March 14th, 2007

(#87 / 4-01) Tom

Posted in kolumne by andreas

TOM

Nach der hinduistischen Lehre ist die Himmelswelt für die Seele gefährlicher als die Höllenwelt, da sie trü-gerischer ist und zu dem fatalen Fehler verleitet, das Selbstvertrauen zu übertreiben und sich für unver-wundbar zu halten. Die Seele muß wie ein Boxer ständig im Training bleiben, um nicht auf einem sicher geglaubten Thron zu verweichlichen. Doch die Pracht des Palastes, die ständigen Paraden, Prunkschiffe, Gold und Lapislazuli, Kampfwagen und Bogen-schützen – all dies schwächt das Bewußtsein für die letzte Realität, die da heißt: KONFLIKT.

Als Kind hat mich ein Part einer Ausstellung im “ÜberseeMuseum” über die Ureinwohner Feuerlands besonders fasziniert, in dem es um das Verschlingen von Hodensäcken unterworfener Gegner ging, deren Seele so von der des Siegers assimilert wurde. Wolltest du kein Blatt im Wind sein, mußtest du dir deine Eier schon holen.
Eine stinkende Stadt wie Bangkok. Ich wohne mit einem Engländer und seinem schwulen Thai-Freund, der komische Opern fürs Fernsehen produziert in “FREDDY´S GUEST HOUSE”, unweit vom LUMPINI- Park. Jeden Abend kommt ein alter reli-giöser Spinner in unsere Pension zum Essen, weil seine Frau vor lauter Frömmigkeit keine Zeit zum Kochen hat. Sie liest den ganzen Tag in der Bibel, und etwa dreißig dieser Gestalten, die sich die Zeugen Jehovas nennen, verpesten die Gegend. Der Engländer und ich hecken einen Plan aus, wie wir sie uns ein für allemal vom Hals schaffen, und zwar durch eine Beschwerde beim Schwager der Thai Schwuchtel, der Major bei der Polizei ist. Gegen derart widerwärtiges Volk ist jedes Mittel recht. Wie so oft greift mir jedoch das Schicksal unter die Arme. Eines Nachmittags stehe ich hinter dem Gästehaus, als einer der Zeugen auf mich zu schlängelt und sagt: “Sie denken Olden-burg ist das Letzte? Also, ich bin aus Oldenburg.” Und damit verschwindet er im Aufentshaltsraum der Pension, um in der Bibel zu lesen. Etwa zwanzig Meter weiter steht seine Frau vor dem Häuschen der Beiden und tratscht mit einem weiteren bösartigen alten weiblichen Stück Scheiße namens Schwester Caritas. Also levitiere ich fünf Meter in die Höhe, nur so aus Spaß, Ihr hättet sicherlich ähnliches gemacht. Sie sieht mich und schreit “Satan, Satan, Satan!”, läuft ins Haus und kommt mit einer Schrotflinte wieder. Der aufkommenden Notlage stelle ich mich als Krie-ger, sause also wie auf einer unsichtbaren Rutsche hinunter, nehme ihr die Waffe weg und schleppe die strampelnde und kreischende Beute zu einer nahegele-genen Tiefgarage, wo ich ihr, nachdem ich sie in ein Huhn verwandelt habe, mit der Schrotflinte eins aufbrenne. Dann bringe ich das erledigte Stück ins “FREDDY´S” und gebe es der Köchin, damit sie es fürs Abendessen zubereitet. Beim Essen sitzt der triefige Bibelscheißer aus Oldenburg am Tisch mit seinem zusammengesunkenen Fettsack von Sohn, der aussieht, als hätte man ihn aus einem Klumpen ran-zigen Schweinefetts modelliert. “Ach Gott, ach Gott, wo steckt nur meine Frau?”, ist er am stöhnen. Über den Tisch hinweg starrt er mich an, aber nicht miß-trauisch, sondern nur so wie er jeden ansehen würde, der moralisch und sittlich so wenig gefestigt ist, ein Glas SINGHA-Bier zu trinken. Ich hatte vergessen, daß er Vegetarier ist, so daß ich nun nicht das Ver-gnügen haben werde, ihm beim Verspeisen seiner besseren Hälfte zuzusehen. Jedenfalls ist keine Zeit zu verlieren. Wir müssen auf die Polizeistation, bevor er seine Frau als vermisst meldet und Schwester Caritas anfängt, in Zungen zu reden. “Tut uns leid, daß wir sie mit diesem Fall aus der Nachbarschaft behelligen müssen, aber die alte Caritas spielt verrückt. Deut-schen Lehrerinnen mit astreinen Visa-Kreditkarten schreit sie ins Gesicht, sie wären Huren von Babylon und “FREDDY´S GUESTHOUSE” verliert Kund-schaft, weil einer der Zeugen Jehovas in der Bar wüste Predigten schwingt… SIE BELÄSTIGEN DIE TOURISTEN.”
Der Major schaut hoch, und sein Gesicht umwölkt sich. “Aber eigentlich sind wir hier, weil seine Frau seit einiger Zeit vermisst wird. Wir haben den starken Verdacht… alles deutet darauf hin…es gibt Leute, die einen Schuß gehört haben…”
“Seine Waffe ist selbstverständlich bei uns registriert.” (Die thailändische Polizei denkt an alles.)
“Verehrter Herr Major, er hat ihre Überreste wahr-scheinlich GEGESSEN. Das ist nur einer der ekel-haften Bräuche, die sie haben. Und die Caritas… in höchstem Maß gefährlich. Es könnte sein, daß sie einen Touristen auf dem Weg zur Bank tätlich an-greift. Die Thais sind ein aufgeklärtes und zivilisiertes Volk. Bangkok ist in ganz Deutschland berühmt dafür, daß Geisteskranke prompt aus dem Verkehr gezogen werden, ehe sie etwas Schreckliches anrichten können. Je schneller sie die Beiden ruhigstellen, desto besser.”
Wir zwängen uns also alle in ein Polizeifahrzeug und verfrachten Schwester Caritas und den auserwählten Zeugen in die Königliche Heilanstalt – gleich hier entlang, durch die Pforte zum Paradies. Ein junger englischer Arzt kommt heraus und pellt sich aus seinem weißen Kittel.
“Ich habe denen so viel THORAZIN verpasst, daß es für zwei tollwütige Rinder reichen würde. Ehe diese Schwester bewußtlos wurde, zeterte sie noch, Sie wären wie ein Satansgeier aus dem Himmel nieder-gefahren, hätten ihre Schwester weggeschleppt und in ein Huhn verwandelt.”
Er zieht die Augenbrauen hoch und sieht mich fragend an. “Haben Sie das wirklich, alter Junge?
Reife Leistung. Aha, ich glaube sie brauchen nochmal eine Ladung. Sie haben gerade den Namen des Herrn mißbraucht.”
Wieder auf der Straße zurück zur Pension. Wir fühlen uns dreckig, aber für einen Moment befreit.
Tom Dreyer

Platten, die in diesen Tagen am häufigsten kreisen:

1. Melvins – “The Bootlicker”CD & “Youth Of America” (Track)
2. Tanger – LP & “Passive” (Track)
3. A Silver Mt.Zion – “He has left us alone, but shafts of light sometimes grace the corner of our rooms”CD
4. Outkast – “Stankonia”
5. Wu Tang Clan – “The W”DLP

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