Dezember 31st, 2025

Chinese Football (#226, 2024)

Posted in interview by Jan

Klären wir die dringendste (und damit auch langweiligste) Frage gleich am Anfang. Vermutlich kennen die meisten Menschen, die diese Ausgabe des Trust in der Hand halten, die amerikanische Band American Football. Oder haben zumindest schon mal von ihnen gehört. Weniger bekannt dürfte das chinesische Gegenstück Chinese Football sein. Als Chinese Football sich gründete, war das amerikanische Original allerdings nicht (mehr) existent.
Als einziges Gründungsmitglied kannte Xu Bo die Musik der Amerikaner und rechnete nicht damit, dass seine neue Band jemals mit den Vorbildern verglichen wird, weil sie zumindest in China einfach in Vergessenheit geraten sind. Die weiteren Mitglieder von Chinese Football lernten die Musik von American Football erst später kennen.

Vielleicht sogar erst, als Chinese Football die Supportband von American Football auf deren Chinatour war. Ein paar Jahre später revanchierten sich die Chines:innen dann und nahmen Mike Kinsella (von American Football) mit auf Japantour. Chinese Football stammen aus Wuhan. Ich verzichte an dieser Stelle auf Fragen nach Covid oder irgendwelchen Essgewohnheiten. Davon haben wir alle wohl schon viel zu viel gehört.

Oftmals wird aber ein Musikgenre mit einem Ort verbunden. Grunge mit Seattle, Hamburger Schule eben mit Hamburg, Hardcore mit New York und Emo mit dem Mittleren Westen der USA. American Football stammen zum Beispiel aus Urbana, Illinois. Das macht sie zu einem Paradebeispiel für eine Emoband. Dass das ein Stück weit natürlich auch Quatsch ist, haben Bands wie Modern Saints, Pale oder Soulmate aus der (mehr oder weniger) norddeutschen Provinz bewiesen.

Dass Musik trotzdem universeller ist und nichts mit einem Ort, sondern einer Leidenschaft und Gefühlen zu tun hat, das beweisen Chinese Football mit ihrer Musik, welche so träumerisch und selbstverständlich sanften Punkrock mit Indie-Rock verbindet, dass eben nur Emo rauskommen kann. Und irgendwie gibt es dann doch eine Verbindung zwischen all den Midwestern Emobands, den Gruppen aus der norddeutschen Provinz und Chinese Football. Sie alle stammen irgendwie aus Kleinstädten. Zwar hat Wuhan, die Geburtsstadt von Chinese Football mehrere Millionen Einwohner:innen und kann kaum als Kleinstadt gelten.

Aber im Verhältnis zu den Metropolen Shanghai, Peking oder Chongqing ist Wuhan doch eher klein. Sänger und Gitarrist Xu Bo sieht das allerdings als überholte Vorstellung an und meint, in Zeiten von flächendeckendem Internet kann Musik überall und zur jeder Zeit von Menschen entstehen, die das Bedürfnis haben, sich entsprechend auszudrücken. Trotzdem entstand und entsteht Emo immer noch sehr häufig in eher kleineren oder mittelgroßen Städten – da, wo das Leben vielleicht noch etwas langsamer ist. Das kann ja kein Zufall sein. An Orten, wo nicht alles gleich hip, aber dafür ehrlich ist. Das ist auch so ein Emo-Attribut, welches Chinese Football auch verkörpern und welches in jedem Ton und jeder Rhythmik zu hören ist.

Xu Bo sagt, dass Wuhan einst als Punk Rock City in China verschrien war. Und obwohl in China so was wie eine kleine Independent-Szene existiert, ist das Subgenre Emo nicht besonders verbreitet, weil es schlicht zu wenig Bands aus diesem Bereich gibt. Doch auch hier spielt das Internet für Xu Bo eine große Rolle (wie eigentlich in jedem Lebensbereich in China – schließlich verbreitete sich das Internet zu einer Zeit so schnell, als viele Menschen in China nicht mal einen Festnetzanschluss hatten und sofort ins digitale Zeitalter sprangen) weil sich Fans und Bands in einem so großen Land wie China es ist, viel schneller virtuell treffen können.

Die Indie-Szene ist damit nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern kann im Internet überall stattfinden. Dass das innerhalb Chinas funktioniert, ist klar, allerdings sind die Songs von Chinese Football unter anderem auch bei Youtube zu finden. Zunächst habe ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht, zu normal ist es für mich, das Portal zu nutzen, um neue Musik kennenzulernen. Allerdings ist Youtube in China gesperrt und geblockt. Als ich wissen möchte, wie die Songs es trotzdem auf die Plattform schaffen, sagt Xu Bo nur, dass es immer einen Weg im Internet gibt. In Europa und den USA hat Chinese Football Hilfe von Dog Knight Productions, die die Alben und EPs auf Vinyl veröffentlichen und in Japan unterstützt Imakinn Records, indem die Firma CDs von Chinese Football rausbringt.

