Kettcar (#227, 2024)
Ein Leben ohne Hoffnung wäre schlimm. Genauso wie ein Leben ohne Liebe schlimm wäre. Beides schimmert in den (neuen) Liedern von Kettcar stets durch. Egal wie schlimm die Lage, egal wie prekär die Situation – es gilt „sich von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen.“ Deswegen schreiben Kettcar Lieder. Vielleicht ist es sogar der einzige Grund. Hass gibt es genügend, da draußen. Hoffnung nur wenig. Um so schöner, wenn sie in Songs gefunden wird. Natürlich kenne ich die ganzen Vorbehalte gegen die Musik, gegen die Band, gegen die Personen. Aber das ist mir egal. Ich finde Kettcar toll. Und irgendwie sind sie den gleichen Weg wie ich gegangen.
Klar fand ich …But Alive als Punk auf dem Dorf super. Marcus Wiebusch hat mir die Welt erklärt. Oder zumindest einen Teil davon. Einen wichtigen Teil. Nach der Jugend folgte unweigerlich die Adoleszenz. Punkrock fühlten sich für mich nicht mehr richtig an. Klar, es gab immer noch gute Songs, aber der Blick darauf wurde eher nostalgisch und mit meinem (zukünftigen) Leben war diese Musik erst mal nicht mehr arrangierbar. Da platzten …But Alive mit dem letzten Album rein und nach kurzer Verwunderung fühlte sich das alles so dermaßen richtig an. Plötzlich korrespondierten die Songs der Band, die ich immer so sehr geliebt hatte, wieder mit meinem Leben, den Gefühlen, Wünschen und Vorstellung, denen ich damals nachhing.
Als wenn Marcus Wiebusch den gleichen Schritt wie ich vollzogen hat. Zwei Jahre später war es beim Debüt von Kettcar wieder so. Diese Lieder sprangen mich an. Und zwar nicht, weil ich die Musik so toll fand (auch), es waren die Texte. Ich erkannte mich und mein Leben darin. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Kettcar könnten Hardcore machen oder eine Easy-Listening-Platte. Ich würde mich wieder kurz wundern, schütteln, in mich reinhören und in die Songs reinfinden. So lange wie diese Texte bleiben, mir etwas erzählen oder etwas auslösen. Und ich fand nach dem ersten Hören des neuen Albums von Kettcar, dass das ins Trust gehört.
Also sprach ich mit Marcus Wiebusch über das neue Album von Kettcar, aber auch etwas über …But Alive und Marcus Soloalbum und die Subkultur und Slime und Craig Finn und The Hold Steady, aber hauptsächlich über die neuen Songs von „Gute Laune ungerecht verteilt.“
Hallo Marcus, wunderst du dich, dass Kettcar im Trust (noch) stattfindet?
Ja. Ja, wir wundern uns.
Ich gebe zu, es gab einige Vorbehalte, die ich aus dem Weg räumen musste. Fühlt ihr euch in diesem Zusammenhang als Kettcar manchmal aus der Punkszene, aus der ihr ja ursprünglich stammt, ungerecht behandelt?
Ungerecht behandelt? Hm, dafür müsste ich erst mal wissen, wie ich überhaupt behandelt werde. Ich weiß jetzt nicht, wo ich ungerecht behandelt worden wäre. Oder anders gesagt, am Anfang von Kettcar – und das ist mal eben 23 Jahre her – da gab es ein paar Spitzen gegen mich. Aber das interessiert mich heute überhaupt nicht mehr. Ich wüsste jetzt nicht, ob das Trust jemals schlecht über mich bzw. uns geredet hat. Wahrscheinlich schon, aber dann habe ich es nicht mitgekriegt. Ich kann die Frage also nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wie die Punkszene zu uns steht oder wie die das finden, was wir machen.
Du hast es eben schon angesprochen, am Anfang von Kettcar, gab es ein paar Vorbehalte, die ich persönlich nie verstanden habe. Andererseits gab es jetzt ein paar Interviews mit dir im Ox, im Plastic Bomb oder Mind the Gap. Aus meiner Sicht scheint es da eine Veränderung zu geben, dass ihr wieder interessanter werdet.
