unangenehme Anmache. Ein Flirt ist was, wo aus dem Moment einer Begegnung irgendwie etwas Positives für die Beteiligten entsteht. Und sei es erstmal nur ein Gefühl, ein bestimmter lebendiger Augenblick. Ansonsten ist es auch ein eher ungewöhnlicher Name, der an sich nicht belanglos ist und auch nicht per se cool. Die Leute wissen nicht sofort etwas damit anzufangen, das mag ich auch an ihm.
Horscht: Ich finde es passt auch gut zum Screamo, wo Emotionen sehr im Mittelpunkt sind, man mal weinerlich rumheult oder wütend schreit und Aggressionen rauslässt.
Wie sieht es generell mit der Screamo-Szene weltweit aus? Mir scheint sie auf eine gewisse Weise weltweit vernetzt und der Sound war auch immer da. Seht ihr das auch so? Gibt es solche Besonderheiten?
Mü: Die Screamo-Szene ist recht klein und dadurch enger vernetzt. Die Leute, die aktiv sind, haben meist direkten Kontakt zueinander, was vieles erleichtert. Es gibt darunter auch viele gute Leute, die Aufnahmen und Labels machen, sodass es auch einfacher geworden ist, Musik aufzunehmen und zu veröffentlichen.
Ich hatte auch direkt erwartet, dass ihr auf einem „Miss The Stars“-Sampler drauf seid, weil gefühlt da jede Screamo-Band der Welt irgendwann drauf ist – und Tatsache, ich hatte euch auf einem Sampler vor 1,5 Jahren entdeckt, gleich an erster Stelle. War das eigentlich ein alter oder neues Song?
Gerd: Ja, wer Screamo macht, landet irgendwann bestenfalls auf diesem Sampler – das ist ein cooler Überblick über die Szene und die vielen Bands. Der Song, den wir beigesteuert haben, ist recht neu und war „nur“ eine Proberaumaufnahme. Dafür klingt er aber ganz gut…
Und was sind aktuelle Trends im Screamo-Bereich? Ich hatte das Gefühl, so vor fünf Jahren gab es vermehrt Emoviolence-Bands.
Gerd: Nach der ersten Screamo-Phase, die ja so ca. 20 Jahre her ist, gibt es aktuell wieder mehr und auch jüngere Bands, die in diese Richtung gehen. In Deutschland etwa unsere Freund*innen von KŸHL und LHUMA, AZZACOV und LOSING … oder auch MASADA.
Mü: Ich würde sagen, dass in den Staaten gerade viel geht, z.B. alles von dem kanadischen Label Zegema Beach oder Bands wie FRAIL HANDS und OSTRACA, da kommt gerade sehr viel Screamo. Und bei Live-Videos auf Youtube, da ist bei diesen Bands die Hölle los und die Leute gröhlen die Texte mit. Das sind kleinere Shows, aber viele junge Bands und junge Leute.
Gerd: Ich würde sagen, ab 2017 gab es zudem eine Welle, bei der ältere Bands, die sich schon aufgelöst hatten, wieder angefangen haben zu spielen. Da denke ich konkret an PG.99, MAJORITY RULE oder auch CITY OF CATERPILLAR. Dabei war die politische Situation nach der Wahl Trumps in den USA und der Protest dagegen der ausschlaggebende Punkt wieder zu spielen.
Nicht wegen dem Geld?
Gerd: Nein, tatsächlich nicht. PG.99 und MAJORITY RULE haben mehrere Touren ausschließlich in Läden gespielt, die aufgrund der veränderten politischen Verhältnisse, die mit der Wahl Trumps einhergingen, in ihrer Existenz bedroht waren bzw. um wichtige Community-Projekte oder soziale Vereine zu unterstützen, denen das finanzielle Aus drohte. Das hat wiederum Leute inspiriert und neue Bands in dieser musikalischen Richtung sind entstanden. Zudem haben dann auch andere „alte“ Bands wie ORCHID und BOTCH wieder angefangen zu spielen und ihren Sound wieder in die Gegenwart gebracht.
Und wie klingen die neuen Bands? Klingen die wie früher?
