(#88 / 6-01) Tuberkel
Gestatten, Punk, Deutsch Punk!
9. Teil
Dass es 1980 nicht immer einfach war, festzumachen, was nun Punk, Deutschrock oder auch nur Avantgarde wie New Wave war, habe ich an dieser Stelle schon angemerkt. Da gibt es sicherlich obskure Bands und Musiker, die damals als Punk eingestuft wurden, heute aber nur Kopfschütteln bei den Punks hervorrufen. HANS-A-PLAST*, ÖSTRO 430*, NEUBAUTEN, SPRUNG AUS DEN WOLKEN, DIE TÖDLICHE DORIS, FEHLFARBEN und wie sie alle heißen mögen, wirken auf den Nachwuchs oft hoffnungslos antiquiert. Mit Fug und Recht kann man aber sagen: damals war es irgendwie Punk. Die Frankfurter BILDSTÖRUNG etwa gehört zu den Bands, die vom Aussehen her genau jenes unpunke Klischee bedien-ten, gleichfalls liefern sie aber einen mit kratziger Gitarre dahingerotzten, straighten Punkrock mit deutschen Texten und leichten New Wave- oder Reggae-Einflüsse ab – damals gerne gespielt von Hanseaten, Berlinern oder Ruhrpottlern, wie sie Rüdiger Thomas von Teenage Rebell eine zeitlang neu auflegte. Die BILDSTÖRUNG-LP (so genannt: same) wurde Ende ‘80 aufgenommen/produziert und erschien 1981 auf GeeBeeDee**, eine Singleaus-kopplung mit den beiden Liedern “Frankfurt Babylon” und ihrem Smasher “Retortenkinder” gab es gleich dazu.
Was ich mit eben dieser LP verbinde sind urige Er-innerungen an meine Jugend und später eine lange Suche nach dieser LP. Diese muss so ernüchternd wie verzweifelt gewesen sein, dass ich sie sogar einmal in einem Zustand kaufte, bei dem das Vinyl so zerkratzt ist, dass es jede Plattennadel über den Jordan beför-dert. Die zweite, abspielbare Platte in meiner Samm-lung muss ich erst Jahre später gekauft haben, eventu-ell da, wo ich eine ganze Sammlung hochgenommen habe. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, dann kam ich erstmals in den Genuss von BILDSTÖRUNG bei einem Kerl, der mir als 12-Jähriger nebst Kumpels drei Zombie-Videofilme am Stück (oder geschnitten?) vorspielte. Es dürften Teil 2 und 3 gewesen sein, der andere Film spielte auf einer Insel, auf der ein Stamm von Kannibalen sich reichhaltig von Menschenfleisch ernährte und Vodoopriester nachts rituell Geschöpfe ähnlich der Zombies schufen. Alleine deswegen ist mir der BILDSTÖRUNG-Song »Der Fernsehmörder« sehr “nachhaltig” (Kanzler) in Erinnerung geblieben. Dessen ungeachtet kann ich heute mit Fug und Recht behaupten, Zombies sind für mich damals definitiv unangebracht gewesen. Der Kerl, der uns anno dunne-mals mit diesen Splatterurgesteinen und Punkrock infizierte, war übrigens einer, der seine Kreidler Flory damals auf 100 Sachen hochgerüstet hatte, der auf-kommenden Welle der 80er-Moppetts das Fürchten lehrte und sie mit einer Badekappe als Helmersatz ganz gehörig versägte. Ich habe das zwar, glaube ich, schonmal erwähnt, vielleicht aber ausgelassen, dass er später eine berufliche Laufbahn bei der Kripo einge-schlagen hat…Leute gibt’s!
