Belgrad (#229, 2024/2025)
Leo, Stephan und Hendrik sind die Band Belgrad. Ohne Ankündigung oder Vorab-Teaser veröffentlichten sie im April von einer Nacht auf die andere ihr Album Lysis. Solche Aktionen können sich sonst nur Beyoncé oder Taylor Swift erlauben. Oder eben drei etwas ältere Postpunker aus Hamburg und Berlin. Und anders als der allgemeine Trend vorgibt, dass Songs immer kürzer werden, um das schnell gelangweilte Spotify-Publikum mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches bei Laune zu halten, sind die Lieder auf Lysis fast allesamt jeweils fünf Minuten lang.
Es ist anstrengend, Lysis zu hören. Was schlichtweg bedeutet, wir sind es nicht mehr gewohnt, zuzuhören. Ich empfehle an dieser Stelle, sich dem Album langsam und Stück für Stück zu nähern. Jeden Tag nur einen Song zu hören ist eine gute Herangehensweise. Am sinnvollsten alleine, in Ruhe, auf Kopfhörern. Lysis ist ein Kopfhörer-Album. Am Ende des Albums angekommen brauchst du dann eine Pause. Einfach keine Einflüsse, die weiter auf dich einprasseln. Ein dunkler, stiller Raum, um runterzukommen. Denn auf Lysis werden tatsächlich Geschichten erzählt. Wie die von Rachel & Joseph, die sich für dreihundert Dollar eine Karre holen und damit in den Jushua Tree Nationalpark fahren. Allerdings mit einer kaputten Tankanzeige, wie es im Song heißt.
Verloren in der Wüste versuchen die beiden jungen Menschen den Weg zurück in die Zivilisation zu finden. Und scheitern. Die Geschichte von Rachel (Nguyen) und Joseph (Orbeso) ist wahr. Die Gefühle, die in dem gleichnamigen Lied transportiert werden, sind fiktionalisiert. Denn als sie starben, waren sie (nicht) allein. Sie hatten zwar sich, aber konnten ihre Geschichte mit niemanden teilen. Das tun Belgrad nun auf einer erstaunlichen Art und Weise, wenn sie in kurzen, aber prägnanten Sätzen vom Autokauf erzählen, was sie für die Fahrt einpackten (zu wenig Wasser, aber intuitiv den Revolver). Am vierten Abend unterstellen Belgrad Rachel und Joseph einen ersten Streit. Wasser und Proviant sind weg. Was nicht weg ist, ist der Revolver. Den Rest kann sich gedacht oder bei Belgrad gehört werden.
„Rachel & Joseph zeigt gut, welche Möglichkeiten im Ausdruck zur Verfügung stehen, wenn das gewohnte Reimschema verlassen wird“, erklärt Leo die textliche Herangehensweise an das gesamte Album am Beispiel dieses Liedes. Musikalisch wird das Stück von einem harten und gleichbleibenden Schlagzeugbeat und einem wummernden Bass getrieben, der am Höhepunkt der Erzählung seine prominenteste Stelle erfährt. Keyboardflächen und Gitarrenabschläge gesellen sich an verschiedenen Stellen dazu und verschwinden wieder. Ein Vinylknistern liegt anfangs unter dem Song und strahlt ein analoges Gefühl der Vergangenheit aus.
Lysis ist ein Doppelalbum geworden. Das erste auf dem Label Zeitstrafe. 75 Minuten Spielzeit hat es. Das letzte Mal, dass ein deutschsprachiges Album für mich so fordernd war, beim ersten Hören nur Fragen und Fragezeichen und trotzdem das Gefühl hinterlassen hatte, etwas ganz Großem beizuwohnen, war beim selbstbetitelten (weißen) Album von Tocotronic. An anderer Stelle im Trust erwähnte ich kürzlich, dass mit der Verwendung von Superlativen vorsichtig umgegangen werden muss. Aber Lysis als wichtigstes (und bestes) Album des Jahres zu bezeichnen kann an dieser Stelle gewagt werden. Kaum ein Song funktioniert im herkömmlichen „Strophe / Refrain / Strophe“ Schema. Die Texte erzählen Geschichten und schaffen es mit wenigen Worten und Sätzen komplexe und vor allem zusammenhängende Bilder zu erzeugen. Wichtig ist, was nicht gesagt wird. Das müssen die Hörenden sich vorstellen. Wie ein Bilderbuch, das erst an- und vor allem ausgemalt werden muss.