Gerd: Die klingen ziemlich gut, teilweise sehr nach der alten Screamo-Schule, und sie haben echt gutes Songwriting. Aber heute sind die Aufnahmen besser und etwas weniger „schrammelig“ als früher – wobei das auch geil ist.
Spannend, danke für den Einblick. Zurück zu euch, eure Lyrics auf „Trist“ und „Morsch“, aber auch jene von euren neuen Songs, die eine Trilogie darstellen, sind sehr von einer unendlich unglücklich machenden Hetze nach Konsum, Überleben und Glück geprägt … die Leute in euren Lyrics sind immer in Bewegung. Euer Fokus scheint oft auf Kapitalismuskritik, wobei durch Worte wie „pursuit of happiness“ oder „food chain“ eine gewisse USA-Bezogenheit durchscheint. All das verbindet ihr lyrisch dann mit dem aktuell sehr präsenten Phänomen des Zurückziehens, des unpolitisch sein, keine Nachrichten mehr lesen und so weiter.
Nadine: Beim Schreiben unserer Texte denke ich an Bilder, die ich im Kopf habe. Es ist oft eine Art kalte, desillusionierende Szenerie, wie zum Beispiel ein Gewerbegebiet mit Fast-Food-Ketten. Bei diesem Bild kommt für mich vieles zusammen. Dieses triste, gnadenlos helle Licht, während man in der Warteschlange steht, beleuchtet das eigene Elend wie auf dem Seziertisch. Wenn man völlig erschöpft nach der Arbeit dort ansteht und sich fragt: „Soll das mein Leben sein?“.
Meinst du dabei speziell die USA?
Nadine: Bei dem angesprochenen Song hatte ich tatsächlich die USA im Kopf. „Work hard – dream big“ als Glücksversprechen für jeden ist eine grundlegende Säule der US-amerikanischen Gesellschaft. Und viele Menschen arbeiten weit über ihre Kräfte hinaus aufgrund dieses Versprechens, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder aufbauen zu können, wenn sie sich nur genug anstrengen. Aber meist können sie sich noch nicht mal grundständig versorgen. Dieses Glücksversprechen ist perfide. Weil es Menschen eine Selbstwirksamkeit vorgaukelt, die sie aufgrund tief verwurzelter Ungerechtigkeiten und rassistischer bzw. sexistischer Strukturen nicht haben. Das lässt diese Menschen doppelt desillusioniert zurück.
Das Glücksversprechen hält einerseits nicht was es verspricht und gibt ihnen auch noch selbst die Verantwortung für ihre Armut, für ein eigentlich systemimmanentes Problem. Dieses Phänomen möchte ich allerdings nicht auf die USA begrenzen. Der Song „Promise of happiness“ war der Beginn mich mit dem Thema „Glück“ auseinanderzusetzen. Ich fand die Idee schön, dieses Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Und daraus ist eine Trilogie geworden. Es geht um die persönliche Enttäuschung aufgrund dieser perfiden Glücksversprechen, um das immanent ansteigende Tempo unserer Gesellschaft, welche Konsum, Produktivität, Geschwindigkeit und Leistung mit Glück gleichsetzt. Und ein Charakter klinkt sich in den Texten am Ende ein wenig aus dem Hamsterrad heraus.
Wie kann man sich sinnvoll ausklinken? Lebt ihr auch im Hamsterrad, oder gelingt es euch, euch davon zu lösen?
Nadine: Es geht nicht darum, sich völlig, auch politisch, zurückzuziehen. Sondern sich eigene Inseln der Zufriedenheit zu schaffen. Und mit kleinen Dingen zufrieden zu sein. Glück entsteht, wenn sich andere Menschen durch uns gesehen und gehört fühlen. Ich versuche mehr im Moment zu leben und weniger zu hetzen. Dennoch möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass dies für alle möglich ist. Nur weil meine Existenz finanziell abgesichert ist, kann ich das so für mich entscheiden.
