M.I.A. (#227, 2024)
Es ist mir eine große Freude ein Interview mit dem M.I.A.-Gitarristen Nick Adams zu führen! Denn die ursprünglich aus Las Vegas stammende und später nach Orange County umgesiedelte Band, stand für mich immer auf gleich hohem Niveau mit Bad Religion, SNFU, 7 Seconds, Adolescents, Social Unrest, Government Issue… Sprich treibender, eingängiger, teils melancholischer Amipunk mit guten, aussagekräftigen Texten, der sich auch weiterentwickeln zu wusste. So ist ihre 82er Debüt-Split LP „Last Rites for Genocide and M.I.A.“ ein sprudelnd energischer Jungbrunnen an angepisster Punkenergie, der auch aus meiner Adoleszenz in den 90ern nicht wegzudenken ist.
Denn zusammen mit Hüsker Dü, Overkill (L.A.), Angry Samoans, D.O.A., M.D.C., Dead Kennedys, Freeze und Code Of Honor waren M.I.A. mein erster Bezugspunkt zum 80´s Amipunk/HC. In den frühen Achtzigern waren M.I.A. auch auf solch essentiellen Samplern wie „Not so quit on the western front“, „American Youth Report“, dem zweiten Flipside und der „Half Skull“ 7“ vertreten. Schon etwas melodischer und durchdachter fiel ihre erste Full Length LP „Murder in a foreign place“ aus, die nicht umsonst ihre beliebteste Platte ist. Bei „Notes from the Underground“ mussten sie Seitens vom MRR-Zine Kritik einstecken. Ich mag diese Platte trotzdem sehr gerne, sie erinnert mich ein wenig an die 7 Seconds-Alben „New Wind“ oder „Soulforce Revolution“, bloß mit mehr Melancholie im Hintergrund. Ihr eigentlicher Geniestreich sollte ihr letztes Album „After the Fact“ sein, das nochmals für alles steht was diese im Nachhinein doch sehr unterschätzte und untergegangene Band auszeichnete.
Ich meine die Leute die in den 80ern mit Amipunk sozialisiert wurden, kennen wohl fast alle M.I.A., doch ich vermute für die meisten jüngeren Leute dürften M.I.A. kein Begriff mehr sein. Was sehr schade ist. Nun besteht aber die Möglichkeit M.I.A. nochmals und dazu das erste Mal in Deutschland Live zu sehen, wenn sie Ende September in Karlsruhe, Hamburg und Berlin spielen. Konkrete Pläne für ein neues Album gibt es noch nicht, doch dafür erscheint über Modern City Records ihre Platten „Notes From The Underground“ und „After The Fact“ als Doppel-LP incl. Bonustracks, 4 Beilagen und einem 40 seitigen Booklet. 2001 erschien bereits über Alternative Tentacles die „Lost Boys“-Compilation mit ihrem Split-Debüt, der „Murder In A Foreign Place“, den Samplertracks, sowie unveröffentlichte, großartige Demotracks aus ihrer gesamten Schaffensphase. Es ist also keinesfalls zu spät M.I.A. zu entdecken. Die Geschichte hinter der Band ist sehr mitreißend und bewegend und zum Teil auch traurig, weil sie aufzeigt wie eine Band von inneren Konflikten langsam aber sicher kaputt gehen kann. Ich habe diese geschichtsträchtigen Zeilen nur so in mich aufgesaugt.
Ihr stammt ursprünglich aus dem Las Vegas Valley. Wie können wir uns diese doch sehr wohlhabende Gegend vorstellen? Und wie war es als Punk dort zu leben? Wie groß war damals die Punkszene vor Ort?
Die Mitglieder der ursprünglichen Band wuchsen in den 1960er und 70er-Jahren in Las Vegas auf und es war ganz anders als das Vegas, das wir heute kennen. In den 60er Jahren befanden sich die Hotels und Casinos meist in Privatbesitz (im Gegensatz zu den heutigen Großunternehmen) und die „Mafia“ kontrollierte die Glücksspielindustrie. Vegas war ein verhältnismäßig günstiges Reiseziel, mit billigen Zimmern, Essen, Getränken und Unterhaltung um die Leute an die Spieltische zu locken, wo das eigentliche Geld gemacht wurde. Es war üblich die Zeitung aufzuschlagen und von einer weiteren Leiche zu lesen, die in einem flachen Grab in der Wüste am Rande der Stadt gefunden wurde. So kümmerte sich die Mafia um ihre Dinge.
