Dezember 31st, 2025

Boys Club Only Zine (#225, 2024)

Posted in interview by Jan

FLINTA* TO THE FRONT! – Interview mit Sam vom Boys Club Only Zine

Die erste Ausgabe des Boys Club Only Zines erschien im September 2021 und stieß direkt auf großes Interesse und Anerkennung (siehe auch Trust #212): Inspiriert von den Riot Grrrl-Zines der 90er-Jahre finden sich Texte, Essays, Interviews, Comics, Fotografien und Playlists, die sich mal empowernd, mal niederschmetternd mit Feminismus und Sexismus im Zusammenhang mit Musik auseinandersetzen, alles aus FLINTA*-Perspektive. Die Idee zu dem Zine stammt von Sam, die in einer Kleinstadt in Hessen lebt. Im folgenden Interview teilt sie ihre Gedanken zu den Anfängen des Zines, aktuellen Entwicklungen und zukünftigen Projekten.

Hallo Sam. Vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst!
Hello, vielen lieben Dank für die tolle Möglichkeit. Das freut mich wirklich sehr!

ANFÄNGE

Du steckst hinter dem Boys Club Only Zine, einem Zine über FLINTA*-Erfahrungen in der Musikszene. Was hat dich dazu bewogen, ein Zine zu diesem Thema zu machen?
Der Gedanke des Boys Club Only Zines hat schon sehr lange in mir gebrodelt. Ich hatte immer das Gefühl, als FLINTA* in der mich umgebenden Subkultur nicht 100% dazuzugehören. Vor vier Jahren, als das ganze BCO-Thema bei mir begann, habe ich dies noch an den white cis male-dominierten Strukturen in der Musikwelt festgemacht und wollte diese Dominanz anklagen, aber auch einen Teil zur Sichtbarkeit von FLINTA* beitragen. Zu Beginn ging es um Erfahrungsberichte von non cis male Personen in der Musikwelt/-szene/-branche und einen Raum, um sich etwas Luft zu machen. Mit der wachsenden Sammlung der Beiträge wurde daraus aber ein Heft, in dem es um die Missstände in der Musikszene geht, aber auch ein kleines Stück Empowerment, Sichtbarkeit und eine Sammlung an Ansätzen, wie wir die Szene verändern könnten (die natürlich absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat).

Wieso überhaupt Zine? Was hat dich zu diesem Medium inspiriert?
Zines waren schon immer mein Special Interest, als Teenager stoß ich in meinen Zeiten auf tumblr früh auf old school Flyer von Bands wie BLACK FLAG, MISFITS und Co., dann waren die Riot Grrrl-Bands auch nur noch einen Klick weit entfernt und ich landete bei Riot Grrrl-Zines. Außerdem liebte ich schon immer Magazine, weshalb das Medium Zine schnell zu meinem persönlichen Favoriten wurde. Und schon ganz lange hegte ich den Wunsch, ein eigenes DIY Zine mit Bezug auf Subkultur und Feminismus zu machen. So wurde aus einer Instagram Posting-Reihe zu Misogynie in der Musik ein Zineprojekt! Auch wenn der Look und der Umfang des Zines meinen anfänglichen DIY Entwürfen komplett entwachsen ist.

Hast du vorher schon Zines veröffentlicht?
Yess, durch meine Vorgeschichte als „Mental Health Advocate/Influencer“ auf Instagram (als @candywasteland, Anmerkung Jessi) hatte ich neben dem Instagram-Profil noch einen Blog, als Ort an dem ich geschrieben und veröffentlicht habe. Im Rahmen dessen habe ich dann auch kleine Zine-Reihen veröffentlicht. Ein kleines Handbuch mit Tipps für den Umgang mit Panikattacken, eine Sammlung von Gedanken und Interviews zu „Selflove“ und ein extrem schön gestaltetes Art-Zine zum Thema „How does it feel like to have Borderline“ mit Illustrationen von Situationen, die aus den Erfahrungen mit dieser psychischen Erkrankung berichten, illustriert und gestaltet von vielen verschiedenen Künstler*innen. Alles sehr in der Themenwelt meiner persönlichen Auseinandersetzung mit meinen psychischen Erkrankungen, die ich öffentlich geteilt habe.