Apropos Glück, soweit ich weiß wohnt ihr alle in Connewitz. Wie hat es sich verändert in den letzten Jahren? Ich habe das Gefühl, dass Connewitz sich noch recht erfolgreich gegen eine größere Form der Gentrifizierung wehrt, aber natürlich auch hier die Mieten enorm steigen. Seid ihr denn glücklich in Connewitz?
Nadine: Ich wohne gern in Connewitz. Die Lebensqualität mit der Nähe zum Wald und zu den Seen ist sehr hoch. Ich finde eine Diskussion über Gentrifizierung wichtig, auch als eine Frage von Selbstkritik: Wie viel Prozent meines Einkommens bin ich bereit für Wohnen auszugeben? Würde ich eine teurere Wohnung anmieten und die günstigere einer Person überlassen, die weniger Einkommen hat? Es bewerben sich zu viele Menschen auf günstigen Wohnraum. Nur, dass einerseits die Entscheidung dahintersteht, nicht mehr als einen gewissen Prozentsatz des eigenen Einkommens für Miete ausgeben zu wollen und andererseits die blanke Existenz bedroht ist.
Mü: Also die Mieten steigen konstant an. Ich suche gerade eine neue Wohnung und es ist kaum noch bezahlbar. Ich sag mal, alle Brachflächen, die es mal gab, werden zugepflastert mit neuen Wohnungen. Neunzig Prozent davon im Hochpreissegment. Ich glaube, wir haben ein Connewitz noch so das Glück, dass alteingesessene Clubs sich selbst irgendwann mal gekauft haben. Die sind quasi safe, also es gibt hier eine gute Subkultur, die wird es wahrscheinlich auch noch lange geben, genau deswegen halt, aber ja, das wird auch immer teurer.
Gerd: Ich glaube auch, dass es da mehrere Dimensionen gibt. Und bis jetzt habe ich den Eindruck, dass obwohl die Mieten immer weiter steigen, trotzdem weiter coole Leute aus dem Punk-Kontext herkommen, die dieses Geld aber wie gesagt auch ausgeben können und wollen, um in diesem Stadtteil zu leben. Ich weiß aber nicht, was passieren würde, wenn alles immer teurer wird und die Gentrifizierung noch krasser zunimmt. Ob es an einen Kipppunkt käme und wie die Strukturen oder die Leute im Viertel dann reagieren würden, eben ob es dann größeren, aktiveren Widerstand gäbe. Bis jetzt ist es eine stetige, schleichende Veränderung und gleichzeitig leben viele in einer Art Connewitz- Blase, die sich sicher anfühlt.
Nadine: Das Schwierige ist dabei auch oft, dass ja meistens einzelne Häuser entmietet werden und es dadurch nur eine geringe Anzahl an Leuten zur gleichen Zeit betrifft. Daher findet wenig Solidarisierung statt und eine generelle Mobilisierung für das Thema fehlt. Es gibt zum Glück mittlerweile Initiativen wie die Vernetzung Süd. Diese ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich zu den Themen Wohnen/Mieten/Stadtentwicklung engagiert, und die wirklich mal versuchen, das auch politisch voranzutreiben. Die wollen das Thema langfristig öffentlichkeitswirksam repräsentieren und betroffene Leute begleiten und beraten.
Was mir noch wichtig zu sagen ist, dass es keinen anonymen Mob geben sollte, der über Angriffe auf Neubauten bestimmt, wer hier wohnen darf und wer nicht. Ich wünsche mir einen ausgewogenen Stadtteil, in dem sich alle Leute wohlfühlen und in dem jeder, der gerne hier wohnen möchte, auch wohnen kann. Auch wenn die Person ein teureres Auto fährt. Ich denke mir oft, es gibt Leute, die fahren Fahrräder für 4.000 Euro und mehr und das hinterfragt niemand. Das finde ich wirklich auch ein bisschen absurd. Ich will keine Kiezpolizei, die bestimmt, wer in Connewitz wohnen darf. Wohnen muss einfach ein Grundrecht sein und jeder Mensch muss das Recht auf angemessenen Wohnraum haben.