Die Einwohnerzahl betrug damals 300.000, heute sind es etwa 3 Millionen. Als wir aufwuchsen herrschte hier also eher das Flair einer kleineren Arbeiterklasse-Stadt. Unsere Eltern waren Lehrer, Musiker auf dem Strip, Versicherungssachverständige usw.. Las Vegas hatte auch andere Industriezweige. Der Luftwaffenstützpunkt Nellis Air Force Base, auf dem die neuesten Kampfjets geflogen und getestet wurden, lag im Nordosten des Tals, auf dem Testgelände in Nevada nördlich der Stadt fanden Atomtests und andere streng geheime Aktivitäten statt und im Tal gab es weitere Unternehmen der Verteidigungsindustrie und Auftragnehmer.
Es war ein seltsamer Ort, eine 24-stündige hedonistische Party in der Wüste mit glitzernden Neonlichtern, tanzenden Mädchen und billigen Getränken, umgeben von todernsten Themen. Die Atombombenexplosionen und der Überschallknall rüttelten an unseren Fenstern und die Erschütterungen waren zu spüren. Heute lebe ich 120 Meilen nordöstlich von Las Vegas und spüre immer noch gelegentlich die dröhnenden Explosionen von Bomben, die in der Wüste nördlich von Vegas detonieren, die als Teil der jährlichen „Red Flag“-Übungen, bei denen die USA und viele militärische Verbündete ihre Taktiken proben. Die Punkszene in Vegas war 1980 sehr klein, mit nur ein paar wenigen Bands und vielleicht 40-50 Punk-Kids. Die Gigs waren Partys und fanden in den Häusern jener Leute statt. Viele der Informationen die wir über Punkmusik erhielten, stammten aus Fanzines wie dem Flipside, die vor Ort nicht erhältlich waren, sie wurden von den Punkkids mitgebracht, die mit ihren Eltern nach Kalifornien fuhren oder reisten.
Bevor es mit M.I.A. losging habt ihr in der Band The Swell gespielt. Gibt es von der Band Aufnahmen oder habt ihr die gleichen Songs wie bei M.I.A. gespielt?
The Swell war der Bandname vor M.I.A., als ich 1980 dazukam mit mir an der Gitarre (als Ersatz für einen früheren Gitarristen), Mike am Bass, Todd am Gesang und Chris am Schlagzeug. Wir probten als The Swell, änderten unseren Namen aber kurz vor unserem ersten Auftritt, einer Hinterhofparty in M.I.A. um. Ich nahm eine unserer Proben auf Kassette auf und zwei der Songs davon erschienen posthum auf der „Lost Boys“-Compilation, das waren „Kill“ (ein Albertos Y Los Trios-Cover) und „Schoolboy“. Andere Songs die wir damals aufgenommen haben, waren „Tomic Bomb“ (ein Song der die Lebenserfahrung in Las Vegas wiederspiegelte), sowie „Tell Me Why“, „Gas Crisis“, „I Hate Hippies“ und „Can’t Take It No More“ (die auf der M.I.A. Split-LP mit Genocide zu hören sind. Anmk: Bela). Wir haben auch ein paar Coverstücke gespielt, wie „Blizkrieg Bop“, „Louie Louie“ und „Bodies“.
Was war der Grund dass ihr schon bald nach Orange County gezogen seid?
Nachdem ich das College abgebrochen und mich einer Punkband angeschlossen hatte, lief es zu Hause bei meinen Eltern nicht so gut für mich, es gab viel Streit usw.. Ich verließ die Band und zog mit einem Freund nach San Diego, um von meiner Situation zu Hause zu entfliehen. Ein paar Wochen später bekam mein Freund ein Angebot und ließ mich allein in San Diego zurück. Ich war arm und fühlte mich sehr unglücklich, ganz allein an einem mir unbekannten Ort. Ich wusste nicht dass auch Mike und Chris nach OC gezogen waren, doch bald erhielt ich einen Anruf, in dem ich nach OC eingeladen wurde um die Band neu zu starten.
Und was hatte Orange County im Gegensatz zu Las Vegas zu bieten?
Mein erster Punk-Gig außerhalb von Las Vegas war ein Auftritt von Black Flag, Adolescents, DOA und Minutemen im Santa Monica Civic. Das war 1981. Es hat mich einfach total umgehauen, so etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Die Hauspartys in Vegas waren hingegen nichts dergleichen. Es waren mindestens ein paar tausend Punks anwesend und die Energie (der Bands und des Publikums) übertraf alles, was ich bis dato je erlebt hatte. Aber das war natürlich in Los Angeles. Zurück in Orange County begannen wir mehrmals in der Woche zu Shows im Cuckoo’s Nest zu gehen.