Eine ansonsten eher amerikanische Disziplin des Textens, die oft Inspiration aus der Literatur zieht. Diesen Ansatz sieht Leo bei Belgrad ebenfalls: „Die literarische Anlage war, gerade aus der Retrospektive gesehen, schon bei Belgrads Debüt angelegt. Das jetzige Album und seine noch mehr literarisch wirkenden Texte sind der konsequente Schritt. Die Rolle kann gar nicht groß genug bewertet werden. Einige Songs auf dem neuen Album haben Literatur als Inspiration.“
Als Einfluss, insbesondere was die Perspektive und den Ausdruck angeht, nennt Leo den im Jahr 2008 in Nürnberg gestorbenen Autor Tschingis Aitmatov und den Schriftsteller Arjom Wesjoly. Weitere Inspirationsquellen sind für Leo Fotografien: „Zum Beispiel Taslima Akhters Bild vom verschütteten Paar nach dem Gebäude-Einsturz 2023 in Bangladesch für unser Lied Stahl.“ Aber auch das Internet mit seinen vielen Plattformen hatte seinen Einfluss auf das Album. Immer, wenn etwas Schlimmes in Russland passiert, läuft im Fernsehen Schwanensee. Das Ballett soll Ruhe ausstrahlen, während um die Bevölkerung das Chaos tobt. So geschehen bei den Nachfolge-Streitigkeiten nach Leonid Breschnews Tod im Jahr 1982 oder während des misslungenen Putsches gegen Gorbatschow. Auch als der Reaktor in Tschernobyl in die Luft geflogen ist, lief das Ballett im Fernsehen, „wovon das Lied „Eine kurze Geschichte der Einsamkeit II handelt.“
Auch in letzter Zeit passiert in Russland viel Schlimmes. Es gehört allerdings zur künstlerischen Freiheit von Belgrad, wenn sie in dem gleichnamigen Song den Schwanensee im russischen Fernsehen laufen lassen, nachdem eine Person von einem Hochhaus gestürzt ist. Roofing heißt der Trend des ungesicherten Erkletterns von Hochhäusern oder Kränen. Davon werden Videos aus der Sicht der Kletternden gedreht und ins Netz gestellt. Ein globaler Trend und auch in Russland weit verbreitet. Davon handelt der erste Teil des Liedes. Wer will, kann aus der ersten Strophe eine Kritik an den sozialen Medien sehen (Zitat: „so und so viele Follower / auf was auch immer“). Dass sich Menschen für etwas Ruhm im Internet in Lebensgefahr begeben, ist ja ein Produkt der Zeit. Und auch überall gleich, egal ob im Osten, im Westen oder globalen Süden. Es besteht ein Drang bei (einigen) vornehmlich jüngeren Menschen, etwas Besonderes zu sein. Im zweiten Teil des Stückes springt das Setting vom Hochhaus zum Sonntagstisch „und Vater Andre erzählt mal wieder Geschichten von früher.“
Dieser Teil wird von Ilya Kurtev im sanften Russisch eher gesprochen als gesungen. Leo fasst das Gesprochene von Vater Andre zusammen: „Er ist eine in der Vergangenheit verhaftete gebrochene Persönlichkeit, der in Monologen über den Sinn des Lebens der heutigen Jugend, dem Zusammenbruch der UdSSR und die Zusammenhänge von all diesen Themen sinniert.“ Und Stephan ergänzt präzisierend: „Er regt sich darüber auf, dass die heutige Jugend nihilistisch ist, keine Ideale mehr hat und an nichts mehr glaubt. Und überhöht sein großes Vorbild Boris Jelzin, der sich auf einem Panzer stehend, als Held gegen die Putschisten von 1991 inszeniert hat.“ Ein Moment der Geschichte, in dem im russischen TV ebenfalls Schwanensee ausgestrahlt wurde. Passend dazu heißt es in dem Lied zwischen den erzählenden Zeilen von Vater Andre und danach: „Im Fernsehen lief Schwanensee in Dauerschleife / so wie immer, wenn etwas Schreckliches geschah.“
