Dezember 31st, 2025

80´s SPANIEN HARDCORE SPECIAL Teil 2 (#229, 2024/2025)

Posted in interview by Jan

80´s SPANIEN HARDCORE SPECIAL Teil 2

Im zweiten Teil des „80´s Spanien Hardcore Special“ wird es noch etwas ausführlicher. Neben allgemeinen Themen wie der Vernetzung der internationalen Szene, Alkohol und Drogen, die Auflösung der Bands, Punk als Lebenseinstellung und der heutigen Punkszene, gibt es auch explizite Interviews mit Silvia – ULTIMO RESORTE, Bolo – SUBTERRANEAN KIDS, Sisa – ANTI-DOGMATIKKS, Gos – L´ODI SOCIAL und Strong – G.R.B.. Zudem habe ich auch noch ein Kurzinterview mit Carlo Kallen geführt, der mit seinen Bands Ewings und Chilli Confetti mehrmals durch Spanien tourte. Damit gibt es auch einen externen Blick auf die spanische Szene.

Eure Bands hatten einen starken amerikanischen Hardcore-Background. Welche Bands haben euch beeinflusst? Und wie seid ihr an die Platten aus Übersee gekommen? Hattet ihr einen regen Briefverkehr zwischen Spanien und den USA? Oder gab es Plattenvertriebe und Plattengeschäfte in Spanien die eine gute Auswahl hatten, an weltweiten Punkplatten?

Ultimo Resorte: Wie bereits erwähnt wurde ich von der Londoner Punkexplosion beeinflusst, ich habe dort so viele Singles gekauft wie ich tragen konnte. Sex Pistols, Ramones, Patty Smith… Die ersten Punkbands die ich Live gesehen habe waren die Vibrators, Generation X, The Jam, Rezillos usw. Ich hatte nichts mit Hardcore zu tun bis sich die beste Besetzung von Ultimo Resorte (Strong, Rosa, Miguel, Juanito und Silvia) auflöste und Marc Viaplana an der Gitarre dazukam, er spielte die alten Songs mit voller Geschwindigkeit, aber wie immer wenn man bei Ultimo Resorte spielen wollte verlangten wir nicht, dass man auf eine bestimmte Art und Weise spielt, sondern dass man wirklich mit uns zusammen spielen wollte. Für mich war es ein Debakel als Strong und Rosa gleichzeitig die Band verließen und ich habe mich von diesem Verlust auch nicht erholt.

Und ich denke ich war der Grund warum sie die Band verlassen haben, wegen meiner mangelnden Bescheidenheit und wegen einer Art kollektiver Paranoia, in der ich direkt beschuldigt wurde der Antichrist zu sein, der Barcelona in die totale Zerstörung führen würde. Ja ich hatte Schizophrenie aber die anderen auch und ich war nur einer und die anderen waren Hunderte gegen mich. Kontakt zu anderen Ländern hatte ich nur nach Mexiko und Brasilien. Es gab auch ein paar Kaufhäuser und Läden die Ramones Platten verkauften, aber es gab kaum tiefgründigen Punk und alles kam von Leuten, die nach London oder Amsterdam reisten und es dann auf Kassetten aufnahmen.

Subterranean Kids: Wir gründeten Subterranean Kids und waren beeinflusst von solch Klassikern wie Black Flag, Minor Threat, Bad Brains usw., aber auch unsere italienischen Kollegen Declino, Negazione, CCM, Raw Power inspirierten uns, oder deutsche Bands wie Inferno, Tu-Do Hospital, Middle Class Fantasies, Slime, Stromsperre, Upright Citizens, Bluttat, No Allegiance, Porno Patrol. Es war nicht einfach hier an Platten oder Tapes zu bekommen, doch wir kamen zu viel Musik durch internationale Postwege oder wenn wir verreist sind, brachten wir viele neue Tonträger mit nach Hause, die dann fleißig auf Kassetten überspielt wurden.

L´Odi Social: Es gab eine Menge Bands die wir hörten oder die uns beeinflussten wie Dead Kennedys, Angry Samoans, Bad Brains, 7 Seconds, Circle Jerks, Minor Threat, Gang Green, Septic Death, Dayglow Abortions… An die Namen der Vertreiber kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es gab einige.
GRB: Amerikanische Bands standen immer an der Spitze und wurden am meisten gehört, angefangen bei den Ramones, bei denen ich nie verstanden habe, wie man diese naiven Rocksongs oder Liebeslieder als Punk identifizieren konnte, mit ihren dahinschwelgenden „oh oho hohoh ohohoh ohohoh i love you“-Chören oder Textzeilen.

Als die Dead Kennedys auftauchten und sich die Dinge änderten, waren sie ein entscheidender Einfluss. Für mich persönlich spiegelten sie die Energieexplosion wider, die wir in uns trugen. Sie besaßen eine rohe Bösartigkeit, Sozialkritik und eine elektrisierende, gut gespielte Musik. Die Wege begannen sich zu kreuzen, GRB’s „Nazis Muertos“ und DK’s „Nazi Punks fuck off“, sie waren einen Schritt voraus, als sie bemerkten wie die eigene oder ihre umgebende Bewegung begann, auf die gleiche Weise zu handeln oder zu denken, wie die etablierte Gesellschaft. Wir hatten bereits Lieder wie „Jim el Pacifista“, die sich auf die Rechtfertigung von Gewalt bezogen, wenn sie sich selbst diente und schützte. Zu dieser Zeit lebten wir mit unterschiedlichen Menschen zusammen, einige waren politisch pazifistisch, aber in der Praxis waren sie gewalttätig, Gewalt war Teil der nächtlichen Straßen.

Natürlich gingen GRB noch einen Schritt weiter, als wir den Weg von „Estoy tan Contento“ einschlugen, in dem wir diese Dichotomie zwischen ideologischer Fantasie und Realität aufzeigten. Eben diese vom Franquismus geerbte Heuchelei von Gewalt, Sexismus, Rassismus. Wir begannen den Begriff „Zynismus“ zu verwenden, um die Radikalität einiger Vorschläge hervorzuheben, die nie die Selbstkritik ausübten, die ihnen ihre Argumente auferlegten. Es gab keine nennenswerten Plattenvertriebe in unserer Szene, weder in Spanien noch in Barcelona; die Platten die ich bekam, kamen direkt von den Bands und ich hab sie als Geschenke wahrgenommen. Wir sprechen natürlich nicht von den Platten der größeren Bands, die man in normalen Plattenläden finden konnte.

Ein Detail über die Besonderheit von GRB ist vielleicht interessant, um den Kontext und die damalige Szene zu verstehen. Drei von uns kamen von Ultimo Resorte, wo es die Figur des Managers gab, eine Plattenfirma die versuchte die Bands dort zu fördern, wo sie glaubten dass sie Erfolg haben und sich in hohen Verkaufszahlen niederschlagen könnten. Bei GRB war das vielleicht auch ein Teil der damaligen Einstellung von HC, wir hatten aber eine echte Abneigung und Abscheu gegen diese Art von Figuren entwickelt. Alle GRB-Tapes und auch die „Estoy Tan Contento“-EP wurden einzeln von uns verkauft. Wir verkauften sie auf diversen öffentlichen Plätzen, in Bars, in einigen Import-Plattenläden die sie akzeptierten, in libertären Buchhandlungen und natürlich per Versandhandel, über Fanzines mit denen ich seit Drama del Horror Kontakt hatte.

Anti-Dogmatikks: Unser erstes Demo ist eher von den britischen Bands wie Disorder, GBH, sowie von Inferno, Rattus De Parao, Terveet Kädet usw. inspiriert. Wir begannen, internationalen Hardcore zu entdecken, hauptsächlich schwedischen, amerikanischen und italienischen HC. Das zweite Demo hat ein größeres amerikanisches Hardcore-Feeling (MDC, Neos, Offenders, Clitboys,…), aber auch italienische Bands wie Declino, Indigesti, Impact usw.. In den frühen 80ern war es wirklich schwierig an Importplatten zu kommen. Es gab nur wenige Fachgeschäfte und die Preise waren teuer. Ich hatte kein Geld um im Ausland einzukaufen und ich spreche auch kein Englisch.