Das war der Punkt an dem sich für mich als Gitarrist alles änderte. Ich sah all diese großartigen kalifornischen (oder auswärtigen) Punkbands aus nächster Nähe und ich sah wie leidenschaftlich sie spielten. Besonders Ron von TSOL, Greg von Circle Jerks, Dave von DOA blieben mir bleibend in Erinnerung. Es ging nicht so sehr um Noten und Akkorde, sondern mehr um Energie und so etwas wie einer musikalischen Angriffshaltung. Mein Spielstil änderte sich darauf komplett. Bald spielten wir Shows im Nest, bissen uns die Zähne aus und wurden von Zeit zu Zeit besser. Und da L.A. nur eine Stunde nördlich liegt, gab es auch diesen Einfluss in unseren Songs zu hören.
Eure Split-LP mit GENOCIDE „Last Rites for Genocide and M.I.A.“ hat mich in seiner Energie als Jugendlicher total weggeblasen. Dennoch sehe ich aus heutiger Sicht einen Song wie „I hate Hippies“ differenzierter wie früher, schließlich gab es rückblickend doch einige idealistische oder musikalische (siehe SST Records) Überschneidungen zur Punkszene. Andernfalls trat mit Punk eine Generation voller neuen Ideen und Impulse heran. Wie würdest du das Lebensgefühl von damals umschreiben?
Schon seit meinen frühesten Erinnerungen habe ich Musik geliebt. Wie ich schon sagte, führte der Abbruch des Colleges und der Beitritt zu einer Punkband in Vegas zu einer Krise für mich. Damals fiel es mir leicht bei der Urformation von M.I.A. auszusteigen, denn alles was ich bis dahin erlebt hatte waren kleine Hinterhofpartys, es schien für mich keinen Grund zu geben in der Band zu bleiben um nur bei Hauspartys zu spielen. Ich wollte einfach nur Musik machen und in einer tollen Band sein. Die kalifornische Szene war aber so aufregend, dass ich mich ganz darauf einließ. Das war mein Leben. Ich wurde halb obdachlos und tat alles, was ich konnte um Musik zu machen.
Das war damals meine Lebenseinstellung. Was „I Hate Hippies“ anbelangt (und wo wir gerade von neuen Ideen und Impulsen sprechen), so haben wir in den letzten Jahren einige Kritik für den Text des Songs erhalten. Das ist interessant, denn bis vor etwa zehn Jahren habe ich den Song nur als einen Scherzsong interpretiert, der sich auf unsere besondere Situation bezieht. Zu der Zeit als er geschrieben wurde, hielten wir ihn für urkomisch. Mike hat ihn geschrieben als wir noch alle in Vegas wohnten und er war überhaupt nicht an die Hippies der 1960er Jahre oder diese kulturelle Bewegung gerichtet. Vielmehr war es ein augenzwinkernder Ausdruck der Frustration über die Kifferkinder in unserem Alter, die Rockmusik hörten und uns verarschten weil wir Punks waren, wir andere Musik hörten und anders aussahen. Wie in West Side Storys Jets gegen Sharks ging es um die Punks gegen die langhaarigen Kiffer, die wir in Ermangelung einer besseren Beschreibung „Hippies“ nannten.
Es gab keine Messerstechereien, nur gelegentlich eine Schlägerei. Das ging übrigens auch in Kalifornien so weiter; diese Konflikte wurden nicht von uns angezettelt, wir wurden nur angegriffen, weil wir anders aussahen, – auf einer Bowlingbahn, in einem Restaurant oder einfach auf der Straße. Damals war es schwer, ein Punk zu sein. Manchmal musste man kämpfen, weil man angegriffen wurde. Und von den Bullen will ich gar nicht erst anfangen! Im Nachhinein betrachtet ist der Text ein wenig beunruhigend, besonders die letzte Strophe.
Auf der großartigen „Murder in a Foreign Place“ –LP gab es mit „Boredom is the Reason“ einen guten Text der die Hakenkreuz-Provokation und Gewalt in der Punk/HC-Szene anprangerte. Wie gewalttätig war die Szene von damals und wie erklärst du dir diese Gewaltbereitschaft?
Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Ich habe in früheren Interviews gesagt, dass ich die Szene nicht als besonders gewalttätig empfunden habe. Aber vielleicht habe ich diese Gewalt einfach nur für mich vermieden und nicht wirklich wahrgenommen. Ich war kein Kämpfertyp, ich war wegen der Musik und der Energie in den jeweiligen Locations. Ein Ort wie das Cathay de Grande oder das Cuckoo’s Nest fühlte sich manchmal ein bisschen gefährlich an, einfach wegen der Umgebung. Es gab ein paar Schlägereien, aber meistens waren es nur persönliche Meinungsverschiedenheiten. Man wusste wo die Grube war und man konnte entscheiden, ob man hineinfiel oder nicht und du wusstest auch dass du verprügelt werden konntest.
Irgendwann, vielleicht so um 1983-84, änderten sich die Dinge, wahrscheinlich aufgrund einer größeren Akzeptanz der Punkmusik, die mehr Leute anlockte, darunter auch Sportler oder sportliche Typen, die wegen der körperlichen Energie und weniger wegen der Musik zu den Gigs kamen. Die Gewalt, wenn es sie denn gab, schien von bestimmten Bands und ihren Fans auszugehen, die dazu neigten, so zu sein. Es gab eine ganze Sub-Szene, die sich dem Straight-Edge/PMA (Positive Mental Attitude) verschrieben hatten und selten gewalttätig in Erscheinung traten, weil diese Bands und Fans eben diese Gewaltbereitschaft nicht stilisierten.
Aber es gab bestimmte Bands die für ihr Chaos bekannt waren und ihre Fans fühlten sich davon angezogen und halfen diesen Ruf aufrechtzuerhalten. Wenn man sich also entscheidet eine Show zu besuchen, weiß man vielleicht schon im vornherein anhand der Bands die auf dem Programm stehen, wie es um die Gewaltbereitschaft bestellt ist. Unser Song „Turning Into What You Hate“ war ein weiterer kritischer Blick auf die Gewalt in der Punk-Szene.
Ihr habt ohnehin gute, durchdachte Songtexte geschrieben. Wie wichtig war euch der textliche Inhalt eurer Musik? Oder gab es eine Message in euren Songtexten die euch besonders wichtig war?
Die Texte waren immer wichtig, vor allem als wir als Band reifer wurden. Ich glaube nicht dass es eine bestimmte Botschaft gab die uns besonders wichtig war, wir schrieben einfach über das was uns im Leben und im Milieu jener Zeit begegnete. Das Jahrzehnt der 1980er Jahre war die Reagan-Ära und es gab immer diese Spannung eines möglichen Atomkriegs mit der Sowjetunion. In Mittelamerika gab es einige unklare Verhältnisse, die religiöse Rechte übte ihren Einfluss in den USA aus, die Apartheid in Südafrika war immer noch ein Thema. Und es gab viele persönliche Dinge: verlorene Liebschaften, Depressionen, Sucht und Angstzustände.
All das hat seinen Weg in unsere Musik gefunden. Was ich jetzt im Nachhinein interessant finde, besonders in den meisten Songs bei denen ich singe, ist wie die Texte gealtert sind. Ich habe eine neue Beziehung zu ihnen. Einige der Texte erscheinen mir heute vorausschauend und irgendwie bedeutungsvoller als damals, als sie geschrieben wurden. Das ist sehr seltsam. Das macht sie für mich noch fesselnder. Ich denke immer an Mike, wenn ich diese Lieder singe, während ich sie singe. Das ist unvermeidlich und unvermeidbar. Ich habe das Gefühl, dass er bei mir ist und das Feuer entfacht.
1985 haben SOCIAL DISTORTION ihre Ostküstentour abgesagt, die ihr stattdessen gespielt habt. Was war damals der Grund für die Absage von Social Distortion und wie verlief die Tour?
Unsere erste Tournee im Sommer 1984, die von Jim Guerinot und Goldenvoice für uns gebucht wurde, war sehr hart. Die Punk-Szene war damals in Kalifornien riesig, aber der Rest des Landes war noch dabei diese aufzuholen, also hatten wir eine Reihe von abgesagten Gigs und andere Shows, bei denen wir nur vor einer Handvoll Leute spielten. Jim wurde Manager von Social Distortion und hatte für den frühen Winter 1985 eine Tournee für sie gebucht, aber Mike Ness‘ Suchtprobleme führten dazu, dass sie die Tournee absagen mussten. Anstatt diese Tour aber ganz abzusagen, bot Jim uns die Tour an. Ich fand dass es ziemlich gut lief.