In diesem Moment werden die beiden losen Geschichten des Songs zusammengeführt, weil nicht ganz klar ist, worauf sich die Dauerschleife von Schwanensee bezieht – auf den Tod eines Kletternden oder auf große geschichtliche Veränderungen oder gar beides. Der Tod eines geliebten Menschen kann für eine Person genauso schmerzhaft sein, wie eine Revolution für einen (den unterliegenden) Teil eines Volkes. Es könnte sogar gesagt werden, tragisch ist beides. Stephan erläutert das Vorgehen der Fernsehmachenden in Russland: „Es ist eine Verschleierungstaktik, Negatives oder Schreckliches aus den öffentlichen Nachrichten zu verbannen und ein Narrativ der Unfehlbarkeit aufrechtzuerhalten. Nach dem immerwährenden Motto: Die Partei hat immer Recht.“
Entstanden ist der Text des Songs im Jahr 2022, also vor dem Angriff auf die Ukraine, aber nach der Annexion der Krim. Stephan findet: „Es ist in jedem Fall gut, wenn das Lied ein anderes Bild auf Russland wirft als gerade üblich. Zumal natürlich das Bild, welches wir präsentiert bekommen, manipuliert ist.“
Das Internet (auch mit seinen sozialen Netzen) könnte für eine andere Perspektive der Ort der Freiheit sein. Zumindest solange das Netz frei ist. Freiheit geht allerdings mit Verantwortung einher. Dieses Experiment dürfte mittlerweile gescheitert sein. Auch das Internet ist anfällig für Propaganda und Fehlinformationen, weil Menschen nur das glauben, was sie glauben wollen und was in ihr Weltbild passt.
Darüber hinaus ist das Internet ein riesiger Marktplatz für Konsum jeglicher Art geworden. Dass Arbeit und Konsum, vor allem übermäßiger Konsum auf Dauer unglücklich machen, ist bekannt. Bei Belgrad heißt es, der „Markt frisst Seelen auf.“ Oder kürzer und auf den Punkt gebracht: „Markt / Fressen / Seelen.“ Alles wird monetarisiert. Das ist in der Punkszene nicht anders als in der freien Wirtschaft, wenn wir mal ehrlich sind. Natürlich gibt es Ausnahmen. Viele Ausnahmen, um genau zu sein. Trotzdem steht Geldverdienen bei vielen Menschen von Anfang an im Mittelpunkt. Vielleicht ist alles und jede:r käuflich. Vielleicht macht dieser Trott aus Arbeit und Konsum aber auch kaputt und stumpft ab. Und selbst wenn ich das Vinyl von Lysis gekauft habe, von dem Geld, welches ich mit meiner Arbeit verdient habe, ist dieser Text doch freiwillig und ohne finanzielles Interesse entstanden. Leidenschaft lässt sich dann doch nicht kaufen.
„Markt fressen Seele“ ist der vielleicht härteste Song auf Lysis. Auch dieses Stück beginnt als nahbare Erzählung eines Arbeitsweges. Und entwickelt sich zu einer groß angelegten Kapitalismuskritik. Frei nach Adornos „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, thematisiert dieser Song (und andere auf Lysis) das Leben in einem kapitalistischen System. Darum ist es wichtig, den Sinn für das Richtige zu behalten. Oder wie Stephan es beschreibt: „Es geht um die Bewusstwerdung und Mitgefühl. Empathie ist wichtig für uns. Und aus diesem Gefühl entstehen dann auch Songs wie WSW – in dem es um die Lebensumstände in bestimmten Gebieten unseres Landes geht.“ Währenddessen findet Leo, „dass der Kapitalismus uns zugrunde richtet.“
Ein Thema, welches auch im Stück „Agnetha“ aufgegriffen wird. Ein fast poppiges Lied mit entsprechenden ABBA- aber auch Fehlfarben-Referenzen. Denn „the winner takes it eben doch allzu oft all.“ Wenn da nicht diese kleinen Momente des Glückes wären. Momente voller Träume, selbst wenn sie nie in Erfüllung gehen, so ist es wichtig, sie zu haben. Um all das mit Würde zu ertragen. Und zu schaffen. Die Enge der Wohnung, der beschissene Job, das wenige Geld, die Ungerechtigkeiten. Fast so was wie Hoffnung. Hoffnung, die sich auch in der Musik finden lässt. Leo findet, das Lysis „in erster Linie Hoffnung ist. Die Hoffnung auf Besinnung, was in unserem Leben Gewichtung bekommt im Anbetracht unserer eigenen Sterblichkeit.“
