Fan-Tourbericht Die Toten Hosen in Argentinien 2022 (#225, 2024)
Fan-Tourbericht Toten Hosen / Argentinien 2022
Unter Toten Hosen Fans heißt es, das was man einmal erlebt haben sollte ist ein Heimspiel zu Weihnachten in Düsseldorf, eines der winzigen Konzerte im SO36 oder die Toten Hosen fern des Rheins in ihrer zweiten Heimat – in Argentinien.
2022 feierten die Toten Hosen nicht nur ihren 40. Bandgeburtstag, sondern gleichzeitig auch das dreißigjährige Jubiläum ihres ersten Auftritts in Buenos Aires 1992. Eine deutschsprachige Punkrockband in Argentinien? Das ist schon eine Story für sich. Eine der wenigen westlichen Bands die trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage immer wieder für schmales Geld in Argentinen gespielt hatte, die hier gefeiert werden wie die Rolling Stones, Menschen tragen Gesichtstattoos mit dem Schriftzug der Band und nicht erst seit der Punkrock-Staffelstab im März 1996 an die Toten Hosen übergeben worden war, nachdem sie auf der Abschiedstour der Ramones zusammen mit Iggy Pop im Stadion von River Plate aufgetreten waren.
Nun nach Frankfurt. Von hier wollte ich zu meinem kleinen Abenteuer aufbrechen. Sämtliche Freunde hatten sich während der Planung aus verschiedenen Gründen aus der Reisegruppe verabschiedet, die Zeit oder die Finanzen, da gab 1000 gute Gründe und so war es nun an mir alleine.
So konnte niemand das Entsetzen in meinem Gesicht sehen, als ich zugegebenermaßen relativ kurzfristig am Flughafen ankam und kurze Zeit später bis auf einen sämtliche Abfertigungsschalter wegen eines Streiks vor den Augen die Fluggäste geschlossen wurden. Das konnte doch nicht möglich sein. Da will ich einmal kurz zu den Hosen fliegen und verpasse erstmals in meinem Leben einen Flug. Das fing ja gut an.
Auf die Schockstarre folgte Hektik, Beschwerdemanagement und der unbedingte Wille, irgendwie noch heute Abend nach Buenos Aires zu kommen. Am kommenden Abend sollten die Hosen ihr erstes von vier geplanten Konzerten dort spielen.
Eine gute Stunde in etwa verbrachte ich gestikulierend und verzweifelt an letzten geöffneten Schalter. Nach dem Wochenende wäre ein Flug kein Problem – so aber würde ich die ersten beiden Konzerte der Hosen verpassen. Alles abblasen und nach Hause fahren? Dann Hoffnung: Ein einzelner Platz in einem anderen Flug über Afrika sei noch zu haben. Allerdings nur in der Businessclass und dieser würde pünktlich zu Konzertbeginn auf dem Flughafen Ezeiza landen. Letztere Information behielt ich jedoch für mich, um nicht für verrückt erklärt zu werden. Dann Ernüchterung: Der Preis! Unmöglich, tut mir leid, ich bin raus. Ich drehte mich schon halb um, da kam ich noch zur Unvernunft und sagte einfach nur: „Fuck it. I take it“
Es dauerte dann noch eine ganze Weile, da das Tageslimit meiner Kreditkarte den Preis nicht ansatzweise decken würde. Die geduldige Dame am Schalter probierte alles – letztendlich klappte es nur, weil ich den Restbetrag nach Ausreizung von Konto und Karte nach Rückfrage mit ihrem Chef auf ihr privates Paypal Konto hatte überweisen können.