SD waren viel bekannter und beliebter als wir, also weiß ich dass es eine Enttäuschung darüber gab das sie nicht spielten, aber wir wurden ziemlich gut aufgenommen. Zu jenem Zeitraum beschloss ich, dass ich so viel wie möglich touren wollte. Ich dachte, das wäre das Beste für die Band. Aber innerhalb der Band gab es einige Meinungsverschiedenheiten darüber.
Im gleichen Jahr habt ihr „Notes from the Underground“ aufgenommen, die im MRR verrissen wurde. Ich mag das Album trotzdem sehr gerne, es erinnert mich an die melodischeren Alben von 7 Seconds, zudem wurde euer Sound mit T.S.O.L. und The Damned verglichen. Von welchen Bands habt ihr euch zu jener Zeit selbst beeinflussen lassen, oder wie kam es zu dieser melodischen und teilweise auch düsteren Sound-Entwicklung?
Ich denke, wenn man sich alle unsere Alben anhört, wird man viele Melodien und Pop-Einflüsse finden. Als Musikliebhaber war ich immer auf Entdeckungsreise. Als ich in den späten 70er Jahren anfing Punk zu hören, war die Bandbreite dieser Musik noch viel größer. Neben den Punkbands der 70er Jahre wie den Ramones, Dead Boys, Sex Pistols, Damned usw. hörten wir auch Devo, The Cure, Joy Division, The Specials, Elvis Costello, The English Beat, XTC, Talking Heads, Pop Group, The Fall, Wire, Pere Ubu, Gang of Four – so viele großartige Bands, die großartige Musik machten, die damals zum Spektrum des Punk gehörten (heute aber leider nicht mehr unter „Punk“ verstanden werden).
Ich kaufte 1980 das The Clash Album „Sandinista“ als Import, Monate bevor es in den USA veröffentlicht wurde – war das Punk? Ich musste darüber nachdenken. Wie wäre es mit „Strawberries“ von The Damned? Oder das erste Album von Killing Joke? Ich hörte so viele Jazz- und Soul-Einflüsse, also habe ich mich auch dieser Musik zugewandt. Bei der Musik von M.I.A. ist das vielleicht nicht herauszuhören, weil nicht jeder in der Band sich zur gleichen Zeit auf der gleichen musikalischen Reise befand. Aber diese Einflüsse waren da. Zugänglicher war die Post-Punk-Welle, die immer wieder aufkam und in die ich mich ebenfalls verliebte. Die ersten vier Alben von The Cure waren bereits tief in mir verwurzelt. Und natürlich auch Joy Division. Dann habe ich ’82 Bauhaus gesehen und daraufhin haben Birthday Party mein Interesse geweckt. Ich glaube es war einfach eine natürliche Entwicklung unseres Musikgeschmacks.
Es heißt dass die Touren und die Aufnahmen zu „Notes from the Underground“ ihr Tribut kosteten und ihr euch erstmal aufgelöst habt. Du hast mit Paul Schwatz damals die Band verlassen. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Und warst du danach musikalisch noch aktiv?
Was das Touren anbelangt, so waren einige dafür motiviert und andere nicht. Es war nicht so dass unsere Shows miserabel verliefen, aber einige hätten lieber etwas anderes gemacht – Freundinnen gehabt und Geld verdienen, um zu Hause vielleicht zu surfen, am Strand zu liegen… so etwas in der Art. Kalifornien hatte definitiv eine Anziehungskraft, um sich auch in jenem Sinne zu verwirklichen. Die Aufnahmen von „Notes from the Underground“ verliefen schwierig.
Ich glaube und denke weil wir eine andere Richtung eingeschlagen hatten, was das Label betraf und weil wir einen namhaften Produzenten engagiert hatten (Thom Wilson, der großartig war, aber auch von unseren inneren Konflikten frustriert zu sein schien) und weil wir nicht gut genug vorbereitet waren (das Last Rites-Demo und „Murder in a Foreign Place“ wurden zu unseren eigenen Bedingungen aufgenommen). Doch während den Aufnahmen zu „Notes…“ gab es viel Druck und eine Menge Unsicherheiten. Das Ganze spitzte sich zu als Mike während der Aufnahmen frustriert das Studio verließ und einfach für den Tag verschwand. Was mich wütend machte.
