March 14th, 2007

(#87 / 4-01) Tuberkel

Posted in kolumne by andreas

Gestatten, Punk, Deutsch Punk! 8. Teil

Zwar könnte es durchaus sein, einige der an dieser Stelle bislang zitierten Songtexte hatten realsatirischen Charakter und könnten ergo dem Genre des Funpunk zugerechnet werden. Und immerhin wurden schon KUSCHELWEICH thematisiert, als eine Art Inspirations-quell für Funpunker. Aber dem Kern der Sache hatte ich mich bisher noch nicht angenähert. Wobei dieser Kern sicher auch eher mit ZKs »Leichen pflastern ihren Weg« (1982) zu knacken sein dürfte.*

Was aber wäre meine Biografie ohne den »Opel Gang« von DIE TOTEN HOSEN einzulegen? Nur zur Hälfte polemisch korrekt! Und das sogar, obwohl man zu den HOSEN eigentlich gar nichts mehr ver-lautbaren lassen müsste… Campino pilgert beständig durch die Talkshows, die Band besetzt routiniert große Deutsche Konzert- und Stadionbühnen. Das Side-projekt DIE ROTEN ROSEN und Touren gegen die Gage einer Kiste Altbier durch Kinderzimmer oder Gartenparties ihrer Fans sind turnusmäßige Rand-notizen. Im Düsseldorfer Rosenmontagszug hatten sie schon einen Auftritt, ein klarer Fauxpas, denkt man auch nur einmal an den Song »Modestadt Düssel-dorf«, wo sie zwischen den Zeilen kein gutes Haar an ihrer Heimatstadt ließen und grammatikalisch undicht dichteten: “Wir sind nicht aus Berlin, die die DDR umschließt…” Ganz wie nebenbei stritten die Düssel-dorfer Struwelpeters sich fortwährend mit den BÖHSEN ONKELZ und teilen sich wohl doch ko-lossale Teile des Publikums mit den Frankfurter Underdog-Millionären. Warum also nicht lieber zurück rudern in der eigenen Biografie? Etwa bis dahin, wo mir meine Cousine einst die »Reisefieber«-7″ schenkte…ich sah sogar schon etwas aus wie ein Punk, immerhin! »Reisefieber«, Monopolkapitalis-mus-kritik pur, verpackt in knapper Kurzweil und volkstümliche Chöre dahinter gepappt, findet sich auch auf dem diesmaligen Objekt der Begierde, was nun doppeldeutiger nicht nachhallen könnte – aber dazu später mehr.
»Opel Gang« erschien 1983 auf Totenkopf, dem Label der HOSEN, als Erstpressung, so sagte man mir, mit einem Opel-Zeichen auf dem Label. Der Titelsong braucht wohl keinerlei Auffrischung im Hinterzimmer des Mitsingens, ähnlich wie »Hofgarten« (“Ficken, bumsen, blasen, alles auf dem Rasen”) oder »Bis zum bitteren Ende«, einem der Sauflieder par excellence und deswegen in Voll(!)-Version zitiert: “Und die Jahre ziehen ins Land, und wir trinken immer noch ohne Verstand. Denn eins, das wissen wir ganz genau, ohne Alk da wäre der Alltag so grau. Korn, Bier, Schnaps und Wein, und wir hören unsere Leber schreien. Und wenn einmal der Abschied naht, sagen alle, das hab’ ich schon immer geahnt.” Da wird einem schon vom zuhören tierisch schwindelig im Hirsebrei wo wird heute von BSE angenagt! Aber eigentlich ist der Song Saufkopf wie Schädelbrummen in einem, ein Appetizer aufs Saufen und gleichfalls Ernüchterung, ein Kleinod, welches lange vor dem Film »Leaving Las Vegas« dessen Plot vorwegnahm (freilich nicht zuerst!). Ich sah mir damals allen ernstes dieses Alkoholikermärchen an, einzig und allein deswegen, da ich ein abschreckendes Beispiel suchte, mein Alkoholproblem unter Kontrolle zu bekommen. Weil es aber so schön war ging ich nach dem Kinobesuch direkt einen saufen… Eben diese Lust am Alkohol und später dann ja meist Frust vom Saufen bringt »Bis zum bitteren Ende« bis zum bitte-ren Ende, also auf den Punk(t). Ergo