Dann kam im Hintergrund schon der letzte Aufruf zum Boarding für eben jenen Flug. Auch jetzt reagierte die Dame geistesgegenwärtig, rief zwei nahe Polizeibeamten herbei, erklärte ihnen kurzfristig die Angelegenheit und so kam es, dass ich flankiert von zwei Polizisten im Dauerlauf durch die Abfertigungshalle und durch die Sicherheitskontrolle gebracht wurde und in buchstäblich letzter Sekunde das Flugzeug erreichte. Am Besten gar keinen Gedanken daran verschwenden, dass ich beinahe den zweiten Flug verpasst hätte, da es am Schalter so lange gedauert hatte. Ich wurde zu meinem Platz geführt, durchgeschwitzt und fertig mit den Nerven. Aber ich nahm noch die Blicke der wenigen anderen Passagiere in der Businessclass wahr. Was wohl so ein Typ mit Dreitagebart und Johnny Cash T-Shirt hier zu suchen hatte? Mir wars egal, denn anschließend bot man mir Champagner oder Gin Tonic an. Ich nahm beides und in Mengen und schlief irgendwann betrunken ein.
Mein kleiner Umweg führte dann über Addis Abeba und Sao Paulo bis ich am nächsten Abend, dem 21.10.2022 tatsächlich ziemlich genau um 20 Uhr doch noch in Buenos Aires landete – die Vorband betrat vermutlich genau im gleichen Moment die Bühne.
Ein Taxi erwischte ich sofort, erklärte dem Fahrer meine punkrockmissliche Situation und bat ihn, schneller zu fahren. Etwa eine Dreiviertelstunde dauerte die Fahrt gewöhnlich. Der Man gab alles, was sein altes Auto hergab, überschritt dabei die zulässige Höchstgeschwindigkeit um ein Vielfaches und als wir mit 140 Sachen rechts einen Polizeiwagen überholten sah ich meine Reise bereits vor weitere Probleme gestellt. Aber alles ging gut. Beim Hotel hielt er mit laufendem Motor vor der Tür, ich schmiss meinen Koffer hinter die Rezeption und weiter ging der wilde Ritt mit 100 Km/h durch die Innenstadt.
Mit quietschenden Reifen stoppten wir etwa 30 Minuten nach Verlassen des Flughafens direkt vorm Estadio Obras. Ich musste dreimal soviel zahlen wie üblich, aber das war mir mittlerweile natürlich total egal. Der Taxifahrer hatte schließlich alles gegeben. Sicherheitskontrolle. Herzklopfen.
Und zwei Minuten später schritt ich durch eine letzte geöffnete Tür in den Innenraum und stand unvermittelt quasi direkt vor der Bühne rechts und wurde mit „Liebeslied“ begrüßt. Später sollte ich anhand der Setlist erfahren, dass ich neben der Vorband nur die ersten fünf Songs verpasst hatte. Ohne Aufwärmen schwebte ich wie berauscht durch die Reihen und sang lauthalt mit, wildfremde Menschen fielen mir um den Hals, Pogo und Glückseeligkeit.
Mit so einer Songauswahl hatte ich nicht gerechnet, viele Hymnen der frühen Hosen die ich so von Konzerten aus Deutschland gar nicht mehr gewohnt bin. „Niemals einer Meinung“, „Halbstark“, „Wünsch dir was“, „Hier kommt Alex“, „Verschwende deine Zeit“, „Opel-Gang“, „Bis zum bitteren Ende“, „Musterbeispiel“… vor allem beim Letztgenannten konnte ich mein Glück gar nicht fassen. Nach insgesamt 31 Songs endete dieser berauschende Abend. Die Halle spie nun tausende Fans hinaus auf die circa sechsspurige Hauptstraße und entließ sie in eine warme Sommernacht. An Autoverkehr war hier jedoch nicht mehr zu denken: Auf allen Fahrspuren saßen Hosen Fans.