Bei Mind the Gap und Plastic Bomb war es extrem nostalgisch. 25 Jahre „Bis jetzt ging alles gut“ und sehr speziell auf …But Alive ausgerichtet. Da gab es keine Kettcar- oder Marcus-Wiebusch-Frage. Es ging eher darum, wie das damals war. Das Interview vom Plastic Bomb handelte viel von den jeweiligen Sounds der Platten. Das war alles eher rückwärtsgewandt. Wenn sich jemand ernsthaft für meine damaligen Bands interessiert, bin ich gerne bereit, darüber zu sprechen. Das waren schöne Gespräche und ich fand das nett. Und mit dem Ox hat Reimer Bustorff gesprochen. Wenn jemand fragt, so wie du jetzt, geben wir eigentlich jedem ein Interview, der was wissen will. Egal, ob wir mal gedisst wurden oder nicht. Das ist uns ziemlich egal.
Seht ihr euch mit Kettcar noch als Teil einer Subkultur?
Nein.
Bedeutet dir Subkultur noch etwas?
Ja, aber aus Gründen, die sehr stark in der Vergangenheit liegen und für die ich sehr dankbar bin, dass ich ein Teil davon war. Ich habe immer versucht, mich so einzubringen, wie es sich für mich gut und richtig angefühlt hat. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, als kleiner Punker im Süden Hamburgs, war die DIY-Szene, von der wir bis zum heutigen Tage beeinflusst sind, sehr wichtig für mich. Und ich bin dankbar, so was erlebt zu haben. Mit all den Hilfestellungen, dass wir touren und uns so krass ausprobieren konnten.
Ich war damals eingebettet in Bands wie Boxhamsters, EA80, Muff Potter. Das waren alles Bands, mit denen wir gerne die Bühnen geteilt haben, in den Jugendzentren und besetzten Häusern. Diese Strukturen fühlten sich total richtig an. Ich musste dann 1999 auch die schmerzhafte Entscheidung treffen, mit …But Alive aufzuhören. Damals habe ich ziemlich deutlich dokumentiert, dass ich etwas anderes machen möchte. Ich war damals 32 Jahre alt und ganz kurz davor zu sagen, ich höre auf mit der Musik. Aber wie von Zauberhand habe ich weiterhin Songs geschrieben, die aber nicht mehr so richtig Punk waren.
Und ich wollte auch keinen Punk mehr machen. Ich wollte buchstäblich nicht mehr diese Musik spielen. Und was die Enttäuschung angeht: Wenn die Leute sagen, du kommst doch aus dieser DIY-Szene. Du bist doch ein Kind dieser Szene. Diese Szene hat dich doch groß gemacht und dich gefeiert. Du müsstest ihr doch dankbar sein. Dann antworte ich: das bin ich auch. Aber bin ich ihr verpflichtet? Bin ich verpflichtet, bis zu meinem Lebensende die Musik zu machen, die ich nicht machen möchte?
Hauptsache ein paar Leute finden das dann immer noch gut und richtig? Dann habe ich Kettcar gegründet und die ersten Songs waren sicherlich auch eine bewusste Abkehr von dem, was ich vorher gemacht habe. So wie die letzten beiden (Kettcar) Alben wiederum eine Abkehr davon sind. Das Wichtigste ist, dass ich dieser Subkultur unendlich dankbar bin, aber das heißt nicht, dass ich ihr auf ewig verpflichtet bin. Und das letzte …But Alive-Album gilt heute ja schon als erster Schritt hin zu Kettcar.
Das wollte ich gerade sagen.
Genau. Ich habe mich damals gefühlt, als wenn ich eine Auftragsarbeit abliefern müsste. Von der Szene für die Szene. Dazu hatte ich keine Lust mehr. Dann habe ich das vierte …But Alive-Album gemacht. Das hat die Szene, die mich am Anfang abgefeiert und mir sehr viel ermöglicht hat, überhaupt nicht gefallen. Es war ein absoluter schmerzhafter Prozess, die Band aufzulösen. Aber für mich war es einfach nicht mehr logisch, das weiterzuführen.
Ich habe diesen Schritt auch mitgemacht. Die letzte …But Alive war erst mal überraschend. Aber ich habe mich da damals schon voll reingefunden und fand die dann auch total super und habe die abgefeiert.
Cool.
Und in der Rückschau war es dann immer schon die erste Kettcar Platte.
Ja. Das sagen auch viele.
Kettcar hatte dann ein anderes Publikum, das nicht aus dem Punk kam. Denen habe ich dann ganz oft dieses Album vorgespielt. Die waren immer völlig überrascht, dass es davor was gab. Und zwar etwas, was in eine ähnliche Richtung ging. Wenn ich dann noch weiter zurückgegangen bin, da war dann bei denen auch wieder Schluss. Das haben die dann nicht mehr verstanden. Auf dem neuen Album – im Innencover – seid ihr ganz verschwommen einzeln abgebildet. Ist das so, weil ihr euch nicht wichtiger als die Texte nehmt, die jeweils daneben abgedruckt sind?