war »Opel Gang« auch noch eine Punk-Platte, gespickt mit leichten Wave-Einflüssen, und sie versprühte eine Menge Spaß an der Sache. Dass sich dieser dann mehr und mehr und mit wachsendem Erfolg in Ernsthaftig-keit flüchtete – was in etwa 1986 mit »Damenwahl« angedeutet und ‘88 (!) mit »Ein kleines bisschen Horrorshow« vollendet wurde –, geschenkt. Viel lieber erinnert man sich doch daran, als DIE TOTEN HOSEN bei der WDR-Musiksendung »Formel Eins« (in etwa ein einmal wöchentlich ausgestrahlter Vor-läufer vom heutigen Viva und MTV) mit dem »Hip Hop Bommi Bop« oder »Bommerlunder« für Furore sorgten. Endlich konnte man Punk im TV bestaunen, wenn auch in leicht debiler Variation. Unvergessen auch immer noch bei mir der »Liebesspieler«…und HOSENs Konzert im September ‘86 in Stolberg. Mein damaliger Mitherausgeber des »Ausgebunkert-Fan-zine« durfte Kuddel interviewen, ich nur DIE GOLDENEN ZITRONEN, die damals noch purer Funpunk waren; ROCKO SCHAMONI war zu der Zeit noch weitaus unterhaltsamer als HELGE SCHNEIDER heute. Natürlich gibt es aber auch ein schlimmes Nichterlebnis und eine immer währende Schmach: ‘84 oder ‘85 spielten DIE TOTEN HOSEN in Aachen; dabei kam es laut Regionalpresse zu Straßenfights zwischen Punks und Polizei; in echt etwas Randale und doch nur eine Lappalie, aber eben eine verpasste und bis heute in Aachen zum Mythos stilisierte…
Aber zurück zur Debut-LP der Düsseldorfer: Bezeichnender-weise hatte sie als erster aus der großen Clique von Dorfpunks derjenige, der am allermeisten Punk war – jedoch nur aus dem Grund, am meisten ficken zu wollen. Seine ältere Schwester hatte schon fast ihre Punktage mit dem Tampon des Snobismus gestopft, als er, ihr kleiner Bruder, langsam damit begann, sich den Schritt seiner Jeans mit Tempos vollzustopfen. Und trotzdem er, dessen Namen ich lieber verschweigen will (obwohl er dies sicherlich nie lesen wird), schon an der weiblichen Fummelfront seinen Meister mit Erguss gemacht hatte, klaute er mir mein einziges, irgendwo im Altpapier gefundenes »Happy Weekend«. Das allerletzte Mal, dass ich das Schmierheft nochmal wiedersehen und zärtlich lieb-kosen durfte, war bei ihm im Zimmer – aus den Boxen dröhnte, tätä, so schließen sich Kreise, die »Opel Gang«. Die komplett pubertierende Jungmännerschar soff komplett betrunken werdend Dosenbier und das Heft machte komplett die Runde. Wie das so üblich ist bei Jungs in diesem Alter wurde mächtig herum gealbert, mal eben sich lecker unten bei zu onanieren traute sich aber noch keiner. Schmerzlich wurde uns schon damals um die Lesebrille gehauen, dass kein Schwanz härter als das Leben ist. Denn die Männer fressende Nymphomanin im Heftinneren war nur deswegen mit dem Steher zusammen, weil der eben einen “stahlharten Riemen wie aus Beton” (oder so) hatte. Morgens ebenso wie spät abends konnte das Monster von einem Unterleib wie auf Kommando vögeln, und das auch, nachdem er in aller Frühe schon damit angefangen hatte, seiner Freundin den Verstand aus dem Unterleib zu vögeln und den lieben, langen (!) Tag nichts anderes unternahm. Klasse Lebens-inhalt, dachten wir so, und blätterten weiter. Erst sehr viel später, als ich einen Freund und großen Liebhaber des stehenden wie sich bewegenden Fickbild-Genres um 1996 vor seiner Freundin bloßstellte und ihm Pornohefte aus dem Sonderangebot zum Geburtstag schenkte, dämmerte mir, dass Pornotexter große Lügner sind! Ich meine, welcher “Schwanz