Captain Planet (#225, 2024)
Ein Kraftfeld der Traurigkeit
Captain Planet haben ein neues Album mit dem Titel „Come On, Cat“ draußen. Wie auch die letzten Alben erscheint die Platte bei Zeitstrafe. Und falls jemand daran Zweifel gehabt haben sollte, „Come On, Cat“ ist sehr gut geworden. Vielleicht ist es sogar ihr bestes Album. Darum wollte ich mit Gitarrist Benni darüber sprechen. Irgendwie waren wir schon mitten im Interview, noch ehe ich die erste Frage gestellt hatte. Benni erzählte nach meiner kurzen Vorstellung, wie sehr er von Fanzines wie TRUST und Ox in seiner Jugend geprägt wurde und sich freue, in diesem Kontext noch immer stattfinden zu können.
Mit meinem Einwand, dass das natürlich schön sei und mich freut, aber Musik ja mittlerweile fast ausschließlich online stattfindet, springe ich nun einfach ins Gespräch:
Benni: Im Gegensatz zu Online-Magazinen musst du dir ein bisschen mehr Zeit dafür (gemeint ist: Lesen von Fanzines) nehmen. Wie beim Plattenhören oder so. Da kannst du nicht nach einem Song weiterskippen, sondern hörst das Album vollständig an. Das ist der Unterschied zwischen „mal eine Zeitung in die Hand nehmen“ oder „einfach weiterwischen“.
Ich finde, das ist ein schöner Vergleich, stimmt. Mir macht beides – das Schreiben und Lesen – auch immer noch Spaß. Selbst wenn es etwas aus der Zeit gefallen ist. Aber wer weiß, wenn Vinyl wiedergekommen ist, vielleicht kommen Zeitschriften und noch wichtiger Fanzines auch noch mal zurück. Weil die Leute merken, dass die Berichte online immer etwas dahingeklatscht sind. Ich habe in diesem Zusammenhang eben noch eine Review zu eurem Album online gelesen. Die ist wohlwollend gemeint, aber eben nicht schön geschrieben.
Ich habe tatsächlich noch gar nichts gelesen und bin gespannt, was da so kommt. Vorab aber schon mal vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst.
Bedank dich nicht zu früh!
Wieso? Selbst wenn du jetzt richtig gemein zu mir bist, finde ich es trotzdem schön, dass du dir Zeit nimmst und dich mit dem Album beschäftigt hast.
Das werde ich nicht sein. Es könnte aber sein, dass ich mich in den letzten zwei Wochen etwas in die Platte reingesteigert habe. Also liegt es jetzt an dir, das etwas einzugrenzen und in die richtigen Bahnen zu lenken.
Okay.
Wollen wir mal ganz blöd anfangen? „Come On, Cat“? Da denke ich natürlich zuerst einmal: „Come on!“
Das kann ich gut verstehen. Das ist ein Titel, über den wir selber auch schmunzeln müssen. Das ist in Zeiten, in denen Titel eher bedeutungsstark daherkommen, vielleicht etwas ungewöhnlich. Wer sich mit der Platte aber ein wenig auseinandersetzt, wird schnell merken, der Titel hat einen Sinn. Im Original ist es ein Zitat aus dem Film Alien. Am Ende der Platte gibt es diesen Filmschnipsel und das Letzte, was du hörst, ist dieses „Come On, Cat“. Da steckt Hoffnung drin: Okay, es geht weiter. Ein hoffnungsvoller Blick nach vorne. Es soll etwas Leichtigkeit vermittelt. Wir sind ja schon immer eher düster unterwegs. Da war es uns wichtig, einen kleinen Gegenpol zu schaffen.
Es gibt eine Textzeile auf dem Album, die ich sehr passend als Albumbeschreibung und auch songzusammenfassend finde: „Ein Kraftfeld der Traurigkeit“.
Das ist natürlich ein bisschen interpretationsoffen. Aber es ist schon so, dass uns immer etwas Trauriges oder Melancholisches trägt. Und wenn du dir die Songtitel anschaust oder die Platte bei dir ein paar Mal durchlief, wirst du diese Schwere schon bemerkt haben. Ich würde aber immer ergänzen, da herrscht nicht nur Traurigkeit. Es gibt immer einen Blick auf Veränderung. Die Frage – wie wird mit Veränderung umgegangen – wird gestellt. Das ist ein Motiv, welches in vielen Songs auftaucht. Wie wird mit den Dingen umgegangen, die mit sich rumgeschleppt werden? Wie werden Sachen verarbeitet? Wie kann es geschafft werden, sich ein neues Fundament zu verpassen, wenn es verloren gegangen ist? Das sind die Fragen, auf die wir Antworten suchen.