Es wurde Bier getrunken, getanzt, gelacht, von allen Seiten drangen die Gesänge der Menge durch die Nacht, überall Straßenhändler mit Shirts, Patches, Mützen und allem was man bedrucken konnte. Alles Bootlegs mit teilweise haarsträubenden Schreibfehlern und von unterirdischer Qualität. Es folgte eine riesengroße Party, die später in den umliegenden Bars weiterging und nach einer ganzen Weile verließ ich mit einem Uber diese fantastische Szenerie und wir gaben den Autos ihre Straße zurück. Ich checkte im Hotel ein und fiel totmüde ins Bett. Ich hatte es geschafft.
Am Samstag schlief ich aus, war ein bisschen platt von dem Trip und dem Zeitunterschied. Später erkundigte ich ein wenig die Gegend und musste auch feststellen, dass mein Hotel etwas runtergekommen war, um es mal freundlich auszudrücken. Dafür lag es schön zentral. Sollte ich eines Tages mal in ein Gefängnis müssen, so bildete ich mir ein, wäre ich durch die bloße Einrichtung meines Zimmers ein klein bisschen darauf vorbereitet.
Bei einem Phil hatte ich über Ebay Kleinanzeigen ein Ticket für den heutigen zweiten Abend der Toten Hosen gekauft. Der Club heute Abend war wie gestern das Estadio Obras. Mit Phil verabredete ich mich dann in einer Bar, um uns kennenzulernen und das eine oder andere Getränk zu verhaften. So saßen später vier Toten Hosen Fans aus Deutschland und der Schweiz in einer Bar in Buenos Aires und stießen auf das Leben an. Natürlich konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr ich diesen Cuba Libre in der Bar hätte genießen sollen. Die Bar füllte sich zusehends mit Toten Hosen Fans aus aller Welt und gemeinsam brachen wir zum Club gleich um die Ecke auf. Schon bizarr die Straßen dieser Stadt am anderen Ende der Welt nun geflutet mit Trikots der DEG und von Fortuna Düsseldorf zu sehen.
Diesmal waren wir überpünktlich vor Ort. In dem Club gab es an diesem Abend genau vier Getränke: Wasser, Bier, Cola und eine Delikatesse namens Fernet Cola.Was soll ich sagen als Nichtbiertrinker? Aber wer zum Teufel denkt sich sowas wie Fernet Cola aus? Und warum? Ich vermute jetzt mal, dass der Rest der Welt kein Fernet Branca trinkt und das ganze Zeug dann halt hierher exportiert wird. In Buenos Aires ist das quasi sowas wie das nationale Feiergetränk. Naja, Augen zu und durch. Und dann endlich: Erste Reihe, die Vorband „Zona 84“ hatten wir an der Bar stehend verpasst.
Wenn das Konzert Gestern schon fantastisch gewesen war – wie gut war das bitte Heute? So Spielfreudig, wild und entfesselt hatte ich die Hosen seit über zwei Dekaden nicht mehr erlebt. Sie grinsten nonstop auf der Bühne und statt drögem „An Tagen wie diesen“ gab es wieder die volle Punkrockbreitseite mit Hits der früheren Hosen, viele Coversongs von argentinischen Bands, die die Hosen auch teilweise auf der Bühne unterstützten. Die grundsätzlich textsichere Menge rastete dann total aus und sang so laut, das die Hosen phasenweise kaum zu hören waren. Gänsehaut!
Ich war plötzlich wieder 15 – Ich hüpfte, tanzte und schrie jede Zeile lauthals mit. Campino versuchte sich in spanischen Ansagen, wobei ihm dann regelmäßig Breiti, der fließend spanisch spricht, zur Seite sprang und alles fürs Publikum übersetzte. Auch die Setlist heute konnte sich sehen lassen: Schlappe 31 Songs in über zwei Stunden, meine persönlichen Highlights waren „Halbstark“, „Mehr davon“, „All die ganzen Jahre“, „Schönen Gruß, auf Wiederseh`n“ oder „Liebesspieler“. Einen brandneuen Song spielten die Hosen übrigens an fast jedem Abend: „Alle sagen das“ – ein Banger den die Hosen auch in den 80er Jahren geschrieben hätten haben können.