Hoffnung in all der Sinnlosigkeit, die dieses Album verströmt? So jedenfalls mein Eindruck. Anders der von Stephan: „Wir sind keinesfalls der Meinung, dass es um Sinnlosigkeit geht, sondern vielmehr um die Abbildung der Realität und damit verbundene Geschichten und menschliche Verstrickungen.“
Und Leo ergänzt: „Würdest du vielleicht andere Entscheidungen treffen, ein anderes Leben führen, wenn gesellschaftlich nicht ein hohes Maß an Energie aufgewandt werden würde, uns davon abzulenken, dass wir alle sterblich sind? Unser Verständnis von Glück ist zudem auf der Zeitachse immer ein Stück vor der Gegenwart gesetzt. Was uns zum alten Gaul werden lässt, der müde die vor ihm an Strick platzierte Karotte erreichen will und scheinbar nur deswegen überhaupt noch einen Schritt vor den anderen setzt. Was würden wir denn an unserem Verhalten ändern, wenn wir wüssten, die Möhre ist unerreichbar? Ich habe die Vermutung, wir würden eine Menge ändern. Lysis ist der Versuch, darauf gemeinsam eine Antwort zu finden.“
Wenn es bei Belgrad heißt, „Angst fressen Seelen auf“, so ist das wohl als Referenz an „die Liebe frisst das Leben“, von Tobias Gruben den 1996 verstorbenen Musiker aus Hamburg, zu verstehen. Dessen Song „Leben den Lebenden“ covern Belgrad auf Lysis. Der Song fügt sich in die Sprache und vor allem Thematiken auf Lysis ein, wenn im Lied über nicht vorhandene Teilhabe, die fehlende Gleichheit und Gerechtigkeit gesungen wird. Gemeinhin wird das Stück als beste Arbeit von Tobias Gruben angesehen. Entstanden ist es kurz nach der Wende. „Es gibt kein geregeltes Leben“ heißt es im Refrain.
„Denn Leben ist das, was passiert, wenn du gerade andere Pläne machst“ zitiert Stephan einen berühmten Musiker und fügt weiter zitierend hinzu „und wenn du nur daran interessiert bist, alles zu regeln, erreichst du nur, dass du am Leben haarscharf vorbeisegelst. Und wieder nur alles geordnet ist“ um schließlich zum Schluss zu kommen: „Außerdem würde ein geregeltes Leben voraussetzen, dass es ein Regelwerk und somit ein Richtig gäbe. Dann wäre sehr fragwürdig, wer das festlegt. In der Vergangenheit waren das herrschende Eliten und es kann leicht nachvollzogen werden, wohin das geführt hat.“ Davon erzählen sprichwörtlich der albumeinführende Prolog und der abschließende Epilog. „Beide Texte bilden zwei Leuchttürme, durch die sich die restlichen Songs des Albums bewegen. Sie sind die Wegmarken, die Orientierung, der Rahmen des Albums, welches als Konzeptalbum zu verstehen ist,“ erläutert Leo. Dieses Konzept beginnt mit einen von Jürgen Vogel gesprochenen Text über den Kapitalismus. Dem gegenüber steht im Epilog der von Lev Leopoldowitsch gelesene Prosatext eines Gefangenen, der über seine (ehemaligen) Genossen und Genossinnen sinniert.
Stephan erläutert: „Beide Texte handeln von dem jeweiligen Ende der unsere Gesellschaft in jüngster Vergangenheit prägenden Systeme – Kapitalismus und Kommunismus.“ Nach 1989 erklärten sich die Vertreter:innen des kapitalistischen Systems zum Sieger des Klassenkampfes. Allerdings fühlen sich (bis heute) nicht viele Menschen als Gewinner:innen. Im Gegenteil. Aber wie es nun mal so ist, schreiben die vermeidlichen Gewinner die Geschichte. Und the winner takes it all, sangen ABBA und singen nun Belgrad im bereits erwähnten Stück „Agnetha“ und schließen damit den Kreis zum Prolog. Doch nur, weil die Gewinner:innen die Geschichte definieren, bedeutet es nicht, dass sie richtig liegen oder die Geschichte auch nur vollständig erzählen.