Die Jungs vom Penetracion-Zine hatten eine kleine Distribution mit gutem Zeug und guten Preisen (wenn ich mich nicht irre, erinnere ich mich, dass ich bei ihnen die LP von Upright Citizens gekauft habe). Aber das meiste was ich an Musik bekommen habe waren Tauschkassetten. Im Sommer 1984 reisten wir nach Italien und dort gab es einen viel besseren Alternativvertrieb und günstigere Preise. Dort bekam ich einige gute italienische Platten und Kassetten (Wretched, Crash Box, Peggio Punx, Cani und es gab auch Musik aus anderen Ländern von Minor Threat, Scream, U.B.R.

Spielten in Spanien auch internationale Bands? Habt ihr auch mal außerhalb von Spanien gespielt? Oder war die spanische Szene eher isoliert vom restlichen Europa?

Ultimo Resorte: Ja es gab eine Reihe von Leuten, darunter Marc Viaplana, die sich der Organisation ausländischer Bands widmeten und es gab auch einige Veranstaltungsorte wie Zeleste, KGB, Transformadors, Casal del Guinardo, usw.. Mit Ultimo Resorte widmeten wir uns ausschließlich zur Förderung der Szene in Barcelona. Für eine verfluchte Band wie uns hatten wir genug mit allen möglichen Vorurteilen zu kämpfen, die Tatsache dass meine Kleidung sehr aufreizend war schuf ein ziemliches Problem der Abneigung und auch die aggressiven, chaotischen Texte schufen offenbar Anfälligkeiten, aber wie man heute im Nachhinein sehen kann war ich keine gefährliche Person, im Gegenteil.

Ich glaube nicht das die spanische Szene isoliert war, das erste Punk-Konzert in Barcelona fand am vierten Dezember 1977 statt, wir waren ein bisschen im Rückstand, aber nur ein bisschen, wir waren keine Drittweltler. Im Gegenteil, ich denke wir waren auf allen Ebenen sehr würdige Vertreter.

Anti-Dogmatikks: Die ersten internationalen Bands an die ich mich erinnere die in Barcelona gespielt haben, waren MDC, Razzia, Blut+Eisen, Youth Brigade, Frites Modern, B.G.K. – Wir tourten mit ihnen viermal durch Spanien und es war eine ganz ausgezeichnete Band. Anti/Dogmatikss spielten um 1985 in Andorra und 1987 in Toulouse (Frankreich), als wir dort unser zweites Demo aufnahmen. Damals spielten nicht viele Bands außerhalb von Spaniens. Ich erinnere mich an Subterranean Kids und Monstruación, die auf Europatourneen gingen.

Subterranean Kids: Als wir so um 1985 anfingen gab es noch nicht allzu viele besetzte Häuser. Englische Punkbands wie Peter & TTB, Adicts, Killing Joke, UK Subs spielten in kommerziellen Lokalen. Die ersten Gigs die wir für Freunde im kompletten DIY-Rahmen organisierten waren für Jingo de Lunch, BGK, Lärm, Ewings, Toxic Reasons, KGB, Senza Sterzo… Nach 1990 begann ein alternatives Management damit die meisten Touren von ausländischen Bands hierher zu bringen. In wenigen Jahren hatten wir die Möglichkeit Bands wie Fugazi, Verbal Abuse, Accused, Pullermann, Dickies, Noise Annoys, Victims Family, Nomeansno, Negazione oder Descendents live zu sehen.

L´Odi Social: Wir spielten Europatourneen sowohl mit L´Odi Social als auch mit Monstruacion.

Inwieweit spielten Alkohol und Drogen in der spanischen Szene eine Bedeutung?

Subterranean Kids: Nun in Barcelona und dem Rest von Spanien, wie auch in Deutschland, trinken die Leute viel.

Anti-Dogmatikks: In den Anfangszeiten waren vor allem Alkohol und Tabletten (Amphetamine) im Spiel. Später Speed und Heroin und noch mehr Alkohol. Wir selbst tranken Alkohol und rauchten Haschisch, wir waren aber keine Drogenband (hahaha). Heroin war wie eine Plage, es war wirklich schlimm, viele Menschen die ich kannte starben daran.

Ultimo Resorte: Bier und Calimocho waren essentiell für alles, auch gab es am Anfang Amphetamin und dann Speed und LSD, obwohl die Droge die die Hälfte dieser Generation getötet hat eindeutig Heroin war und gleichzeitig AIDS. Es war immer eine Party wenn wir zusammen waren und wir hielten Straight Edge für Chauvinisten, für verbittert, ohne Sinn für Humor.

L´Odi Social: Drogen und Alkohol waren in der Szene immer präsent, genauso wie im Leben um uns herum, aber es war untrennbar damit verbunden wo und mit wem man verkehrte. Wir haben dem Ganzen aber nicht mehr Bedeutung beigemessen, es war wie die Gewalt auf der Straße oder die Polizeikontrollen oder die Faschisten die kamen um Bars oder Konzerte zu stürmen, um uns zu belästigen und anzugreifen, ob sie nun Hell Angels, Bone Heads oder einfach rechte Militante waren.

GRB: Es waren die Drogen die unseren Verstand stärkten und uns zu stundenlangen, sehr klaren und nachdenklichen Gesprächen führten, in denen unsere Persönlichkeiten, Botschaften und die Texte unserer Lieder geschmiedet wurden. Die Drogen stellten uns auch auf die Probe in den Momenten des Niedergangs, der Frustration, des Herzschmerzes, der Freundschaft und des Engagements. Nach und nach nahmen die Drogen bei einigen Menschen eine dunklere Rolle ein, Abhängigkeit und Persönlichkeitsveränderungen, Gewalt. Drogen waren ein Bindeglied und Wegbegleiter, ich erinnere mich an sie als etwas das Spaß macht und aufregend ist.

Wie alles im Leben waren auch die Drogen ein Risiko. Die Umstände und die Fähigkeit, bewusst mit ihnen umzugehen hatten ihre Folgen. Viele Menschen wurden süchtig, andere schafften es nicht und blieben auf der Strecke, manche entwickelten Varianten von Schizophrenie, Depressionen. Und viele andere lebten glücklich damit und nehmen auch weiterhin Drogen.

In welchen Zeitraum hatten eure Bands existiert? Wieso kam es zur Auflösung eurer Band? Und habt ihr danach noch in anderen Bands gespielt?

Ultimo Resorte: Ultimo Resorte existierten vom 3. November 1979 bis zum 08. Februar 1984, als wir mit MDC spielten und es mich total umgehauen hat. Ultimo Resorte endeten als ich die Band verließ, weil mein Kopf explodiert war. Zwei Monate später wurde GRB mit einem Teil meines Teams gegründet, mit den gleichen Musikern und am gleichen Ort. Weitere Bands in denen ich gesungen habe waren Berlin 80 von 2001 bis 2003 und Algo Toxico gründeten sich 2004 und existieren bis heute. Algo Toxico sind auch die Band in der ich mich am wohlsten gefühlt habe. Wir haben uns sehr langsam, aber fest in einem nicht-kommerziellen Sinne weiterentwickelt, wir haben zwei EPs, und eine Split-EP mit einer Band aus Madrid namens CPU aufgenommen.

GRB: Meine erste Platte mit Ultimo Resorte nahm ich 1980 auf, als ich 16 Jahre alt war, ich war mit Silvia zusammen, bis ich die Platte „Una Causa sin Fondo“ aufnahm. Es war eine spannende Erfahrung als Rosa und ich Ultimo Resorte verließen. Ich begann den Alltag mit Alberto und Rosa zu verbinden, in dem Projekt Drama del Horror, das in einem selbst herausgegebenen Fanzine und einem musikalischen Bandprojekt gipfelte, dort begannen die Themen zu schmieden, die Jahre später das Herzstück der GRB-LP „Cuentos y Leyendas“ bilden sollten. Die Originallieder dieser LP wurden als Drama del Horror komponiert, Lieder wie „Dia tras Dia“, „Entre Nosotros“ oder „Cuentos y Leyendas“, erblickten das Licht der Welt, bevor GRB gegründet wurde, sie waren Albertos und meine Schlafzimmerkompositionen. 1983 schloss ich mich GRB an, die gegründet wurden, während ich von der spanischen Armee entführt worden war. Es war als käme ich nach Hause zurück und beobachtete die Veränderungen, die in zwei Jahren stattgefunden hatten, es gab immer noch Juanito, Mike, Alberto, Angel, aber keine Frenopatics, Ultimo Resorte, Drama del Horror mehr, stattdessen waren wir GRB. Später habe ich in anderen musikalischen Projekten mitgewirkt.