Nun, was gibt es zu den BILDSTÖRUNG-Songs darzulegen? Sie sind a) liebevoll primitiv (die Berliner SHOCKS haben die Platte ganz bestimmt irgendwo im Schrank stehen), b) meist auf drei Riffs reduziert (siehe vorherige Klammer) und c) klingt manche Passage sehr ähnlich nach anderen Punk-Knallern jener Tage. Bei einigen Liedern bin ich mir gar nicht sicher, ob ich nun das authentische Material der Mainhattener im Ohr habe oder es von anderen Ka-pellen hängen geblieben ist. Erinnert sei nur ans hysterisch, verrückte Kreischgelächter in »Der Fern-seh-mörder« – da saust einem flitzebogenfix das Wort RAZZIA durchs Langzeitgedächtnis. Oder das Intro der obskur lokalpatriotischen Fußballhymne »Schwarz-Weiss« mit einem Gitarrenanschlag, der an FEHLFARBEN erinnert. Andere Passagen erinnern an RAZORS, die Reggaeroots an SLIME, diverse ver-punkte Volksweisen an KUSCHELWEICH. Das mindert den Kultcharakter der Platte aber keineswegs und erinnert in seiner ungestümen Diebestour fast schon an OHL, die sich ja auch überall und reichlich über die Kombinationsmöglichkeiten dreier Riffs hermachten. Und ähnlich wie die Leverkusener haben auch BILDSTÖRUNG in ihren besten Momenten textlich – zumindest bei der bloßen Lektüre – ein erzwungenes Rüttelreimschema, dass dem von Deut-scher W. das Wasser, und in ganz argen Momenten sogar den Kölner COTZBROCKEN die Hansa-Dose reichen kann. Alleine beim ersten Song »Retortenkind« verliert man den Glauben an Zufälle: “Wurden mit künstlichen Samen erschaffen / Die ersten menschlichen Versuchsaffen.” Hat ‘was! Wür-den die Harmonien und der gewagt-betonende Gesang es nicht gnadenlos ‘raushauen, COTZBROCKEN hätten eine ernstliche Konkurrenz auf der nach unten offenen Stumpfheitsskala. Zugegeben aber auch, dass man sich in manchen Momenten wahrlich fragt, ob die Texte ähnlich EA 80 fragmentarisch sind; bei anderen hingegen weiß man direkt, da ist das Kind mit aller Gewalt mit dem Bade ausgekübelt worden: “Auf dem Titelblatt steht (sic!) / Nicht ich, sondern Leif Garrett / Ich denk hier ist Demokratie / Aber auf dem Cover bin ich nie” (aus: »Bravo-Titelblatt«, worauf der Texter sein Konterfei abgedruckt sehen mag). Abgesehen davon dürften solche Textzeilen den unvergleichlichen Charme [;-)] widerspiegeln, der die Lieder zum Fest-gesang nach dem zehnten Bier auf einer 77er-Party mutieren lässt. Was soll das Schmunzeln? Durchweg alle Songs auf dieser Platte sind Klassiker, da gibt es rationell viel zu mosern, was BILDSTÖRUNG etwa mit den TROOPERS verbindet, trotzdem rebelliert Bauch wie inneren Schweinehund und fordert: Sei Primat!
Zweifellos wegen jener rüpelhaften Ehrlichkeit ver-dienen BILDSTÖRUNG (hier steht BILDSTÖRUNG, nicht TROOPERS) keine gerin-gere Auszeichnung als den Literatur-, wenn nicht sogar den Friedensnobelpreis! In »Nevada Joe lässt grüßen« benoten sie das Rednecksprachrohr Hank Snow: “Da schlafen mir die Füße ein / Bei dieser Dudelei,” so der Refrain, der im hysterischen, ver-zweifelten und mehrfachen Aufschrei mündet: “Abschalten hat keinen Zweck!” – nach Big Brother zeitgemäßer denn je. Im hymnischen »Frankfurt Babylon« referieren die Großstadtkinder über ihre langweilige Betonwelt, trotzdem fix Heimweh weckend: “Und sieht sich an der Natur satt / Doch irgendwie hält uns ein Band / Wir lieben unseren Zement Trabant.” Gesellschaftsanalyse pur, ähnlich wie bei »Dr. Kimble auf der Flucht«: “Eduard Zimmer-mann bringt sein Bild / Polizei bläst zur Menschenjagd.” Gott, heute will ich es zugeben und als Anonymer Aushilfspolizist darüber reden: Als Punk schon, und wohl auch nur, weil ich die Schau-spielerin toll fand, die bei Zimmermanns Massenfahn-dung Aktenzeichen XY ein Vergewaltigungsopfer spielte, habe ich über Monate nach dem roten Ford des Übeltäter Ausschau gehalten. Welch ein Irrsinn diese Sendung über Menschen bringt, die im kollektiven Sicherheitswahn als Hobbyfahnder sich ereifern… Nahtlos kann man hier auf »Digital aus Fleisch & Blut« überleiten. Der “Digitalmensch” ist ein Malo-cher, den eine Juxkapelle meiner damaligen Heimat-stadt einst laienpsychologisch würdigte, als sie sang: “Denn ohne uns da läuft die ganze Firma nicht!” BILDSTÖRUNG singen: “Der Ford Taunus ist sein ganzer Stolz / Und die Kellerbar aus Mahagoniholz. / Er wartet schon 10 Jahre auf seine Rente / Doch er weiß, ein Leben ohne Arbeit wär für ihn das Ende.” Menschen meiner