Die Songs auf dem Album pendeln alle zwischen einer gewisse Resignation und Hoffnung. Und auch eines gefühlten oder gewünschten Aufbruches.
Genau! Das ist schön, dass du das sagst. Arne schreibt ja die meisten Texte und ich interpretiere da auch ganz viel rein. Und ich finde, dass die Texte selten so was haben, alles ist total schrecklich und es geht nicht weiter. Sondern immer diesen Teil haben: Oh Mann, das ist blöd, wie schaffe ich das jetzt oder wie machen das die anderen. Diese Suche nach einem Verstehen oder die Suche nach etwas anderem – das steckt da immer mit drin.
Du beschreibst das jetzt aus der Ich-Perspektive bzw. aus der Bandperspektive. Aber würdest du sagen, dass das Album und speziell der Song Halley auch ein Generationsporträt ist?
Wir fühlen uns sicherlich nicht einer Generation zugehörig. Es gab nicht den Versuch, das zu umreißen oder dem so eine Form zu geben. Aber ich glaube, dass das Gefühl bestimmt einige Leute teilen. Zumindest die Leute, die ich kenne, verstehen, was damit gemeint sein könnte. Jedenfalls ist es ihnen nicht ganz fremd. Daher trifft es das schon. Auf unseren frühen Alben ging es viel um Coming of age. Jetzt hat es einen ähnlichen Charakter, führt aber in eine andere Lebensphase. Es ist ein ähnliches Motiv wie früher, stammt aber aus einer anderen Zeit.
Ich konnte jetzt noch nicht mit vielen Menschen sprechen, die das Album schon kennen. Aber mir geht es auch so und ich kenne eigentlich niemanden, der/die nicht von sich sagt, ich bin erschöpft und kaputt. Wenn ich die neuen Lieder höre, finde ich, steckt dieses Gefühl in ganz vielen Songs.
Dieses erschöpft sein, trifft es zum einen gut. Was dazu aber noch kommt, insbesondere bei „Halley“, ist das Gefühl, dass es nicht erst seit gestern so ist. Das sind Prozesse, die über Jahre andauern. Dieses „angezählt sein“, wie es im Text heißt. Das ist keine Sache, die nur durch Corona bedingt ist. Das sind die Lebensumstände, das ist die Geschwindigkeit, eine Schwierigkeit mit dem Umgang von Veränderung, ein höherer Leistungsanspruch, ein Gefühl abgehängt zu werden. Da kommen ganz viele Sachen zusammen. Das ist keine Sache wie: Ich hatte gestern einen anstrengenden Tag und darum bin ich heute erschöpft.
Ne, genau. Es ist etwas tiefer Gehendes. Und Corona hat da nicht gerade geholfen.
Bestimmt nicht.
So, ich hatte ja angekündigt, dass es etwas nerdiger wird. Im Song „Am Wald“ gibt es die Zeile: „du triffst keine Entscheidung nur für dich selbst.“ Jede Entscheidung ist ja automatisch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Glaubst du, dass es vielen Leuten schwerfällt, das so zu begreifen, zu akzeptieren und zu verstehen?
Wenn ich die Generationsfrage noch mal aufgreife, die du vorhin erwähntest, dann glaube ich, es ist ein Merkmal dieser Generation, Schwierigkeiten zu haben, Entscheidungen zu treffen. Es gab so viele Möglichkeiten, sich Jobs auszusuchen, dann musste sich irgendwann entschieden werden. Musik machen oder doch etwas Sicheres suchen. Sollen wir Kinder bekommen oder sollten wir das in dieser Welt besser nicht? Das sind viele Dinge, die in vorherigen Generationen viel früher entschieden wurden. Das ist ein bisschen so ein Dahingeschleppe. Und das taucht in „Am Wald“ sehr gut auf. Da geht es im Kern um Veränderung und im Speziellen um einen Umzug. Du kommst an einen Punkt, an dem du, egal was du entscheidest, andere Menschen beeinflusst. Gleichzeitig kannst du es nicht allen recht machen. Das wird immer zu Spannungen führen.
Wurde das Album relativ schnell und in einem Rutsch geschrieben?
Arne schreibt die Texte immer in Fragmenten. Die Lieder entstehen nicht als geschlossene Geschichten, sondern werden aus Bildern und Motiven zusammengesetzt, die er sich aufschreibt. Daraus ergeben sich die Texte. Das sind jahrelange Prozesse und keine schnelle Sache.
Das wundert mich tatsächlich. Denn mir ist aufgefallen, es gibt sehr viele wiederkehrende Motive auf dem Album, was auf einen kurzen Zeitraum schließen lässt. Ich behaupte, ich kann das Album in vier Worten zusammenfassen.
Oh ja? Mutig, aber mach mal.