Nach dem Konzert die gleiche Straßenparty wie am Vorabend, in den Bars der Stadt wurden dann noch die ganze Nacht Hosen Partys gefeiert. Ist ja nichts besonderes, dass in Bars in Buenos Aires die Musik einer deutschsprachigen Band läuft, teilweise Altbier ausgeschenkt wurde und die Trikotdichte eher dem Besuch des Düsseldorfer Rheinstadion entsprach.
Es hieß, die Hosen würden sich die Tage in das goldene Buch der Stadt eintragen, sie wären hier und dort zu treffen und erstmals hörte ich von einem kleinen Geheimkonzert. Feierabend für mich und zurück in meine bescheidene Behausung.
Am Sonntag, dem 23. Oktober hatte ich erstmals Hosenfrei. Nicht ganz natürlich – auf dem Weg ins Viertel La Boca fuhr Andy mit dem Fahrrad an mir vorbei. La Boca ist ein wunderschönes Viertel, das ich wärmstens empfehlen kann und Heimat des berühmten Fußballclubs Boca Juniors. Hier startete einst ein gewisser Diego Maradona seine Weltkarriere.
Das ganze Viertel war heute blau-gelb, was ich als Fan von Eintracht Braunschweig ziemlich ok fand. Die Boca Juniors spielten heute Nachmittag. Ich hörte, es sei ein wichtiges Spiel, so versuchte ich ein Ticket fürs Stadion zu bekommen. Am Ticketschalter lachten sie mich aus, das Spiel sei seit Wochen ausverkauft und zehntausende Tickets mehr hätten noch verkauft werden können.
Überall rund ums Stadion wurde auf den Straßen gegrillt, Bier und Obst verkauft. Ich ergatterte durch meinen Touri-Bonus einen letzten Platz in einer völlig überfüllten Fankneipe und genoss das Spiel bei Pizza und Mirinda Limo. Auch die steht hier hoch im Kurs. Die Boca Juniors spielten 2:2, die Kneipe rastete aus, alle sangen lauthals und tanzten auf den Tischen ehe sie diese zerschlugen.
Was passiert war wusste ich nicht, obwohl es mir mehrfach euphorisch und emotional auf spanisch erklärt worden war. Ich ließ mich treiben von der Stimmung und erlebte ein kollektives Ausrasten dieser beschaulichen Kleinstadt: Abertausende Menschen zogen durch die Straßen, Autokorsi, Feuerwerk und Pyro. Menschen tanzten auf Linienbussen die zum Erliegen kamen und auf Müllwagen.
Verkehrsschiler wurden erklommen, auf Dächern wurde ebenso getanzt wie auf Bushaltestellen. Der Lärm und die Euphorie waren unbeschreiblich. Und alles war blau-gelb. Auch ich hatte ein gelbes Cap auf und eine blaue Jacke an und so umarmten mich wildfremde Menschen, klatschten mit mir ab und hoben mich hoch. Und ich hatte noch keine Ahnung, dass ich soeben per Zufall argentinischer Fußballmeister geworden war.
Die Konstellation vor dem Spiel war tricky, der Spielverlauf dramatisch und nur durch die last-minute Schützenhilfe ihres gehassten Erzfeindes River Plate wurde noch unverhofft die eigentlich schon abgeschriebene Meisterschaft gewonnen. Das konnte ich jedoch erst zwei Tage später im Kicker nachlesen. Wahnsinn! Ob die Hosen Tickets für dieses Spiel bekommen hatten? Ich bin mir sicher!
Die ganze Nacht über war der Lärm unbeschreiblich und die ganze „Avenida 9 de Julio“, die mit 16 Fahrstreifen breiteste Straße der Welt eine riesige Feiermeile. Pech, dass mein Hotel nur wenige Meter weiter in einer Seitenstraße lag, das defekte Fenster sich nicht schließen ließ aber ich war ja auch nicht zum Schlafen in die argentinische Metropole gekommen.