Das kannst du so sagen. Wir haben das zwar nicht über die Alben durchgezogen, aber es gibt sehr wenige Bilder von uns in den Platten. Wir wollten uns als Personen nicht zu wichtig nehmen. Die Texte haben bei uns in erster Linie den Vorrang. Irgendwie ist es aber auch einfach ein grafisches Element. Das sind die Köpfe, die diese Texte und die Musik gemacht haben.
Der erste Song! Erst mal finde ich, wenn die Platte anfängt, ist sofort dieses Kettcar-Feeling mit dem Gitarrenpicking da. Das ist gleich so unverkennbar Kettcar. Fand ich gut. Und trotzdem hatte ich als allererstes „Gemeinschaftskundeaufsatz achte Klasse“ und „wie ich das Erklären hasse“ im Kopf. Hast du beim Schreiben auch an den alten …But Alive-Song gedacht?
Nein. Im Gegenteil. Ich finde, wenn überhaupt, dann geht eher „Kanye in Bayreuth“ in diese Richtung. Insbesondere die ersten Entwürfe des Songs. Erik hat für (den Eröffnungssong) „Auch für mich 6 Stunde“ die Gitarre komponiert und mir das Demo vorgespielt. Ich finde den Song musikalisch für Kettcar Maßstäbe ungewöhnlich, weil die Snare unglaublich peitschend auf die ruhige Gitarre reinkommt. Das fand ich sofort geil. Und dann ist es ungewöhnlich, dass ich auf dieses Picking nicht singe, sondern nur spreche. Und das mit einer gewissen Gnadenlosigkeit. Der Song hat nicht viel Erklärendes.
Es ist vielmehr eine Zustandsbeschreibung. Und wie abgefuckt sich alles für einen anfühlt. Dieses Gefühl, in den Seilen zu hängen und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Und dann kommt der Refrain, „ein Bengalo in der Nacht.“ Ein kurzes Aufflackern der Hoffnung. Ein lyrischer Versuch mit den Überforderungen dieser Zeit fertig zu werden, die ich heute viel (viel) schlimmer als zu jedem anderen Zeitpunkt in den 90ern empfinde. Die Welt ist ernsthaft verrückt geworden. Ich kann mich an keine Zeit außer an Rostock und Hoyerswerda erinnern, in der so viel Scheiße in so kurzer Zeit passiert ist. Wir stolpern ja quasi nur noch von Krise zu Krise.
Daraus habe ich zusammen mit Reimer einen Zwang gespürt, sich dem gegenüber zu verhalten. Das äußert sich bei mir in einem Song wie „Auch für mich 6 Stunde“. Es ist die Darstellung einer Überforderung. Das war die Idee hinter dem Song. Es freut mich, dass das Lied so gut ankommt bisher. Es ist schön, dass Gefühl zu haben, die Stimmung von vielen Leuten offensichtlich ganz gut zusammengefasst zu haben.
Eure große Kunst ist es ja, in persönlichen Songs immer auch ein politisches Thema mit reinzubringen und umgekehrt. Das ist in diesem Song ja auch so. Erst mal ein politischer Song, aber nicht mit Zeigefinger auf die Zwölf. Da ist immer noch eine andere Ebene mit drin.
Ja.
Das Video zum Song „München“ habe ich der Mutter des besten Freundes meines Sohnes geschickt. Sie fand den Song gut und konnte die Erfahrung bestätigen, auch wenn der Junge noch klein ist. Und sie hat geschrieben, noch hat er den Niedlichkeitsfaktor. Aber irgendwann wird er ein schwarzer Mann sein. Ich fand es schrecklich zu wissen, dass sie es jetzt schon weiß. Habt ihr Feedback von Betroffenen zu diesem Lied erhalten? Indiepop ist ja eher eine weiße Domäne.
Diesen Yachi aus dem Song gibt es ja wirklich. Mit dem hat Reimer damals in Hamburg Fußball gespielt. Und er hat natürlich viele Sachen dazu gedichtet oder fiktionalisiert, um den Alltagsrassismus allumfassender darzustellen. In unserem Umfeld gibt es schon ein paar Leute mit Migrationshintergrund. Aber darum geht es nicht wirklich. Ich bin in Hamburg-Wilhelmsburg groß geworden. Das war mal ein sehr migrantisch geprägter Stadtteil. Es gab so einen Fall, den werde ich nie vergessen. Achmed hat Scheiße gebaut, wie jeder von uns. Und er hat mit so einem Spruch einen Schlüssel an den Kopf gekriegt. Der Spruch war aber das Schmerzhafte.