Ich kanns auch belegen!
Finde ich gut.
Verkehr, Tageszeit, Natur und Platten.
Aha. Das sind viele Bilder.
Verkehr, weil es in vielen Liedern um Fortbewegung geht, Auto, Bus, Fahrrad kommen immer wieder vor. Dann sind viele Songs abends oder in der Nacht angesiedelt. Und es gibt ganz viel Natur: Tiere, Vögel, Enten, Frösche, Fische, Ungeziefer, dann Pflanzen, Vorgarten, Wald sind alles Wörter, die auftauchen.
Stimmt! Das sind ne Menge Textbelege, da hast du Recht.
Und dann haben wir noch die Erwähnung von Platten bzw. Songs in „Halley“, „Tuffi“, „A Kaputt“, „Halb So Schwer“. Natur ist aber schon stark vertreten, so Naturbilder.
Das sind oft so Stellen, wo es fast ein bisschen eine Beobachtung ist. Sehr bildliche Stellen jedenfalls. Die Fortbewegungsmittel stehen für Veränderung, was ein starkes Motiv auf der Platte ist. Und die Platten sind eine Reflexion auf die Vergangenheit. Wenn ich deine These zusammenfasse, gibt es eine überschaubare Anzahl an Baustellen, aus denen sich die Songs zusammensetzten. Ich finde, das zeigt den inhaltlichen Zusammenhang der Platte. Bilder tauchen an unterschiedlichen Stellen wieder auf. Und das schafft zusammen mit der Musik einen schlüssigen Rahmen. Wie andere Leute Konzeptalben machen, tauchen diese Bilder an unterschiedlichen Stellen wieder auf. Positiv ausgedrückt ist es genau das. Aber ich hoffe, es hat bei dir jetzt keine Langeweile ausgelöst.
Nein, überhaupt nicht. Mich fixt so was ja eher an. Die Idee, dass da vielleicht ein Konzeptalbum hinter steckt, ist mir tatsächlich auch schon gekommen. Oder zumindest eine zusammenhängende Geschichte erzählt wird. Aber diese Spur habe ich dann verworfen. Dass die Lieder untereinander korrespondieren oder zusammenhängen, merke ich allerdings sehr stark. Einerseits habe ich dir diese vier albumzusammenfassenden Stichwörter genannt, andererseits gibt es häufig wiederkehrende Phrasen oder Motive. Ich möchte ein Beispiel nennen: Von „A Kaputt“ zu „Halb So Schwer“ – da heißt es zum einen „ich kenne den Teppich, auf dem du stehst“ und im anderen Song „Ich bin wie ein Teppich… .“ Dieses Motiv mit dem Teppich kommt in beiden Songs vor. Das ist nur eins von vielen Beispielen. Solche Sachen, viele einzelne Verbindungen. Da kann schon der Gedanke aufkommen, die beiden Songs hängen irgendwie miteinander zusammen.
Vieles fügt sich bei so einer Platte ja mosaik-mäßig zusammen. Von der Idee eines Gitarrenriffs, mit dem jemand in den Proberaum stürmt, bis zum Moment, in dem ein fertiges Lied aufgenommen wird, ist es ein Prozess aus Zusammensetzten von vielen kleinen Teilen. Was wirklich toll dabei geworden ist, dass am Ende aus etwas ganz frakmatischem etwas entstanden ist, was eine schlüssige Form hat. Und das liegt auch daran, dass es sich textlich in einer bestimmten Welt bewegt, emotional wie auch von den Bildern, die dort beschrieben werden. So was passiert aber erst später im Gesamtblick darauf. Ich bin dann total froh, wenn Leute wie du das einmal auseinandernehmen. Was ist das denn überhaupt, was das ausmacht. Weil so analytisch gehen wir natürlich nicht an die Sache ran. Wir sind ja viel emotionaler mit so einer Platte verbunden und schauen nicht mit einem analytischen und interpretierenden Blick, wie du da drauf.
Ihr wisst ja, was ihr meint und ich (als Hörer) muss mir das erst mal erschließen. Da habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder versuche ich eure Wahrheit rauszubekommen oder ich interpretiere meine Wahrheit da rein.
Ja, aber dann gehst du davon aus, dass es so was wie eine Message gibt oder eine (einzige) mögliche Interpretation. Das ist bei uns immer offener. Unsere Songs boten schon immer die Möglichkeit, für sich selbst zu stehen. Und dieses „was löst ein Text in mir aus“, hat immer mit dem eigenen Kontext zu tun. Was bewegt mich eigentlich gerade? Welche Geschichte habe ich? Kann ich das nachvollziehen, was da gesungen wird oder löst das was in mir aus. Also bist das auch immer DU. Und nicht nur die Band bietet dir was an und dann „friss oder stirb“. Es ist immer das, was du daraus machst. Das finde ich wichtig und gut. Dass die Hörerenden massiv an diesem Prozess beteiligt sind.
