Kalte Hand (#227, 2024)
Kalte Hand
Beim Interview dabei: Julian git/voc und Tobias bass/voc (sonst Björn drums/voc).
Wie lange gibts Kalte Hand schon, gabs ne Vorgängerband?
November 22, gegen Ende der Pandemie, und ja: Rauchaus, seit ca 2014, anfangs zu dritt, zu viert dann ab 2016.
Wie ist das eigentlich für euch, aus Augsburg zu kommen? Ist das ein guter Start?
Nein. Man muss raus hier, und zwar so schnell wie möglich. Aber ich denke das gilt generell, egal wie die Stadt heisst. Und dann am besten mit viel Erfahrungen, Ideen, Bekanntschaften wieder zurückkommen.
Es gibt ja zur Zeit gerade so ne Art Neue Neue Deutsche Welle… Welle. Seid ihr Teil davon?
Nä! Auf gar keinen Fall.
Naja, ihr klingt nach Postpunk und habt deutsche Texte…
… das wars dann aber auch. Was heute so als NNDW kursiert, das meint doch eher fade elektronische Beats, seichte Bassmelodien und ganz netter Gesang. Hat den Begriff nicht schon Alfred Hilsberg in den frühen Achtzigern satirisch benutzt, vor den grossen Plattenfirmen und der Kommerzialisierung? So ähnlich kommt mir das jetzt auch wieder vor. Es gibt doch seit, hm, 10 Jahren wieder ne Menge deutsche Bands, die Postpunk machen, Gruppen, an denen wir uns anfangs orientiert haben, vor allem Diät, AUS, Splizz, aber auch Liiek, Pigeon und Glaas z.B. … aber das sind Bands die doch eher wie das klingen, was in den 80ern vor oder abseits der sogenannten NDW lief.
Ja, mir ist auch schon aufgefallen: Kalte Hand klingt nicht wie Nena. Mehr wie X-Mal Deutschland.
Danke! Das war tatsächlich eine der ersten Punk-Platten, die ich mir gekauft hab. Da wusste ich aber noch nicht, was Post-Punk ist. Das ist ein Vergleich, der mich freut.
Deutsche Texte… habt ihr die, weil es leichter ist, oder weil ihr damit besser Inhalte transportieren könnt?
Uns wurde auch schon oft nachgesagt, dass man die Texte eben nicht gut versteht. Ja, deutsche Texte zu machen ist immer schwierig, so ohne Zeigefinger, ohne Appell, ohne Belehrung.
Macht ihr das nicht?
Unsere Texte erzählen ja keine Geschichten, sind sehr assoziativ, leben eher davon, dass Redewendungen verdreht werden. Das finde ich spannender als… gesellschaftliche Missstände anzuprangern. Gibt ja schon genügend Bands, die das machen.
Aber ihr habt was mit Bullen im Set…
(Band lacht, fühlt sich ertappt) … ja. Auf unserer neuen EP ist bspw. ein Stück namens “Kessel”. Da gab es doch in Leipzig diesen Vorfall, dass Demonstrierende über 10 Stunden ohne jegliche Versorgung festgehalten wurden, was ich für eine Form von Folter und Polizeibrutalität halte! Das hat mich schon zu diesem Text inspiriert. Aber es wird eben beim Zuhören doch nicht absolut klar, wer da spricht. Und ja, eine Zeile ist “Bullenschwein, erschiess dich”, aber die Zeile davor lautet eben “Auf einer Mauer steht”. Damit ist es ein Zitat und keine Aussage von mir. Oder anders, eine fiktive Beobachtung dessen, was man so auf Mauern lesen kann. Und die Gründe dafür liegen ja nun wirklich nicht in meiner Hand.
Die Musikszene war vor und nach Corona ganz anders, fand ich. Seht ihr das auch so?
Hm, ja. Zur Coronazeit, Ausgangssperre haben wir angefangen, mit Sounds zu experimentieren, uns verändert. Nach dem Ende von Rauchaus, Oktober 22, haben wir uns erstmal zusammengesetzt, uns Musik vorgespielt und rausgefunden, was wir in Zukunft machen wollen. Für mich persönlich ist diese Retro-Welle, wir haben ja schon über X-Mal-Deutschland gesprochen oder EA80, ein echtes Geschenk, weil heute viele Bands Musik machen, die ich sowieso schon immer am liebsten gehört hab. Jetzt erscheint ja gerade auch unsere zweite EP “Säureblocker”, bei dem neugegründeten Augsburger Label PaulaPaulPlatten. Bestimmt hört man das.
Ich muss jetzt aber noch was dazu sagen, damit das von vorhin nicht als Augsburg-Bashing rüberkommt. Es ist immer noch ein schwerer Start hier, klar. Aber die Situation ändert sich gerade, interessante Bands machen nicht mehr einen großen Bogen um die Stadt, Leute gehen wieder gern zu Konzerten. Es wird besser, finde ich.
War das nicht so, dass das 80er-Revival am ersten Januar 1990 anfing?
(Band kichert) … es wurde doch in den 80ern schon debattiert, ob die nicht schon 83 zu Ende waren… …es gab also mehrere 80er.
Interview: Fritz
https://kaltehand.bandcamp.com