Ich krieg das nicht mehr richtig zusammen, aber so die Richtung: „So was machen wir hier nicht.“ Ausnahmezustand. Die Klasse ist sofort zum Schuldirektor gegangen. Der Lehrer hat sich 1000-mal entschuldigt. Das ist das, was Reimer im Song meinte. Achmed hat es mit voller Wucht abbekommen, was jeder Schüler damals gemacht hat. Aber er bekommt es in dieser dreckigen Form ab. Nur weil ich in meinem Freundeskreis überschaubare Freunde mit Migrationshintergrund habe, heißt es nicht, dass ich dieses Thema nicht erkenne und bewusst angehe. Ich habe auch keine Paketzusteller in meinem Freundeskreis und schreibe trotzdem Songs wie „Paketzusteller of the world unite and take over.“ Das ist die Freiheit der Kunst, dass ich in diese Rolle schlüpfen kann, ohne dass ich unmittelbar betroffen bin. Sonst könnte es ja jeder weiße Mann lassen mit politischen Songs.
So war das auch nicht gemeint.
Ne. Aber es gibt ja diesen Vorwurf und in dieser Richtung ging das gar nicht.
Vielleicht noch eine weitere persönliche Geschichte. Meine Frau wird gleich herkommen. Unser Nachbar passt auf die Kinder auf. „Rügen“ spricht sicherlich vielen Eltern aus den Herzen. Was meinst du, wann fing es an, dass Kinder zu einer Belastung wurden?
Du willst ja sicherlich kein Datum haben (lacht). Nein, ich glaube, es ist wirklich so, dass in den letzten Jahrzehnten Eltern (oder die Menschen) soziologisch betrachtet, immer mehr den Wunsch gehegt haben, nicht nur soldatisch einen Beruf auszuüben oder soldatisch in der Mutterrolle aufzugehen oder soldatisch in der Vaterrolle – sondern in Selbstverwirklichung. Für viele Menschen unserer Generation, wozu ich dich jetzt einfach mitzähle, ist es ein wichtiger Punkt, irgendwas zu machen, dass Freude macht. Das kollidiert mit Kindern. Früher war es egal. Da wurde es einfach hingenommen. Und ich habe mich erdreistet, die Härten des Elternseins auszusprechen.
Und nicht immer so, seit mein Kind geboren wurde, bin ich ein ganz anderer Mensch. Das ist so schön. Das kannst du so fühlen. Ich finde es hingegen manchmal sehr hart. Aber! Die dialektische Note ist: „Da ist so viel Freude. Aber kein Spaß.“ Dieses Bild habe ich aus einem New Yorker Artikel adaptiert. Da schrieb eine junge Mutter einen viel beachteten Essay, der überschrieben ist mit: I love my child but i hate my life. Das fand ich einen krassen Satz, der eindrücklich geschildert hat, wie es sich für sie anfühlt. Wie viel Freude sie empfindet, aber manchmal auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Naja, aber wann fing das an? In den letzten Jahrzehnten haben die Menschen versucht, alles unter einen Hut zu kriegen. Sowohl die Selbstverwirklichung und das, was Anständiges mit dem Leben gemacht wird und Mutter sein und Vater sein und Eltern sein. Es ist unglaublich schwer. Das ist meine soziologische Beobachtung.
Sind in diesem Zusammenhang, du greifst es einmal im Song auf, nicht eher die Eltern die Egoisten?
Wie meinst du das?
Ich glaube, die Textzeile ist, dass die Kinder so egoistisch sein können. „Was für Knalltüten das sein können, egoistisch und selbstsüchtig.“
Genau. Auf der anderen Seite, die Eltern habe sich entschieden, die Kinder in die Welt zusetzten. Und sagen trotzdem, ich möchte mich aber auch selbst verwirklichen. In dem Song ist es ja nur ein verzweifelter Moment, der gerade anstrengend ist. Ich koppele das ja immer zurück auf den Aspekt „da ist so viel Freude.“ Und dieser Darth-Vader-Satz: „Wir werden uns erinnern, wie wir es geliebt haben, für sie liebend da zu sein.“ Wir werden uns daran erinnern. Es gibt eine Zeile, die hat es nicht in den Song geschafft: „Das Gedächtnis kennt einen Zaubertrick. Glück erinnern heißt Glück gekriegt.“ Wenn du dich in zehn Jahren an deinen Sohn erinnerst, wirst du nur an die schönen Dinge denken. Die ganze Scheiße wirst du vergessen haben. Das ist doch auch ein schöner Gedanke. Das Gedächtnis wird sich an das Lachen, an die guten Sachen erinnern. Ich versuche mit dem Song in keiner Weise eine Allgemeingültigkeit abzuleiten. Es ist nur ein Wink, dass es auch mal so gesehen werden könnte. Interessanterweise gefällt dieser Song ziemlich vielen Leuten.