Finde ich auch.
Weil es auch kein richtig oder falsch gibt. So muss es gesehen werden.
Die Frage ist, ist das dann noch Punkrock?
Darf diese Frage noch gestellt werden? Ich finde es total irrelevant. Das bedeutet mir nichts. Das werden eh andere Leute einordnen. Das ist mir egal.
Ich frage so, weil ich kürzlich mit mehreren jüngeren (Deutschpunk-)Bands gesprochen habe, die sich alle eher von diesem Begriff emanzipiert und eher distanziert haben. Daher die Frage, was bedeutet dir Punk noch?
Wir kommen natürlich aus einem Punk-/Hardcore-Kontext. Da sind viele DIY-Strukturen. Da steckt eine Haltung drin: wie trete ich Leuten gegenüber? Da stecken Überzeugungen drin: wie kann eine gerechtere Welt aussehen? Da steckt drin, wie schaffe ich eine positive Gemeinschaft mit anderen. Das sind Motive, die sich in der Punk-/Hardcore-Szene widerspiegeln. Musik ist da ja immer ein ganz kleiner Bestandteil. Ganz viel ist, wo und mit wem spiele ich Konzerte zusammen, nur so als Beispiel. Bezahlen die Bands, damit sie als Vorband auftreten dürfen oder spiele ich mit der Band gemeinsam und sorge dafür, dass alle bezahlt werden und wir gemeinsam einen Abend gestalten. Das sind alles so Bausteine, in denen sich viele meiner Vorstellungen wiederfinden, die ich mit Punk verbinde.
Bei der Albumankündigung auf eurer Webseite steht: Das ist ein Anfang. Was heißt das?
Das ist einfach die Idee, wenn die letzte Platte „Ein Ende“ heißt…
Ach, shit!
Das ist ein Anfang. Wir sind in der wahnsinnig coolen Situation, dass wir fünf Leute das total gerne machen und uns die Zeit nehmen, das so zu machen, wie wir das wollen. Mit der Unterstützung von Renke von Zeitstrafe können wir das in der Form machen, wie es für uns passt. Deswegen werden wir das auch weitermachen. Das nächste Album dauert dann vielleicht zehn Jahre. Oder auch nur zwei. Aber es wird weitergehen. Das ist ein gutes Gefühl. Das hat mir diese Platte jetzt noch mal mitgegeben. Nach dem letzten Album war ich mir nicht sicher, ob wir es noch mal hinkriegen, die Kraft aufzubringen. Es ist einfach wahnsinnig viel Arbeit, was in so einer Platte steckt. Und haben wir überhaupt noch etwas Relevantes zu erzählen? Das gibt mir gerade ein tolles Gefühl. Es war es wehrt, das alles auf sich zu nehmen. Und wenn es jetzt geht, dann geht es auch weiter. So fühlt es sich an.
Das ist schön. Lass uns noch einmal auf einen Textbaustein kommen, lass uns über „Winterplatten“ reden. Früher eine meiner Lieblingsdisziplin. Es gab jedes Jahr eine Winterplatte des Jahres. Es gab auch eine Sommerplatte. Der Winter kommt ja erst, das ist etwas doof, aber Deine Lieblings-Winterplatte?
Ich muss immer sofort…, kennst du Painted Thin? Die haben eine Platte gemacht „Clear Plausible Stories“ – das ist für mich so ne Winterplatte. Eine Emo-Platte, sehr verspielt, da ist ein Song drauf, wo das neue Jahr vorkommt. Winter ist aber auch schrecklich. Wer den Hamburger Winter kennt, das zieht einen ja massiv runter und spätestens im Februar bin ich nicht mehr richtig zu gebrauchen.
Da werden ja auch keine Winterplatten mehr gehört, sondern nur im November und so, wo es noch schön ist mit Tee und so, danach hat niemand mehr Bock auf den Winter.
Du weißt, wovon ich rede. Jetzt würde ich gerne noch wissen, was du denkst, was die neue Platte für eine Platte ist?
Ne Herbstplatte würde ich sagen.
Na gut. Das passt dann ja.
…
So schnell wie das Interview begann, so langsam lief es aus. Benni und ich tauschten uns noch etwas über Winterplatten aus und einigten uns schließlich auf The Weakerthans als perfekte Winterplatten-Band. Laut Bennie würde das auch Arne gefallen, der in den Texten von John K. Samson eine Ähnlichkeit zum eigenen Schaffen sieht. Erwähnte ich schon, wie gut „Come On, Cat“ geworden ist?
Interview: Claas Reiners