Anti-Dogmatikks: Von 1983 bis 1990. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern warum wir gelegentlich mit der Band Pausen einlegten, aber vermutlich lag es an Zeitmangel, Arbeit, Freundinnen, Müdigkeit. Danach spielte ich in Budellam mit Legal (A/D-Schlagzeug) und Freunden aus der Gegend von La Roca (eine 7-Zoll-EP und zwei LPs) ein. Zudem habe ich auch zu den Anfängen bei der HC/Crossover-Band Dios Odioso gespielt (1. Demo). In den 2000er Jahren, auch mit Legal, Orgy of One (1 CD). Und jetzt Zombi Pujol (1 Split-LP + 1 LP).

Subterranean Kids: Mit den Subterranean Kids begannen wir im Sommer 1985 und waren bis 1990 aktiv. Wir trennten uns in Deutschland, aber wir nahmen ein neues Album auf „Ya no hay tiempo“ und mit dieser neuen Besetzung gab es uns bis 1998. 2007 haben wir uns wieder für ein paar Jahre zusammengefunden. Im Moment denken wir darüber nach einige Abschiedsshows zu spielen. Ja ich habe nach S.K. nicht aufgehört zu spielen. Ich habe Schlagzeug gespielt und zwei Platten mit den Againsters (in der TRUST # 215 findet ihr das Interview) aufgenommen, aber ich habe die Band letzten Januar verlassen. Außerdem spielte ich Schlagzeug in der ältesten Proto-Punk-Band Spaniens La Banda Trapera del Rio, ebenso war ich in der Band Nerrvio (wir waren letztes Jahr im Koppi in Berlin) und zudem spiele ich noch Bass bei Dead People.

Punk wird meist als eine Lebenseinstellung definiert und wahrgenommen. Welche allgemeine Bedeutung hat Punk in eurem Leben?

Ultimo Resorte: Ich denke Punk basiert auf einer übergeordneten Idee und zwar dass wir als Menschen unser Grundrecht einfordern Fehler zu machen. Ich bin voller Unvollkommenheiten und deshalb sollte ich mich umbringen. Nein Punk ist der Moment in dem die Unvollkommenen beschließen sich zu vereinen und sich gegen die Vorherrschaft der Perfektion zu verteidigen, durch die Logik des Existenzrechts.

GRB: Was den Punk der 80er Jahre angeht, war es unser „Leitsatz“ die guten Manieren, die Korrektheit, die religiösen Bräuche, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die so tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, die Art sich zu kleiden, die Art sich auf die von der Gesellschaft geschaffenen Hierarchien zu beziehen oder unterzuordnen und dabei auch den Lehrer, den Arzt, den Richter, den Polizisten zu hinterfragen und hinters Licht zu führen. Punk war eine schwer zu bekämpfende Haltung, ohne die Vorurteile und das Elend der Beleidigten zu entlarven.

Punk war eine selbstzerstörerische Haltung, die keine wirkliche Bedrohung darstellte. Punk gab die genauen Anweisungen, um die neue Ära der Unterdrückung und sozialen Kontrolle einzuleiten, in der wir heute leben. Heute sitzen viele Menschen in spanischen Gefängnissen, weil sie Lieder geschrieben und rezitiert oder gesungen haben, die dieselben oder sogar weniger explizite Texte als die von GRB haben. Einige von GRBs Texten hätten uns heute ins Gefängnis bringen können. Ich erinnere mich an ein Lied der Frenopatics: Sie sangen: Gott, das Land und den König töten wir auch.

Anti-Dogmatikks: Es ist schwer zu erklären. Ich mag die Do-it-yourself-Einstellung, die Aufgeschlossenheit, das Gefühl des Lärms mit der Musik auf engstem Raum zu sein, während die Leute vor der Bühne Spaß haben.

L´Odi Social: Mein Lieblingssatz ist: Man wird nicht zum Punk, man wird als Punk geboren. Weil es letztendlich auch nur ein Etikett ist, das sehr leicht zu verkaufen ist, wie es in seinen negativen Klischees auch das System getan hat. Punks haben ihr ganzes Leben lang existiert. Für mich bedeutet Punk zu sein, sich kritisch mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, sich der Scheiße die einen umgibt bewusst zu sein und etwas zu tun um es den anderen zu zeigen, dass es auch andere Wege gibt. Zu fordern, zu kämpfen für das was man will und es mit Leuten, den Kollegen oder der Familie zu teilen. Punk ist ein Adjektiv, das dich als unkontrolliert, provokativ, alternativ oder nonkonformistisch bezeichnet.

Subterranean Kids: Scheiß auf blöde Attitüden, unterstütze alternative Wege, gehe zu Punkkonzerten, hilf Freunden….

Was ist aus den Bandmitgliedern geworden? Was macht ihr heutzutage? Seid ihr noch aktiv in der Punk und Hardcoreszene?

Subterranean Kids: Bei Subterranean Kids spielten im Laufe der Jahre viele Leute, eine Menge Bassisten und ein paar Gitarristen. Nur der Sänger und ich sind von Anfang an dabei. Mit den meisten von ihnen haben wir noch Kontakt. Eigentlich spiele ich immer noch in einigen Bands, habe ein kleines DIY-Label und versuche so viel wie möglich mit meinem Van oder mit Bands zu reisen.

L´Odi Social: In meinem Alltag geht es immer noch darum zu teilen, zu lernen, zu kämpfen, zu provozieren, aktiv und stark zu bleiben, weiterhin Musik zu machen und mit wertvollen Kollektiven zusammenzuarbeiten, um dieses System anzuprangern. Den Lebensunterhalt zu verdienen, um ein Dach über dem Kopf, Essen und Spaß zu haben. Ich spiele weiterhin in drei Bands, ich spiele Fußball, weil ich es als Sport liebe und es nicht als ein Geschäft ansehe. Ich besetze weiterhin freie Räume, arbeite mit antifaschistischen und libertären Kollektiven und versuche Veranstaltungen zu organisieren, bei denen junge und nicht mehr ganz so junge Leute zusammentreffen um andere Möglichkeiten und Optionen zu erleben und zu erfahren, die das verdammte kapitalistische System nicht hergibt.

Anti-Dogmatikks: Ferran (Gitarre), die wichtigste Person innerhalb der Band, starb 1996. Er war der Typ mit den meisten Kontakten von uns, der viel mit anderen Punks geschrieben hat, Kassetten austauschte und Shows gebucht hat… ich vermisse ihn sehr. Der Rest der Leute (Poly, Manel, Ripoll, David,…) leben noch, aber wir haben uns in den letzten Jahren nur ab und zu getroffen und haben ansonsten überhaupt keinen Kontakt mehr miteinander. Dafür spiele ich mit unserem Schlagzeuger Legal bei Zombi Pujol (Anmk: eine sehr empfehlenswerte Band), die mehr im Garagepunk beheimatet sind und bis vor kurzem haben wir ein paar Comeback-Shows mit Anti/Dogmatikks gespielt, wie z.B. in Las Palmas – Kanarische Inseln, kurz vor dem Covid-Shutdown. Ich arbeite in einem Lagerhaus, habe eine kleine Familie. Manchmal gehe ich auf Shows und kaufe immer noch Punk-Platten, Zines usw..

Ultimo Resorte: Ich glaube alle Ex-Mitglieder von UR haben den Punk verlassen, nur Juanito und ich waren noch in verschiedenen Bands und Juanito ist vor ein paar Monaten gestorben.

Wie hat sich die Punkszene in Spanien weiterentwickelt?