Gerd: Trotz aller Entwicklungen, ist es auf jeden Fall sehr angenehm in Connewitz zu wohnen. Gerade wenn man viele Leute im Viertel kennt, dann ist es ein bisschen wie auf dem Dorf, das ist schon ganz cool.
Bleiben wir in Leipzig, welche Bands aus dem Umkreis feiert ihr aktuell? In Leipzig gibt es ja Unmengen an Bands, habt ihr da Empfehlungen?
Horscht: In Leipzig gibt es viele Bands, die man kennen sollte. Ich finde Bands wie WRACKSPURTS und COLD SUMMER sehr gut. WRACKSPURTS gibt es seit zehn Jahren und sie kombinieren Grunge mit Emo-Einflüssen. COLD SUMMER ist eine etwas neuere Band, die sperrig-wavigen Punk mit German Lyrics macht und auch gut nach vorne geht.
Nadine: LAXISME ist eine Band, die ich als sehr vielversprechend empfinde. JOTA sind richtig gut, GLITCH und A9 auch.
Mü: GIFT sind Freunde von uns, mit denen wir auch schon auf Tour waren, und die zu empfehlen sind. Die Szene in Leipzig ist vielfältig, und es gibt viele junge Bands, die es wert sind, entdeckt zu werden.
Horscht: Ich habe vor kurzem auch FRAMING EFFECT gesehen, die spielen krassen Emo-Jazz, das war live sehr gut.
Nadine: Die Leipziger Punkszene ist eine große, vielfältige Gemeinschaft, in der man sich oft kennt oder wenigstens vom Sehen her vertraut ist. Es gibt viele Connections, auch wenn die Szene manchmal schwierig zu durchdringen ist. Besonders bei neuen Ideen oder jungen Leuten gibt es oft Herausforderungen. In Leipzig gibt es zwar viele junge Bands, aber die Szene kann manchmal altbacken wirken. Es ist jedoch immer schön zu sehen, dass junge Leute Interesse an der Musik haben und aktiv sind.
Aber sind deswegen nicht so viele junge Leute in der Szene? Oder sind die trotzdem am Start eurer Meinung nach?
Nadine: Ich würde sagen, die Leute machen andere Sachen. Und vielleicht ist die Nachwuchspolitik mancher Läden auch nicht die förderlichste.
Weil sie so streng sind, wer da spielen darf?
Nadine: Weil die etwas sehr eingeschworen sind und es nicht leicht ist, da so rein zu kommen.
Gerd: In gewissen Kontexten ist das schon so. Und dann hängt es auch glaube ich immer so ein bisschen von der Show ab. Wer da spielt und was da passiert. Ich habe gestern mit meiner anderen Band ANTES im Atari gespielt und es war viel 40+-Publikum anwesend, das sich über früher unterhalten hat. Und gleichzeitig waren viel junge Leute Anfang 20 da, die alle auch total punkig aussahen, die ich aber noch nie auf Konzerten gesehen habe und die alle Bands total abgefeiert haben.
Ich glaube vielleicht einfach, weil die oft in den Laden gehen oder in der Ecke wohnen und da war halt etwas los. Oder ich einfach nicht auf selben Veranstaltungen bin, weil ich da einfach zu alt bin und mir der Bezug fehlt.
Nadine: Ich weiß trotzdem nicht, ob du mit Screamo so richtig junge Leute hinterm Ofen hervorholen kannst. Also es ist irgendwie auch das Schöne an der Szene, dass die meisten Leute, die kommen, die hören die Musik ja wirklich auch schon seit vielen Jahren und das macht ja auch manchmal die Konzerte irgendwie besonders, dass man das Gefühl hat, die Leute haben da wirklich Lust drauf. Das ist halt irgendwie nicht so beliebig.
Horscht: Ich finde wir haben mit FLIRT schon einen Kleinteil dazu beigetragen, dass Leute angefangen haben, sich mit Screamo wieder mehr auseinanderzusetzen und zu hören. Und einen Punkeinfluss hört man uns ja auch an und es gibt Bier auf der Bühne, politische Ansagen, hinterher sind wir stark um- und zugänglich und der Abend nach einem Konzert läuft oft gut, denke ich.
Aber ist Screamo per se auch politisch?
