September 23rd, 2009

Never slow down: XBXRX #129

Posted in interview by jörg

Eigentlich wollte ich sie ja endlich mal sehen, diese Band, die – dazu später mehr – für eine explosive Bühnen-Show bekannt ist, mit der sie ihren wüsten No-Wave-Spazz-Rock kredenzen. Das neue Album „Wars“ muss als weiterer gelungener Schritt im Rahmen dieses musikalischen Projekts gewertet werden, reifer vielleicht, aber nicht milder, konzentrierter, aber nicht gelassener. Sie waren in Berlin, ich nicht – schwierig, sich zu treffen. Aber es gibt ja Telefone, weshalb ich eines kühlen Wintertages in Berkeley anrief und mit dem Mann sprach, der sich Vice Cooler nennt.

Ich wollte euch eigentlich in Berlin sehen, das hat aber nicht funktioniert. Wie war denn die Tour?
Vice: Wir waren sechs Jahre nicht in Mitteleuropa. Es fühlte sich an, als sei es erst zwei Jahre her. Es war lustig. Die Leute haben sehr positiv reagiert.
Warum habt ihr so lange gebraucht, wieder nach Europa zu kommen?
Wir sind alle extrem beschäftigt die ganze Zeit. Wir haben andere Bands. Weasel, unser Schlagzeuger, produziert ziemlich viel und spielt viele Shows. Steve geht zur Schule, ich habe eine Band …
Da Hawnaytroof…
Genau, und Steve und ich sind außerdem in der Band KIT und haben in letzter Zeit viel gemacht. Und XBXRX sind ziemlich viel auf Tour, in Mexiko und den USA, was einfacher zu machen ist. Dann konnten wir in England touren, wo wir nie waren, deswegen haben wir das gemacht und so weiter.
Gab es ernsthafte Verletzungen auf dieser Tour?
Ja, ich bekam fünfmal einen Schlag (blows) an den Kopf, was mich gegen Ende der Tour etwas benommen gemacht hat. Das waren alles Unfälle, aber es tat weh. Der letzte hat mich wirklich aufgeregt. Weißt du, wir verletzten uns nicht mehr so oft. Wir versuchen wirklich, das zu vermeiden. Es macht keinen Spaß und das Touren schwierig.
Ich las von einer XBXRX-Show, wo ihr alle nach drei Minuten außer Gefecht gesetzt wart…
Ja, das ist wahr. Wenn das das erste Mal passiert, ist es in der Rückschau lustig, aber nach dem dritten oder vierten Mal denkst du: Das ist Scheiße. Es ist nicht wirklich lustig, Schmerzen zu haben., Wir sind auch keine gewalttätigen Leute. Wir sind eher passive Typen.
Ihr seid im allgemeinen ernster geworden?
Nicht im allgemeinen. Es ist einfach… Arm zu sein und nicht versichert ist Scheiße. Verletzt zu werden kostet viel Geld. Und wir haben lieber Spaß.
Viele US-Amerikaner haben keine Krankenversicherung, nicht wahr?
Eigentlich niemand.
Das ist hart. Aber ihr lebt von der Musik?
Ja, wir leben alle von der Musik, deswegen sind wir die ganze Zeit so beschäftigt. Wir verdienen nicht viel Geld. Die andere Seite ist, dass es etwas ist, was wir sowieso machen würden, weil wir es wirklich mögen. Es ist wirklich jeden Monat ein Kampf. Ich habe in Berlin mit Leuten über ihre Mieten gesprochen, und es ist so billig. Ich habe ein wirklich kleines Zimmer, und das kostet 550 Dollar im Monat. Und ich kenne Leute, die buchstäblich einen Schrank haben, der 600 Dollar kostet.
Es ist ziemlich übel in der Bay Area.
In den USA ist es im allgemeinen ziemlich schlimm. New York ist ganz besonders übel. Es ist jeden Monat schwierig, aber es funktioniert immer, weil wir die ganze Zeit arbeiten. Ich schreibe auch und fotografiere. Gerade hat mich ID, ein englisches Magazin, gefragt, ich schreibe hin und wieder für den San Francisco Bay Guardian, ich habe für VICE geschrieben, darüber wie es ist, als Teenager zu touren.
Wofür steht der Name XBXRX?
Der steht für gar nichts, das ist einfach Babysprache.
Auf „Wars“ gibt es keinen Hinweis darauf, wer was spielt oder wer in der Band ist. Das ergibt eine etwas mysteriöse Aura…
Wir wollen nicht unbedingt mysteriös wirken. Keine unserer Platten hat Credits. Unser Ansatz ist, dass es um die Band als Ganzes gehen soll, nicht um die Individuen. Was der einzelne spielt, ist relativ unwichtig im Vergleich zu dem, was die Band ist. Wir hatten viele Mitglieder, die in den letzten zehn Jahren kamen und gingen. Und wir hatten nie das Gefühl, dass uns dieser Aspekt jemals negativ beeinträchtigt hat. Wir denken einfach, dass es etwas Größeres ist.
Bist du das einzige konstante Mitglied der Band?
Wir sind seit ein paar Jahren ein festes Trio. Steve und ich haben die Band damals gegründet. Weasel ist seit der Hälfte der Zeit dabei.
Ihr habt in Alabama angefangen und seid dann vor etwas mehr als fünf Jahren nach Oakland gezogen. Wahrscheinlich, weil da mehr los ist.