Ja, weil das natürlich auch selten angefasst wird. Mir fällt spontan kein Song ein, der so ein Thema behandelt. Genauso fällt mir auch kein Song wie „Kanye in Bayreuth“ ein. Diese Enttäuschung über einen bestimmten Künstler hatte ich zum Beispiel bei Ryan Adams. Ich kann seine Musik nicht mehr hören. Es geht einfach nicht mehr, weil ich immer sofort an diese Chats denken muss. Warum ist der Typ nicht drin?
Ach, weiß ich nicht, ich musste zu viele rauslassen. Die hyperkomplizierte Dimension des Songs ist ja,… nehmen wir mal an, Craig Finn baut so richtig, richtig scheiße.
Ich habe Angst.
Dein Kopf wird immer eine Ausrede finden. Früher war er noch nicht so oder etwas Ähnliches. Weißt du, was ich meine? Ich habe mit so vielen Leute geredet, die mit Michael Jackson nicht mehr können, aber mit Morrissey schon und andersrum. Je nachdem wie die persönliche Präferenz ist. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Ich lehne nur diese Mob-Bildung ab. Ich kann Michael Jackson auch nicht mehr hören, aber ich würde dich niemals auffordern, das auch nicht mehr zu tun. Wenn ein Künstler fällt, geht es meistens damit einher, dass auch seine Kunst in der Versenkung verschwindet. Wenn das Werk aber den Künstler überschattet, wie bei Michael Jackson oder ganz besonders bei Richard Wagner, dann ist es offensichtlich so, dass die Leute das trennen. „Beat it“ oder „Billy Jean“ sind größer als der Künstler. Das Symbol, welches ich dafür nutze, ist der grüne Hügel. Alle, die die Wagner-Festspiele besuchen, Tausende von Menschen müssen diesen Hügel rauf. Und in diesem Moment müssen sie Werk und Autor trennen. Wagner war doch das dümmste Arschloch.
Eine Frage hätte ich noch zu einem Song von Reimer. „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ – auch hier wieder ein sehr persönlicher Song, eine schöne Beobachtung, ein schönes Ende auch.
Ja.
König der Löwen ist ja ein politischer Kommentar.
Ganz ohne muss es auch nicht laufen. Auch das verrottete Mietshaus Grindelallee 80 ist in Hamburg ein Politikum. Aber eigentlich ist der Song ja ein Sittengemälde. Im Grunde genommen vergleichbar mit „Trostbrücke Süd“, wo im Bus ganz unterschiedliche Leute sitzen, der ist reich, der ist arm, die ist groß, die ist klein. So ist es auch im Supermarkt. Du findest alle Leute von arm bis reich. Die prekären Personen werden aber etwas stärker rausgestellt wie die Frau, die sich kaum noch was leisten kann. Das finde ich ein total starkes Bild. „Und nicht alle in Hamburg wollen zu König der Löwen“ ist auch so ein kleiner Seitenhieb, was die Hamburger Kulturpolitik im weitesten Sinne fördert. Nicht alle wollen das so.
Was ich an diesem Song so spannend finde, ist, dass er sich jeglicher Wertung entzieht. Er beschreibt einfach nur mit starken Bildern und ist von Reimer scharf beobachtet.
Möchte Reimer seine Lieder nie selber singen?
Nein.
Kommen wir zu meinem Lieblingssong vom Album.
Jetzt bin ich gespannt.
Vorsicht ist ja bei der Verwendung von Superlativen geboten. Aber ich finde im Moment und die Zeit wird das entscheiden „Was wir sehen wollen“ ist der beste Song, den du je geschrieben hast.
Den habe ich nicht geschrieben!
Ach scheiße, ernsthaft?
Der ist von Reimer.
Na gut, dann hast du ihn nicht geschrieben. Dann ist es vielleicht der beste Kettcar-Song?