Es war bombig warm in Buenos Aires, ich erkundete in den kommenden Tagen die Stadt, kannte mich mittlerweile auch schon ganz gut aus in Montserrat. Unbedingt zu empfehlen ist der wunderschöne Hafen „Puerto Madero“, der berühmte Friedhof „La Recoleta“ oder das „Museo Nacional de Bellas Artes“, die „Frauen-Brücke“ oder die „Metropolitan Cathedral“. Und wohin ich auch ging sah ich Leute mit Toten Hosen Shirts und wie selbstverständlich grüßte man sich.
Mit veganem Essen ist es sehr schwer in der Stadt, meistens gab es daher nur Chips und so war ich heilfroh, einmal einen veganen Burgerladen entdeckt zu haben und dort liefen dann auch noch The Cure. Und ich konnte dort sogar in Dollar bezahlen. Grundsätzlich wird der Dollar in Argentinien nämlich als heimliches Hauptzahlungsmittel angegeben, verlasst euch da bloß nicht drauf, acht von zehn Geschäften machen das nicht.
Die ganze Stadt ist sehr beeindruckend und steckt voller Gegensätze, fantastische Stadtvillen im Kolonialstil, überall prächtige Bauten und wunderschöne Plätze, aber auch heftige Armut ist überall zu sehen. Die Menschen sind offen, freundlich und hilfsbereit. Beschriebe ich ein oberflächliches Bild, so würde ich sagen, die Menschen aus Buenos Aires lieben Jogginghosen, Fernet Branca, Luftschokolade und die Idee auf möglichst kleiner Grundfläche ein möglichst hohes Hochhaus nach oben zu ziehen. Sieht teilweise sehr witzig aus. Dazu wird jede freie Fläche, egal wo, egal in welcher Höhe mit Reklametafeln zugeballert.
Heute ist mein Geburtstag – der 25. Oktober! Ich gönne mir nach dem Ausschlafen eine Pizza in einem Restaurant und bleibe dort ewig sitzen und beobachte die Menschen, immerhin akzeptieren sie hier Dollars, das muss ich ausnutzen. Ich war heute hier mit einem Hosen Fan verabredet, leider hat meine Verabredung abgesagt und so fühle ich mich kurzfristig etwas verloren – alleine an meinem Geburtstag in dieser riesigen Stadt.
Aber um 16 Uhr sollte heute eine lange ausverkaufte Lesung von Campino aus seinem Buch „Hope Street“ stattfinden. Da geht es um seine Liebe zum FC Liverpool – für einige im Buch vorkommende Songs soll er dabei von Kuddel auf der Akustikgitarre begleitet werden, so war zu hören. Campino kann nur bruchstückhaft Spanisch, ich war gespannt. Ich hatte ja nicht einmal ein Ticket, das Roxy sollte sehr klein, bestuhlt und mit 200 Leuten restlos ausverkauft sein. „No chance!“ wurde mir entsprechend auf Nachfrage mitgeteilt. Am Ende blieben fünf traurige deutsche Gestalten ohne Ticket vor der Tür. An meinem Geburtstag! Das konnte ich so nicht geschehen lassen!
Ich kramte also meinen Reisepass raus um nochmal mein Glück zu probieren und die Geburtstagsnummer auszuspielen. Hoffnung. Die Dame verschwand nach drinnen um Rücksprache zu halten. Ein paar Minuten später kam sie zurück, sagte „Happy birthday“ und fragte, ob ich und meine Gäste wirklich nur zu fünft wären. „Si!“ antwortete ich brav und plötzlich hatte ich doch Gäste. Gegen eine kleine Spende durften wir dann also doch noch rein. Ich und meine unbekannten Geburtstagsgäste, die ihr Glück kaum fassen konnten. Auch ich konnte mein Glück nicht fassen.
