Dezember 31st, 2025

G31 (#229, 2024/2025)

Posted in interview by Jan

G31

Das Wesen der Gefährlichkeit kennt weder Rücksicht noch Humor. Trotzdem lautet das Gebot der Stunde „fuchsteufelswild sein“ und zwar gegen Faschismus! Dann dieser Ostwind, der wieder Kriegsgestank nach Europa wehen lässt. Die Gedanken, die Angst – wie schonmal in den Achtzigern. Schreiben und Schweigen für den Frieden auf Erden? Aufrüsten gegen jeden Krieg! Der Westen ist einsam. Ich weiß nicht was tun. Sicher ist mir da nur die Musik. Obwohl sie nur das Fahrzeug ist, das Inhalte transportiert und, …schön geseh´n, sie kann auch gerne alleine dastehen, ohne Parolen und Strophen.
Hin und wieder brauche ich aber Politik und klare Aussagen im Punk. Ich finde beides in den beiden Alben der Hamburger Band G31. Inklusive Achtziger Deutschpunk revisited. Da ist ordentlicher Gitarrensound zu vernehmen, der sich über das antreibende Trommeln und Bassen legt. Dazu die Geschichten und Texte von Sängerin Mitra, die mich zwischen scheinbarer Fiktion und bildhafter Dysutopie mit klarem Nicken schweigend zustimmen lassen. Ja, so ist es. So ist dieses Geheuchel. So ist die Insel mit diesen versunkenen Arschlöchern… Ob bei mir wieder das Interpretationsding mit der Phantasie ausgerissen ist oder ich eher zuviel in den Spiegel der Realität blicke? Egal, weil jetzt freue ich mich mit G31 über deren Vergangenheit und Zukunft und allem Dazwischen zu plaudern…

…wer spielt bei euch mit?
Christian: Wir sind 5 Leute in der Band. Peter und ich spielen Gitarre, Matthias bedient den Bass und die richtige Geschwindigkeit gibt unser Drummer Ille vor. Unsere Sängerin Mitra hat nicht nur eine tolle Stimme, sie schreibt auch alle Texte und gestaltet coole Cover für unsere Alben.

Ihr klingt mir doch sehr nach ÜberzeugungstäterInnen. Beinahe etwa so: ein Ohr im 80er Deutsch-Punk während das andere Auge auf die Straße und das Jetzt gerichtet ist. Erzählt mal, wo ihr herkommt und was euch musikalisch geprägt hat …
Christian: Mein erstes Punkkonzert überhaupt war 1992 das Nazis raus-Festival in der Hamburger Markthalle mit Slime, Emils und But Alive. Sowas vergisst man nicht und beeinflusst einen nachhaltig. Andere Musikrichtungen waren nach dem Festival erstmal völlig unwichtig für mich. Danach wollte ich unbedingt mehr über Punkrock erfahren bzw. hören. Ich holte mir regelmäßig Fanzines und alle möglichen Scheiben. Alles was in meiner Sammlung kein Punk war, wurde schnellstmöglich verkauft. Wenn Du mich nach meinen absoluten Top 3-Bands fragen würdest, würde ich Dir sagen: The Damned, The Clash und Slime. Weitere Lieblingsbands sind New Model Army, The Cure, The Pogues, Uk Subs, Swingin`Utters. Die Solosachen von Joe Strummer und Captain Sensible sind auch großartig.

Peter: Ich stand mit meiner ersten Punkband das erste Mal im zarten Alter von 14 1/2 Jahren Sylvester 1978 auf der Bühne. Die Entwicklungen der frühen 80er habe ich hautnah miterlebt und bin um 1987 bei den sich damals in Auflösung befundenen CHANNEL RATS eingestiegen. Ab da ging es dann richtig los.

Matti: Mein erstes Konzert weiß ich nicht mehr, irgendwas im Jugendzentrum Walsrode bestimmt. Die Bates oder so… Meine ersten Lieblingsbands waren in der Präpubertät die Toten Hosen und die Ärzte, der ganze Funpunk-Quatsch, die Brieftauben, Schließmuskel, Dimple Minds, Slime, später dann auch Ska-Punk wie Operation Ivy oder so Zeug wie Nomeansno und Wat Tyler. Ich höre total viel unterschiedliche Musik, aber am Ende komme ich immer wieder bei Punkrock raus – schon alleine, weil es das Einzige ist, was ich spielen kann (und will ;-))…

Moment mal! Mein erstes Punkkonzert lässt sich auf den 22.12.88 datieren, mit genau jenen Brieftauben plus KGB und Normahl. Und SCHLIESSMUSKELs „Sehet, welch ein Mensch!“ genauso wie „Der Untergang der abendländischen Kultur“ waren (und sind) scharfe Schwerter im Kampf gegen Humorlosigkeit, Ernsthaftigkeit und spießige Einfallslosigkeit in dieser Gesellschaft. Soviel noch von mir zum Funpunkkwatsch. Wovon seid ihr motiviert und was inspiriert euch Musik zu machen?