Das ist ein Teil davon. Wir hatten viele Freunde hier. Zuerst kamen wir einfach für den Sommer zu Besuch. Unsere Bekannten haben uns sehr stark ermutigt, hierherzuziehen. Wir konnten bei ihnen wohnen, sie haben Shows für uns gebucht, ich bekam Jobs, ich habe nicht mal etwas suchen müssen, es passierte einfach. Es schien insgesamt sinnvoller, musikalisch, künstlerisch, persönlich. Und in Alabama kannten wir keine Leute mehr, die waren alle weggezogen, das war eine Sackgasse.
Wie ist es jetzt in Oakland? Die Stadt wird ja teilweise…
Gentrified? Ja. Es ist seltsam: Es wird gentrifiziert, aber die Verbrechensrate steigt. Die Mordrate in Oakland ist gerade wirklich hoch. Es ist verrückt, weil die Stadtplaner ein paar Condos (Apartmenthäuser) bauen ließen, und die Immobilienpreise schossen in die Höhe. Deswegen dachten sie, sie müssten noch mehr bauen. Sie brechen sogar das Gesetz. In Gegenden, wo es nur zweigeschossige Häuser geben darf, bauen sie sechsgeschossig. Und wenn Leute dagegen protestieren, sagt die Stadt: Oh, das könnt ihr nicht machen. Dann sagen die Bauherren: Aber sie stehen schon da, und die Stadt sagt, Okay… Es ist total korrupt. Sie haben die Bürgermeister geschmiert. Totaler Wahnsinn. Steve und ich hatten ein altes Haus in Oakland in einer sehr netten Künstlernachbarschaft. Und alle Künstler wurden hinausgeworfen, wir waren die einzigen, die übrig waren. Wir hatten einen Keller, wo wir einen Haufen Platten aufgenommen haben, wir hatten einen Proberaum und wir konnten zu jeder Tageszeit aufnehmen. Das war eine Art kreatives Zentrum für viele Leute in Oakland. Bands kamen, um aufzunehmen, es gab viele Partys. Dann wurde das Grundstück aufgekauft und jemand von der Baugesellschaft kam und sagte: Entweder bezahlen wir euch dafür, dass ihr geht, oder ihr werdet vertrieben – was wollt ihr? Wollt ihr uns verarschen? Wir sind seit fünf Jahren hier. Totaler Wahnsinn. Wir haben die Auswirkungen der Gentrifizierung am eigenen Leib erfahren. Das Haus ist vorbei, ein Condo soll dort nächstes Jahr gebaut werden.
Gibt es denn so viele Leute, die in diesen Condos leben wollen?
Die Nachfrage lässt nach, aber sie bauen immer noch welche, ich weiß nicht warum. Die Dinger sind außerdem wirklich hässlich. Sie reißen diese ganzen wirklich alten Victorians ab, schmeißen lokale Geschäfte raus, vetreiben die Anwohner. Es ist ein Ergebnis des Neunziger-Jahre-Sitcom-Fernsehens. Seitdem wollen die ganzen reichen Leute, die früher in den Vorstädten gewohnt haben, in der Stadt wohnen, weil sie denken, dass es cool ist, in einem Künstlerviertel zu leben – und dann vertreiben sie die Künstler und die Kunst.
Und was ist deine Perspektive?
Ich bin gerade nach Berkeley gezogen, was das gleiche ist, nur fünf Blocks weiter, aber es ist eine andere Stadt.
Ist das nicht noch teurer?
Ein bisschen. Ich hatte Glück. Ich habe ein cooles Haus, wo schon ein Freund von mir wohnte. Steve hat gerade gar keine Unterkunft, er schläft bei Freunden auf der Couch.
Was machst du in den nächsten Monaten?
Jetzt habe ich Freunde hier, die Band High Places aus New York. Sie sind wirklich gut. Ich hänge mit ihnen ab, vielleicht machen wir ein bisschen Musik zusammen. Ich versuche ein Album fertig aufzunehmen, an dem ich seit eineinhalb Jahren arbeite. Und heute Abend spiele ich mit KIT. Mit Kit nehmen wir ein paar Singles auf. Ich habe ein paar Artikel geschrieben. Einen hab ich direkt nach der Tour geschrieben, wir kamen um acht Uhr Abends an, um acht Uhr morgens musste ich den Text abgeben. Wir schalten eigentlich nie runter. Manche Leute sagen: Hey, XBXRX haben seit Monaten nichts gemacht, arbeitet ihr nicht an Sachen? Oh Mann, wir arbeiten an so vielen Sachen. Ich komme eigentlich fast nie dazu, mal abzuhängen.
Diese Sache mit den Singles… Ihr habt mit XBXRX viele Singles aufgenommen, mit KIT nimmst du gerade mehrere auf. Verkauft ihr viele davon?
Von manchen haben wir 7000 Exemplare verkauft, von manchen 500. Ich verstehe wirklich nicht, warum sich welche verkaufen und andere nicht, das ergibt nie Sinn. Wir machen sie einfach aus Spaß oder wenn wir ein paar Songs herumliegen haben. Vielleicht bringen wir einen Auftritt im Vera in Groningen auf der letzten Tour. Sie haben es aufgenommen und es klingt wirklich fucked up. Steve hat es im Auto angemacht und wir haben gefragt: Welche Band ist das? Es klang ganz anders als in unseren Köpfen. Das machen wir vielleicht. Wir machen eine Single mit Japanther, die wir aufnehmen müssen. Und wir machen ein neues Album. Deswegen müssen wir viel dafür schreiben. Wir machen die ganzen neuen Sachen mit Kalimba und Midi-Synthesizer. Ziemlich cool.

stone

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