Wenige Augenblick später ging es schon los. 200 Leute saßen – fünf Leute standen. Campino setzte sich an einem mit einem Liverpool Schal dekorierten Tisch und las tatsächlich auf Spanisch. Er las ab und bemühte sich um eine verständliche Aussprache. Er trank viel Wein, lachte, fluchte und war zumindest stets bemüht. Nach dem Kapitel das viel an Campinos Nerven gezehrt haben musste gab es zwei Akustiksongs mit Kuddel. Insgesamt sollten sie während der gesamten Lesung etwa acht Songs spielen, darunter eine tolle Akustikversion von „Liebeslied“ und einen total unter die Haut gehenden Song von Johnny Cash, den er auf der Beerdigung seines Vaters gespielt haben soll. All diese Songs finden sich auf dem Album „Learning English Part3 – Mersey Beat“.
Ein zweites Kapitel las dann völlig überraschend Breiti im natürlich perfekten Spanisch.Dann ein drittes Kapitel. Gelesen von einem Freund der Band aus Buenos Aires. Ich hatte bis hierher noch kein Wort verstanden, kannte das Buch aber dennoch gut genug, um an den richtigen Stellen zu lachen und die Kapitel wiederzuerkennen. Campino trank derweil auf einem Sofa sitzend munter weiter und verstand vermutlich selbst kein Wort. Für ein viertes Kapitel war der Sänger der Hosen dann aber wieder selbst zuständig. Man merkte, wie betrunken er inzwischen war und wie er sich abmühte, wie er mit der Sprache kämpfte. Er las immer wilder und konfuser, teilweise wurden Sätze zigfach in der Hoffnung wiederholt, die Worte nun aber endlich richtig auszusprechen.
Dann plötzlich das: „Fuck that shit – the band is here!“
Ich krieg fast nen Herzinfarkt. Campino springt auf, die Lesebanner werden eingerollt, der Tisch in die Ecke geschoben, die komplett Band betritt die Bühne. Es folgt ein über einstündiges semiakustisches Konzert mit selten gespielten Songs. The Clash werden z.B. gecovert, „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones und Campino ist sehr betrunken. Natürlich steht die Menge jetzt, alle 205 Gäste. Ich habe Gänsehaut, sehe sogar großzügig über das erstmals gespielte „An Tagen wie diesen“ hinweg – das ganze Publikum singt lautstark mit und hilft so Campino, der die eine oder andere Zeile vergisst an diesem Abend.
Sollte dies etwa jenes Geheimkonzert sein über das viel getuschelt worden war? Und ich mitten drin? An meinem Geburtstag? Auf dem langen Heimweg vom Roxy im Stadtteil Palermo in die Innenstadt kehrte ich noch in einer Bar ein und musste nicht einmal Fernet-Cola trinken, da sie Rum auf der Karte hatten. Ein perfekter Abschluss eines fantastischen Tages. Fast so, als hätte ich Geburtstag gehabt.
Vor jeder Reise in neue Länder checke ich die Sicherheitslage vorab im Netz. Wie sicher ist es dort für Touristen – wie muss ich mich verhalten, wie ist die politische Lage vor Ort, was sagt das Auswärtige Amt? Für Buenos Aires war davon abgeraten worden sich nachts alleine in Randbezirken zu bewegen oder auf abseitigen Straßen aufzuhalten. Wertsachen solle man gut am Körper verstecken, selbst ein altes, nicht mehr benutztes Smartphone trage ich zur Ablenkung bei mir.
Jetzt sitze ich hier nachts kurz nach halb eins am 26. Oktober in meinem Knastzimmer und bin ganz schön angeschlagen: Die Nase blutig, ein Büschel Haare ausgerissen, Schrammen und Druckstellen am ganzen Körper. Mein Nacken sehnt sich nach einem Kühlpack, mein Schädel brummt. Was war passiert?
Der Tag startete ganz beschaulich. Dusche an, kalter Strahl auf alten Mann. Dann ein Frühstück aus Chips und Cola, von gesunder Ernährung bin ich nach wie vor Lichtjahre entfernt.