Der wird nicht hoch gehandelt. Wir werden den nicht live spielen. Wir werden den nie live spielen.
Das ist schade.
Der wird wirklich nicht hoch gehandelt. Wir werden „Einkaufen“ noch spielen. Wir werden vielleicht…, ne, wir werden den nicht spielen.
Das ist so ein toller Song.
Ich find den auch gut. Ich finde aber auch „Bringt mich zu eurem Anführer“ gut. Werden wir auch nie live spielen. Da hast du dich jetzt richtig ins Fettnäpfchen gesetzt.
Einmal die Linernotes vernünftig lesen.
Ich habe acht Songs geschrieben und Reimer vier: „München“, „Einkaufen“, „Was wir sehen wollen“ und „Blaue Lagune.“
Du hattest Craig Finn gerade schon erwähnt. Ich finde, Reimers Songs auf diesem Album haben etwas Craig Finn mäßiges. Hätte ich eher von dir erwartet.
Ja. Da gibt es auch eine Geschichte zu. Reimer und ich hatten uns überlegt, als wir die 2019er E.P. fertig hatten, mit „Scheine in den Graben“ „Notiz“ und „Weit draußen“ – ich finde „Weit draußen“ ist ein absoluter Craig-Finn-Song. Und bei aller Bescheidenheit einer der besten Texte, die ich je geschrieben habe, aber der ist komplett verreckt, weil der Song viel zu hart ist. Dann war Corona. Und am Ende von Corona hatte ich eine sehr große private Krise und ich war die ganze Zeit ziemlich lost. Lost heißt, ich habe über Jahre keinen einzigen guten Song geschrieben. Jedenfalls, 2019 hatten Reimer und ich beschlossen, wir schreiben nur noch Storytelling-Songs. Nur noch so was wie „Weit draußen“ oder was Reimer mit „Blaue Lagune“ gemacht hat. Aber dadurch, dass ich gar nichts mehr geschrieben habe. Das ist mir in 30 Jahren Musikertätigkeit nie passiert. Corona hat mein Gehirn so gefickt.
Es war absurd, wie schlecht ich kreativ war. Da kam Reimer immer wieder mit neuen Songs und die waren alle Bretter. Bis ich irgendwann mit „Kanye“ und „Dough & Florence“ hinterhergehechelt bin. Aber ich wollte dann nicht noch einen Storytelling-Song schreiben, weil ich fand, das hatte Reimer schon so schön gemacht. Ich wollte dann was anderes machen und bin von der Idee wieder weg ein Storytelling-Album wie The Hold Steady zu schreiben. Ich musste aufholen, weil Reimer so tolle Lieder reingebracht hatte und dann haben wir uns gegenseitig hochgeschaukelt. Mir war es wichtig, Reimer schreibt „München“, ich schreibe das zärtlichste Liebeslied, das mir gelingen kann. Reimer schreibt „Einkaufen“ und ich schreibe „Brief meines 20-jährigen Ich“. Aber die ursprüngliche Idee war tatsächlich ein durchgängiges Storytelling Album wie The Hold Steady zu schreiben. Aber irgendwann haben wir das verworfen.
Das zärtlichste Liebeslied wird dann ja „Zurück“ sein. Da möchte ich ein Zitat von Martin Büsser anbringen. „Wer die Zärtlichkeit der Küsse nie verspürt hat und wer die Umarmung nicht kennt, der hat auch kein Recht zu hassen.“ (aus Trust #70) Das finde ich trifft bei euch ja auch wieder zu. Ich will es nicht Hass nennen, aber eine gewisse Wut ist bei euch ja da. Auf der anderen Seite gibt es ja auf jeder Platte dieses eine Liebeslied.
Auf jeder?
Du hast „Balu“, du hast „Rettung“.
Auf der „Sylt“ nicht.
Okay, nicht auf „Sylt“.
Es gibt Leute, die mögen die politischen Lieder. Und es gibt Leute, die mögen die „Balu“-Lieder total gerne. Es gibt so Leute, die die Punktage von …But Alive mitgemacht haben. Die finden auch heute noch „Der Tag wird kommen“ und „Sommer 89“ gut. Sagen die auch so. Ich habe mit Kettcar abgeschlossen, aber das sind wirklich gute Songs. Und die finden wahrscheinlich auch „München“ gut. Aber die verstehen und fühlen „Zurück“ überhaupt nicht. Als Künstler ist mir aber nur das eine oder nur das andere zu langweilig. Ich will mich nicht wiederholen. Und das tue ich jetzt ja schon. Das bin ja auch ich. Ich verstelle mich da ja nicht. Ich nenne es immer die Rio-Reiser-Taktik. Was ich an Rio Reiser so geschätzt habe, ist, dass es nicht diese Dichotomie gibt, da ist Politik und da ist das Liebeslied und das hat alles gar nichts miteinander zu tun.