Matti: Von Inspiration würde ich nicht reden wollen – mir macht es einfach Spaß Konzerte zu spielen. Wenn die Leute passen (Band wie Publikum), ist ei  Gig das Coolste, was es gibt.

Peter: Am Anfang wollte ich einfach nur Spaß haben und irgendwann mal in der Markthalle oder Fabrik auf der Bühne stehen. Ende der 80er hatte ich das Glück, dass ich die richtigen Leute kennengelernt habe und von denen ich viel gelernt habe. Wir waren mit vielen Bands aus Übersee und GB auf Touren und da konnte man sich eine ganze Menge abgucken. Die gemeinsamen Zeiten mit D.O.A. waren pure Inspiration und haben mich damals geprägt. Natürlich auch die enge Hamburger Punkrockszene der frühen 80er, zu deren harten Kern ich nicht angehört habe. Damals fiel ein Altersunterschied von zwei Jahren schon ins Gewicht, was sich rückblickend für meine musikalische Entwicklung als Glücksfall herausstellte. Ich war, bin und bleibe süchtig nach Inspiration. Und die finde ich dadurch, dass ich mich mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammentue und sich daraus immer etwas entwickelt, was die eigenen Erwartungen übertrifft. Mein gesamtes Umfeld hat mich nach dem Einstieg bei G31 für komplett verrückt erklärt. Jetzt arbeiten wir an der nächsten Platte und die Entwicklung geht in die richtige Richtung.

Ich war ehrlich überrascht. Als ich eure LIVE AUF ST. PAULI CD reviewt habe, dachte ich an so MitdreissigerInnen, die in Richtung „so wurde Punk früher zelebriert“ unterwegs sind. Dann durfte ich feststellen, dass wir eher von naheliegenden Jahrgängen stammen. Welchen Sinn hat es, dass ältere Menschen über Punk sprechen?
Christian: Gegenfrage, warum sollen nur junge Menschen über Punk sprechen? Wir älteren Menschen haben logischerweise mehr erlebt und können viel drüber erzählen. Es fällt im Punkbereich schon auf, dass das Publikum teilweise ganz schön alt ist finde ich. Wir gehören ja auch nicht mehr zur jungen Generation. Subkulturen sind im allgemeinen immer mehr am Aussterben, was total schade ist. Ich hoffe natürlich, dass im Punkbereich genügend junge Leute nachkommen. Bands wie Feine Sahne Fischfilet, Akne Kid Joe und ZSK ziehen viele junge Leute an und das ist gut und positiv. Leider kann ich mit genannten Bands überhaupt nichts anfangen und verstehe die Begeisterung und Abfeierei dieser Bands nicht wirklich. Es ist schon krass, wieviele alte Bands es noch bzw. wieder gibt. Die sind natürlich nicht mehr alle gut und bei manchen frage ich mich auch nur, war das jetzt unbedingt notwendig?

Matti: Punk ist doch keine Frage des Alters, sondern der Einstellung. Und die darf sich auch gerne weiterentwickeln. Ich finde den Diskurs innerhalb der Szene z.B. zum Thema #metoo wichtig und notwendig, auch wenn das dem einen oder anderen alten Sack vielleicht auf die Nerven gehen mag.Ich selbst finde super, was z.B. AKJ oder Feine Sahne Fischfilet machen. Gerade weil besonders letztere ihre Popularität auch für die gute Sache nutzen. Ich feier die total ab.

Peter: Mittlerweile bin ich in den meisten Bands der Älteste. Ich hab so im Schnitt rund 10 Jahre mehr auf dem Buckel, aber das nehme ich überhaupt nicht wahr. Ich bin zum Glück gesund und hab die Finger von Drogen gelassen und es mit der Sauferei ganz selten übertrieben. Wenn das so bleibt, mache ich das locker noch 15 Jahre, bis mich meine Familie oder eine Band ins Heim abschiebt.