Es regnet, so verbringe ich den halben Tag auf meinem luxeriösen Zimmer. Am frühen Nachmittag mache ich mich zu Fuß zum ca. 1Km entfernten Club „La Trastienda“ auf, wo heute Abend wieder unsere Freunde aus Düsseldorf auftreten sollten. Jenes Konzert war binnen weniger Minuten ausverkauft gewesen und so stand ich erneut ohne Ticket da. Es sollte das vorletzte Konzert ihrer Argentinien Tour werden, am Freitag spielen sie das letzte Konzert im Süden des Landes in Tandil. Dafür hatte ich ein Ticket. Beim Kauf dieses Ticket hieß es „Einzugsgebiet von Buenos Aires“ und mein Plan sah vor, dort mit anderen Fans mit einem Taxi hinzufahren, nachts zurückzufahren, denn am nächsten Morgen sollte mein Flug nach Hause gehen, den ich diesmal vorhatte zu erwischen. Dieses „Einzugsgebiet“ entpuppte sich aber als über 400Km entfernt.
Mein Plan war daher, das letzte Konzert aus Gründen der Vernunft sausen zu lassen, wenn, ja wenn ich dafür auf das heutige ausverkaufte Konzert käme.
Deswegen stand ich nun schon am frühen Nachmittag mit meinem selbstgemalten mehrsprachigen Schild vor dem Club und hielt es jedem unter die Nase, einige Fans waren zum Glück auch schon früh da. Alle winkten ab.
Zwei einheimische Punker machten mit Zischgeräuschen auf sich aufmerksam und deuteten mir an, ihnen in eine kleine Seitenstraße zu folgen. Das tat ich natürlich. Ein Ticket hätten sie noch zum Preis von 100 Dollar. Es folgten zähe Verhandlungen mit Händen und Füßen – am Ende kaufte ich ihnen das ausgedruckte Online Ticket für 50 Dollar Plus dem Ticket für Tandil ab. Sie verschwanden sofort.
Die nächsten drei Stunden stand ich voller Ungewissheit ganze vorne in der rasant länger werdenden Schlange. War das ein offizielles Ticket? Wie oft hatten sie dieses Ticket evtl. ausgedruckt und verkauft? Würde ich reinkommen? Die Warterei war kaum auszuhalten..
Endlich ging der Einlass los, immerhin war ich der erste in der Schlange. Code gescannt.. grünes Licht! Alter! Aber kaum hatte ich den winzigen Club (Fassungsvermögen würde ich auf 500 Personen schätzen) betreten, hörte ich diese Stimme. „Senor… No, no!“ Dann eine Hand auf meiner Schulter.
Ich tat naiv. Eine Dame vom Einlass begleitete mich energisch links eine Treppe hoch und führte mich an einen Tisch. Ich hatte anscheinend ein Sitzplatzticket im Oberrang erstanden mit einem fantastischen Blick direkt auf die Bühne unter mir. Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon dort runterdiven.
Nach einigen Minuten erschien ein Fan auf der Treppe und fragte wie selbstverständlich auf Deutsch, ob jemand mit ihr tauschen wolle, aufgrund einer OP müsse sie besser sitzen. Da ließ ich mich nicht lange bitten. Was für einen Lauf hatte ich denn bitte – sollte das alles die Entschädigung für den krassen Hinflug sein?
Und so stand ich nun plötzlich und unverhofft mittig direkt vor der Bühne. Was für ein kleiner Club für eine Band wie die Hosen: Die Bühne kaum größer als in unserem heimischen Nexus, kaum Traversen – alles wie beim freundlichen JUZ ums Eck. Ein Sidedrop mit dem Hosen Logo aus dem Estadio Obras diente heute als Backdrop, das beschreibt ganz gut das Größenverhältnis.