Die Entscheidung meinerseits war wahrscheinlich dem Druck und der Frustration geschuldet und es entstand dabei ein großer Riss, der nicht mehr zu kitten war. Außerdem gab es ein Problem mit der Nüchternheit, das hässlich und schwierig war. Ich möchte hinzufügen dass 1985 eine seltsame Zeit in der kalifornischen Punkszene war. Die Szene hatte sich in Fraktionen gespalten und die Leute stritten darüber, was Punk war und was nicht. Es war einfach dumm.
Ich glaube viele Bands fragten sich, was sie als nächstes tun sollten. Nach M.I.A. spielte ich eine Zeit lang in ein paar Bands, aber nichts blieb wirklich hängen, also konzentrierte ich mich auf die Schule um einen Abschluss zu machen. Es hat eine Weile gedauert aber ich habe meinen Abschluss an der UC Berkeley gemacht. Paul zog zurück nach Vegas und spielte dort in einer Reihe erfolgreicher Bands. Mike gründete Naked Soul mit Larz und dem guten Freund Jeff Sewell.
Schade das du nicht mehr bei „After the Fact“ dabei warst, was für mich in seiner schlüssigen Melodieführung das beste M.I.A.-Album darstellt. Was hältst du persönlich von dem Album?
Ich habe eine Hassliebe zu diesem Album, haha. Mike war sehr wütend auf mich, weil ich die Band verlassen hatte und diese Wut zeigt sich auf dem Album und in unseren Interaktionen in den nächsten Jahren, so dass es mir schwer fiel es zu hören. Außerdem war M.I.A. auch meine Band, in die ich eine Menge Schweiß und Liebe gesteckt hatte. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte eine neue Band gegründet. Gleichzeitig war ich der Meinung das Mike das was wir mit „Notes From the Underground“ erreichen wollten auf „After the Facht“ besser gelungen ist und das habe ich wiederrum zu schätzen gewusst. Es ist ein gutes Album mit einigen großartigen Songs.
Ich denke das mein Ausstieg aus der Band Mike gezwungen hat, einige Dinge wirklich auf den Punkt zu bringen und „After the Fact“ war ein wichtiger Schritt, um ein wirklich guter Songwriter zu werden (und er wurde meiner Meinung nach ziemlich gut). Jetzt wo so viele Jahre vergangen sind, höre ich es mit anderen Ohren. Unsere jetzige Besetzung ist ein Trio und auf „After the Fact“ sind zwei Gitarren zu hören, so dass ich genau hinhören musste um die Essenz der Songs zu finden und meine eigenen Arrangements zu erstellen, damit wir einige dieser Songs live spielen können. Dadurch weiß ich das Album noch viel mehr zu schätzen. Mein Gitarrenstil unterscheidet sich sehr von dem des großartigen Mark Arnold, der auf „After the Fact“ Gitarre gespielt hat, daher hoffe ich das die Fans des Albums etwas Nachsicht mit mir haben werden.
Wie kam es dann 1988 zur zweiten und vorerst endgültigen Auflösung?
Ich war nicht dabei, daher habe ich nur Informationen aus zweiter Hand. Soweit ich weiß wollten Mark und Frank Daly (der Paul am Bass ersetzt hatte) nach der Rückkehr von der M.I.A.-Tournee 1987 einige ihrer eigenen Songs ausprobieren, doch Mike wollte das nicht tun oder war nicht überzeugt von deren Ideen. Also verließen sie die Band und gründeten Big Drill Car, eine weitere großartige OC-Band. Ein paar Jahre später spielte ich dann in einer Band mit Bob Thomson von Big Drill Car, einem wirklich großartigen Bassisten und geschätzten Freund. Und schließlich heiratete ich Franks langjährige Freundin, die ich erst 1989 kennenlernte nachdem sie sich getrennt hatten. Das Leben ist schon seltsam.
Gab es rückblickend diverse Konzerte oder Momente die dir besonders stark in Erinnerung geblieben sind?
Nach 40 Jahren liegt natürlich einiges verschwommen in der Erinnerung zurück. Doch ich erinnere mich an viele dumme oder kleine unbedeutende Dinge, die sich nicht einmal für eine gute Geschichte eignen: Motorschaden auf Tour, Regenfluten im Mittleren Westen, verzweifeltes Verstecken von Gras am kanadischen Grenzübergang, eine Woche lang gestrandet in Baltimore, solche Sachen halt. Ich erinnere mich an eine Mini-Tournee mit den Dead Kennedys und den Butthole Surfers, bei der mich Letztere jeden Abend aufs Neue umgehauen haben. Ich erinnere mich das ich im CBGB spielte und Probleme mit dem Verstärker hatte oder an Washington DC mit Government Issue. Und ich erinnere mich auch gerne daran wie viel Spaß unsere Shows in jeder kanadischen Stadt gemacht haben, aber besonders Edmonton mit SNFU. So viele kleine Dinge.