Die erste Ausgabe hat schon hohe Wellen geschlagen und viele positive Reaktionen ausgelöst. Hast du damit gerechnet? Wie bist du damit umgegangen?
Absolut nicht! Ich hatte keine Ahnung, dass es so ein Interesse auslöst! Ich war stolz wie sonst was, dass wir so ein geniales Heft auf die Beine gestellt haben (mit wir meine ich die Beteiligten, ohne deren Beträge gäbe es kein BCO). Aber dass plötzlich so viele Menschen dieses Heft haben und lesen wollten, habe ich absolut nicht erwartet. Eine Betrachtung der subkulturellen Szene wurde es genannt und das Impostor-Syndrom hat einfach hart bei mir gekickt, weil ich mich immer als Außenseiter gesehen habe, der von außen reinschaut und nicht als aktiv gestaltender Teil der Subkultur. Das hat mich, um ehrlich zu sein, extrem überfordert und tut es zum Teil auch heute noch, weil ich daraus direkt einen Druck entnehme, ein weiteres „next big thing“ zu liefern. Zines zu machen ist für mich als introvertierte, kreative Einsiedlerin grundlegend das perfekte Medium, weil ich alles aus meiner stillen Kammer heraus machen kann. Doch die plötzliche Aufmerksamkeit durch das Zine hat mich auch öfters aus meinem Kämmerchen herausgeholt. Grundlegend bin ich einfach unfassbar dankbar für die Reichweite, die das Projekt erreicht hat und wie viel Raum dadurch für die Erfahrungen und Sichtbarkeit von FLINTA* in der Szene geschaffen wurde. Das ist der absolute Wahnsinn.

AKTUELL

Gerade ist die zweite Ausgabe erschienen. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Ausgabe? Sind diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewusst entstanden?
Genau, Ausgabe II ist im Dezember 2023 erschienen und war wirklich eine schwere Geburt. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis das Zine wirklich eine Form bekam. Die Dauer und auch die Schwere des Entstehungsprozesses ist auf jeden Fall für mich ein großer persönlicher Unterschied. Auch die Aufmachung und der Umfang sind anders, die zweite Ausgabe ist nicht so umfangreich wie die erste und in Sachen Gestaltung ist der Look eher Riot Grrrl DIY Zine-mäßiger. Aber immer noch kinda hochwertig digital aufbereitet. Außerdem sind die Inhalte dieses Mal zum Teil um ein Überthema angesetzt, aber trotzdem immer noch eine bunte Sammlung aus Essays, Interviews, Fotografien und Kunst zum allgemeinen BCO-Thema. Und eine Gemeinsamkeit, die ich persönlich sehr schön finde – mehrere Protagonist*innen aus Ausgabe I sind wiederzufinden in Ausgabe II. Das gibt dem Ganzen ein bisschen das Feeling eines kleinen Mikrokosmos.

Wieso hast du dich für „Female Fronted Is (Not) A Genre“ als Überthema für die zweite Ausgabe entschieden?
Das Thema und der Diskurs zur Begrifflichkeit „female fronted“ begleitet mich schon viele Jahre, weshalb ich gerne das Ganze etwas vertiefen wollte mit verschiedenen Meinungen und Gedankengängen dazu. Dieser Ansatz stammt aus den Entstehungstagen von BCO und verliert meiner Wahrnehmung nach auch nicht an Relevanz. Das Wording „female fronted“ wird so inflationär benutzt und ist zu einem Sammelbegriff für Bands geworden, die eine Frauenbeteiligung in irgendeiner Form haben. An sich ja ein guter Gedanke, die Ausführung ist nur noch ausbaufähig. Das Offensichtliche – es werden nur Frauen mitgedacht, trans und nicht binäre Personen werden einfach unsichtbar gemacht. Meist stehen diese zwei Worte als Genre-Zuweisung einer Band auf dem Flyer, in Bandbeschreibung etc. und es sagt absolut nichts über die Musik der Band aus.

Die Band kann Hardcore, Punk, Synthie oder Schlager machen, mit und ohne FLINTA*-Beteiligung, und es ist schnurzpiepegal welche Genderidentitäten die Beteiligten haben (es sei denn, die Band wählt selbst eine Selbstbeschreibung dieser Art – anderer Ausgangspunkt). Und diese Auseinandersetzung mit dem Wording und was es auch auslöst, findet im BCO II statt. Ein toller Text zum Thema Genderidentität und der Unsichtbarmachung, die durch das Wording „female“ entsteht, stammt von Charlie Midwinter. Darin wird gefordert: „Stop assuming! Stop reading peoples appearances!“, was gut auf den Punkt bringt, was wir als Gesellschaft (besonders innerhalb der Subkultur) lernen und umsetzen müssen. Der Text endet mit einem Appell, der mich seitdem begleitet und mir immer wieder bewusst macht, dass wir immer und immer wieder daran arbeiten müssen, in der Szene den Raum für die zu schaffen und zu lassen, die immer und immer wieder unsichtbar gemacht werden: „And if not in a leftist-DIY-punk-scene where else should we challenge our comrades to question their presumptions?“ – Charlie Midwinter

