(#87 / 4-01) Dietmar
Dietmar
Ich weiß, dass mir keiner glaubt. Mir hat das noch nie einer abgenommen, wenn ich erzähle, dass der Besuch eines Filmfestivals anstrengende Arbeit sein kann. “Warum gehst Du dann jedes Jahr zur Berlinale?”, kommt meistens die Gegenfrage – und zugegeben: Darauf hab ich keine schlüssige Antwort. Vielleicht die, dass es am Ende eben doch Spaß macht, so groß der Stress auch sein mag. Aber ganz ehrlich: Es ist alles andere als amüsant, samstagabends um 23 Uhr im Kino zu sitzen und “Hannibal” sehen zu müssen, während im Schokoladen Steakknife spielen. Denn die sind garantiert schon vorbei, wenn man der grausigen Langeweile entronnen ist, die Ridley Scott in dem Film verbreitet (ich hab die ganze Diskussion um die Grausamkeit des Films auch nicht verstanden. Ich hätte mir mehr Gewalt gewünscht, wenn “Hannibal” dadurch nur spannender geworden wäre).
Das Pro-blem ist ganz einfach, dass die Redaktion der Tages-zeitung, für die ich schreibe, eben vor allem die “großen” Filme besprochen sehen möchte. Zwar ist das wirklich Faszinierende an einem Filmfestival wie der Berlinale, dass innerhalb weniger Tage ein Actionfilm aus Korea läuft, der an die dortige Grenze entführt, ein senegalischer Film die Probleme heutiger afrikani-scher Einwanderer in den USA zeigt und ein japani-scher Regisseur eine Erzählung des französischen Schriftstellers Boris Vian verarbeitet. Das sind neue Eindrücke, und die sind eben doch wesentlich faszinieren-der als die letztlich alt bekannten Welten eines Hollywood-Streifens. Aber was bringt es auch, wenn man während der Berlinale fünf sicherlich extrem interessante Filme in der Vietnam-Reihe sehen kann, die aber hinterher nie wieder in Deutschland gezeigt werden? Dem Leser letztlich nichts. Also stattdessen “lieber” in den neuen Film mit Sean Connery. Da hab ich mir dann wenigstens die Presse-konferenz geschenkt, weil ich zu At The Drive-In musste. War auch besser so, sagte meine Kollegin. Denn je größer die Stars, umso dümmer sind die Fragen der Journalisten, die sich vor lauter Ehrfurcht nicht trauen, auch nur irgendetwas Kritisches zu sagen. Da fragte doch ernsthaft jemand Anthony Hopkins, ob er für seine Rolle als Hannibal Lecter einen Oscar erwarte. Hat der denn den Film nicht gesehen? Dagegen sind die Reaktionen der Fans doch noch amüsant. Irgendeines Abends saß ich mit einem Bekannten in einer dieser Vorab-Aufführungen für die Tagespresse. Zu sehen gab es eine ziemlich belanglose amerikanische Heldenverehrung über John F. Kennedy, dessen Berater von Kevin Costner gespielt wird. Nach Ende des Films fragte uns tatsächlich ein Mädchen, das uns die “Welt” andrehen wollte, ob Costner vielleicht auch im Kino gesessen hat. Ehrlich gesagt, dachte ich gar nicht, dass der Mann nach all den Jahren noch Fans hat. Ist aber eine schöne Vor-stellung: Costner sitzt unerkannt in der hintersten Reihe, überdenkt nochmal selbstkritisch, was für einen mittelmäßigen Film er uns da wieder zugemutet hat und dreht dann ab sofort nur noch richtig aufregende Sachen. Das wird wohl beides nicht passieren: Costner-Filme werden auch in Zukunft indiskutabel bleiben, und hinter uns ins Kino setzt er sich bestimmt auch nicht. Guckt man sich jedenfalls an, wie Fans selbst auf Stars wie Costner reagieren, müssen sich normale Musiker nicht beschweren. Obwohl – ich muss hier einmal abschweifen – es schon interessant zu sehen war, als irgendwelche Mädchen in den ersten Reihen Cedric und Omar von At The Drive-In an-himmelten. In Berlin stürzte eine von ihnen gleich nach Konzertende auf die Bühne, um der Band hinter-her zu laufen. Sie fürchtete halt um ihre Autogramme, so dass wir sie schon zu zweit davon abhalten mussten, in den Backstage-Raum zu stürmen. Wir wurden dafür auch entsprechend beschimpft, aber sie beruhigte sich wieder, als wir ihr versprachen, sie würde die Autogramme bekommen. Sie kriegte sie ja auch, selbst wenn es Cedric unsäglich peinlich war, als ihm jemand ein “Rockstar” zurief, während er einen Zettel bekritzelte. Aber nunja, At The Drive-In leben mittler-weile wohl auch in einer ganz anderen Welt. Dennoch: Kate Winslet kam angeblich 45 Minuten zu spät zur Aufführung ihres Films (“Quills” – noch so ein mittel-mäßiges Stück Celluloid), weil draußen so viele Fans Autogramme wollten. Und dann wurde sie noch beschimpft, als sie irgendwann ins Kino ging. (Ich hab ja in meinem Leben nur um zwei Autogramme ge-beten – bei Matt Johnson von The The und bei Alice Cooper. Aber da musste ich mich glücklicherweise in keine Schlange stellen). Am Ende hab ich es übrigens doch noch geschafft, einen vietnamesischen Film zu sehen. Der ging natürlich um den Vietnam-Krieg, war aber eher komisch. Und tatsächlich hab ich darüber auch noch geschrieben. Warum sollte man auch immer Lesererwartungen erfüllen?
Dietmar
Die Platten rocken hier zurzeit:
Q And Not U – “No Kill No Beep Beep”
Steakknife- “Plugged In By The Amp Of God”
Radio 4 – “The New Song And Dance”
The Trans Megetti – “Fading Left To Completely On”
Bongzilla – “Apogee”
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