In welchen Bands spielten die Mitglieder von M.I.A. nach deren Auflösung?
Mike spielte mit mit Larz von M.I.A. in der Band Naked Soul, später gründete er eine Band namens Jigsaw. Paul gründete mehrere Bands in und um Vegas: Various Artists, Pablo Diablo and the Little Red Devils, The Western Bone Cleavers, The Hellhounds of Harmony, um nur einige zu nennen. Die bekannteste Band, in der ich spielte hieß Flatbed, mit Bob von Big Drill Car und Miles von Fluf; außerdem Arab & the Suburban Turbans und eine Funk-Band mit Bad Otis und Chuck Biscuits namens Brown Sound.
2001 erschien über Alternative Tentacles die hervorragende Compilation „Lost Boys“, wo neben eurer Debüt-Split-LP und „Murder in a Foreign Place“ auch massig unveröffentlichter Demotracks vorhanden sind. Mich wundert es dass ihr diese tollen Songs nie regulär auf Platte aufgenommen habt. Was war der Grund für diese Zurückhaltung und aus welchen Zeiten stammen diese Demobänder?
Ich habe das Audiomaterial für diese Veröffentlichung kuratiert. Viele dieser Demos die ich auf meiner 4-Spur-Tascam-Kassettenmaschine aufgenommen hatte, stammten aus der „Notes From the Underground“-Ära und viele von ihnen haben es auf das Album geschafft, andere hätten es wahrscheinlich tun sollen. Unsere Neuauflage von „Murder in a Foreign Place“, die diesen Sommer erscheint, enthält einige Bonus-Demosongs die es wahrscheinlich auf das ursprüngliche „Murder in a Foreign Place“-Album hätten schaffen sollen, ich weiß nicht warum sie es nicht taten. Manchmal bleiben Songs einfach stecken und werden Beiseite gelegt und man macht weiter.
Leider habt ihr auch zwei tragische Todesfälle in der Band. 2008 wurde euer Sänger Mike Conley tot auf einem Hotelparkplatz in Chicago aufgefunden. Hat sich dafür die Todesursache klären können?
Offiziell war die Todesursache das er an einem kalten Februarmorgen vor einem Motelzimmer in Chicago auf dem Eis ausrutschte und sich den Kopf anstieß.
Und euer erster Sänger Todd Sampson verstarb 2010 nach einem Konzert. Ist hierfür die Todesursache bekannt?
Da war ich dabei. Wir spielten eine Show in Las Vegas in der brutalen Sommerhitze. Todd starb an einem Hitzschlag, im Grunde genommen wurde sein Körper überhitzt und in unserer Unwissenheit haben wir ihn nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Das ist leider keine Seltenheit in der Wüste. Fire (Todd) and Ice (Mike).
Seid wann spielt ihr wieder zusammen? Und was war der Grund für eure Wiedervereinigung?
Als Mike 2008 unerwartet starb ging es seiner Familie finanziell schlecht. Unser alter Freund Jim Guerinot und ein weiterer Freund Joe Sib (von Side One Dummy Records) halfen dabei, eine Benefizshow im House of Blues in Anaheim zu organisieren. Das war eine wunderbare Sache. Alte Bandkollegen und andere Freunde traten Mike´s Bands Naked Soul und Jigsaw bei, Cadillac Tramps spielten ein großartiges Set, Social Distortion spielten ein Akustik-Set das mich zu Tränen rührte und M.I.A. spielten ein Set mit Todd (unserem ursprünglichen Sänger aus Vegas) und einem von Mike´s besten Freunden Kevin Seconds und Jello Biafra.