Deswegen räsoniert dieser Satz von Martin Büsser ganz schön bei mir. Ich finde das so toll bei Rio Reiser und im Grunde auch Jochen Distelmeyer mit der dritten Blumfeld-Platte. Und auch Danger Dan hat es auf seinem letzten Album geschafft. Neben „Kunstfreiheit“ ist da auch ein geiles Liebeslied drauf. Für mich ist er künstlerisch dadurch noch mal richtig gestiegen. Das versuche ich auch. Ich will mich nicht auf eine Ebene festsetzen, damit ich ein Lager beruhige. Ich will sowohl den Kopf als auch das Herz ansprechen. Das wird oft nicht verstanden.
Um die Runde einmal zu schließen. Ich habe ja schon eingangs erzählt, dass ich damals die Entwicklung von …But Alive zu Kettcar mitgegangen bin, denn ich habe es immer schon so empfunden, dass es Menschen gestattet sein muss, sich zu verändern.
Genau. Ich habe das ja auch geglaubt und auch so dokumentiert. Es gab nie eine Reunion und es wird nie eine Reunion geben. Das war ich. Und jetzt will ich was anderes machen. Und wenn es irgendwann mal bei Kettcar so ist, und wir waren kurz davor, als ich mein Soloalbum gemacht habe, wenn ich das Gefühl habe, das bin ich nicht mehr. Wenn das Gefühl wiederkommt, dann kann es sein, dass wir Kettcar auflösen. Jetzt ist aber die Situation eingetreten, dass Reimer die Bretter raushaut. Das nimmt Druck von mir als Hauptsongschreiber. Das ist wahnsinnig entlastend. Und die Stimmung in der Band ist sehr gut im Moment.
Noch ein Zitat. Aus „Fänger im Roggen“ – „Der unreife Mensch kennzeichnet sich dadurch aus, dass er edel für eine Sache sterben will, der reife dadurch, dass er bescheiden für eine leben will.“ (wobei ich glaube, unreif wurde auch mal mit jung und reif mit erwachsen übersetzt – jedenfalls erinnere ich mich so daran.) Und das sehe ich in deinen Songs, wenn ich die alten …But Alive Kampflieder und einen Song wie jetzt zum Beispiel „Zurück“ gegenüberstelle.
Wo siehst du denn einen Song wie „Der Tag wird kommen“?
Schwierige Frage. Ich finde, den hättest du mit …But Alive so nicht geschrieben. Ich glaube, der wäre bei …But Alive wütender und kämpferischer gewesen. Und vielleicht auch weniger ausdifferenziert? Wahrscheinlich auch mit mehr Anklage. Wie der Song jetzt ist, ist es ja eher ein Storytelling-Song.
„All ihr homophoben Vollidioten.“
Ja. Aber das hat mich schon gewundert, als der Song rauskam, dass da so wenig Hass drinsteckt. Das wäre mein einziger Kritikpunkt, wenn das überhaupt einer ist, dass ich von Anfang an gespürt habe, dass da jetzt gerne mehr Wucht hinter sein könnte.
Kann ich verstehen. Vielleicht war ich auch kurz an einer Biegung, wo ich das hätte zulassen können, aber ich habe mich offensichtlich dagegen entschieden. Der innere Impuls war, es muss trotzdem noch ein Mainstream-Song bleiben. Es muss an die große Öffentlichkeit. Ich darf es nicht verkacken. Kein Song hat mich jemals innerlich so unter Druck gesetzt. Dazu gehört auch, den Hass nicht zu sehr raushängen zu lassen, weil das für die Seele des Songs kontraproduktiv geworden wäre. Da habe ich dann gedacht, so lasse ich das. Wir spielen das Stück mit Kettcar auf der Tour, und er funktioniert -Abend für Abend.
Es hat sich ja auch nichts geändert.