Subterranean Kids: Es gibt eine Menge neuer Bands, die meisten die ich kenne sind aus meiner Gegend und es gibt ziemlich viele gute neue Veröffentlichungen wie z.B. Bait, Lumpen, Gurtel Club, Cynta Ayslante, Troners, Super Heavy Bricks, Palladium 86, Eight, Sutge, Simulacro, Ofensa, Quaaluders, Stupid Fucking People, Build a Bomb, Disthroat…

Anti-Dogmatikks: Ich denke die Szene hat sich mehr oder weniger wie der Rest der Welt entwickelt. Heutzutage gibt es mehr Vielfalt und unterschiedliche Fraktionen, von den eher kommerziell und geldorientierten bis hin zu den DIY-orientierten und allem was es noch dazwischen gibt. Es gibt mehr Möglichkeiten und Orte zum Spielen und jede Menge Bands. Es ist einfacher und kostengünstiger eine Aufnahme zu machen. Ich denke es gibt eine gute DIY-Szene, nicht so groß aber gut und vielfältig. Das Problem ist der Mangel an Nachwuchs im Punk/HC-Bereich. Ich gehe im Grunde nur zu kleinen Shows. Was ich sehe und bemerkt habe ist, dass die meisten aktuellen Bands klare Vorstellungen davon haben, was sie machen wollen, sie haben einen Plan (Übungen, Aufnahmen, Shows/Tourneen, gutes Equipment, bessere Musikalität), sie sind fokussierter. Damals waren wir naiver und hatten überhaupt keine Pläne.

Noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
Anti-Dogmatikks: Vielen Dank für das Interview. Ich gebe zu, dass ich Interviews normalerweise nicht mag, oder wenn dann eher Live-Interviews, weil sie spontaner sind, aber dafür lauert die Gefahr, dumme Dinge zu antworten, also musste ich mich dieses Mal stark konzentrieren (hahaha!). Und entschuldigen Sie mein gebrochenes Englisch.

L´Odi Social: Ein letzter Satz: Viva la tierry, muerte al estado – Lang lebe die Erde, Tod dem Staat. (Sistema)

Ultimo Resorte: Ich habe alles gesagt, jetzt könnt ihr mich begraben.

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ULTIMO RESORTE

Auf Wikipedia heißt es: „«Último Resorte war die Band, die anfing, die Leute wirklich anzuziehen. Als sie ein Lied beendeten, gab es auf zwanzig Quadratmetern um die Bühne herum nur eine pogende Meute, die sich wie Gewinner fühlten…“. Nach der ersten Welle des Punk in Barcelona mit Gruppen wie La Banda Trapera del Río, Basura und Mortimer war Último Resorte die Gruppe, die die Flamme des Punk um die Wende des Jahrzehnts am Leben hielt. Wie hast du die ganz frühe Punkszene um jene Bands in Erinnerung behalten und wieso habt ihr die Flamme des Punk am Leben erhalten? Was passierte mit La Banda Trapera del Río, Basura und Mortimer? Waren sie nur für kurze Zeit in der Szene aktiv?
Ich bin ein sehr sturer Mensch wenn ich denke dass ich Recht habe und Punk war immer ein guter Grund dafür. La Banda Trapera ist derzeit auf Abschiedstournee weil der Sänger gesundheitliche Probleme hatte. In der aktuellen Besetzung spielt Bolo von Subterranean Kids Schlagzeug und Morfi der Sänger hat eine Band namens La Ley de Morfi gegründet. Die Mitglieder von Basura haben viele Facetten durchlaufen, aber ihr Gitarrist Panotxa ist heute noch mit Pentina’t Lula aktiv. Panotxa und ich haben auch Pánico y Sol gegründet. Mortimer spielten auf dem Konzert zum vierzigsten Jahrestag des ersten Punkkonzerts in Barcelona, zu dem wir mit Algo Toxico eingeladen wurden.

Euer erstes Konzert hattet ihr in einer Irrenanstalt. Wie kam es zu diesem Auftritt in dieser doch recht ungewöhnlichen Location?
Wir hatten noch nicht einmal zwei Monate geprobt und hatten nur fünf Songs, aber als wir auf die Bühne gingen und ich sie vor der drohenden Gefahr warnte, drehten die Patienten vor Aufregung durch, rannten los und bewarfen uns mit Geld.

Eure Bandgeschichte war von ständigen Musikerwechseln geprägt. Was war der Grund für diesen regen Austausch der Musiker?
Den Gegenstrom den Juanito und ich mit uns führten, konnte lange Zeit niemand aushalten, wir waren sehr schockierend und erweckten den Eindruck, als würden wir alle dazu bringen wollen von einer Klippe zu springen, wie der Rattenfänger von Hameln.

Ihr habt auch Angebote von mehreren Plattenfirmen erhalten. Warum habt ihr diese Angebote abgelehnt? Aber dennoch habt ihr auf Flor Y Nata Records eure gleichnamige 7“ und die 12“ „Una Causa Sin Fondo“. Erst ab 1994 erschienen noch einige weitere Releases von euch, bei denen man sich fragt, wieso diese coolen Zeitdokumente nicht schon früher veröffentlicht wurden?
In der Band herrschte ein Chaos von Kommen und Gehen, es war keine gute Zeit. Die Zusammenarbeit mit Flor y Nata war sehr fruchtbar, sie waren die einzigen die es wagten, zur richtigen Zeit mit uns zusammen zu arbeiten. Nur Flor y Nata wusste mit uns umzugehen, damals hatten die Demos die wir gemacht haben historischen Charakter und Tralla Records hat auf uns gesetzt, seitdem gab es mehrere Wiederveröffentlichungen, immer auf der Suche nach den jungen Leuten von heute, die keine Sammlerpreise zahlen müssen um uns hören zu können.

Es heißt dass 1984 der Auftritt von den amerikanischen MDC der Anstoß war zur Entstehung einer Hardcore-Szene in Barcelona. Was war das bewegende und einflussreiche Element bei diesem Konzert und wie änderte sich die Szene darauf?
Um das zu schreiben, habe ich mir nochmal das Live-Tape von diesem Konzert angehört und ja es ist das Konzert das mein Leben verändert hat. MDC spielten so laut das die Lautsprecher brummten, ich stand die meiste Zeit vor Dave (MDC Sänger) und als das ganze Durcheinander begann, war ich erstaunt (ich dachte erst, es sei sehr punkig, die Lautsprecher einer so emblematischen Halle wie der Zeleste-Halle zu sprengen), aber Dave machte ein Gesicht, ich dachte das bedeutete: „dass ich ihre Musik nicht mögen könnte, nur die Botschaft“, aber heute als ich mir das Live-Tape anhörte wurde mir klar, dass er dieses Gesicht machte weil es absolut schlecht abgemischt war.

Nun manchmal sind die Dinge nicht so wie sie uns erscheinen, aber das Leben nimmt viele Wendungen, so dass man eines Tages bestimmte Dinge die einen besessen haben verstehen wird. Zuerst habe ich MDC mit aller Liebe Hamburger zum Abendessen zubereitet, was sie abgelehnt haben, was für mich schrecklich war, dann sind sie den ganzen Tag herumgelaufen und haben in rohe Paprikas gebissen, ohne Gewürze oder irgendetwas. Sie kamen alle auf Skateboards, was wir noch nie gesehen hatten. Die Band und die Crew die sie um sich herum hatten, haben die ganze Zeit damit gespielt um waghalsige Stunts zu wagen, wie in einem Hollywood-Film.

Der Schlagzeuger den sie hatten war nicht ihr eigener, er war ein Ersatzschlagzeuger, aber er war der beste und schnellste Schlagzeuger den wir je gesehen hatten. Als Dave ankam fing er an seine Schallplatten an uns alle zu verteilen, ich wollte die Platte aber nicht annehmen die er mir anbot, weil ich dachte es wäre zu viel des Guten. Während sie spielten machte der Bassist zwischen den Liedern seine Ansagen und die ganze Zeit wiederholte die Crew seine Texte, als wäre es eine Testesteronübersteuerte Doktrin. Ich fühlte mich so als das ich mit all dem nichts zu tun hatte und ich hatte einen emotionalen Kurzschluss so viele Widersprüche zusammen zu erleiden. Die Szene veränderte sich auf eine viszerale Art und Weise, sie wurde von einem mörderischen Witz zu einer Szene ohne einen Funken Humor, alles war kompromittiert, alles war dramatisch, fast kollektive Paranoia, dieses Geschrei, diese Negativität. Ich konnte es nicht ertragen, so viel Pessimismus auf einmal hat mich wirklich berührt.