Die Vorband war gut, aber abgehakt. Die Hosen erschienen auf der winzigen Bühne und der Überlebenskampf brach aus. Im Sekundentakt flogen Menschen über mich hinweg, Menschen sprangen vom Oberrang und pausenlos stagedivten gerne auch mal zwei oder vier Menschen gleichzeitig, es war brutal.
Zuletzt hatte ich sowas in Ansätzen beim Abschiedskonzert von Yuppicide im gefährlich überfüllten Akku in Immenhausen 1995 erlebt. Mein Excel T-Shirt wurde damals zerrissen und ich trug eine Rippenprellung davon. Aber das war nichts gegen das Konzert heute. Total zusammengequetscht rastete die Menge aus, teilweise war es verantwortungslos. Ich versuchte zu filmen und Fotos zu machen, es war schlicht und ergreifend so gut wie unmöglich. Ich bekam ständig Tritte in den Nacken und ins Gesicht, ich hätte als Werbegesicht für Deichmann groß rauskommen können. Ich hatte keine Angst, jedoch war es mega heftig.
Die Hosen trugen ihren Teil dazu bei, sie feuerten einfach Hits für Fans ab, ich glaubte meinen Ohren kaum: „Born to lose“, „1000 gute Gründe“, „Achterbahn“, „Reisefieber“, „All die ganzen Jahre“, „Wir sind bereit“, „Disko in Moskau“… so viele legendäre Hits aus ihrer Frühzeit, ich checkte es nicht. Es war auch das bisher längste Set ihrer Konzerte hier in Argentinien. Die Band kam wieder und immer wieder auf die Bühne und diskutierte schon, was man denn noch spielen könne.
Am Ende kamen Campino und Kuddel zu zweit auf die Bühne und spielten das akustische „Draußen vor der Tür“. Beziehungsweise probierten sie es. Und das zweimal. Beide Male musste Campino unter Tränen abbrechen. Der Song handelt vom Tod seines Vaters. Dann kam eben der Rest der Band zurück und man gab kurzerhand noch „Verschwende deine Zeit“ und „Bommerlunder“ zum besten.
Am Ende war ich froh, diesen Abend gut überstanden zu haben, es ist keine Übertreibung, dieses Konzert als das härteste meines Lebens zu bezeichnen. Anscheinend war niemandem etwas schlimmes passiert, ich bin zwar mehrfach mit dem Kopf auf der Metallabsperrung vor mir aufgeschlagen, wenn grade wieder drei Leute über mich flogen, ich bekam kaum Luft und war bis auf die Unterwäsche durchgeschwitzt – aber leider war es so geil und ich befürchte, dass ich die Hosen so in meinem Leben vermutlich nicht mehr erleben werde.
Vor der Tür kaufte ich mir eine Flasche Wasser für meine letzten fünf Dollar, zog mein klitschnasses T-Shirt aus und wankte glücklich und grinsend durch die warme Nacht zurück zu meinem Hotel.
Ich bin heilfroh, diese verrückte Reise angetreten zu haben. Jeder Cent und jede Minute war es wert gewesen. Die kommenden Tage musste ich mich von den letzten Abend erholen, mein rechtes Auge hatte in der Zwischenzeit eine schöne Färbung angenommen, dort wo mich ein Tritt punktgenau und fachgerecht getroffen hatte.
Mit Ibuprofen kam ich durch die Nacht und am Samstag in nur 45 Minuten pünktlich zum Flughafen und ich bereute es nicht, das letzte Konzert in Tandil verpasst zu haben. Die Sonnte brannte am letzten Tag und so konnte ich guten Gewissens die Heimreise antreten.
Und das war sie nun, meine Geschichte über diese Punkrockband aus Düsseldorf, die im Alter von etwa 14 Jahren in mein Leben getreten war und dieses nachhaltig verändert hat.
Alle Fotos von Christian Rank.
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22.10.2022 estadio obras 2
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28.10.2022 tandil