March 14th, 2007

(#88 / 6-01) Tom

Posted in kolumne by andreas

PUT ON YOUR SHITKICKERS AND KICK SOME SHIT

1.
1986. Auf einer staubigen Landstraße irgendwo zwischen Damaskus und Cordoba hangele ich mich brav am Standstreifen entlang. Kurz vor der ersten Raststätte seit Tagen stolpere ich über einen Hasen, der unerwartet meinen Weg kreuzt und mich aus meinen Träumen reisst. Am Horizont hat sich eine mächtige Staubwolke ausgebreitet, die zügig näher rückt. Die Sonne färbt sich stormbeige und ich er-blicke ein riesiges Gefährt, eine Postkutsche in wilder Fahrt, die heiseren Schreie des Fahrers, der seine Pferde anfeuert, liegen in der Luft, das Donnern der Hufe. Bald kann ich den Kutscher sehen, vom Schlinger-kurs seiner Fahrt auf dem Bock hin- und hergeworfen, scheint er kaum Halt zu finden. Ein Strohhut als Schutz vor einer UV-Strahlungsüberdosis ist sein einziges Kleidungsstück und wenn mich nicht alles täuscht, hält er sich ein Auge zu, wie es Betrun-kene am Steuer tun, um den Pyrolaxe-Effekt des doppelten Sehens auszuschalten.

Auf meiner Höhe angelangt bringt er den Wagen mit einem ohrenbetäubenden Schlag seiner Peitsche zum Stehen und tatsächlich, der hässliche Vogel ist voll-kommen betrunken, die Seitentüren stehen weit offen und die Passagiere sind lange schon verloren.
Noch immer hält er mit seiner linken Hand ein Auge bedeckt, während sein Blick an mir hinabgleitet. Sein Gesicht ist über und über mit Schweißperlen bedeckt und mit seinem schweren Glied trommelt er einen seltsamen Breakbeat auf den Kutschbock. Fragend schaue ich zu ihm hinauf, doch ehe unser Schweigen unangenehm zu werden beginnt, unterbricht er lallend die plötzliche Stille:
“Mir genügt der Extrakt aller Wissenschaft, die kleine Regel, mit welcher die Mütter die Kleinen von ihren Brüsten ins Leben entlassen: MACHE ALLES NASS, SO VIEL DU KANNST!”
Ich weiß nichts zu erwiedern und erneut unterbricht er die aufkommende Stille mit der Frage, ob ich etwas kaufen will. Ich habe die Wahl zwischen einem ge-brauchten Fissler-Bratenwender, einer Eintrittskarte für ein Idiots-Konzert in Herne und einem süd-deut-schen Hardcore-Magazin mit unscharfen S/W-Fotos und viel Text. Leicht befremdet entscheide ich mich für das TRUST, weil ich die lästigen Fliegen-schwärme damit am Besten in Schach halten kann und setze meinen Weg fort.
2.
1989 oder 1990 lasse ich mich als Kulturspion fürs TRUST rekrutieren. Logische Konsequenz eines andauernden Gefühls, zum Beobachten verdammt, an Grenzen gestossen zu sein. Grenzen, die sich möglicher-weise durch Musik brechen lassen würden. Ein älterer italienischer Herr namens Gramsci spricht sogar davon, daß wir mittels anderer Kultur Bewußt-seins-ebenen bei den Menschen verändern und so Gesellschaften aus den Angeln zu heben im Stande sind. Also werde ich zu einem Kreuzritter für den besseren Geschmack. Ständig auf der Suche nach neuen Ausdrücken für gelebte Andersartigkeit ver-suche ich deren vermeintliche Träger und Plätze ans Licht zu zerren. Wie ein Vampir, der von der Kreati-vität anderer lebt. Der nach eigenem Gutdünken Subjektives und Objektives miteinander vermischt. Und dann darüber schreibt… “my war” … ein Spion unter Spionen, allein operierend, wie in dem Gewerbe üblich. Selbst meinem Verbindungsmann mit dem Decknamen Dolf bin ich selten begegnet: Auf der ersten ALICE DONUT-Tour in Hannover, in einer seltsamen Sportbar in New York oder auf einer Mode-messe in Köln. Lange Zeit sind die Terminkalender prall gefüllt, aber auf die Frage, ob ich Spuren hinter-lassen habe, kann ich nur mit einem Schulterzucken antworten.
Auf der anderen Seite haben unzählige Treffen mit illustren Gästen wie den COWS, JESUS LIZARD, SHELLAC, COP SHOOT COP, HELMET, PAVEMENT, GASTR DEL SOL, THERAPY?, FOETUS etc. stattgefunden, die teilweise in alten TRUST-Ausgaben nachzulesen sind. Wir waren immer vorne unter den ersten und das erfüllt mich heute ein wenig mit Stolz.
3.
„THIS IS NOT A LOVE SONG.“, schallt es aus den Lautsprechern als eine Heerschar von Amöben in Zeitlupe über die Zimmerdecke kriecht. Musik und Drogen und die rußige Seite des Löffels. Suchst Du nach Liebe, so suchst Du hier vergebens. Frau H schliesst ihre knochigen Arme immer enger um mich. Die Nacht wird so schwarz, daß die Dunkelheit förm-lich überkocht. Auflösen, wie der Rauch einer ver-glühenden Zigarette; entmaterialisieren, doch meine Versuche sind vergeblich. Anfang 1997 treffe ich Dolf und Bettina zufällig in Sebaldsbrück. Es soll für einige Zeit unsere letzte Begenung sein. Allein begebe ich mich auf eine irre Reise zur Wiedererlangung meiner körperlichen und geistigen Gesundheit. Ob ich erfolg-reich bin, wird sich zeigen.
4.
Traumtrödeleien. Die guten Jungs verlassen die Stadt. Elende Bücker und Arschfickerlehrlinge, die ver-bleiben. Leute, denen zu viel triefende Scheiße aus dem Maul läuft. Die Dich an ihre Klobrille nageln wollen, dann, wann und wenn es eben nicht darauf ankommt. „Worauf kommt es an?“, fragt mich die alt ausschauende Putzfrau mit dem lila eingefärbten Afro am Eingang zum Männerpissoir. „Auf gute Zähne“, entgegne ich, weiß aber auch nicht so recht, ob ich mit meiner Antwort richtig liege. Vielleicht wäre richtig gewesen: Die eigene Sehnsucht nicht zu verschwenden
Auf den weißen Kacheln direkt vor mir steht in akku-raten Edding-geschriebenen Lettern: „Schön die Vorhaut nach hinten ziehen! Alles an Dir sieht immer so romantisch aus.“ Ich wende mich zum Wasch-becken und sehe meinen Vater im Spiegel. So viele Stirnfalten, -furchen, die Wangen deutlich ein-gefallener, als vor 15 Jahren. Kein Gedanke ist wirk-lich neu.

t.d.
Platten, die bei mir am häufigsten kreisen:

FOETUS „Flow“ CD & „Heuldoch 7b“(Track)
MELVINS „Trilogy“ LP´s
SMASH TV „Rock On Boy/Electronic Boy“ EP
THE THIRD EYE FOUNDATION „Little Lost Soul“ CD
NURSE WITH WOUND „Automating Vol. One“ LP
STEREO MC´S „DJ-Kicks“

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