Was mich noch sehr interessieren würde. Du warst dem Anschein nach einer der wenigen Frauen die in einer Punkband aktiv war. Wie weit verbreitet waren Frauen in der spanischen Punkszene? Gab es diverse Macho-Attitüden innerhalb der Szene, die euch Frauen davon fernhielten? Oder war die Szene eher gleichberechtigt eingestellt?
Es gab viele Punkerinnen in der Szene und in den Bands, es waren mehr als man gedacht hatte, aber damals war das alles sehr flüchtig. Ich erinnere mich an Juana Izquierdo von der Band Dios oder Orgullo de España, Draps Bruts und De Tacón. Es gab keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, wir gingen alle zusammen den gleichen Weg. Die Szene war durch und durch egalitär, es gab nicht die Paranoia wie heute, Punk war ein zivilisiertes Wesen, es war intelligent und ehrlich, es war schön nachts zusammen in die Berge zu gehen, Lagerfeuer zu machen, Musik zu hören und high zu werden, es ist nie etwas Unangenehmes passiert. Mit dem Aufkommen des HC habe ich jedoch gemerkt, dass dies nicht mehr meine Szene war.

Wie kam es zu dem Ende von Ultimo Resorte?
Ich hatte einen ziemlich schlimmen Anfall von Schizophrenie, der mir zunächst ein fürchterliches Lampenfieber bescherte.

Du hast erst 1990 wieder in der Band Berlin 80 gesungen. In welche Richtung tendierte Berlin 80 und was ist der Hintergrund des Namens dieser Band?
Berlin 80 war eine unangenehme und zugleich gute Erfahrung, ich hatte noch nie vor einem Publikum gespielt das mich schon beim ersten Auftritt mit einem wirklich erstaunten Gesicht ansah, aber es war auch unangenehm wegen der Art und Weise wie die Band endete, durch einen herzlosen Verrat. Der Name Berlin 80 kam von einem der ersten Lieder von Ultimo Resorte, in dem darauf Bezug genommen wurde dass ich nicht glaubte, dass der Nazismus für immer verschwunden war.

In den letzten Jahren hast du in der Band Algo Tóxico gesungen, die wiederum einen räudigen und originellen Punk spielt, der manchmal etwas melodischer ist. Was treibt dich noch an, in Punkbands zu singen und welche Themen behandelst du in deinen Texten?
Aus meiner Sicht ist das einzige was meinem Leben einen Sinn ergibt, die Momente wenn ich mit Algo Toxico auf der Bühne stehe, es ist jedes Mal wie das Überwinden einer Gefahrenprobe, es scheint sehr einfach zu sein auf die Bühne zu gehen und zu singen, aber ich habe einige mentale Facetten die es nicht so einfach machen und wie ich schon sagte, die Themen die ich in meinen Texten verwende, sind normalerweise verlorene Fälle von interessanten Leuten, von Witzen über Fukushima bis hin zur Förderung einer beliebten Orgie.

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SUBTERRANEAN KIDS

Ich finde dass die SUBTERRANEAN KIDS sehr gut eingespielt waren und ihr das gleiche Niveau hattet wie andere europäische Hardcorebands wie Negazione, Cheetah Chrome Motherfuckers, So Much Hate oder BGK. Bei dem grandiosen Gitarrensolo von „Siguiendo los Pasos de tu Padre“ erinnert ihr mich sogar an die Bad Brains. Habt ihr zuvor schon in anderen Bands gespielt und habt ihr viel Zeit im Proberaum verbracht?
Danke für deine Worte aber wir haben nie versucht eine professionelle Band zu sein. Stattdessen wollen wir immer eine Band sein die Musik mit Spaß und Freundschaft vermischt. Nicht jeder in der Gruppe ist an allen Aufgaben beteiligt, aber wir versuchen dass sich jeder damit identifizieren kann. Dennoch verbrachten wir zu unseren Anfangstagen die meiste Zeit des Tages im Proberaum.

Ihr seid die erste spanische Band gewesen, die mit einem Van durch Europa tourte. Wie kam es zu der Idee mit der Tour? Wie verlief die Tour? An welche Konzerte erinnert ihr euch besonders gerne zurück? Und gab es nach euch noch andere spanische Bands die durch Europa tourten?
Was für eine Rückblende! Anfangs arrangierte Moses vom Zap Magazin (ich glaube) 7 Gigs für S.K.. Für uns war das wie ein wahrgewordener Traum, aber bald fingen die Probleme an… Unser Van ging kaputt bevor wir in Deutschland ankamen und ein paar Shows später hatten wir einen Autounfall auf der Durchreise nach Berlin. Mit der Hilfe unserer Freunde im AU-Haus in Frankfurt spielten wir ein paar Monate lang, insgesamt mehr als 20 Gigs, kauften einen neuen Van und kehrten nach Barcelona zurück.

Von den SUBTERRANEAN KIDS gibt es aus der Frankfurter AU eine Liveaufnahme. Wie kam da der Kontakt zu Stande?
Wir haben den Kontakt zu ihnen über einen Hamburger Punk erhalten der zu dieser Zeit in Barcelona lebte. 1987 gingen Semolina und ich nach Frankfurt um uns DRI anzusehen und wir blieben eine Familie.

Auf eurer 1992er LP „Ya No Hay Tiempo“ habt ihr euch ein wenig zum Crossover/Metal weiterentwickelt. Der Sound klingt nicht mehr ganz so brachial wie zu den Anfangstagen. Wie kam es zu dieser Entwicklung und welche Bands habt ihr in den frühen 90ern gehört?
Über die Jahre hinweg hörten wir viele verschiedene Arten von Bands im Hardcore/Punk-Bereich, nicht nur die lauten, schnellen Bands aus den frühen 80ern, sondern auch Bands wie Dag Nasty, Bullet Lavolta, SNFU, Scatterbrain, Rollins Band… Als wir in Deutschland waren haben wir auch eine Menge neuer und energiegeladener Independent-Musik entdeckt. Beim ersten Gig in Nagold hat auch HDQ gespielt, die uns weggeblasen haben. Auch das Touren mit Pullermann öffnete unsere Ohren für viele verschiedene Musikrichtungen, genauso wie JFA, die erste Green Day-LP… Außerdem spielten wir mit Bands wie Do or Die, Nonoyesno, Crowd of Isolated, Target of Demand… die mochten wir auch. Oder Industri aus der Schweiz. Es waren viele Einflüsse, die uns als Band groß werden haben lassen.

Du spielst derzeit in gleich zwei großartigen Bands, zum einen die AGAINSTERS und zum anderen DEAD PEOPLE. Warst du in den letzten Jahren besonders aktiv oder hattest du nach dem Ende der SUBTERRANEAN KIDS ständig in Bands gespielt? Und wie kommen wir an die Tonträger deiner aktuellen Bands?
Nach 5 Shows in Euskadi mit den Againsters im letzten Oktober fing es an das ich Schmerzen in meinem rechten Bein verspürte, so dass ich mich entschied die Band zu verlassen ohne mit dem Spielen aufzuhören, weil ich noch in zwei anderen Bands war und einige Projekte im Kopf hatte. Dead People arbeiten immer noch an neuen Songs und wir haben eine 12″ herausgebracht. Mein ganzes Leben lang habe ich gespielt, vielleicht habe ich für ein paar Monate aufgehört, aber ich bin ein rastloser Bad Ass!

Und wie stehen die Chancen dass du mit den AGAINSTERS oder DEAD PEOPLE durch Europa tourst?
Ich würde sehr gerne durch Europa touren, aber ehrlich gesagt ist nichts mehr so wie früher als die Leute das Bedürfnis hatten neue Bands zu entdecken und spontan auf Konzerte gingen. Und alles ist teurer geworden als früher (Benzin, Autobahnen…), also ist es irgendwie schwierig, aber vielleicht können wir mit unseren wenigen Möglichkeiten etwas erreichen.