Punk als übergroßer Begriff bedeutet für mich auch, das Leben in seiner Breite und die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zu erleben. Das ist doch eine große Ressource von Punk. Auch mit der Aufforderung Dinge zu Hinterfragen oder die eigene „Lebensreform“ etwas zu kultivieren. Was heisst Punk für dich und euch? Ich meine auch jenseits von Musik, also im Sinne von D-I-Y oder gar (Lebens-)Sinn.
Christian: Punk heißt für mich sein eigenes Ding mit ganz viel Herzblut durchzuziehen. Scheißegal, was andere von einem erwarten oder was sie dazu sagen. Punkrock is an Attitude, not a Fashion. Ich möchte nicht nur die Musik konsumieren, sondern mich selbst in der Subkultur einbringen. So mache ich halt zum einen Musik und zum anderen bringe ich seit 1998 das Mind the Gap-Fanzine heraus. Früher habe ich mit meinem Kumpel Gierfisch auch öfters als DJ in verschiedenen Hamburger Clubs und Kneipen aufgelegt. Auf Letzteres habe ich demnächst auch mal wieder Bock.

Matti: Was ich selbst mit Punk als Bewegung oder Subkultur verbinde, ist das Bedürfnis, soziale und gesellschaftliche Missstände nicht zu akzeptieren und mich dagegen zu positionieren. Ich mag auch die mit Punk verbundene DIY Kultur – dieses „Mir-doch-egal-ich-machs-trotzdem“, egal wie Scheiße das dann vielleicht wird. Es gibt da so viele Facetten – und leider werden der Begriff und die Bewegung ja auch missbraucht, wie bei diesem Startup Magazin, das sich Business Punk nennt oder die Ramones Shirts beim schwedischen Ausbeuter Ihres Vertrauens. Das hat beides mit Punk nicht viel zu tun, verkauft sich aber wahrscheinlich ganz gut…

Peter: Was bedeutet heute Punk für mich? Gute Frage, über die ich bewusst seit Jahrzehnten nicht mehr nachgedacht habe. Punk war in den späten 70ern für mich der Urknall in meinem Universum, das sich heute noch ausbreitet, vieles verbindet und sich tagtäglich weiterentwickelt. Hört sich hochtrabend an, aber ich kann mir nicht ausmalen, wie sich „unsere Welt“ ohne diese Bewegung gestaltet hätte. Besonderen Dank für diese Frage!

Überhaupt ist das doch ein interessanter Gedanke, wie es wohl gekommen wäre, wenn Punk nicht auf diesem Planeten gelandet wäre und sich so fruchtbar hätte immer weiterentwickeln können … apropos Entwicklung, in welche Richtung geht’s bei euch weiter? Was ist über Winter bei euch geplant?
Peter: Gesellschaftlich war die Welt Ende der 60er und in den 70ern ein Pulverfass. In Westdeutschland hat die 68er-Bewegung meiner Generation „Rappelkiste“ den Weg für längst überfällige Veränderungen bereitet. „Punk“ war ganz plötzlich einfach da und für uns Teenager war diese neue Bewegung die Möglichkeit, um sich auszudrücken und gehört zu werden. Wer weiß, in welcher Form sich die Wut und Verzweiflung sonst entladen hätte, wenn die Punkbewegung nie entstanden wäre? So hatten wir die Möglichkeit, kreativ zu sein, uns schlecht zu benehmen und besoffen Musik zu machen. Südlich der Elbe, in Hamburg-Harburg, waren wir bis in die 80er hinein nur ein knappes Dutzend Jungs und Mädchen, die ständigen Anfeindungen ausgesetzt waren. In den nördlichen Stadtteilen Hamburgs war die Entwicklung atemberaubend und das Zentrum der Bewegung in Westdeutschland. Die Frage, wohin soll sich die Band G31 entwickeln, stellt sich mir persönlich nicht. Entwicklungen entstehen ganz von alleine und sind unglaublich spannend. Die Aufnahmen für die neue Platte in meinem eigenen Studio bieten dafür die besten Voraussetzungen, ohne Zeitdruck kreativ zu sein. Mit Matti am Bass bekommt die Sache noch eine ganz neue Dynamik. Wir dürfen gespannt sein.

Christian: Wir haben jetzt am letzten Wochenende einen Proberaum-Gig gespielt. Das war sehr schön, Sonne satt, Grillen und Punkrock! Was will man mehr? Das war erstmal der letzte Gig vor unserer Livepause. Unsere Sängerin Mitra ist schwanger und will Ende März wieder einsteigen. Die nächsten Wochen und Monate wollen wir nutzen und hochmotiviert und voller kreativer Ideen an unserem 3. Studioalbum arbeiten. Natürlich wird es den typischen G31-Sound geben, aber wir haben beispielsweise auch einen Country-Punk-Song am Start und Matthias wird bei einem Song sein Gesangsdebüt geben. Soviel sei schon mal verraten. Wir feiern übrigens im nächsten Jahr 10-jähriges Bandbestehen. Wir haben Bock viel live zu spielen, auch außerhalb von HH. Wer also Interesse an einem G31-Gig hat, kann uns gerne über unsere Homepage oder Facebook anschreiben.