spritzt (schon) ab wie ein Repitiergewehr”? Und um wieviel niedlicher klingen da die HOSEN? “Du bist ja gar nicht Kuddel, du bist ja Trini…” (aus: »Hofgarten«) Und wie authentisch Campinos Bubensingsang auf »Allein vor deinem Haus oder Dein Vater der Boxer«! Das sind Probleme, wo pubertierende Jungkerle kiloschweren Herzens mit leiden, sogar im kollektiv, und dass selbst dann noch, wenn die dabeisitzen, die “Roland”-mäßig vorpreschen und anderen die Mädels ausspannen. Der amerikanische Teenager-Liebesfilm für Scholastiker gutbürgerlich-deutschen Pubertär-fummlertums, zugespitzt in jenem berüchtigten vam-pirella-haften Aggregatzustand unserer Jugend, dem Wort “Knutschfleck” in »Es ist nichts gewesen«. »Kontakthof« war dabei schon viel zu erwachsen, zumindest in meiner damals begrenzten Welt der Marke »Sommernachtstraum«: “Wir bleiben auf dem Spielplatz auf unserer Bank, Alk, Dröhnung, viel Gesang”. Weitaus vorstellbarer und auch echt be-drohlicher der Inhalt von »Ülüsü«. Gott, hatten wir eine Scheißangst in der nahen Kleinstadt eine junge Türkin anzubaggern, und dem großen Campino ging es nicht anders, aber Roland Koch (CDU), hessischer Ausländerfeind und Schwarzgeldkofferträger würde den Song trotzdem in den falschen Hals bekommen. Das weinerliche »Willi muss ins Heim« aber war schon weitaus lieblicher (!) sich vorzustellen, jeden-falls für die, die eine kleine Schwester mit einem Hamster hatten. Ich fand dieses Lied immer schon etwas albern, aber meine Schwester ist auch 15 Jahre älter als ich und einen Hamster hatte höchstens meine Nichte, die wiederum zehn Jahre jünger ist als ich. Biografisch will sich da aber echt garnix zusammen-reimen!
Eine Punk-Hymne sondergleichen war uns damals immer »Wehende Fahnen« – gleichfalls verklärendes Historiendrama vor und nach der großen Schlacht wie auch ein frisch gewebtes Leichentuch für unsere Szene, was uns damals reichlich egal war, so wir denn überhaupt hinter den höheren Sinn des Songs ge-kommen sind. Aber heute, hundert Generations-wechsel später, wo “Punkies” (die Nutten damals, als wir zum ersten Mal vom Land in die Stadt reisten und neuGierig durch den Puff stiefelten) Männer wie meinereiner schonmal Siezen (prust, “alles Alte wurde niedergebrannt”, prust) klingt der Song eher wie eine Durchhalteparole – Jahreszahlen und Bandnamen je nach Altersstufenwirrwarr austauschbar. Mit wehen-den Fahnen gehen trotzdem immer andere unter – Punk nie nicht! Oder doch? Auf dem Textblatt steht die Weissagung der Crew: “PS: Ohne euch wären wir was wir sind!” Längst sind es DIE TOTEN HOSEN durch und durch! – Erfolgreich! – Aber ohne mich! “Wohin bringe ich das Geld? Es gibt keinen Platz der mir gefällt!” fragte Campino noch ‘83 in »Geld«. Bestimmt in die »Modestadt Düsseldorf«, “wo kein Mensch irgendwelche Sorgen hat.” Mahlzeit!
(C) by Tuberkel Knuppertz 1/2001

* Wer erinnert sich nicht an Songs wie “Hurra ich bin genormt”, “Immer wieder besetzt”, dem “Putzfrauensong”, “Nieder mit dem Weihnachts-mann”, “Dosenbier” oder “100 Mann”? Trotzdem ändert das nichts daran, dass ich ZK erst um 1984 richtig wahrgenommen habe, deren halb offizielle Nachfolgeband aber schon ein Jahr davor. Mitglieder von ZK – oftmals als erste Funpunk-Band Deutsch-lands bezeichnet und Düsseldorfer Kult – hatten maßgeblich nach der Auflösung Einfluss auf Neu-gründungen wie MIMMIS, PANHANDLE ALKS und … DIE TOTEN HOSEN.
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