Du scheinst ein aktiver Szeneaktivist zu sein. Was ist für dich der Grund, weshalb du Punk immer treu geblieben bist?
Das macht mich lebendig! Und es ist großartig überall Leute zu treffen, über Musik reden und Bier zu trinken…

Wie ist aktuell die Szene in Barcelona aufgestellt? Gibt es noch genügend Auftrittsorte und gute Bands?
Für eine so große Stadt wie Barcelona gab es nicht wirklich viele Konzertorte. Es ist eine ziemlich große Stadt und natürlich gibt es Underground-Clubs und aktive Leute oder Bands, aber für eine Band ist es traurig, wenn du für das Spielen bezahlen musst, oder einen Veranstaltungsort zu mieten. Kommerzielle Veranstaltungsorte wollen nur große Mainstreambands und keinen Punk und unsere alten Treffpunkte gibt es nicht mehr. Barcelona hat mit der Gentrifizierung seine Identität verloren und im Moment ist es nur eine weitere europäische Stadt die sich um den Tourismus bemüht.

Weil du ein großer Kenner und Liebhaber von Punk und Hardcore bist, würde ich gerne von dir wissen, was deine zehn Lieblingsplatten sind?
Circle Jerks – Group Sex, Zero Boys – Vicious Circle, Black Flag – Everything Went Black, MDC – Millions of Dead Cops, Septic Death – Need so Much Attention, Bad Brains – st, Poison Idea – Pick your King, DRI – Dirty Rotten, Rezillos – Can’t Stand the Rezillos, Dead Boys – We Have come for your children. Thanks, Bela!

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ANTI-DOGMATIKKS

Neben eurer Band ANTI-DOGMATIKSS habt ihr das Fanzine „Melodías Destruktoras“ und das Label Anarchi Rekords betrieben. Über was wurde in den Fanzines berichtet? Und welche Bands waren auf eurem Label?
„Melodías Destruktoras“ (später in „N.D.F.“ umbenannt) und „Anarchi Records“ wurden von den beiden Brüdern Joni D und Ferran (A/D) gegründet. „Melodías Destruktoras“ berichtete mit Interviews und Reportagen über einige der nationalen und internationalen Bands, Platten und Szenen die zu jener Zeit angesagt waren. Später war „N.D.F.“ politischer und konzentrierte sich auf DIY- und/oder anarchistische Bands. „Anarchi Records“ (1982-1983) brachte das Desechables-Demotape und die Kangrena 7 “ EP heraus und sie buchten auch Konzerte.

Ihr selbst habt aber nur Tapes veröffentlicht. Was war der Grund dafür? War das eine idealistische Anti-Kommerzhaltung oder habt ihr nicht genügend Geld gehabt für eine Vinylveröffentlichung?
Beides, eine anti-kommerzielle Einstellung und wir hatten auch nicht das nötige Geld dafür. Wir haben beschlossen das wir unsere Sachen selbst herausbringen werden, um die Kontrolle über den ganzen Herstellungsprozess zu behalten.

Ihr hattet wie so viele spanische HC-Bands sehr kritische und wütende Texte gegen die USA, das Militär, Religionen, Rassismus, Sexismus, die Olympischen Spiele und randalierende Nazi-Punks. Wie war in den frühen 80ern das politische Klima in Spanien? Und wie weit war Sexismus oder Rassismus in der spanischen Szene vertreten?
Die Texte spiegeln die Zeit wider. Es ging über Sexismus und Rassismus und das hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, aber global gesehen hat sich leider nicht viel geändert. Jedoch gibt es in der DIY-Szene heute mehr Gleichberechtigung in Bezug auf Sexismus und Rassismus.

Noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
Vielen Dank für das Interview. Ich gebe zu das ich Interviews normalerweise nicht mag, oder wenn dann eher Live-Interviews, weil sie spontaner sind, aber dafür lauert die Gefahr, dumme Dinge zu antworten, also musste ich mich dieses Mal stark konzentrieren (hahaha!). Und entschuldigen Sie mein gebrochenes Englisch.

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L´ODI SOCIAL

Ihr wart mit L´odi Social einer der ersten Bands die auf katalanisch gesungen haben. Wieso war es für euch wichtig auf katalanisch zu singen?
Wir singen auf Katalanisch weil wir Katalanen sind und in Katalonien leben.

Ihr habt euch bereits 1981 gegründet, doch laut Wikipedia habt ihr erst zwei Jahre später so richtig losgelegt mit Konzerten, Plattenaufnahmen usw.. Es heißt dass ihr Probleme hattet bei der Beschaffung von Instrumenten und Verstärker. Hattet ihr zu wenig Geld für das Equipment und wie können wir uns die Anfänge von L´Odi Social vorstellen?
Es war schwierig für uns als Band anzufangen, weil uns hier in Katalonien niemand geholfen oder unterstützt hat. Andererseits half die Regierung in Euskadi den Bands die neu herauskamen, es wurde dann radikaler baskischer Rock genannt. Auch in Madrid hat die Regierung ihre Bands unterstützt und sie auf die Marktlisten gesetzt. In Galizien war es ebenso aber in Katalonien wurden sie von den Institutionen ignoriert.

Ihr seid in Verbindung mit dem deutschen Label Rock O Rama gestanden. Wieso kam es letztendlich nicht zu einer Veröffentlichung auf dem Label?
In Deutschland gab es schon immer viele gute Bands. England war weiter weg, aber es überschwemmte immer noch den europäischen Markt mit Fanzines, Klamotten, Musik, etc.. Wir hatten eben mehr Kontakte nach Deutschland, aber auch nach Frankreich und Italien, aber sie waren in der Szenestruktur nicht so aktiv und mächtig wie die Deutschen oder die Engländer.

Ihr habt euch inhaltlich klar gegen Sexismus und Rassismus ausgesprochen. Zudem stammt von euch auch der Slogan: „don’t destroy your body with their drugs – drug their system with your chaos“. Waren Sexismus, Rassismus und Heroinkosnum ein großes Thema oder ein Problem innerhalb der Punkszene?
All diesen Scheiß gab es schon immer und es wird ihn auch weiterhin geben, sowohl in unserer Szene als auch in allen anderen Lebensbereichen um uns herum. Es gibt Texte die über 40 Jahre alt sind, die heute schrecklich zu singen sind, aber wir müssen diese Zeit einordnen um diese trashige Kultur, die oft machohaft, altmodisch und ignorant war berücksichtigen. Wir haben viele Freunde durch Drogen, Krankheiten und Unfälle verloren, aber für mich ist die schlimmste Droge der Alkohol.

Ihr habt 1985 mit den deutschen Bands Blut + Eisen und Torpedo Moskau gespielt. Wie habt ihr den Abend in Erinnerung behalten, wo fand das Konzert statt und wie kam der Kontakt mit den beiden Bands zu Stande?
Zu Torpedo Moskau und Blut+Eisen hatten wir großartige Erinnerungen, es waren gute Leute und es gab viel zu lachen. Es war ein echtes Vergnügen, sie kennengelernt zu haben.

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G.R.B.

GRB gründeten sich aus den frühen Barcelona-Punkbands ULTIMO RESORTE, FRENOPATICSS und DRAMA DEL HORROR. Was waren die Beweggründe bei der Gründung von GRB?
Man könnte sagen das Ultimo Resorte für die Solvenz sorgte, es war wie die Underground-Infrastruktur dieser Zeit. Es war eine erfahrene Gruppe und sie bildete die Basis. Drama del Horror ist nie als Band entstanden, hat nie Gigs gespielt, hatte nie eigene Texte oder einen Sänger. Es war eine rein musikalische Übung. Ein großer Teil der Musik von GRB stammt aus dem musikalischen Hintergrund von Drama del Horror. Songs wie „Dia tras día“, „Cuentos y Leyendas“, „Entre Nosotros“ wurden für GRB umgeschrieben, indem ihnen Texte und Gesang hinzugefügt wurden. Frenopaticss stellte eine Verbindung zu der herzzerreißenden, kämpferischen, rauen Seite her und machte GRB zu einer Band, die andere Sensibilitäten integrierte und für die Szene in Barcelona zugänglicher war.