„Der Prolog bedient sich als Art Verbeugung im Ausdruck stark an Manès Sperbers Prolog zu seinem Opus magnum Wie eine Träne im Ozean“ erklärt Leo. Das Outro springt hingegen mitten in einen Text, der Teil einer längeren Prosa sein könnte, was Leo bestätigt. Und Stephan fügt hinzu: „In beiden Untergangsszenarien erkennen die Protagonisten den Irrtum ihres ehemaligen Glaubens und Willens zum (revolutionären) Kampf für ihre Ideale und den Wunsch, eine freie Welt zu erschaffen. Beide erkennen ihr Scheitern und das dem Menschen scheinbar untrennbar anhängende Streben zur Machtanhäufung und der Unterwerfung Andersdenkender.“
In einer Diktatur darf die Partei keinen Schaden nehmen. Denn sobald sie Schwäche zeigt oder Fehler macht, verliert sie ihre Legitimation. Eine Gegenrevolution oder ein Aufstand sind die Folge. Darum werden Kritiker:innen mundtot gemacht. Trotz des nur kleinen Ausschnittes des Epilog-Textes ist den Hörenden die Vorgeschichte bekannt. Wahrscheinlich hat jede:r eine etwa andere Storyline im Kopf, aber im Kern ähneln sie sich garantiert. Was die vor- und nachgestellten Texte aber mit den Geschichten von „Rachel & Joseph“, „Schwanensee“ oder von „Agnetha“ eint, sie bewerten nicht, sondern „beschreiben die tragischen Umstände. Wenn du so willst, wird erst im letzten Lied von Lysis – 40 Grad – eine bewertende Stellung bezogen: „Lob und Angst machten sie zu irren Narzissten / und falls sie noch leben, so sterben sie noch immer“. Es geht jedoch auch hier letztendlich um Zwänge unserer Gesellschaft“, fasst Stephan zusammen.
Auch das Coverbild zeigt das Motiv eines Narzissten „als mythologischer Inbegriff von verblendeter, verwirrter Ich-Bezogenheit.“ Lysis beschreibt das Leben von Menschen in einem (kaputten) kapitalistischen System und schließt gleichermaßen die erste logische Alternative ebenfalls aus. Das lässt natürlich in manchen Situationen Möglichkeiten der Interpretation der Texte zu. Dem Konzeptgedanken folgend stehen die Lieder in einem Zusammenhang. In „Schwanensee“ und „Eine kurze Geschichte der Einsamkeit II“ passiert etwas Schlimmes in Russland. „Markt fressen Seelen“ und „Agnetha“ befassen sich mit Scheitern im Kapitalismus. „Schwanensee“ und „40 Grad“ greifen dem Einfluss der sozialen Medien auf die Menschen auf. Alles hängt auf Lysis miteinander zusammen.
Während Stephan findet, dass „die Texte bei aller Poesie klar in ihrer Bildsprache sind“, schließt das eine für Leo das andere nicht aus: „ich würde mich freuen, wenn die Songs die Menschen auf eine Art berühren, dass sie ihre eigene Sichtweise zu ihnen entwickeln. Dann wäre es vermutlich dem Prozess nicht unähnlich, den ich beim Schreiben der Texte durchlebt habe.“ Lysis ist nicht nur ein großartiges musikalisches Post-Punk-Dokument, welches den Raum zum Leuchten bringen kann, sondern auch ein fantastisches Stück Literatur. Es wirkt wie eine Sammlung von auf dem Dachboden gefundenen Kartons voller Romanfragmente, Kurzgeschichten und politischen Essays. Definitiv ist Lysis keine Musik, die nebenbei gehört werden kann oder sollte. Das alles braucht Zeit. So wie dieser Text auch. Nehmt die Herausforderung an! Als Lohn wartet die beste Platte des Jahres.
Text & Interview: Claas Reiners
Mitarbeit: Kira Sackmann