Im Boys Club Only Zine geht es um Sexismus und Misogynie in der Musikwelt. Anhand von Songs, mit denen ich aufgewachsen bin (z. B. PARAMORE – „Misery Business“), habe ich mich in letzter Zeit viel mit internalisierten sexistischen Verhaltensweisen von FLINTA* sich selbst und anderen FLINTA* gegenüber beschäftigt (siehe Trust #224). Ist das auch etwas, dass dir schon mal begegnet ist? Wenn ja, wie gehst du damit um?
Absolut! Ich selbst nehme mich da auch absolut nicht aus, den Großteil meiner Teenager-Jahre habe ich in männlich geprägten Umfeldern verbracht und wurde dadurch in vielen Züge auch zum „Pick Me Girl“ („A pick-me girl is a girl who seeks male validation by indirectly or directly insinuating that she is ‚not like the other girls‘“, sagt Urban Dictionary dazu). Ich habe superviel von dem pubertären Dude-Frauenbild aufgenommen und wollte es so gut wie möglich umsetzen, um dazuzugehören. Und alle anderen Mädchen und Frauen waren erstmal direkt Gegner*innen im Kampf um die Gunst der (wirklich dämlichen) Dudes. Dass da nahezu niemals der Gedanke aufkam, in anderen Frauen Verbündete und Freund*innen zu sehen, sagt glaube ich schon viel aus über meine internalisierten sexistischen Verhaltensweisen.

Je mehr ich dieses männlich dominierte Umfeld verließ und mich in offeneren und gemischten Bubbles rumtrieb, fing ich an, das Ganze mehr zu hinterfragen und mich selbst auch immer damit auseinanderzusetzen. Und das müssen wir alle auch immer wieder. Weil wir mit einem misogynen Frauenbild in den Medien und Popkultur aufgewachsen sind. Und gerade die, die sich (intersektionalen) Feminismus auf die Kappe schreiben, sollten nicht müde werden, sich immer und immer wieder mit den eigenen und gesellschaftlichen Verhaltensweisen auseinanderzusetzen und diese zum Besseren zu verändern (oder zumindest die Sichtbarkeit und damit entstehende Veränderung durch wiederholtes Aufzeigen anzustoßen). Aber ja, internalisierte Misogynie haben wir durch die Musik, die wir hörten (und auch noch hören) wie ein Schwamm aufgenommen und ich muss mich da auch immer und immer wieder an die eigene Nase fassen.

AUSBLICK

Die dritte und letzte Ausgabe ist schon in Planung. Hattest du von Anfang an vor, drei Ausgaben zu veröffentlichen? Wenn ja, warum? Wenn nein, wie kam es zu dieser Entscheidung?
Die Entscheidung, aus BCO einen Dreiteiler zu machen, kam relativ schnell. Ich glaube, das war eine rein praktische Intuition, da ich so eine Obergrenze gesetzt habe (für mich) und so auch aus meinen Augen der rote Faden nicht zu sehr strapaziert wird. Aber die langwierige Arbeit an Ausgabe II hat mich in diesem Gedanken dann auch bestärkt. Außerdem möchte ich die Bühne nach drei Ausgaben BCO dann auch mal für andere Akteur*innen frei machen!

Kannst du schon das Thema der letzten Ausgabe verraten?
Na klar – neben dem großen Abschluss des BCO-Kosmos gibt es auch noch das Überthema „Community“. Weil es für mich durch die Arbeit an den Ausgaben sowie durch meine persönlichen Erfahrungen und Entwicklung immer klarer wurde, dass Community besonders unter FLINTA* das beste Mittel ist, sich einen Platz zu verschaffen oder diesen einfach selbst mit Mitstreiter*innen zu initiieren. Viele Geschichten und Erfahrungen, die mit BCO geteilt wurden und auch zum Beispiel im Sammelband „Punk as F*ck“ thematisiert werden, zeigen immer wieder, wie empowernd, inspirierend und bereichernd es ist, mit anderen FLINTA* (und Allys unter den cis male Dudes) eine Veränderung voranzutreiben. Auch wenn es nur in der eigenen Bubble, lokalen Szene/Subkultur oder größer ist.

Was sind deine Pläne für die Zeit danach?
Puh, richtig gute Frage, auf die ich zurzeit keine Antwort habe. Aber irgendwas muss ich immer erschaffen, kreieren oder was auch immer. Ein Fanzine zu Punky Knits oder ein Strick-/Häkel-Fanzine mit Punk-Kontext ist so eine Spinnerei in meinem Hinterkopf, da ich seit Beginn der Pandemie absolut dem Stricken und Häkeln verfallen bin, haha. (Passt auch irgendwie – die frühen Vivienne Westwood/SEX Knitwear Pieces, die zum Beispiel die SEX PISTOLS und Umfeld getragen haben, fand ich schon immer richtig richtig gut, haha).

Kannst du noch Zines empfehlen?
Nichts lieber als das! Definitiv lesenswert sind alle Ausgaben (und hoffentlich kommenden) des OSTSAARZORN, Rampage Zine, mantis magazine, FEMTRAIL, Black Cat Zine und Bi All Means von Julia Koschler. Ebenso ganz toll finde ich das „No Heroes“ Foto-Zine von Oyèmi Hessou (@noheroes.jpg auf Instagram).

Interview: Jessi Schmitte
Fotos: Sam
Kontakt: @boysclubonly_zine, @vorstadt.punx

Both comments and pings are currently closed. RSS 2.0