Dann bekamen wir einige einmalige Angebote, wie z.B. Shows auf der Warped Tour zu spielen, und wir sagten uns, klar warum nicht? Und wir spielten weiterhin hier und da Shows, bis Todd 2010 verstarb. Es war hart unsere beiden Sänger zu verlieren, die beide gute Freunde waren. Wir haben uns ein paar Jahre lang zurückgezogen, aber dann haben wir darüber nachgedacht wieder zu spielen, weil immer wieder Leute mit Konzertanfragen auf uns zukamen. Einige von Mikes Freunden wollten sich als Sänger versuchen, aber je mehr wir darüber nachdachten desto mehr klang es für uns nach einer schlechten Idee. Wen auch immer wir in die Band holten würde mit Mike verglichen werden und in seine Fußstapfen treten müssen. Es würde nicht einfach werden und die Chancen auf Erfolg waren gering. Eines Tages fragte ich die Jungs einfach: Lasst es mich versuchen.
Am Anfang war es nicht einfach, weil ich diese Lieder noch nie gesungen hatte und sie gleichzeitig so schnell spielen musste, das war eine echte Herausforderung. Aber gleichzeitig habe ich viele dieser Lieder mitarrangiert oder geschrieben und ich kannte das Gefühl dahinter und wusste wie sie gesungen werden sollten. Also spielen wir jetzt als Trio, Schlagzeug, Bass und Gitarre, mit mir als Leadsänger und Paul, der auch ein paar Leads singt. Wir haben kürzlich auf dem Alternative Tentacles Festival in Oakland gespielt und obwohl wir ein großartiges Set hatten, weiß ich das Biafra Mike vermisst hat. Das hat er mir hinterher gesagt.
Wir alle vermissen ihn und wir wünschten er wäre hier, um diese Songs mit uns zu spielen. Ich kann ihn nicht ersetzen, keiner kann das. Er war ein einzigartiger, dynamischer Mensch. Aber ansonsten haben wir die ursprüngliche Band intakt und ich habe das Gefühl das wir das ziemlich gut hinbekommen. Es ist wirklich eine Hommage an Mike und die Wiederveröffentlichung unseres Katalogs durch Modern City, Alternative Tentacles und Darla Records hat dazu beigetragen die Erinnerung an ihn und unsere Musik lebendig zu halten. Wir sind dankbar dafür. Die Resonanz war großartig. Wer M.I.A. damals nicht erleben konnte, kommt dem jetzt so nahe wie nie zuvor. In unserem Alter bekommt man langsam einen Eindruck vom Ende der Reise. Es stellt sich heraus dass das Leben kurz ist und Bands aus unserer Zeit nicht mehr lange existieren werden.
Werden in Zukunft neue Songs von M.I.A. veröffentlicht?
Wir haben einige neue Songs geschrieben und viele davon werden wir live spielen, aber im Moment gibt es keine konkreten Pläne sie als M.I.A. aufzunehmen – ich werde sie wahrscheinlich am Ende alleine aufnehmen, nicht als M.I.A.
Im Spätsommer 2024 werdet ihr eine Tournee durch Europa spielen. Ist das eure erste Europatournee? Spielt ihr Songs von all euren Alben?
Ja das wird unser erstes Mal sein das wir in Europa spielen. Die Tour beginnt am 26. September in Karlsruhe und endet am 5. Oktober in Paris. Wir sind sehr aufgeregt und ein bisschen ängstlich. Wir haben mit einer von Mikes Töchtern darüber gesprochen (er hat drei Töchter) und sie hat bestätigt, was wir schon wussten: Mike wird sehr eifersüchtig sein! Wir werden Songs von allen unseren Alben spielen, wie ich schon sagte hat keiner der aktuellen Bandmitglieder auf dem Album „After the Fact“ gespielt, also sind diese Songs durch die Perspektive der Band aus der „Murder in a Foreign Place“ und „Notes From the Underground“-Ära inspiriert und gefiltert. Wenn du ein Fan dieses Albums bist, sei bitte nett!
Was macht ihr derzeit neben der Band beruflich?
Paul (Bass) ging in den Ruhestand, nachdem er viele Jahre als Koch in Las Vegas und anderen Städten gearbeitet hatte, Larz (Schlagzeug auf Murder in a Foreign Place und Notes From the Underground) ist derzeit selbständig in einem Finanzunternehmen tätig, Chris (Schlagzeuger auf Last Rites und After the Fact, ist derzeit nicht aktiv bei uns, aber wir lieben ihn immer noch) er ist im Halbruhestand und spielt Golf in Las Vegas und ich an der Gitarre und jetzt Gesang, bin Fotojournalist und Portraitfotograf im Halbruhestand.
Noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
„Das Krebsgeschwür der Zeit frisst uns auf!“ (Eine Zeile aus dem Buch „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller, die in die Auslaufrille des Albums „Murder in a Foreign Place“ eingraviert ist).
(bela)