Generation (Dolf, Frick, Hiller, Moses, Nagel, Bock & Will usw.usf.) werden ihre eigenen Lieder diesbezüglich singen können! Jene Gründerväter – es sind unsere! – gibt es, geprägt von der Nachkriegszeit, dem Wirtschaftswunder und immer einen flotten Spruch auf den Lippen: “Euch” – wir Kinder – “soll es einmal besser gehen als uns!” Heute haben sie das vergessen, sie saugen uns als Rentner das Blut aus den Arbeitslosengeldadern! Bei so einem Kerl habe ich übrigens fast einmal in der Kellerbar – jedes Eigenheim jener Generation hatte eine Kellerbar, inklusive Mahagoniholztheke und Bruchstein-Klinker gehörte der “Partykeller” zum guten Ton – um die Hand seiner Tochter angehalten. Dumm nur, sie brachte ihre unbändige Liebe zu Pferden mit in unsere Liaison – auf dem Land gingen damals irgendwie alle “Girlies” reiten –, ich hingegen hatte eine ausgewachsene Pferdeallergie. Im Refrain singen BILDSTÖRUNG: “Das ist der Mann, der nicht leben und nicht sterben kann…” Elf Jahre lang musste ich mit solchen echten Männern zusammen am Fließ-band malochen, mein bisheriges Leben unter Ver-wandten gleichen Kalibers leiden…
Latente Ausländerfeindlichkeit könnte man beim Lied »Wenn sie kommen« ausmachen wollen. Die Dritte Welt fällt in die Zivilisierte ein, um zu plündern: “Wenn sie kommen / Werden sie uns fressen / Die Entwicklungsländer.” Trotzdem erkennt man auch das JELLO BIAFRA’sche Reimschema, indem zwei der Songzeilen ganz konkret andere Akzente setzen: “Wenn wir uns wie Schweine mästen / Brechen Millionen auf in den Westen.” Abgesehen davon, dass immerhin ein Türke, der ausschaut wie ein Elvis-Imitator, die Gitarre malträtiert, liegt die Betonung darin, wir mästen uns. Leben im Überfluss wie bei »Der Fernsehmörder«, nur auf den ersten Hör’ und Blick ein Text gegen diesen bösen Kerl. Gemeint ist anderes: “Ihr ist scheißegal was gerade läuft / Auf dem Teppich sich die Asche häuft / Die Bildstörung nimmt sie nicht mehr wahr / Zu spät zu spät, dass war einmal / So liegt sie tot, tot seit Tagen / Aus dem Fernseher Flammen schlagen” – ein Loblied auf TV-Rübe Endemol!
Unfassbaren Hitcharakter hat »Vopo Girl« mit einem knackigen Refrain, bei dem ich immer frei nach Schnauze sang: “Bald ist sie mein Popo-Girl.” Jugend-licher Leichtsinn, nur ein Buchstabe geändert, trotz-dem beides nahe dem geistigen Horizont des Mallorca-Prolls. In »Wir wollen unseren Kaiser wiederhaben« nehmen BILDSTÖRUNG kongenial einen späteren Hit von ZERSTÖRTE JUGEND vorweg, Kleingeister rutschten auch auf dessen ironischer Kernthese aus: “Kaiser Wilhelm, komm’ zurück, führ’ unser Land zu neuem Glück.” Bei mir hat sich tatsächlich einmal ein überzeugter Gegen-Nazis-Querkopf diese ZERSTÖRTE JUGEND-Platte geborgt und sich alle Lieder aufgenommen, bis auf »Kaiser Wilhelm.« Eben das hat er mir zu meinem Leidwesen mit einem Zirkel zerkratzt, da es ein Nazilied sei. Der Geist für Ironie oder Zynismus soll nicht immer reichhaltig verteilt worden sein! Ein Glück nur, dass ich nie BILDSTÖRUNG verliehen habe… Sonst wäre mir sicher beileibe nicht aufgefallen, dass ein Lied der BÖHSEN ONKELZ – bekanntlich auch Frankfurter und bekanntlich bei einigen Liedern auch Zeilen der SEX PISTOLS frei nach Intellekt geklaut und ins Deutsche übertragen – eventuell einmal bei BILDSTÖRUNG abgeschrieben haben: »Das Tier in mir« heißt das Lied und handelt von dem Bösen im Menschen, vom Gewalttrieb, vom Pingpong zwischen dem ollen Jekyll und dem Messerjocke Hyde. Es muss Schicksal sein, dass die ONKELZ – so sie abgeschrie-ben haben – es nicht bis zum feinen Ende an sich selbst exerziert haben: “Auf frischer Tat ertappt / Vom Hundefänger geschnappt / Jetzt krieg ich meinen Lohn / Vivisektion.” Dass auch andere “Musiker” bei BILDSTÖRUNG abschrieben oder sie es wiederum bei anderen taten, ist zwar nicht mehr in korrekter Reihenfolge zu eruieren, aber markant: “Rock’n'Roll ist dein ganzen Leben, Musik kann dir alles geben” – vgl. COTZBROCKEN.
(C) by Tuberkel Knuppertz 2/2001
* sicher hätten beide Bands es verdient, an dieser Stelle gewürdigt zu werden; leider muss ich aber passen: alle Tapes mit ihren Songs sind mir geklaut worden, die Originalplatten habe ich nie besessen und deswegen vorerst nichts dazu
** in etwa nebst dem Boots-Vertrieb der Vorläufer des heutigen SPV (vgl. KUSCHELWEICH-Kolumne)
Leave a comment
You must be logged in to post a comment.