Matti: Ha, Gesangsdebut… stimmt nicht so ganz, weil ich Anfang des Jahrtausends die Stimme der Dixies war, aber lassen wir das mal so stehen. Ansonsten hat Christian ja alles gesagt – wir warten auf Mini-Mitra und dann gehts hoffentlich weiter. Wir hatten mal die Schnapsidee, eine Tour durch den Osten zu machen, vielleicht klappt das ja nächstes Jahr. Ich habe lange in MeckPomm und auch mal eineinhalb Jahre in Sachsen gelebt und weiß, dass dort gute, stabile Leute sind, die dürfen wir nicht mit den Faschisten allein lassen.

Christian, du hast vorhin das MIND THE GAP-Fanzine erwähnt. Ich weiß, dass ihr auch regelmäßig ein Festival in Hamburg auf die Beine stellt. Verläuft die Ausrichtung des Festivals konträr zu dem was bei G31 läuft oder ist es eher als Ergänzung zu sehen?
Christian: Regelmäßig ist vielleicht etwas übertrieben. Wir haben das Mind the Gap-Fest in diesem Jahr zum 3. Mal im Bambi Galore in Hamburg-Billstedt ausgerichtet. Mit dabei waren Duesenjaeger, Restmensch, Arrested Denial, Tag ohne Schatten und die Richies. Es war ein großartiger Abend und ich denke, wir werden das auch weitermachen. Wir können garnicht anders 🙂 Auf dem Fest spielen nur Bands, die wir natürlich richtig geil finden und auf die wir total Bock haben! Bei den ersten beiden Veranstaltungen waren beispielsweise die Emils, Skeptiker, Rasta Knast, Novotny TV, Small Town Riot dabei. Dieses Jahr hatte Slime-Sänger Dirk „Diggen“ Jora einen Gastauftritt bei Restmensch und sang die Slime-Klassiker „Karlsquell“, „Wenn der Himmel brennt“ und „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Ich durfte die zweite Gitarre spielen bei den Songs, das war für mich als alten Slime-Fan echt was ganz Besonderes und hat mega Spaß gemacht! Gänsehaut!

In Berlin ist es aktuell sehr nervig auf den Bus zu warten, wenn denn einer kommt. Eine KITA-Betreuung zu bekommen ist schwieriger als nen 6er im Lotto zu kriegen. Dafür gibt es an jeder Ecke nen Immobilienmakler, der überheblich und bescheuert von einer Plakatwand glotzt oder alle drei Wochen ne neue Bundeswehrwerbeaktion zum RekrutInnen anheuern. Ich habe den Eindruck ihr behandelt vieles aus dem Öffentlichen bereits in euren Texten. Trotzdem, in meiner Phantasie sehe ich Wanda Wandalis als SuperheldIn, die das alles für mich irgendwie geradebiegen soll. Was gehört eurer Meinung nach in Hamburg geradegebogen? Was nervt euch in der Stadt momentan besonders?
Mitra: „Hey danke für die lieben Grüße, ich melde mich nur ganz kurz: Wo soll ich anfangen. Hamburg ist dabei, das Grundeinkommen zu testen. Das war’s, was sich an guten Dingen sagen lässt. Die Innenstadt ist tot, kulturell und sowieso, die Mittel werden gekürzt: Danke Berlin! Besonders nervt immer noch der Leerstand, der nicht umgenutzt wird, der HVV, der nicht enteignet und dieser Elbtower, diese absolute Geldsenke. Danke Scholz!“

Christian: Der Miet-Wahnsinn in Hamburg wird immer schlimmer und nervt. Da fragt man sich wirklich, wer soll und kann sich das noch leisten. Alle noch freien Flächen werden zugebaut. Bezahlbarer Wohnraum in Hamburg ist rar gesät. Das ist ja kein Hamburg-spezifisches Problem, sondern bundesweit der Fall. Leider mussten in den letzten Jahren viele coole Locations ihre Pforten schließen. Für das Molotow wurde Gottseidank einer neuer Standort gefunden. Das Hafenklang ist ein großartiger Club für Punk-Konzerte. Dank einer Crowdfunding-Kampagne konnte das Hafenklang die Insolvenz abwenden.

Matti: Christian hats ja gesagt, vieles sind keine spezifischen Hamburger Probleme. Wohnraumknappheit, mangelhafte Digitalisierung, Verkehrschaos, ein optimierungswürdiger Nahverkehr, desolate Fahrradwege, fragwürdige Kulturpolitik, eine allgemein kälter werdende Stimmung – klingt wie jede andere deutsche Großstadt.

Viele Grüße von Berlin nach Hamburg!

Text: bernd – Photo: Thomas Ertmer

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