Stimmt. Und was ich an Feedback aus der Schwulen- und Lesbenszene bekomme habe, ist auch nicht; jetzt erzählt der Heteromann und setzt sich für die armen und unterdrücken Homosexuellen ein, sondern es wurde als Fanal des Fortschritts aufgenommen. Es ist der unbedingte Wille, die Welt ein ganz klein wenig besser zu machen. Der emanzipatorische Moment des Songs ist Fortschritt, Fortschritt, Fortschritt. Das wird von ganz vielen homosexuellen Menschen so empfunden. Dass es ein Wille ist, dass wir alle gleichbehandelt werden.
Wenn wir jetzt schon bei deinem Soloalbum sind, ich finde ja immer noch „Nur einmal rächen“, ist der beste Song auf dem Album.
Den haben wir auch eine Zeit mit Kettcar gespielt. Ganz offen, das Outro ist noch besser als der Rest des Songs. „Gib mir ein N, gib mir ein E“ – das ist etwas cheesy. Aber ja, kein schlechter Song.
In „Brief meines 20-jährigen Ich“ – da gibt es eine Zeile übers Songschreiben. Hast du wirklich das Gefühl, früher bessere Songs geschrieben zu haben?
Du musst jetzt in die Metaebene gehen. Das 20-jährige Ich glaubt hundertprozentig, dass er die besseren Songs geschrieben hat.
Ja, aber denkst du das (jetzt) auch?
Nein. Ich schreibe heute die besseren Lieder. Hör dir die ersten …But Alive Songs doch mal an.
„Sie war, sie ist, sie bleibt“?
Ja, okay.
Wird es einen Antwortbrief geben?
Gute Idee. Vielleicht schreibe ich einen Antwortsong. Das Gedankenexperiment würde ich mit diesem einen Song aber eher beenden. Sonst ist es mir zu Erklär-Onkel-mäßig. Was der 55-jährige Marcus Wiebusch seinem 20-jährigen Ich sagen würde, wäre; jetzt warte doch erst mal ab. In der Welt des Gedankenexperiments hat der Song durch den Refrain den Moment des freien Willens. Das wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens entscheiden. Wir sind das Produkt von unseren Erfahrungen. Alles, was das 55-jährige Ich gemacht hat, wurde vom 20-jährigen Ich geführt. Und ich habe jede Entscheidung mit meinem freien Willen getätigt. Und mein Wille hat mich genau dahin geführt, wo ich bin.
Das ist so ein philosophischer Gedanke, der über den Song steht, aber nur angedeutet wird. Ich bin immer das Produkt meines 20-jährigen Ichs. Zu jedem Zeitpunkt. Dass ich mit dir diesen Nightliner hochgegangen bin, war mein freier Wille. Und das wird vielleicht alles beeinflussen, was ich heute Abend oder morgen oder übermorgen mache. Das übergeordnete bei diesem Lied ist, dass „du tust, was du musst und, dass du hoffst, dass es lang.“ Zu jedem Zeitpunkt. Ich habe immer gehofft, dass es langt. Also, es wird keinen Gegensong geben.
Ich habe mal kurz gedacht, ist „Revolver entsichern“ schon die vorweggenommene Antwort?
Ah. Sehr gut. „Revolver entsichern“ versucht am Ende ja noch dialektisch dieses Hippie-Motiv kurz zu zertrümmern. Dass ich dieses übertriebene Hippie-mäßige immer abgelehnt habe. Bis zum heutigen Tage. Aber das in Zeiten wie diesen, die ernsthaft verrückt sind, dass ich da denke, „zu allem eine Meinung haben, ist keine Schwäche“. Mir ist jede Person lieber, die irgendwas macht, der heute Viva Con Aqua macht, nur um irgendwas zu machen. Diese Leute sind mir mittlerweile näher als die Leute, die große Töne spucken und große Szenarien entwerfen und in drei Jahren sind sie ganz woanders. Der Song ist ein Appell an die, die auch mal machen.
Würdest du heute noch mal einen Song für Slime schreiben?
Ja. Stephan Mahler ist ein guter Freund von mir. Seitdem er nicht mehr dabei ist, ist die Band für mich natürlich eine andere. Stephan hatte mich damals gefragt und ich habe sofort ja gesagt. Das war eine große Ehre für mich. Wenn Dicken mich jetzt fragen würde…, der ist ja auch nicht mehr dabei. Oder Elf. Würde ich mich anstrengen, ja. Wenn Elf oder Christian mich fragen würden, klar.
Ich habe noch eine Frage, aber es ist jetzt Essenszeit und wir werden im Gespräch unterbrochen. Reicht jetzt aber vielleicht auch und ich finde, es ist ein gutes Ende.
Interview: Claas Reiners
Korrektur: Pascal Faltermann