Bei eurem Eintrag bei B-Core Records heißt es: „GRB spielten nicht nur so schnell und aggressiv wie die anderen, sondern verbesserten auch die Komplexität der Musik und vor allem den philosophisch-literarischen Wert ihrer Texte, die weit von den typischen politischen Slogans der anderen Punkbands entfernt lagen, sondern viel introspektiver und humanistischer waren.“ Was war das für ein introspektiver und humanistischer Ansatz den ihr in euren Texten verarbeitet habt? Was für eine Ideologie oder politische Idee habt ihr verfolgt und gelebt?
Angel war und ist ein großer Denker, er formulierte seine Texte sehr klar und schrieb gut strukturierte Texte, mit einer hohen plastischen und symbolischen Komponente. Angel war ein Dichter und seine Texte waren literarische Werke. Wie alle Dichter hatte er introspektive Momente, oft abwesend oder einfach unerreichbar. Miguel war ein Idealist des amerikanischen Musiker-Lebensstils. Straße, Konzerte, Sex und Rock&Roll. Miguel sorgte für Entspannung, hatte Sinn für Humor, belebte die emotionalen Kontakte mit Umarmungen und Küssen.

Er repräsentierte die Liebe in unserer Band. Als Schlagzeuger war er unkontrollierbar und sehr wankelmütig, wir wussten nie wie ein Song enden würde. Wir spielten sehr schnell und ein paar Sekunden Unterbrechung konnten die Performance zum Erliegen bringen. Miguel gab der Band eine persönliche Note, die uns von anderen abhob. Juanito war ein sehr harter und trotziger Charakter, sparsam mit Worten und ein Mann der Gesten. Er könnte als Anführer der Band agieren, er setzte sich immer für uns ein, er war wie ein ernstzunehmender Vater, liebevoll aber autoritär. Er forderte seinen Anteil und seine Privilegien ein. Er spiegelte wider das er seine Bassgitarre wie ein rohes, einhämmerndes Maschinengewehr spielte, es machte nichts aus, wenn es nicht sehr präzise war, denn er machte das mit seiner Geschwindigkeit, Kraft und Eindringlichkeit wett.

Ich habe noch nie einen Bassisten wie ihn getroffen. Die drei vorangegangenen Persönlichkeiten wurden durch Albertos pragmatische, realistische und effiziente Vision kompensiert. Er teilte seine Leidenschaft für den Rock’n’Roll mit Miguel, er fügte eine professionelle Dimension hinzu, die den Vorgängern fehlte, er brachte einen Gleichgewichtsfaktor zu den anderen Persönlichkeiten der Band hinzu, pünktlich und engagiert. Er war verantwortlich für den Fortschritt der Band in ihren Projekten. Als Gitarrist war er großartig, geschickt und schnell und brachte seinen Rock’n’Roll-Touch als Leadgitarrist ein.

Als Partner war er ein Verbündeter mit dem man ernsthaft an der Musik arbeiten konnte, und persönlich brachte er mir eine gewisse emotionale Stabilität. Ich selbst schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, begeisterte mich für Fotografie und Spezialeffekte bei Filmen und hatte während meines Militärdienstes am Konservatorium in Granada Gitarre studiert. Ich hatte das Gefühl meiner Punk-Attitüde entwachsen zu sein, und verspürte das Bedürfnis, einen Schritt nach vorn zu gehen.

Die HC-Phase von GRB erlaubte es mir frei zu sein und alle Teile frei zusammenzufügen, eine Idee von Angel, ein Riff von Juanito, ein Rhythmus von Miguel. Ich war schüchtern, der Schwerpunkt lag vor allem auf der Musik und der Eindringlichkeit, die reflektierte Botschaft war kohärent und ausgearbeitet. Ich war ein Feind des oberflächlichen Protests und schämte mich für einen Mangel an Subtilität. Geschwindigkeit hat mich elektrisiert, wir konnten sehr schnell sein, aber ich wollte auch melodische Riffs und vor allem komplexe Harmonien und unerwartete Rhythmuswechsel einbauen.

Tim Yohannan vom Maximum Rocknroll Fanzine, Jello Biafra von den Dead Kennedys und Dave Dictor von MDC sollen begeistert von GRB gewesen sein. Seid ihr auch im Briefkontakt mit Jello oder den beiden anderen gestanden? Und stimmt es das euch amerikanische Booker für eine Tour in den USA buchen wollten?
Ja wir wollten eine Westküstentour spielen, wir hatten bereits die Kontakte, die Bereitschaft und die Erwartung, außerdem hatte ich großes Vertrauen in Dave Dictor, der sich bereit erklärte uns logistisch zu unterstützen, Unterkünfte und Transfers zu besorgen. Wir hatten jedoch weder den Mut noch die Souveränität, gemeinsam zu handeln und alles stehen und liegen zu lassen um ohne Garantien die halbe Welt zu durchqueren. Jetzt, Jahrzehnte später ist das Reisen in die Ferne banal geworden. Anfang der 1980er Jahre war dies noch nicht der Fall. Eine Reise in die USA war teuer und kompliziert, riskant und psychisch schwer zu bewältigen. Wir hatten keine Pässe, kein Geld, keine Entschlossenheit.

Und ehrlich gesagt sahen wir auch keine Notwendigkeit, denn wir waren glücklich mit dem was wir taten und genossen die Gegenwart. Heute hat ein 20-Jähriger ein Auto, ein Motorrad, ein Mobiltelefon, Profile in sozialen Netzwerken, Kontakte in der ganzen Welt, Zugang zu allen Informationen, kann sich die Straßen einer Stadt in Asien mit Street View auf seinem Mobiltelefon ansehen, bevor er sich auf den Weg macht und kann Informationen von Leuten abrufen die schon dort waren. Zusammenfassend lässt sich sagen dass er über ein Sicherheitsbewusstsein verfügt, dass ihm das nötige Wissen vermittelt und ihm genügend Vertrauen gibt. Wir haben nicht wirklich ernsthaft darüber nachgedacht.

Es war undenkbar, dass wir in unserer Situation und mit unserer Einstellung ernsthaft zu fünft in ein Flugzeug steigen könnten, um so weit zu fliegen, mit Gitarren und Gepäck, ohne Garantien, ohne Vertrag und ohne Geld. Das war für uns unerreichbar. Reisen war damals noch nicht das was es heute ist, ein Ticket nach San Francisco kostete 1000 Dollar.

An meisten liebe ich euer Demotape mit seinen rasanten Überschallnummern und der erstaunlich guten Aufnahme. Wo wurde das Tape aufgenommen und stand es zur Überlegung dieses Tape auch als Vinyl zu veröffentlichen?
Dieses Tape sollte das tägliche Leben von GRB im Proberaum widerspiegeln. Jeden Tag haben wir Stunden damit verbracht dieselben Stücke auf das Tape aufzunehmen. Es war eine Herausforderung immer schneller, präziser und eindringlicher zu werden. Auf dem Tape spielten wir getrennt voneinander, so dass für diejenigen die bei den Proben bei uns waren eine Desynchronisation entstand dass es letztendlich nicht unbedingt homogen klang.

Ich liebe auch eure Single „Estoy Tan Contento“ und die LP „Cuentos Y Leyendas“. Die Kostendeckung zur LP habt ihr durch ein Benefizkonzert eingenommen. Haben die Gelder dafür ausgereicht oder musstet ihr noch drauf zahlen?
„Estoy Tan Contento“ ist ein kleines Juwel, ein Teil unseres Lebens. Die Studioaufnahme mit der Interpretation jedes einzelnen, erwies sich als glatter und eigentümlicher als das Tape. Sie wurde zum Teil durch die im Versandhandel verkauften GRB-Kassetten und zum Teil durch persönliche Beiträge finanziert, wie z. B. von Silvia Resorte, die einen Teil der Aufnahmen von ihrem eigenen Geld bezahlte, sie arbeitete in der Krankenhausklinik in Barcelona und war damit eine der wenigen Menschen in unserem Umfeld, die finanziell autonom und unabhängig waren.

Als wir die Aufnahme in der Tasche hatten mussten wir in der Lage sein die Schallplatte zu veröffentlichen, also begaben wir uns auf eine Pilgerreise. Sandro und Pipo von den Cheetachrome Motherfuckers hatten uns zuvor in Barcelona besucht und uns angeboten bei der Produktion der Platten in Italien zu helfen. Wir begannen ein merkwürdiges Abenteuer.

Wir hatten nicht die finanziellen Mittel, also fragten wir einige Freunde ob sie uns helfen konnten oder die wussten wie man Interrail-Tickets fälscht, ein aufwendiger manueller Prozess, der Angel und mir Zugtickets nach Pisa bescherte. Wir kamen in Pisa mit der Absicht an die Matrizen für das Pressen der Platten herzustellen, 500 Exemplare zu produzieren und mit den Platten nach Hause zurückzukehren, um sie auf die gleiche Weise zu verkaufen, wie wir es mit dem ersten Tape getan hatten.