Nadine: Also vielleicht nicht für jeden, aber ich denke mal für FLIRT ist das schon ein großer Aspekt. Den politischen Hintergrund zu haben und den haben wir auch. Ich würde nicht sagen, dass FLIRT per se politisch ist, aber dass wir als politische Menschen Musik machen und dass wir da auch Position beziehen.
Mü: Ich glaube auch die Art und Weise, wie wir die Band organisieren, in was für Läden wir spielen spiegelt das wider. Also ich spiele jetzt nicht in Grimma auf den Stadtfest oder so, wir spielen halt schon in ganz klar linken Läden zu 99%. Und unsere Texte, auch wenn sie quasi persönlich sind, haben trotzdem eine politische Ebene, etwa wenn man über Ausbeutungsverhältnisse schreibt. Ich würde schon sagen, dass die Screamo-Szene, wenn man das runterbrechen will, und Sreamo ist im Endeffekt auch nur Punk, im weiteren Sinne auf jeden Fall links und politisch ist.
Gerd: Ich finde auch, auf die anderen Screamo-Bands in Deutschland, die wir jetzt durch das Spielen kennengelernt haben und die Leute, mit denen wir so in Kontakt sind, trifft das so zu.
Mü: Was ich vorhin noch sagen wollte, zu diesem Nachwuchsproblem, was vielleicht die Punk-Szene generell hat. Meiner Wahrnehmung nach ist es auch so, dass vor 30 Jahren oder so, war halt Punk ein sicherer Hafen für so linke Jugendliche und da war das eine sehr politische Subkultur. Mittlerweile ist es aber glaube ich gar nicht mehr unbedingt so krass auf diese Musik festgesetzt. Also man kann sich, wenn man auf Techno steht, auch in linken Kontexten bewegen, und das war damals vielleicht noch nicht der Fall. Deswegen ist Punk vielleicht gar nicht mehr so omnipräsent oder so wichtig. Man kann sich auch in anderen, coolen Kontexten politisieren und ähnlich tickende Menschen treffen.
Nadine: Andererseits glaube ich, war damals ja der common sense tatsächlich auch Antifaschismus. Und ich glaube, das hat sich krass aufgegliedert, was so die Themen sind.
Absolut. Das finde ich auch immer wieder interessant, wenn ich mal an meine Jugend denke, wir hatten eigentlich nur ein Thema und das war Antifaschismus. Man war gegen Nazis, man hatte viele Auseinandersetzungen mit ihnen, man wollte sie nicht auf der Show, das war das große Thema. Wenn wir jetzt die ganzen Themen anschauen, Gleichberechtigung, Kolonialismus, solche Diskussionen gab es so gut wie nicht.
Nadine: Richtig, im Ursprung bei uns war es gegen Nazis sein. Es war halt auch ein relativ einfacher gemeinsamer Nenner. Und das hat sich jetzt natürlich alles vielmehr ausdifferenziert. Also das sich Leute viele neue Fragen stellen und sich da auch viele Sub-Szenen einfach entwickeln.
Ja, alleine wie viele Palästinenserflaggen gerade eben auf den 1. Mai-Demos zu sehen waren, das ist schon krass. Es geht viel kaputt gerade, aber vielleicht war die linke Szene sowieso nie so homogen, wie man das vielleicht gedacht hat.
Nadine: Ich habe zu Mü im Urlaub gesagt, Politik ist immer einfach, solange man sich einig ist. Und ich glaube, dass gerade in den letzten Jahren viele politische Diskussionen neu aufgekommen sind, die zum Teil wichtig sind, aber die auch sehr harsch diskutiert werden und ich bin tatsächlich auch mal gespannt, wo das noch hinführt.
Kommen wir langsam zum Schluss, was steht in nächster Zeit bei euch an?
Gerd: Wir werden noch den ein oder anderen Weekender spielen und dann haben wir relativ viele neue Songs, die wir dieses Jahr noch aufnehmen wollen um dann ne neue Platte zu machen. Es ist also einiges in Arbeit.
Interview: Lars Schubach
Fotos: Mxhdazlan