In seinen Texten fantasiert Sänger Xu Bo auf Mandarin über den Frust der Jugend und die Verwirrungen des Lebens. Es handelt sich um Texte aus dem eigenen Leben, denn nur so können sie laut Xu Bo die Menschen wirklich erreichen. Und obwohl hier kaum ein Wort verstanden wird, weil die wenigsten Menschen im Westen der chinesischen Sprache so mächtig sein werden, dass sie Xu Bo folgen können, ist da trotzdem eine Vertrautheit vorhanden. Ein tiefes und unerklärbares Wissen, um was es (in einem Song, einem Blick, einem Leben) geht oder gehen sollte. Xu Bo hat dafür keine richtige Erklärung und wirkt in seiner Antwort eher introvertiert. Vielleicht sind es die Emotionen und die Melodien, die den Menschen das Gefühl geben, den Song zu erkennen, behauptet er.

Etwas Unterstützung erhalten die Hörenden durch übersetzte Songtitel, die Xu Bo für ausländische Plattformen wählt. Im Original sind allerdings nicht nur die Texte, sondern auch die Titel auf Chinesisch gehalten. Tatsächlich ist es so, dass Xu Bo die englische Übersetzung deutlich einfacher fällt, als das Schreiben der Texte in Chinesisch. Die Aussprache ist sehr komplex und der Ton (es gibt vier: auf- und absteigend, gleichbleibend sowie erst ab- dann aufsteigend) kann im starken Kontrast zur Musik stehen.

Deshalb verwendet Xu Bo viel Zeit für seine Texte, ehe er wirklich zufrieden ist. Das scheint selten der Fall zu sein, zumindest beschreibt Xu Bo einen Wunsch, immer besser zu werden. In der Vergangenheit und bei seinem Soloprojekt textete Xu Bo in englischer Sprache. Bei Chinese Football war es ihm hingegen sofort klar, in seiner Muttersprache Texte zu verfassen, weil er mehr persönliche Gefühle in seiner Arbeit einfließen lassen wollte. Das gelang ihm nur in seiner Muttersprache.

Im Sommer 2023 befinden sich Chinese Football zum ersten Mal auf Europa-Tour, nachdem sie bereits ausgiebig in China, Japan und Südostasien getourt sind. Xu Bo stellt als großen Unterschied fest, dass die Clubs in China mittlerweile bessere Soundtechnik besitzen als in Europa. Auch dieser Aspekt hängt damit zusammen, dass große Teile Chinas das analoge Zeitalter schlichtweg übersprungen haben und direkt in die digitale Welt eingestiegen sind.

Innerhalb Chinas setzt die Band auf das über die Jahre aufgebaute Schnellzugsystem, mit dem sie ganz einfach 30-40 Städte erreichen können, sagt Xu Bo. So dauert eine Fahrt von Wuhan ins über tausend Kilometer entfernte Shanghai mittlerweile nur noch wenige Stunden und ist in der Regel auf die Minute pünktlich. Noch vor zehn Jahren dauerte die Nachtfahrt über zwölf Stunden und hatte gut und gerne ein bis zwei Stunden Verspätung, weil die Kohlezüge aus den Bergen an die Küste vor allem in den Wintermonaten stets Vorfahrt hatten.

Zumindest die Konzerte in London (zu sehen auf einem Live-Mitschnitt auf Youtube) und Bremen sind gut besucht. Natürlich ziehen Chinese Football ein paar Leute aus der chinesischen Community, aber auch die übliche Mischung aus Interessierten, Punks und Indie-Kids kommen zu den Shows. Chinese Football spielen laut und sind an ihren Instrumenten sehr präzise, was für diese Form von Musik sehr wichtig ist. Auf der Bühne wird kaum geredet und nur wenige Ansagen gemacht. Xia Chao prügelt auf ihr Schlagzeug ein, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

Als sei sie von dieser Form von Rockmusik völlig unterfordert. Nach dem Konzert angesprochen freut sie sich aber sehr über Lob und ist gar nicht so unnahbar, wie sie auf der Bühne wirkt. Am Merch-Stand stehen die Leute derweil Schlange und reißen (trotz der doch sehr hohen Preise) der Band das Vinyl aus den Händen. Wann gäbe es wohl wieder die Chance, von der Band etwas zu kaufen ist der Tenor der Kaufenden. Nach der Tour planen Chinese Football eine kurze Pause, ehe sie neue Musik aufnehmen und an noch mehr Orten der Welt touren wollen, um noch mehr neue Leute kennenzulernen.

Text und Interview: Claas Reiners
Mitarbeit: Kira Sackmann

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