Das Booklet wurde von Angel und mir gestaltet und geschrieben. Wir wohnten in einem besetzten Hauskomplex, der angeblich eine verlassene und besetzte ehemalige Militärbasis war. Als wir feststellten das wir nicht genug Geld hatten um die Platten fertigzustellen, wurde uns klar dass wir Geld auftreiben könnten, wenn wir den Rest der Band dazu bringen würden uns nach Italien nachzureisen, um durch ein paar Auftritte das nötige Geld zu verdienen. Wir spielten dann in der Sala Victor Charlie in Pisa.

Mir gefällt eure Entwicklung, denn ihr seid nicht auf einer Stelle stehengeblieben und habt dennoch nicht euren Hardcore-Drive verloren. Welchen Stellenwert hatte für euch als Band das Album „Cuentos Y Leyendas“?
„Cuentos Y Leyendas“ spiegelt die Reife von GRB wider. Wir waren fünf Leute die in ihrer eigenen kleinen Welt im Einklang lebten und auf unsere Weise haben wir es geschafft, diese Freiheit zu haben Songs zu schreiben, in denen unser Leben, unsere Umgebung und die Dinge die uns wichtig waren – wiederzuspiegeln. Eine Reise der Selbstbeobachtung, ohne Angst. Eine Reise ins Innere, die die Widersprüche erforscht, mit denen wir uns auseinanderzusetzen begannen.

Wir waren jeden Tag in Chinatown (El Chino) und haben geprobt. Aus unseren Lesungen entstanden Songs wie Time to Love, Joe the Mutant. Wir waren alle in unseren Zwanzigern und wir sahen bereits, dass die größte Herausforderung unseres Lebens darin bestehen würde, wie wir „weiterleben“ konnten, wie wir unser Selbstvertrauen überwinden und uns unseres Selbstwertgefühls bewusst werden konnten

Wie kam es letztendlich zur Auflösung von GRB? Und seid ihr danach noch in Bands aktiv gewesen? Was macht ihr heute?
Ich kam von einem Konzert in Tolosa im Baskenland zurück, einem Konzert das damit endete das die Polizei alle Anwesenden angriff. Es war eine miserable Nacht und es war eine schlechte Entscheidung so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren, ohne sich ausreichend auszuruhen. Das Risiko das ich vorhin mit dem Konsum von Alkohol und Drogen meinte. Ein kurzes Nickerchen am Steuer führte dazu das wir von der Straße abgekommen sind, der Wagen überschlug sich, einige von uns kamen ins Krankenhaus, alle hatten blaue Flecken, die Musikanlage war kaputt und die Moral in Trümmern. Es war keine einvernehmliche oder verbalisierte Entscheidung, GRB starb bei diesem Unfall.

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Weil Carlo Kallen mit The EWINGS und CHILLI CONFETTI in den 80ern und 90ern mehrmals durch Spanien und das Baskenland tourte, habe ich ihn auch noch ein paar Fragen gestellt.

Wie und wann kam es damals zu der Tour in Spanien und wo habt ihr gespielt?
Carlo: Die erste Spanien-Tour war März/April1988 mit den Ewings als der größte Teil von uns noch im Allgäu wohnte. Die Tour war zusammen mit den Berlinern Vellocet, über die wir diese Möglichkeit bekamen. Walt war schon in Berlin als Mixer für Jingo de Lunch aktiv und hat dies von dort aus organisiert. Wir haben hier im Allgäu Tapes und die erste LP „It hurts“ produziert. Im Jugendhaus haben wir an der Siebdruckmaschine unsere T-Shirts mit dem LP-Motiv produziert, damit wir genug Merch dabei hatten. Der Mercedesbus dazu kam auch von Walts Bruder.

Auf der Tour hatten wir auch in Barcelona ein Konzert mit den Subterrean Kids mit Bolo an den Drums. Das zweite Mal war ich im Dezember 1991 und Januar 1992 mit Chilli Confetti von Berlin aus dort. Über unseren Gitarristen Kay E hatten wir sehr gute Kontakte zu E.H.Sukarra und Zu Ta Gar aus Eibar im Baskenland. Wir haben dann sehr viel von Eibar in den baskischen Bergen aus operiert und sternförmig vor allem im Baskenland drumherum gespielt. Es ging aber auch runter bis nach Valencia, Madrid, Zaragoza und Burgos sowie nach Barcelona im Osten oder Santiago de Compostella im Westen. Miguel ein großer Fan von uns, hat von Eibar aus weitere Gigs in ganz Spanien organisiert. Im Oktober 1992 waren wir nochmals im Rahmen der großen Hirn/Testbildtesters/Chilli-Confetti-Südeuropa-Tour dort unterwegs. Dabei entstand davor in Italien die Live-CD aus dem El Paso in Turin. Ein viertes und letztes Mal waren Chilli Confetti im Juni 1993 auf Spanientour.

Wie hast du die spanische Szene wahrgenommen? Oder in welcher Weise unterschied sich die spanische von der deutschen Szene?
Die Kids dort waren überall ganz offen für harte, laute Musik und richtig hungrig danach. Dementsprechend haben die Touren total Spaß gemacht. Sie gingen mit allem sehr crazy um, waren totale Party-Animals, aber wir hatten genug Kondition da mitzuhalten. Gigs fanden dort in den kleinsten Bars und rumpelisten Gaztetxes (hoffe das ist jetzt richtig geschrieben, so hießen im Baskenland die besetzten Jugendtreffs). Die Offenheit haben wir sehr geschätzt und deshalb sind wir mit den Berliner Bands dort mehrmals die lange Strecke runtergebrettert.

Gibt es noch diverse schräge, positive oder negative Anekdoten an die du dich erinnern kannst?
Wir hatten auch „We´re only gonna die from our own arrogance“ von Bad Religion im Programm. Auf einem der letzten Konzerte auf der dritten Tour spielten wir den Song in einer kleinen Location und da stürmte unser Tourmanager Miguel auf die Bühne, um mitzusingen. Obwohl er sehr klein war, erwischte er beim Rumspringen den mittigen Stahlträger an der Decke und verletzte sich mit einer blutigen Wunde am Kopf. Das beendete den Abend leider sehr abrupt, aber sein Fußballer-Dickschädel hatte es dennoch gut überstanden. In Madrid spielten wir Silvester 1991/92 in einem riesigen Besetzerkomplex, der „Casa de la Minuesa“. Wir warteten sehr lange auf das Konzert.

Abends beim Essen in der VoKü fragten wir, warum noch keine Leute da sind, aber die Leute winkten nur ab und sagten wir sollen „tranquillo“ bleiben. Bis 1:00 Uhr Nachts tat sich fast gar nichts. Es war verdächtig still in Madrid, kein Geböllere wie hier und es hieß, alle sind noch bei ihren Familien und kommen später. In der Tat, erst gegen halb 2 Uhr wurde die Fabrikhalle besucht und die ersten Bands starteten. Wir waren gegen 4 Uhr morgens als Top Act aus Berlin dran und spielten vor gut 1000 durchdrehenden Leuten mit Stagediving und allem pipapo. Ansonsten waren es auf den Touren so viele schöne Eindrücke und Erlebnisse, dass ich doch mal ein Buch schreiben müsste, um das alles festzuhalten.

Du hattest in dem Brutal Verschimmelt / The Ewings Interview im Trust erwähnt, das die Sängerin von Ana mit euch ins Allgäu kam. Wie kam es dazu und wie lange blieb sie bei euch?
Die Sängerin war Ana, die Freundin unseres Gitarristen Klaus und sie sang zum Teil bei den Ewings, während der Zeit als sie im Allgäu bei Klaus wohnte. Zum Beispiel den Song „Zu zu atrapatu arte“ von Kortatu, den wir als Liveaufnahme auf unserem zweiten Tape veröffentlicht hatten. 1987 zog Klaus für sein Medizinstudium mit Ana nach Barcelona in ihre Heimat. Dort leben sie heute noch.

(bela)

Teil 1: https://www.trust-zine.de/80s-spanien-hardcore-special-teil-1-228-2024/

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